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Full text of "Der Blindenfreund"

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Bogen stark. 
Bei Anzeigen wirö öie 
gespaltene Petitzeile 
im Inlanöe .« 5.50; ' '' /^A^^vNT^" °^^'" ^^^^^ ^^^^ ""'* 

nach öem Auslanöe 6^ / i\V X 15 ^ beredinet. 



Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

i.>rgan der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Verein? 
zur Förderung der Blindenbildung. 

Gegründet und bis September 1898 herausgegeben von 
kgl. Schulrat Wilhelm Mecker t. 
Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster, 
Mell-Wien und Zech-Königsthal. 
Hauptleiter für 1914 ist Regierungsrat Mell-Wien. 

Ars pietasque dabunt lucem 
caecique videbunt. 



Nr. 1 Düren, 15. Janunr 1915. Jahrgang XXXV. 

Der Blinde und der Krieg. 

(Lembcke-Neukloster i. M.) 

Es geht ein geflügeltes Wort durch die Lande: „Der Krieg 
ist ein Umwerter aller Werte!'' Die Richtigkeit dieses Wortes 
bestätigt sich augenscheinlich in fast allen gegenwärtigen 
menschlichen Verhältnissen und Beziehungen und prägt dem 
ganzen öffentlichen Leben der Gegenwart einen über- 
raschenden, einen großen, einen heroischen Zug auf, jenen 
Zug, der in der Sprache des Dichters mit den Worten zum 
Ausdruck kommt: 

„Und setzet ihr nicht das Leben ein. 

Nie wird euch das Leben gewonnen sein." 

Eine Philosophie und Ethik wird dadurch zum Leitstern 
der Zeit, die in dem Opfer der Einzelperson für das Qesamt- 
wohl das höchste Pfliclitgebot, den einzigen Wertmesser und 
den ganzen Lebenszweck sieht. Der vollgesunde, opfer- 
freudige Vaterlandsverteidiger, der befähigt und bereit ist, 
Leib und Leben für das Vaterland, dessen Existenz und Frei- 
heit, Ruhm und Größe, Ansehen und Weltstellung einzusetzen, 
der ist es, der in der öffentlichen Beachtung und Wertschätzung 
an erster Stelle steht. 

Bei dieser Signatur der Zeit kann eine oberflächliche Be- 
trachtung und Einschätzung der Dinge und Menschen leicht 
dazu führen, den Blinden, der diesen Anforderungen der Kriegs- 
lage an den einzelnen nicht genügen kann, geringwertig ein- 



zuschätzen und als für die Aufgabe der Zeit nicht in Betracht 
kommend zu behandehi. 

In der Tat ist diese geringe Bewertung des Bhnden, dessen 
Nichtachtung, ja, die Verneinung seiner Existenzberechtigung 
in der Geschichte der Völker immer dann zutage getreten, 
wenn, wie z. B. in Sparta, der Staatsgedanke in seiner Aus- 
schheßhchkeit mit HintenansteUung aller anderen hiteressen. 
wie der sozialen, ethischen und charitativen zur Geltung ge- 
bracht wurde. Es ist auch nicht zu verkennen, dafS die gegen- 
wärtige Kriegslage, in der alles für die Verteidigung und Rettung 
der nationalen Existenz und Größe eingesetzt werden muß, 
wiederum für den Blinden Härten und Rücksichtslosigkeiten 
mit sich gebracht hat, die sich wohl aus der Notlage und dem 
Ernst der Zeitverhältnisse erklären und rechtfertigen, die aber 
dennoch darüber hinaus, wenigstens bei dem Kenner des 
Blindenwesens und dem Blindenfreund, den Eindruck erwecken 
und hinterlassen, als ob man dem Blinden in Abschätzung seines 
Wertes gegenüber den gewaltigen Anforderungen der eisernen 
Zeit geringere Bedeutung und geringere Ansprüche auf Be- 
rücksichtigung seiner Existenzbedingungen zuerkenne, als an- 
deren vollsinnigen Volksgenossen. 

Ich will zur Begründung dessen nicht hinweisen auf die 
Blinden, die, wie in lUzach, die Leiden und Folgen des Kriegs- 
schauplatzes unmittelbar zu tragen hatten. Sie teilten das- 
selbe traurige Los mit den Sehenden dort. Ich will auch nicht 
von den Blinden reden, über deren Heimatsgegenden die 
Kriegsfurie hinging oder wo sie dauernd wütete, und die darum 
nicht rechtzeitig oder auf die Dauer des Krieges überhaupt 
nicht in ihre benachbarten Blindenanstalten, wie z. B. nach 
Illzach, Still oder Königsberg i. Pr., zurückkehren konnten, 
nachdem sie einmal aus Kriegsrücksichten oder Ferien halber 
dort entlassen waren. Sie tragen gleich den Kriegsflüchtigen 
aus Ost und West eben ein unabwendbares Schicksal. Viel- 
mehr denke ich zur Rechtfertigung des erwähnten Eindrucks 
an die Tatsachen, daß von Beginn des Krieges an manche 
Blindenanstalten und Blindenheime, die, wie z. B. Königsberg 
i. Pr. und Bromberg, in der Nähe der Kriegsschauplätze liegen 
oder die, wie z. B. Neuwied a. Rh. und Düren, die an den Heer- 
straßen liegen, welche unsere Armeen zu den Kriegsschau- 
plätzen führten, und andere, wie Brunn, Prag, Klagenfurt, teil- 
weise oder vollständig als Lazarette oder als Erholungsheime 
für Verwundete, als Seuchenlazarette oder zur Einkleidung 
Einberufener und als Sammelstellen ausrückender Truppen 
eingerichtet und verwendet wurden. Damit nämlich war 
weiter gegeben, daß diese Anstalten und Heime für längere 
oder kürzere Zeit, ja, sogar auf Kriegsdauer der Blinden- 
bildung und Fürsorge teilweis oder ganz entzogen wurden. Und 
was bedeutet das für die blinden Zöglinge und Insassen dieser 
Anstalten? Nichts anderes als eine Verurteilung für die einen 
zu kürzerer oder längerer Entbehrung alles Unterrichts und 
jeder angemessenen Pflege und Erziehung, für die anderen zu 



3 

Arbeits- und Verdienstlosigkeit und damit für viele derselben 
zugleich ein Wiederausliefern an Armenpflege und Almosen- 
bedürftigkeit, an jene traurigen Mächte, aus deren Druck die 
Blindenbildung sie gerade erlösen wollte und sollte. Wieviel 
Vernachlässigung, Verkümmerung und Verwilderung an üeist 
und Leib mag daraus für die einen, wieviel Entbehrung, Ver- 
druß, Verbitterung für die anderen entstehen, dies besonders 
für die Arbeiter und Arbeiterinnen, die in den Heimen Gelegen- 
heit zum teilweisen oder völligen Seibsterwerb ihres Lebens- 
unterhaltes fanden und nun wieder den Nährboden ihrer wirt- 
schaftlichen Selbständigkeit verloren haben. 

Wohl wird man in dem allen die unabweisliche und un- 
umgängliche Druckwirkung einer großen, einer eisernen Zeit 
erkennen, die so vorgehen mußte, weil sie in den Blinden- 
anstalten und Heimen als Stätten der öffentlichen Wohlfahrts- 
pflege zumeist große, allen sanitären und sonstigen Ansprüchen 
entsprechende Baulichkeiten und Umgebungen vorfand, welche 
für Verwendung zu kriegerischen Zwecken sonderlich geeignet 
waren. Wohl wird die Erwägung, daß in so gewaltigen 
Zeiten, wie die gegenwärtige, sich der einzelne mit seinen An- 
sprüchen an Leben, Bildung und Fürsorge dem großen Ganzen 
unterordnen muß, auch den Blinden als patriotisches Pflicht- 
gebot erscheinen. la, es wird sogar die Tatsache, daß die 
Blindenanstalten und Blindenheime eine bedeutsame und viel- 
seitige Verwendung bei Ausgestaltung der Kriegshilfe und 
Kriegsfürsorge gefunden haben und damit in hohem Grade 
zu Stätten patriotischer Opferwilligkeit geworden sind, etwas 
Versöhnendes für die Blinden haben und in ihnen das hochge- 
mute Gefühl erwecken können, daß auch sie damit, wenn auch 
mehr passiv, eine patriotische Wehrpflicht erfüllen. Dennoch 
aber muß man angesichts der Lage jener Blinden, denen der 
Krieg die Pforten der Anstalten und Heime verschlossen hat, 
sagen, daß sie mehr als die Vollsinnigen unter der Kriegslage 
und dem Notstande der Zeit zu leiden haben; denn w^o sind 
Bildungs- und Erziehungsanstalten, Heim- und Arbeitsstätten 
für Sehende mit gleicher Rücksichtslosigkeit für den Krieg ver- 
wandt, ohne daß man fragte und überlegte: Was wird aus den 
Schülern und Pfleglingen und Insassen? ohne daß für Unter- 
richt, Pflege, Erziehung, Arbeitsgelegenheit Ersatz in anderen 
Einrichtungen und Veranstaltungen geschaffen wurde? Hier- 
über kann auch die Tatsache nicht erheben, daß dies bei den 
Blinden schwieriger, ja, vielleicht unausführbar wai, weil sie, 
aus großen Bezirken vereint, in Internaten untergebracht 
werden müssen, was bei den Insassen anderer Anstalten nicht 
zutrifft. Es kann und muß also als Ergebnis des Vorstehenden 
festgestellt werden, daß es mit zum Unglück der Blindheit ge- 
hört, daß der Blinde auch an den Härten des Krieges empfind- 
licher zu tragen hat, als der Sehende. 

Das ist das erste, was ich feststellen möchte. 
Ich denke weiter an die durch den Krieg veranlaßte Ein- 
berufung von Direktoren, Lehrern, Lehrmeistern, Pflegern, 



Hausdienern und anderen Angestellten der Blindenanstalt, die 
ihrer Welirpflicht zu geniigen haben, und an die Abberufung im 
Dienste der Blindenanstalt stehender Schwestern (Diakonissen) 
zur Erfüllung der Aufgaben des Roten Kreuzes. Es liegt ja auf 
der Hand, daß auch dadurch die Blindenanstalten und Heime 
und damit auch die Blinden mehr oder weniger Beeinträchti- 
gungen ihres Bildungsganges und Störungen ihrer Betriebs- 
tätigkeit erleiden. Es wird die Pflege und Erziehung der 
Kinder vielfach aushülflich in die Hände weniger geschulter 
und geeigneter Kräfte zu legen gewesen sein. Es werden auf 
dem Gebiete der Schule Beschränkungen des Lehrplanes, Ver- 
ringerungen der Klassenzahl durch Verbindungen einzelner 
sonst getrennter Klassen und Jahrgänge, Veränderungen des 
Stundenplanes mit Verminderung der Stundenzahl, Mehr- 
belastung der Lehrkräfte durch eine größere wöchentliche 
Stundenzahl und durch Aufsichtsdienste erforderlich geworden 
sein. Auch für die Leitung des gewerblichen Betriebes werden 
ungeschulte Hilfskräfte herangezogen sein oder man hat auf 
pensionierte invalide ehemalige Lehrmei^jter zurü.'ckgreifen 
müssen. Wo der Anstaltsleiter einberufen ist, werden die 
Lehrer auch noch mit dessen Pflichten voll belastet. 

Wenn hierdurch auch die Blindenanstalten und Hernie 
und damit auch die Blinden nicht mehr und nicht weniger als 
die Bildungs-, Unterrichts-, Erziehungs- und Pflegeanstalten 
für die Sehenden betroffen werden; wenn Nachteile m dieser 
Richtung teilweise wenigstens auch ausgeglichen oder ge- 
mildert werden können, in dem die zurückgebliebenen oder 
stellvertretenden Kräfte sich mit verdoppelter Arbeitsfreudig- 
keit und Hingebung den Anstaltsaufgaben widmen, wozu der 
große Zug der schicksalsschweren Zeit, der sich vor allem in 
der in allen Kreisen und Schichten unseres Volkes aus der 
Volksseele herrlich und groß aufflammenden Opferfreudigkeit 
offenbart, zweifelsohne allerorts mit der hinreißenden Gewalt 
des sich selbst verleugnenden Beispiels wirksame Anregung 
gegeben haben wird; — Wunden werden damit doch der 
Blindensache und den Blinden geschlagen, die noch lange 
nachbluten werden. 

Das ist das zweite, worauf ich aufmerksam machen wollte. 

Auch auf die Unterrichtsweise: Auswahl, Anordnung und 
Behandlung des Lehrstoffes wird und muß die Kriegszeit m. E. 
ihren Einfluß üben, indem die großen psychologischen An- 
regungen und Werte ausgenutzt werden, die der Krieg für die 
Volksseele bietet. Wird die Auswahl und Anordnung des 
Stoffes dabei zu treffen sein nach den großen, fundamentalen 
Leitgesetzen der Psychologie, der Assoziation und der Apper- 
zeption, so wird die methodische Behandlung im einzelnen auf 
Tröstung, Stärkung, Ermutigung, Begeisterung, auf Erhebung 
und Entflammung des patriotischen Gefühls zu heiliger Upter- 
freudigkeit, die ihr alles setzt ans Vaterland, gerichtet sein. 
Unter Auswirkung dieser Maximen werden die Knegsereig- 
nisse und die ganze darauf konzentrierte Ideen-, Gedanken- 



und Qefühlswelt dCt Gegenwart die Auslese, Anordnung und 
Beliandlung des Lehr- und Lernstoffes beeinflussen. 

Infolgedessen werden im biblischen Geschichtsunterricht 
die alttestanientliclien Kämpfe und Siege des üottesvolkes 
Israel mit seinen Feinden in ihrer für die Gegenwart oft gerade- 
zu handgreiflich sich aufdrängenden t^'piscllen ßedeutung in 
den Vordergrund treten — desgleichen im ßibellesen die 
Psalmen, wie z. B. die Psalmen 3, 13, 14, 15, 20, 27, 33, 46, 
54, 57, 6ü, 62, 70, 11, 91, 96, 97, 121, 146 — auch Stellen aus 
einzelnen biblischen Büchern, wie aus Jes. : 25, 49, 54; Daniel: 
9, Matthäus: 6, 11, Rom.: 5, 8 u. a. ^ Im allgemeinen Religions- 
unterricht drängen sich zu besonders eingehender Behandlung 
auf: die Liebe zum Vaterland im Anschluß an das vierte Gebot; 
Krieg und Christentum im Anschluß an das fünfte Gebot und 
die Schriftstellen über Vergebung, Versöhnlichkeit, Vergeltung 
und Feindesliebe: Matth. 5, 2(1 ff., 38 ff., in welcher Hinsicht 
fruchtbarste Anregung und Klärung der Vortrag bietet: „Krieg 
und Christentum" von Pastor Rornberg. Schwerin i. M. Fr. 
Bahnsche Verlagsbuchhandlung (Oheimb.) 0,50 M. Auch möchte 
der Preßfeldzug unserer Feinde im Auslande Anlaß zu ein- 
gehender Behandlung des achten Gebots über Lüge und Ver- 
leumdung geben. 

Aus dem Schatze unserer Kirchenlieder werden zum Ge- 
brauch und zur Behandlung besonders geeignet sein Büß- und 
Bittlieder, wie: „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir" — Nun laßt 
uns gehn und beten" — „Ach, bleib mit deiner Gnade". Dank- 
lieder: „Nun danket alle Gott" — „Nun lob meine Seele den 
Herrn" — „Sei Lob und Ehre dem höchsten Gut"; die Lieder 
frommen Gottvertrauens und der Ergebung in Gottes Willen: 
„Wer nur den lieben Gott läßt walten." — „Befiehl du deine 
Wege." — „In allen meinen Taten." Die Lieder der Fürbitte 
für Fürst und Vaterland, wie: „Vater, kröne du mit Segen." — 
Auch unter den geistlichen Liedern bieten sich manche zur be- 
sonderen Beachtung und Auswahl dar, wie: „Harre, meine 
Seele" zur Aufrichtung in Sturm und Not der Zeit. — „Nur 
frisch hinein, es wird so tief nicht sein", als Aufmunterung zu 
unverzagtem, tapferem Angreifen, Durch- und Aushalten — 
„Wer ist ein Mann", E. M. Arndts Spiegelbild des deutsch- 
christlichen Mannes. — „Wie mit grimmgen Unverstand, 
Wellen sich bewogen", so recht geschaffen, unsere gefährdete, 
todesmutige Marine dem höchsten Retter in aller Not zu be- 
fehlen. — „Wir treten zum Beten", das weihevolle altnieder- 
ländische Dankgebet beim „Helm ab!" unserer Krieger. 

Derselbe Einfluß wird sich beim literarischen Unterricht 
im Deutschen zeigen. Hier werden zur zeitgemäßen Belebung 
des patriotischen Sinnes die Vaterlandssänger E. M. Arndt, 
Körner (Zriny), Max von Schenckendorf, Schillers Teil und 
Jungfrau von Orleans fruchtbar zu machen sein. 

Im Gesangunterricht werden in Verbindung mit dem lite- 
rarischen Unterricht die Sturmlieder der Zeit lebendig zu 
machen sein: „Es braust ein Ruf" — „Deutschland, Deutsch- 



land, über alles" — „Heil dir im Siegerkranz", nicht zu ver- 
gessen die alten patriotischen Jugendklänge: „Ich hab mich 
ergeben" — „Ich hatt einen Kameraden" — „Stimmt an mit 
hellem, hohen Klang" — „Freiheit, die ich meine" — „Fest und 
unerschütterlich wachsen unsere Eichen" — „Kennt ihr das 
Land, so wunderschön" — „Morgenrot, Morgenrot" — „O 
Straßburg, o Straßburg" — „Was blasen die Trompeten?" 
ein Lied, leicht zu variieren auf Held Hindenburg, den Feld- 
marschall der Zeit. 

Nun gar der Geschichtsunterricht! Wie sollte er es unter- 
lassen können, die Beziehungen frülicrer (jeschichtsperioden 
und Heldentaten unserer Väter zu dem gegenwärtigen Kriege 
hervorzukehren! Wie fruchtbar kann, um von rückwärts an- 
zufangen, in dieser Beziehung werden die episodenhafte Be- 
handlung der Kriege 1870, 1866, 1864, 1813, des Unglücksjahres 
1806; der darauf bis 1810 folgenden Flammenzeichen für das 
Tagen der kommenden Freiheit, des siebenjährigen Krieges, der 
mit der damaligen Einkreisung und der unverzagten, bis zum 
ehrenvollen Frieden durchhaltenden Tapferkeit Friedrichs des 
Großen so viele Aehnlichkeiten mit der Gegenwart bietet. Zur 
Charakterisierung der Engländer werden Schlaglichter werfen: 
Dtr Burenkrieg 1899 und der englisch-amerikanische Krieg der 
70er Jahre des 18. Jahrhunderts. Besonders eindrucksvoll 
werden die Hoffnung auf eine deutsche Invasion in England 
beleben: das Eingehen auf die römischen Invasionen dort unter 
Julius Cäsar, auf die der Angeln und Sachsen (449 n. Chr.) und 
auf die normannische unter Wilhelm den Eroberer (1067). 

Ebenfalls wird der Geographie-Unterricht nicht anders 
können, als in der Behandlung der Länder, in denen sich das 
Völkeringen abspielt, eine Unterlage zu schaffen, die die 
Schüler befähigt, dem Gange der Kriegsereignisse zu folgen. 

Wie könnte wohl das Turnen und das Turnspiel unberührt 
bleiben von dem kriegerischen Geiste, den auch unsere 
Anstaltsjugend erfüllt, daß sie nicht Spielraum geben sollten 
dem Ausleben der Kampfeslust und der Kriegsstrategie, wie sie 
sich wiederspiegelt in den jugendlichen Köpfen, sei es im Wett- 
kampfe der Kraft und Schnelligkeit, sei es in der Betätigung des 
militärischen Exerzier- und Fechtreglements, sei es durch An- 
legung von Schützengräben, Schanzen und Feldbefestigungen 
in den Sandhügeln der Anstalt. 

Ich weiß wohl, daß mit dem allen nichts Besonderes für 
unsere Blinden gefordert wird, das nicht auch der Unterrichts- 
weise der Sehenden den eigenartigen Kriegsstempel aufprägen 
muß; aber ich hebe dies im Blick auf unsere Blinden besonders 
liervor, daß man nicht meinen möchte, es könnte und müßte das 
alles hier nicht zu so durchgreifender Ausgestaltung kommen. 
Vielmehr meine ich: Gerade hier ist das notwendig und auch 
möglich! Denn, weil der Blinde in hervortretender Weise 
mehr Phantasiemensch ist, als der Sehende, so werden die 
Kriegsereignisse besonders belebend auf seine Phantasietätig- 



keit wirken, und diese bedarf darum auch besonderer Leitung: 
und Regelung zu gesunden und erhebenden Zielen. 

Einen wirklich eigenartigen und besonders hervortretenden 
Einfluß hat der Krieg ganz aus sich selber auf den gewerblichen 
Betrieb der Blinden gehabt, der Blinden in der Anstalt wie der 
selbständig itn Leben stehenden Blinden. Mögen die ersten 
wirtschaftlichen Erschütterungen nach Ausbruch des Krieges 
auch hier Sorgen und Absatzmangel hervorgerufen haben, so 
macht sich der Wiederaufbau und die Neueinrichtung unseres 
ganzen Erwerbslebens jetzt auch hier wohltätig geltend. Es 
wird, glaube ich, in dieser Beziehung im großen und ganzen 
jetzt so stehen, daß, soweit Militärlieferungen erlangt werden 
kotmten und erlangt sind, die Korbmacher (mit Qeschoß- 
körben), die Bürstenmacher (mit Kriegsbedarf an Bürsten) und 
die Flechter (mit Pferdesohlen) ausreichlich bedacht sind. Die 
meiner Leitung unterstehende Blindenanstalt hat, um die Auf- 
träge in Pferdesohlen erledigen zu können, den Fortbildungs- 
unterricht, das Turnen, die Gesang- und Musikstunden für die 
Zöglinge und Arbeiter im gewerblichen Betriebe zumeist aus- 
setzen müssen. Dabei war die Militärbehörde so entgegen- 
kommend, daß sie auf meine Vorstellungen, die Preise von 4 
und 6 Pfennigen auf 10 und 12 Pfennige erhöhte, so daß bei den 
hiesigen Strohpreisen — 3 Mark für den Zentner — und Lebens- 
bedingungen der Verdienst ein auskömmlicher ist. Trotzdem 
konnte die Anstalt unter Heranziehung der minderwertigen 
Kräfte in der Korb- und Bürstenmacherei nur die Herstellung 
der beschränkten Anzahl \'on monatlich 20ÜÜ übernehmen, weil 
der gewerbliche Betrieb auch mit regulären Aufträgen aus- 
reichlich bedacht war, ja, die Seilerei ihre Aufträge oft kaum 
zu bewältigen vermochte. Hierzu trug besonders der Umstand 
bei, daß bei den rapiden Preissteigerungen des Hanfes, veran- 
laßt teils durch die Ausfulirverbote für Hanf in Oesterreich- 
Ungarn, Italien und Rußland, teils durch von Gewinnsucht ge- 
leitete, unpatriotische Ausnutzung der Geschäftslage seitens 
gewisser Hanffirmen und infolge der Praxis der Händler, die 
ihre Vorräte nur gegen Barzahlung abgaben, die kleinen 
Seilereibetriebe der Sehenden in den Kleinstädten unseres 
Landes ihren Betrieb haben einstellen müssen und auf den 
Warenbezug durch die Blindenanstalt angewiesen sind. In- 
folgedessen wird es auch anderswo so stehen wie hier, daß der 
meist von den sehenden Seilern so angefochtene Seilereibetrieb 
der Blindenanstalt jetzt als eine Wohltat empfunden wird. Die 
seilenden Seiler, wie auch die anderen Kunden, zahlen willig die 
höchsten Preise, die Seiler, um nur den Betrieb durch den 
Krieg hindurchzuretten und zu verhüten, daß die Landwirte, 
ihre Kunden, statt der Stränge, die sie bisher verwandten, 
nicht Ketten als Zugmittel einführen, was den Ruin des Seiler- 
handwerks in den kleinen Städten für die Zukunft im Gefolge 
haben müßte. 

In einer Richtung hat der Krieg allerdings auch hier eine 
schwierige Geschäftslage herbeigeführt. Da die Lieferanten 



8 

fast ausnahmsweise auf bare oder kurzfristige Zahlungen 
drängen, die Abneluner der Blindenanstalt aber vielfach auf 
Ziel oder Jahresrechnung kaufen, so reichte das flüssige Be- 
triebskapital der Anstalt zur Deckung der fälligen Zahlungen 
oft nicht aus, und Wertpapiere waren nach Lage des Geld- 
marktes nicht zu verkaufen und zu verwerten. Hierin mußte 
deshalb Abhilfe geschaffen werden, indem die Landesregierung 
um Bewilligung der erforderlichen Vorschüsse angegangen 
wurde, die dann von daher auch aus den etatsmäßigen Mitteln 
der Anstalt bereitgestellt wurden. 

Auch der Gewerbebetrieb der entlassenen selbständigen 
Blinden hat sich bisher gleichfalls gut gehalten. Als ich, das 
Gegenteil fürchtend, im Spätsommer und im Herbst eine Anzahl 
derselben im Westen des Landes besuchte, fand ich bei den 
wirklich rührigen und betriebsamen Blinden die beruhigendsten 
Verhältnisse. Sie alle hatten Arbeit und Verdienst im erforder- 
lichen Umfange und auch wegen der Preiserhöhung ihrer 
Waren keinen sonderlichen Widerstand im Publikum gefunden. 
Ob nun freilich die Materialbeschaffung, besonders für die 
Seilerei, aber auch für die Korbmacherei und Bürstenmacherei, 
soweit sie auf überseeische Produkte angewiesen sind, bei 
längerer Dauer des Krieges doch nicht auf Schwierigkeiten 
und Hindernisse stoßen wird, läßt sich zurzeit nicht voraus- 
sehen. Immerhin werden die im Leben stehenden blinden 
Handwerker auch dann an der Blindenanstalt, deren Fürsorge 
sie unterstehen, den wirksamsten Rückhalt finden. Die hie- 
sige Blindenanstalt vermag sie hier bei auskömmlichem Ver- 
dienste ausreichlich zu beschäftigen. 

Jedenfalls aber, glaube ich, läßt sich nach dem allen jetzt 
schon soviel sagen, daß das in Blindenkreisen vielfach so übel 
berufene und geringwertig eingeschätzte Handwerk der 
Blinden gegenüber den mit Vorliebe erstrebten höheren 
Brufsarten, einschließlich der musikalischen Ausbildung, eine 
Ehrenrettung durch den Krieg erhalten hat, die es geradezu als 
die bewährteste Form darstellt, durch welche der Blinde mehr 
als durcli irgend etwas anderes auch eine gewisse Wehrfähig- 
keit in (lieser Kriegszeit betätigt. 

Andere wirklich eigenartige Beziehungen des Krieges zum 
Blinden treten uns entgegen, wenn wir ihn in dem Gemein- 
schaftsleben der Anstalt betrachten, das sich außer der Unter- 
richtszeit abspielt. Hier sind beronders drei Gelegenheiten, wo 
der Kri;'g umgestaltend in Sein und Leben des Blinden einge- 
treten ist: die Anstaltsandacht, die Unterhaltungsstunde und 
die Anstaltsfeste. 

Wenn man der Andacht die Aufgabe zuweist, das ganze 
Leben und Krleben ins Licht des g()ttlichen Wortes zu stellen 
und dafür Kraft und Trost, Erbauung und Erhebung zu bieten, 
so ergibt es sich von selbst, sie in Beziehung zur Kriegszeit 
und der Gedanken- und (Jefühlswelt zu setzen, die diese aus- 
löst. Nach meiner Erfahrung hat es sich bewährt, die sonst 
gebräuchlichen Andachtsbücher bis auf weiteres zurück- 



zustellen und dafür „Andachten für die Kriegszeit" zu wälilen, 
wie solclie z. II vom (icli. Konsistorialrat D. Konrad, Pfarrer 
an der Kaiser-Willielni-dcdäclitniskircIie in Berlin, im Verlage 
von Martin Warneck, Berlin, 1914 lierausgeReben sind: „Stille 
zu Qott" — „Stark in dem Herrn" — „Ein feste Burg ist unser 
Gott". — Für besondere Kriegserei|;nisse ist von mir ab und 
zu auch als hervorragend geeignet gewählt worden das 
„Kriegsgebetbüchlein für Haus und Familie von Professor 
l). Wuster, Stuttgart, 1914, Verlag der Fvang. Oesellschaft." 
Das sollen nur so Beispiele sein, neben denen je nach dem 
Qang der Ereignisse die oben genannten Psalmen für ein anzu- 
knüpfendes freies Wort oder Gebet die angemessenste und 
wirksamste Grundlage geben. Hierdurch hat nach meiner Er- 
fahrung das religiöse Empfinden und Leben unserer Blinden 
in der Kriegszeit einen ebenso beziehungsreichen wie kraft- 
und wirkungsvollen Quellgrund und Ausdruck gefunden. Und 
wenn überdies hinter den Schwertkämpfern auf dem Felde für 
einen siegreichen Kampf ebenso notwendig ist eine Armee von 
Betern, so können unsere Blinden sich sagen: Wir haben auch 
in dieser Hinsicht unsere patriotische Wehrpflicht erfüllt oder 
— mit 1 heodor Körner zu reden — in unsern „herzlichen 
Gebeten den schönen, reinen Sieg der Frömmigkeit" erfleht. 

Auch die Unterhaltungsstunden konnten von der Kriegszeit 
nicht unbeeinflußt bleiben. Neben den Kriegsnummern des 
„Daheim" habe ich für die älteren Zuhörer einen eindrucks- 
vollen, beziehungsreichen Lesestoff in den Kriegsromanen 
Walter Bloems: „Das eiserne Jahr" — „Volk wider Volk" — 
„Die Schmiede der Zukunft" aus dem Verlage von Grethlein 
u. Co., G. m. b. H., Leipzig 1913 gefunden, welche den Krieg 
von 1870 in hinreißender Sprache und mit dramatischer 
Lebendigkeit wieder aufleben und in unsere Zeit hinüberklingen 
lassen. Für die jüngeren Lebensalter können die „Frösch- 
weiler Chronik" und die „Erinnerungen eines Feldzugs- 
freiv, illigen von Dr. Zeitz" mit ihren Anklängen an die Gegen- 
wart stimmungsvoll und patriotisch begeisternd wirken und so 
einen der großen Zeit entsprechenden Zug in das Denken, 
Empfinden und Leben unserer Blinden tragen. 

So sehr zum Anstaltsleben, wenn es anders, wie es sein 
muß, mit Familiengeist und Familienleben erfüllt sein soll. 
Anstaltsfeste gehören, so wenig ist diese Kriegszeit eine Zeit 
zum Reden und zum Feiern, sondern vielmehr zu Opfern, heilig 
großen, und zu Taten, Heldentaten. Wie anders konnte sich dar- 
um die Kriegszeit in dieser Hinsicht auswirken, als daß die An- 
staltsfeste ganz ausblieben oder die Form von Veranstaltungen 
zu geistig gemütlicher, sittlich religiöser und patriotischer Er- 
hebung annahmen, ohne daß irgend welche Aeußerlichkeiten 
damit verbunden waren. So hat die meiner Leitung unter- 
stehende Anstalt selbst die Feier ihres 50jährigen Bestehens 
am 7. Oktober 1914, eine Feier, die andere Anstalten zu anderen 
Zeiten mit großen Aufmachungen und unter Beteiligung der 
höheren und höchsten Behörden begangen haben, ganz in der 



10 

Stille sich vollziehen lassen mit einem kurzen Qedächtniswort 
des Direktors im Anschluß an eine entsprechende MorRen- 
andacht und einem Festkaffee, den die Zöglinge und Heim- 
insassen für sich einnahmen. Dagegen haben wir nicht unter- 
lassen, das Weihnachtsfest mit üblicher Bescherung in feier- 
lichster Weise zu begehen, und zwar nach der Ansprache des 
Direktors als ein Fest des Friedens im Reiche unseres Gottes, 
das inwendig in uns ist: Gerechtigkeit, Friede und Freude im 
heiligen Geist, — als ein Fest zur Herzstärkung der Krieger aus 
unserem Kreis in dem festen Glauben, daß es eine Verbindung 
und Wirkung von Seele zu Seele, auch über Zeiten und Räume 
gibt, eine seelische Fernwirkung zwischen in Liebe und Treue 
verbundenen Menschen, wodurch die einen an der Freude und 
den Festtagen der anderen teilnehmen — als ein Fest des 
Gottesfriedens im Herzen, der uns allein und gewiß die Hoff- 
nung auf einen baldigen, für uns ehrenvollen Völkerfrieden be- 
gründen kann. 

In dem Glauben an die Tatsache, daß Gedanken und Willens- 
kräfte, Seelenerhebung und Gemütsbegeisterung auch in die 
Ferne wirken, um so mehr, wenn man sie auf einen Punkt 
sammelt und dort immer wieder in freudiger und dankbarer Be- 
geisterung entbrennen läßt, habe ich die Kriegsnachrichten und 
Siegesdepeschen auch täglich immer wieder auf die meiner 
Leitung unterstehenden Blinden wirken lassen. Jede hervor- 
ragende Kriegsnachricht ist bei den gemeinschaftlichen 
Zusammenkünften (Andachten, Mahlzeiten) verlesen, mit einem 
kurzen orientierenden Wort begleitet, und im Anschluß daran 
ist ein Vers aus einem der einschlagenden patriotischen Lieder 
gesungen; zuweilen klang die Begeisterung auch in einem Hoch! 
oder Hurra! auf einen der Verwalter der Schlachtfelder aus. 
Ich kann mir keine interessierteren, begeisterteren Patrioten 
als unsere Blinden, groß und klein, denken. Das zeigte sich 
auch in der Begier, mit der sie, um einzelne Vorleser gesammelt, 
die Kriegsnachrichten in den Zeitungen verfolgten oder sich 
besonders in der ersten Zeit, wo Schlag auf Schlag die Sieges- 
nachrichten folgten, an improvisierten öffentlichen patriotischen 
Feiern beteiligten oder die wöchentlichen Kriegsbetstunden in 
der Kirche besuchten. Ich zw^eifle nicht, daß dadurch aus ihrem 
Kreis eine Sturmwelle von Mut, Vertrauen und Zuversicht den 
Seelen unserer teuren und treuen Feldgrauen zugeführt ist und 
unsere Blinden dadurch ebenso wie durch ihre Gebete eine gei- 
stige Wehrmacht für ihr geliebtes Vaterland geworden sind: 
„Es weht der Allerseelenwind. Wir schreiten alle einen 
Schritt. Und die v/ir fern vom Felde sind, wir kämpfen mit, wir 
sterben mit." (Alfred Kern.) 

Sie haben aber auch tatkräftig in die Kriegshilfe einge- 
griffen und sich bei der Kriegsfürsorge beteiligt. An manchen 
Blindenanstalten ist nach den Berichten der Novembernumrner 
des „Blindenfreund" der ganze gewerbliche Betrieb der weib- 
lichen Zöglinge und Insassen durch die Anfertigung von Woll- 
sachen für unsere im Felde stehenden Krieger abgelöst. Wenn 



11 

das an anderen Blindenanstalten auch — Gott sei Dank! sage 
ich — die oben geschilderte Lage des gewerblichen Betriebes 
während der Kriegszeit nicht erlaubte, so daß ich dahingehende 
Anträge zu Anfang des Krieges schon ablehnen mußte, so haben 
die hiesigen Blinden doch nicht geruht und alle ihre Freizeit zur 
Anfertigung von Wollsachen verwendet, auch aus ihren Mitteln 
zahllose „Liebesgaben", und nicht bloß an Angehörige, gespen- 
det und versandt. Es wird immer zu meinen schönsten Er- 
innerungen gehören, diesen Wetteifer der Liebe und Opfer- 
freudigkeit besonders in den Reihen unserer weiblichen Blinden 
erlebt zu haben: sicherlich eine gesegnete Kriegshilfe und 
Kriegsfürsorge, ein Tatbeweis, mehr für die Bedeutung unserer 
Blinden im Kriege. 

Ich komme zum Schluß. Wenn irgend ein Glaube in dieser 
gewaltigen, alles erschütternden und umwertenden Zeit elendig- 
lich zusammengebrochen ist, so ist es der an eine internationale 
Sittlichiieit. Man denke nur daran, was wir an Lug und Trug 
und Treulosigkeit während dieses Krieges zu unserm Schaden 
vom Auslande her erlebt haben. Loki suchte noch einmal 
Baidur zu vernichten. Ob dabei nicht manchem Blinden, 
Blindenlehrer und Blindenfreund die Einsicht und Besorgnis 
aufgeht, daß es mit den bisher mit soviel Eifer verfolgten inter- 
nationalen Bestrebungen für das Blindenwesen nicht viel besser 
stehen möchte. Ich habe nie viel auf diese Bestrebungen 
gegeben, mögen sie sich nun in der Form von internationalen 
Blinden- und Blindenlehrerkongressen oder in der Begeisterung 
für Volapük und Esperanto oder in der Befürwortung von zen- 
tralen Beobachtungs- und Auskunftsstellen zur Verfolgung der 
Entwicklung des auswärtigen Blindenwesens usw. bekundet 
haben. Mir hat immer geradezu gegraut vor der Ueberspannt- 
heit, Oberflächlichkeit und Verflachung, die sich mit solchen 
Bestrebungen verband. Ob man jetzt nicht endlich zu der 
Erkenntnis kommt, daß auch für unser Blindenw^esen dort 
draußen bei unsern Feinden wenig oder nichts zu suchen und zu 
finden ist? Sie haben nicht bloß einen anderen Geist, eine 
andere Lebens- und Weltanschauung, wie wir: auch die volks- 
wirtschaftlichen und sozial-ethischen Verhältnisse sind dort so 
ganz anders, daß man, meine ich, auch in dieser Beziehung 
jetzt endlich zu der Ueberzeugung kommen muß, daß das 
deutsche Blindenwesen die Wurzel seiner Kraft und seiner 
Entwicklung nur im eigenen Vaterlande finden kann. Wenn 
diese Ueberzeugung jetzt ausreifen wollte, dann, meine ich, 
würde der Kreis unserer Blinden und die Blindensache künftig 
vor manchen luftigen und überspannten Bestrebungen bewahrt 
bleiben, unter denen beide bisher gelitten haben. Das würde 
m. E. ein schätzenswerter Kriegserfolg für unser Blinden- 
wesen sein. 

Aber auch eine Aufgabe, wenn auch eine traurige, wird der 
Krieg an die Blindensache stellen. Sie betrifft die Blinden, 
denen der Krieg das Opfer ihres Augenlichtes auflegen wird. 
Es läßt sich zurzeit noch nicht übersehen, w^elche traurigen 



12 

Folgen der Krieg in dieser Riclitung gehabt hat und haben wird. 
Doch weiß ich schon von einer Anzahl solcher, die ihr Augen- 
licht im Kriege eingebüßt haben. Wie einst die erblindeten 
Opfer der napoleonischen Kriege und des Freiheitskrieges die 
Kriegsblindenanstalten ins Leben riefen, so ist nicht ausge- 
schlossen, daß unseren Blindenanstalten auch aus der Fürsorge 
für die in diesem Kriege Erblindeten neue Aufgaben zuwachsen 
werden. Eins ist dabei gewiß, daß diese nicht, wie einst bei 
den Kriegsblindenanstalten in der notdürftigen Versorgung und 
Beschäftigung mit Handfertigkeiten aufgehen dürfen. Die 
Blindenanstalten der Gegenwart werden sich höhere Ziele 
stecken, die auf Erwerbsbefähigung gerichtet sein müssen. Wie 
dies im einzelnen zu gestalten und zu erreichen sein wird, dar- 
über läßt sich zurzeit schwerlich Sicheres sagen. Erfreulich 
ist es, daß nach Zeitungsnachrichten sich bereits in Süddeutsch- 
land ein Zusammenschluß gebildet haben soll, der sein Streben 
auf neue Berufe für die Verwundeten, die ihrem bisherigen 
Berufe ferner nicht nachgehen können, richtet. Vielleicht, daß 
von diesen und ähnlichen Stellen auch Handweisungen 
und Handreichungen an die Blindenanstalten für die Ausbildung 
erblindeter Krieger kommen. Jedenfalls werden die Blinden- 
anstalten ihre ganze Kraft und ihr ganzes Können daran setzen. 
daß sich das ebenso verheißungsvolle als glaubensstarke Wort 
„Am deutschen Wesen muß die Welt genesri!" in der engeren 
Fassung erfüllt: Am deutschen Blindenwesen muß jeder Blinde 
genesen. 



Einleitung zum allgemeinen Lehrplan 
für preußische Blindenschulen. 

(Entwurf ) 

1. Die Blindenschule darf nur Schüler aufnehmen, welche 
völlig blind oder nach dem preußischen Gesetz vom 7. Aug. 1911 
(betr. Beschulung blinder Kinder) den Blinden gleich zu achten 
sind. Ihre Einriclitungen sind für vcMlig Blinde zu bemessen. 

2. Jede Schulklasse darf höchstens 15 Schüler zählen. I^ie 
Zusammenlegung von zwei verschiedenen Klassen zu einer 
Unterrichtsgemeinschaft über die Gesamtzahl von 15 Schülern 
hinaus ist nur im Singen und Turnen, auf den oberen Klassen 
außerdem noch in Religion und Geschichte gestattet. 

3. Wo die Gesamtzahl der Schüler einer I51indenschule groß 
genug ist, also 60 und mehr beträgt, bildet den vom Gesetz ge- 
forderten 8 Schuljahren entsprechend jeder Jahrgang eine 
Klasse, so daß 8 aufsteigende Klassen entstehen, von denen 
jede ihren besonderen Klassenlehrer hat. Wo die Gesamtzahl 
der Schüler weniger als 60 beträgt, ist die Zalil der aufsteigen- 

*) Im Anschluß an meinen Aufsatz „Zur Lehrplanarbeit" in der Juli- 
Nummer 1914 dieses Blattes bringe ich hiermit diesen „Entwurf" und stelle 
ihn zur gefcälligen Besprechung. Br. 



13 

den Klassen und damit die der Klassenlehrer zu beschränken, 
in der Regel dadurch, daß auf der Mittel- und Oberstufe je zwei 
Jahrgänge bis zur Höchstzahl von \5 Schülern zu einer Klasse 
zusammengefaßt und einem Lehrer überwiesen werden. Jeder 
Jahrgang in einer solciien Klasse bildet aber eine besondere 
Abteilung, von denen jede, wenn auch nur in halben Unterrichts- 
stunden besonders weiterzuführen ist, so weit in F^eligion und 
üeschichte nicht gemeinsamer Unterricht beider Abteilungen 
zulässig ist. 

4. Knaben und Mädchen werden auf allen Stufen gemein- 
sam unterrichtet, es sei denn, daß die Stärke des Jahrganges 
eine Teilung notwendig macht, in welchem Falle eine Trennung 
nach den (leschlechtern eintreten darf, wenn nicht eine Teilung 
nach körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit vorzu- 
ziehen ist. 

5. Da blinde Kinder in dem schulpflichtigen Alter von 
6 Jahren körperlich und geistig meist noch nicht so entwickelt 
sind, wie es für den geordneten Klassenunterricht erforderlich 
ist, so ist der Unterricht im L und 2. der gesetzlichen Schul- 
jahre als Vorbereitungsunterricht auszugestalten. Der Lehr- 
plan hat dieses zu berücksichtigen. Von den gesetzlichen 8 
Schuljahren gelten die beiden ersten als Vorstufe, 

das 3. und 4. als Unterstufe, 
das 5. und 6. als Mittelstufe, 
das 7. und 8. als Oberstufe. 

6. Für später erblindete schulpflichtige Kinder, welche vor 
ihrer Erblindung schon die Schule der Sehenden besucht haben, 
ist nach Bedarf Vorbereitungsunterricht einzurichten, in 
welchem sie das Lesen und Schreiben der erhabenen Schrift er- 
lernen und in allen andern Fächern für den Eintritt in die Klasse 
der Blindenschule vorbereitet werden, in die sie nach der 
bereits erlangten allgemeinen Schulbildung gehören. 

7. Für Schüler der Blindenschule, welche wegen nicht zu- 
reichender Begabung mit Vollendung des 14. Lebensjahres noch 
nicht die Reife für die Oberstufe (2. oder 1. Klasse) erlangt 
iiaben, ist eine besondere Abschlußklasse zu bilden, welche sie 
für den Eintritt in die Fortbildungsschule vorbereitet und sie 
möglichst schon nach einem Jahre in diese entläßt. 

8. Schüler der Blindenschule, welche mit vollendetem 
14. Lebensjahre wiegen ungenügender Fortschritte in ihrer gei- 
stigen Ausbildung noch der Unterstufe angehören oder in der 
Unterklasse der Mittelstufe nicht mitkonmien, sind als Schwach- 
befähigte in Hilfsklassen weiter zu unterrichten. Sie erhalten in 
diesen in wenigen Tagesstunden einen für sie geeigneten 
schulwissenschaftlichen Fortbildungsunterricht und werden da- 
neben in reicherem Maße mit Handarbeiten beschäftigt. 

9. Alle Schüler, welche die Blindenschule ordnungsmäßig 
durchlaufen bzw. die Abschlußklasse mit Erfolg besucht haben, 
sowie alle, welche nach Beendigung ihrer Schulpflicht im Alter 
von 14 bis 17 Jahren der Blindenanstalt behufs gewerblicher 



14 

Ausbildung überwiesen werden, haben während der ersten 
2 bis 4 ihrer Lehrjahre an einem ihrer Vorbildung und Be- 
gabung gemäßen, sowie ihren Fähigkeiten entsprechenden 
Fortbildungsunterricht teilzunehmen, für den ein besonderer 
Lehrplan aufzustellen ist. 

10. Die Schüler der Vorstufe (1. und 2. Schuljahr) erhalten 
nur wenige (10 bis 12) Wochenstunden Schulunterricht durch 
eine Lehrkraft (Orundunterricht oder halbstündige Lektionen 
in den einzelnen Fächern). Im übrigen sind sie der Aufsicht 
geeigneter Hilfskräfte (Kindergärtnerinnen u. a. zu unterstellen, 
durch die sie erzogen und für den ordnungsmäßigen Schulunter- 
richt körperlich und geistig vorbereitet werden. Die Unter- 
stufe (3. und 4. Schuljahr) erhält wöchentlich 20 bis 24, die 
Mittel- und Oberstufe (5. bis 8. Schuljahr) wöchentlich 28 bis 
?)2 Lehrstunden, einschließlich des Turnunterrichts; nicht ein- 
gerechnet sind dabei die Stunden für Beschäftigungen zur tech- 
nischen Bildung der Hand, für Handarbeit, (weibliche Hand- 
arbeiten, wie Handarbeiten der Knaben in den Schülerwerk- 
stätten), Instrumental-Musikunterricht, Gesang im gemischten 
Chor und Beschäftigung durch Spielen. 

IL Für den Unterricht in Religion sind in den Anstalten, die 
evangelische und katholische Schüler gemeinsam erziehen, für 
jedes Bekermtnis besondere Stunden anzusetzen. 

12. Häusliche Schularbeiten — mündliche wie schriftliche — 
sollen die Schüler nicht länger als eine Stunde täglich beschäf- 
tigen. Vorbereitende Anschaunngsübungen und anzustellende 
praktische und technische Versuche für den Schulunterricht 
sind nicht als häusliche Schulaufgaben anzusehen und fallen 
daher nicht unter vorstehende Bestimmung. 

13. Im allgemeinen ist von der Einführung gedruckter Leit- 
fäden und Hilfsbücher für die Hand der Schüler abzusehen. 

14. Bei der Auswahl des im Unterricht zu behandelnden 
Stoffes ist stets zu prüfen, was für die Blinden von bleibendem 
Werte ist, und was das Leben von ihnen fordert, gleichviel, ob 
sie sich dieses selbst erarbeiten können, oder ob sie es nur 
durchs Ohr aufnehmen und auf Treu und Glauben nachsprechen 
müssen. 

Das Können und Wissen, das sie befähigt, im Kampf des 
Lebens ihren Mann zu stehen, soll in der Schule in erster Linie 
gepflegt werden. Daneben darf das nicht vernachlässigt 
werden, was zu ihrer formalen Bildung beiträgt. Alles Wissen 
aber, das sie wegen des ihnen fehlenden Augenlichts sich nur 
rein gedächtnismäßig aneignen können, ist ihnen in sparsamster 
Weise zu vermitteln. 

15. Die Blinden sind vom ersten Schultage ab anzuhalten, 
sich möglichst viel zu betätigen und selbst an ihrer Ausbildung 
zu arbeiten; sie sind anzuleiten, die durch eigene Versuche und 
Erfahrungen erworbenen Kenntnisse, das durch stete Uebung 
erlangte Können höher zu schätzen als die allgemeine Bildung, 
die sie erwerben können, indem sie die Wissensstoffe rein ge- 
dächtnismäßig von andern übernehmen. 



15_ 

Die Blindenanstalten und der Krieg 1914. 

(Fortsetzung.) 
Königl. Landes-Blindenanstalt Budapest. 

Infolge der M(3bilisieriiiiR war der Verkelir auf den Eisen- 
bahnen so stark, daß es uns unmöglich war, unsere blinden 
Zöglinge aus den verschiedensten Teilen des Landes zum 
Scluikinfang in die Anstalt zurückzurufen. Von den Mitgliedern 
unseres Lehrkcirpers sind sieben ins Feld gezogen, die Einbe- 
rufung von noch vier Lehrern ist zu erwarten. Blinde oder an 
den Augen verletzte Soldaten sind unserer Anstalt bis jetzt nicht 
überwiesen worden, noch wurden durchziehende Truppen bei 
uns in Quartier gelegt. Jetzt jedoch hat die Regierung die 
Anstalt für Schwerverwundete mit Beschlag belegt und bereits 
für diesen Zweck übernommen und eingerichtet. Bei dem 
Kultus- und Unterrichtsministerium habe ich wiederholt Schritte 
getan, um die Verwandlung der Anstalt in ein Lazarett zu ver- 
hindern, doch waren alle meine Bemühungen vergebens. 

Direktor Herodek, 
Landesverein der Blindenfürsorge in Budapest. 

Unser Verein läßt sich in diesen schweren Zeiten von der 
Idee leiten, daß unsere blinden Mitmenschen, die schon in 
Normalzeiten auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind, 
jetzt — da ein Strom von gesellschaftlichen und wirtschaft- 
lichen Uebeln über unser teures ungarisches Vaterland hin- 
strömt — diese noch weniger entbehren können. Unsere 
Budapester Zentral-Anstalt, sowie unsere Szombathelyer-, 
Eperjeser-, Miskolcer-, Ujpester-, Temesvärer-, Szegeder- und 
Arader-Filialanstalten bleilDen bemüht, ihre blinden Schützlinge 
mit allem Nötigen zu versehen, sie zu unterrichten, sie auszu- 
bilden und zu beschäftigen. Arbeit haben wir genug, überhaupt 
in Bürstenbinderei. Die milden Spenden sind aber fast gänzlich 
weggeblieben, die Büchsensammlungen können wir nicht fort- 
setzen, denn außer Sammlungen für Zwecke des Krieges sind 
alle Sammlungen durch die Regierung verboten. Dieser Ein- 
nahme-Ausfall trifft unsern ohne Vermögen dastehenden 
Verein sehr empfindlich. 

Unsere Szombathelyer und Eperjeser Anstalten haben den 
größten Teil ihrer Räumlichkeiten für das Rote Kreuz herge- 
geben. Sie haben daher ihre Schützlinge, welche Angehörige 
haben, die für sie sorgen können, bis zum Ende des Krieges 
beurlaubt. Die Szombathelyer Anstalt mit den Nebengebäuden 
nimmt 150 Verwundete auf. In der Eperjeser Anstalt haben 24 
Sanitäter Platz; auch ist daselbst das Bureau der Eperjeser 
Hilfs-Kommission. Die blinden Mädchen in unserer Budapester 
Ansialt stricken Hand- und Kniestutzen und Schneernützen, 
wovon sie mehrere Hundert Paar liefern werden. Von unserer 
Zentral-Anstalt, wie von unseren Filial-Anstalten sind mehrere 
Angestellte als Reservisten eingerückt, für deren Angehörige 
natürlich unser Verein sorgt. Von der Regierung ist beal^sich- 



16 

tigt, die Szegeder Anstalt — falls eine Epidemie ausbrechen 
sollte, in ein Epidemie-Lazarett umzuwandeln, in welchem 
Falle die Zöglinge und Schützlinge nach Mause geschickt 
werden müßten. Unter den ßlinden haben durch den Krieg am 
meisten die blinden Musikanten, Klavierspieler und Klavier- 
stimmer gelitten, die fast gänzlich ohne Verdienst geblieben 
sind. Unser Verein ninnnt sich ihrer an und sucht ihnen gemäß 
seinen Mitteln zu helfen. Wir bemerken noch, daß mehrere von 
unseren Blinden ü(,'!d für Eisen eingetauscht haben, andere 
haben ihre Kopfkissen für die Verwundeten hingegeben. 

Gott gebe bald wieder Frieden unserer Heimat, unscrm 
Verein! 

Die mosaische Blinden-Anstalt in Budapest 

ist als Spital für 180 Verwundete eingerichtet worden. In 
diesem wirkt eine Abordnung des amerikanischen Roten 
Kreuzes, bestehend aus drei Aerzten und dreizehn Pflegerinnen, 
die direkt aus Amerika kamen. Unsere Zöglinge sind — mit 
Ausnahme von zweien — derzeit bei ihren Eltern. 

Simon Adler. 
Von dem Lehrerkollegium der 

städtischen Blindenanstalt zu Berlin 

ist Lehrer Bosdorf zu Anfang des Krieges einberufen 
worden und vor den Feind gekommen. Er ist dort leider ver- 
wundet und lag Ende November im Augustahospital in Breslau. 
Hie Blindenschule selbst ist für Kriegszwecke nicht in Anspruch 
genommen worden, sondern setzt ihre Schularbeit unbe- 
hindert fort. 

In der Großherzoglichen Blindenanstalt zu Friedberg (Hessen) 

sollten am 8. August die sechsw()chigen Ferien beginnen, welche 
die meisten unserer Zöglinge in der Heimat bei ihren Ange- 
hörigen zu verbringen pflegen. Sobald jedoch die allgemeine 
Mobilmachung bekannt geworden war, wurden am L August 
die Eltern der Zöglinge telegraphisch zu deren alsbaldiger Ab- 
holung aufgefordert. Nur wenige Blinde blieben in der Anstalt 
zurück, um den Werkstättenbetrieb wenigstens einigermaßen 
aufrecht zu erhalten. Da die für Friedberg vorgesehenen 
Reservelazarette zur Zeit, als die ersten Verwundeten eintrafen, 
noch nicht fertig eingerichtet waren, stellten wir alle zur 
Unterbringung von Verwundeten besonders geeigneten An- 
staltsräume der Militärverwaltung zur Verfügung. So sind seit 
dem 21. August, an welchem Tage der erste Verwundeten- 
transport hier eintraf, etwa 120 — meist leichtverwundete — 
Krieger nebst dem zugehörigen Pflegepersonal in unserer 
Anstalt untergebracht. 

Bei dieser Sachlage mußten zwar zunächst die Ferien bis 
auf weiteres verlängert werden, doch konnten die Zöglinge noch 
im Laufe des Monats Oktober und Anfang November sämtlich 
zurückberufen werden. Die seitherigen Aufenthaltsräume der 
Blinden wurden zu Schlafräumen umgewandelt, Schrank- und 



17 

Schulzitnrner als Wolinräume eingerichtet, auf die Benutzung des 
Turn- und Musiksaals wurde Verzicht geleistet usw., und so 
spielt sich jetzt der Anstaltshetrieb in einem Flügclbau, der von 
den Lazaretträumen durch Bretterwände abgeschlossen ist, in 
beschränkten, aber doch crträgiiclien Verhältnissen ab. Der 
\Vcrkstättcnl-au wurde für unserii (jcschäftsbetrieb reservier:. 

Von dem Lehrkörper wurde Herr Reallehrer Schmidt zum 
Landsturm, von dem übrigen Personal der Werklehrer in der 
Bürstenmacherei Schultz als Ersatzreservist eingezogen. 
Ersterer hat sich bereits bei Markirch im Elsaß das Eiserne 
Kreuz erworben. Unser Dienstpersonal beteiligt sich freiwillig 
und mit großer Hingebung an dem Lazarettdienst und der Für- 
sorge für unsere verwundeten Krieger. 

Auf viele unserer Zöglinge übte der Verkehr mit den Ver- 
wundeten einen großen Reiz aus und sie empfingen von deren 
schlichten Erzählungen aus ihren Krigserlebnissen nachhaltige 
Eindrücke. Umgekelirt sieht man häufig, wie die Verwundeten 
in den Werkstätten das sichere und flinke Arbeiten unserer 
Blinden mit Staunen beobachten. 

Bei den Unterlialtungsabenden, die für die Verwundeten 
eingerichtet wurden, haben musikalische und deklamatorische 
Vorträge von Blinden sich besonderen Beifalls zu erfreuen. 

Jedenfalls tragen die gegenwärtigen engen Beziehungen 
unserer Anstalt zu den wackeren Kriegern, die für uns und 
unser Vaterland gekämpft und geblutet haben, dazu bei, daß 
unsere Zöglinge mit der innigsten Teilnahme und mit patrio- 
tischer Begeisterung die große Zeit, in der wir leben, verstehen 
lernen, und daß die sittlich erzieherische Wirkung, die ein 
solcher Kampf um die Existenz unseres Volkes auf uns alle 
ausüben soll, auch den uns anvertrauten Blinden zu dauerndem 
Segen gereicht. Schwabe. 

D'e Odilien-Blindenanstalt In Graz 

hat dem Roten Kreuz Lokale mit 12 Betten für Verwundete zur 
Verfügung gestellt. Die erwachsenen blinden Männer der 
Anstalt haben unter sich eine Sammlung veranstaltet, welche 
den Betrag von 50 Kronen ergab. Die Mädchen verfertigen 
aus der von der Anstalt gespendeten Wolle Schneehauben, 
Knie- und Pulswärmer usw. Obiger Betrag sowie die bis jetzt 
fertiggestellten Strickwaren wurden gleichfalls an die Einlauf- 
stelle des Roten Kreuzes eingesandt. 

Da die Anstalt zu weit von den Bahnhöfen und Durchzug- 
st:aßen entfernt ist, so kann eine nennenswerte Tätigkeit der 
Anstalt in bezug auf Kriegsfürsorge nicht in Betracht kommen. 
Die auf Ferien gewesenen Zöglinge sind zu dem bestimmten 
Termin wieder in der Anstalt eingetroffen und wird der aufge- 
nommene Unterricht bis jetzt noch ungestört fortgeführt. 

Einem blind geschossenen Korporal ist der Unterricht in 
Blindenschrift und, falls Eignung vorhanden ist, auch Ausbildung 
im QewTrbe zugesichert worden, Dr. Jos. Hartinger. 



18 

Auf dem Grundstück der neuen Provinzial-Blindenanstalt 
an der Bleeckstraße zu Hannover — Kirchrode weht auf hohem 
Mäste die Flagge des Roten Kreuzes. Der für Mitte August 
vor. Js. geplante Umzug aus den alten in die neuen Räumlich- 
keiten ist bis auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Gleich 
nach Beginn des Krieges wurden seitens der Hannoverschen 
Provinzial-Verwaltung in liochlierziger Weise die eben voll- 
endeten Baulichkeiten für die Zwecke des Roten Kreuzes zur 
Verfügung gestellt. Da die Qesamtanlage des Neubaues nach 
dem Grundsatze der Dezentralisation durchgeführt wurde, ist 
Raum genug vorhanden, um in den Einzelbauten 400 Betten 
unterzubringen. Von denselben sind bislang 200 belegt worden. 

Die geräumigen Wohn- und Schlaf räume, die präclitigeii 
Loggien, die bequemen Spazierwege des weit ausgedehnten 
Parks und des herrlichen, zum Anstaltsgebiet gehörigen Waldes 
gestalten die Gesamtanlage zu einem Lazarett, wie es idealer 
kaum gedacht werden kann. 

Diesem äußeren Eindruck entspricht auch die innere Ein- 
richtung des Ganzen. Dank der unermüdlichen Fürsorge des 
Vorsitzenden der Anstaltskommission, Herrn Schatzrat Dr. von 
Campe, der Tag für Tag seine Zeit und Kraft in den Dienst 
der guten Sache stellt, sind seitens der Behörde alle für eine 
möglichst vollkommene Ausstattung des Lazaretts erforder- 
lichen Maßnahmen getroffen worden. 

Die Beköstigung, Wäschereinigung, Beheizung und Be- 
leuchtung ist anstaltsseitig gegen eine tägliche Vergütung von 
2,25 Mark für jeden Verwundeten übernonmien worden. 

Der Anstaltsleiter, Herr Direktor Geiger, hat als Lazarett- 
Inspektor die Verwaltung des Lazaretts in Händen. 

Provinzial-Blindenanstalt Kiel. 

Bei der Mobilmachung am 1. August vor. Js. w^eilten in der 
Anstalt nur fünf Zöglinge, die ihre Sommerferien hier verlebten. 
Die Anstalt konnte deshalb um so besser ihre Beamten und 
ihr Dienstpersonal für die Kriegsfürsorge in Anspruch nehmen. 
Am L Mobilmachungstage wurden 3 Betten vom Anstalts- 
inventar in den Räumen des Bahnhofs aufgestellt für den 
Bahnhofskommandanten, dessen Stellvertreter und Adjutanten. 
Den Vorstandsdamen vom Roten Kreuz wurde Lieferung von 
Kaffee für die ins Feld ziehenden Soldaten angeboten, was mit 
großem Dank angenommen wurde. In reichlich 14 Tagen sind 
über 3700 Liter Kaffee für die Bahnhofsbewirtung geliefert. Die 
Bahnhofsbürgerwehr bat um Wolldecken für ein Strohlager. 
4 Betten wurden von der Anstalt zur Verfügung gestellt. 
Ferner sind noch 7 Betten für ein Kinderheim geliefert, wo 
mutterlose, arme Reservistenkinder Aufnahme finden können. 

Trotzdem die Zöglinge nach und nach alle wieder zurück- 
gekehrt sind, ist es dennoch möglich gewesen, ein Lazarett 
mit 25 Betten für verwundete Krieger in der Blindenanstalt ein- 
zurichten. Die alte Aula ist als Operationsraum zur Verfügung 
gestellt. Vom Herrn Großadmiral a. D. v. Köster wurde die 



19 

Kinrichtung für ideal erklärt. Verwundete Mariiiesoldaten 
werden von der Blcchkapelle mit dem Fia^Kenlied, Land- 
soldaten mit dem Kaisermarscli in Empfang genominen. Hie 
entlassenen Mädchen aus dem Blindenheim wollen vorlesen 
bei den Insassen des Lazaretts. Täglich regen sich fleißige 
Hände beim Stricken von Strümpfen, Pulswärmern, Leib- 
binden, Kopfkappen und Kniewärmern für das Rote Kreuz. Die 
Wolle liefert die Anstalt. Die Anstaltswerkstätten haben 
immer reichliche Aufträge wie in Friedenszeiten. — Von den 
Beamten weilen ,^ Lehrer im Felde. Herr Kühn steht noch in 
Altona, Herr Hörn in Belgien und Herr Voß in Rußland. Reger 
brieflicher Verkehr herrscht zwischen den Zöglingen und den 
eingezogenen Lehrern. 

Der Blinden-Fürsorge-Verein macht gute Geschäfte durch 
Lieferung von Bürstenwaren und Tauwerk an das Kriegslager. 

Von den entlassenen Z(')glingen verdienen 3 ihr Brot durch 
Arbeiten auf der Werft und dem Marinedepot. Für die not- 
leidenden Blinden wird die Miete vom Fürsorgeverein be- 
stritten. Ferner unterstützt der Verein die Entlassenen durch 
Schenkung von Material und gibt ihnen Gelegenheit, einen 
Verdienst zu erzielen durch Anlieferung von Bürsten- und 
Korbwaren an das Fürsorgelager. Bündig. 

Die Blinden-Lehranstalt in Linz 

hatte Drdd nacli der Mobilisierung auf ihrem Grunde Miliiär- 
posten, da einerseits die Bahn, anderseits ein staatliches Kabel- 
Iiäuschen zu schützen waren. Noch mehr aber verspürte unsere 
große Beschäftigungs- und Versorgungsanstalt für erwachsene 
Blinde die Mobilisation. Hier fanden eine größere Anzahl 
Reservisten aus den verschiedensten Teilen der Monarchie ein 
gastliches Heim und Verköstigung. 

So kam der 16. September vor. Js. und mit ihm die Zög- 
linge aus den Ferien zurück. Täglich findet nun in der 
Institutskapelle eine Kriegsandacht statt. Die Kleinen zupfen 
mit großem Eifer die gespendete Leinvv'and zu Scharpie, die 
Mädchen beider Anstalten arbeiten an warmen Wintersachen, 
Schneehauben, Kniewärmern und Socken, um sie unseren 
braven Soldaten ins kalte Feindesland als einen Gruß von 
den Bl'Mden nr^clizusenden. 

Obwohl auch in Linz mehr als 2000 Verwundete in öffent- 
lichen Gebäuden Aufnahme gefunden haben, ist bisher, wohl 
aus dem Grunde, weil beide Blinden-Anstalten bereits im Be- 
triebe sind, von der Militärbeh()rde noch kein Ansuchen um 
Aufnahme von Verwundeten gestellt worden. 

Als Durchzugsstation zur Aufnahme von Flüchtlingen aus 
Galizien wurde die Beschäftigungsanstalt bereits in Anspruch 
genommen. 

Die Bitten um Aufnahme in diese Anstalt von früheren 
auswärtigen Zöglingen der Linzer Anstalt, aber auch anderer 
Blinden-Unterrichtsanstalten, sind bei dieser ernsten Zeit be- 
sonders zahlreich. Selbst verheiratete Zöglinge, die bisher 



20 

selbständig v.aren, wurden interimistisch aufgenommen, 
üeldaushilfen, Materialvorschüsse, Wohnungsbeiträge und 
andere Unterstützungen werden im Ausmaße der vorhandenen 
Mittel ^erne bi> währt. Trotzdem es heißt: inter arma silent 
musae, bekam der Chor der ßeschäftigungs- und Versorgungs- 
anstalt, obwohl kaum und noch nicht vollständig von den 
Ferien zurückgekehrt, oft Gelegenheit zur Betätigung im 
Dienste der Oeffentlichkeit. Emanuel Scheib. 

In München ist die Kgl. Landesanstalt für krüppelhafte 
Kinder Lazarett geworden und kommt unsere Blinden-Anstalt 
daher für diesen Zweck kaum mehr in Betracht. Dagegen 
wurde gleich zu Beginn des Krieges auf die Dauer der lierbst- 
ferien eine Abteilung des Roten Kreuzes in der Anstalt ein- 
quartiert; auch eine Sammelstelle für Säuglingsfürsorge ward 
bei uns eingerichtet. 

3 Lehrer der Anstalt und 1 Aufseher stehen im Felde. 

Sowohl die Mädchen der Kgl. Versorgungsanstalt als auch 
die der Kgl. Erziehungsanstalt stricken im Dienste des Roten 
Kreuzes für unsere Soldaten. 

Viele unserer männlichen Zöglinge äußerten, nie hätten sie 
die Blindheit schmerzlicher empfunden, als jetzt — auch sie 
würden freudig dem Ruf des Kaisers folgen und Blut und Leben 
für die Freiheit des Vaterlandes einsetzen. In dieser schweren, 
großen Zeit verzichten unsere Zöglinge auf alle sonst erlaubten 
kleinen Genüsse, sie sparen und geben das Geld für die ver- 
wundeten Soldaten, die in der Kgl. Landesanstalt für krüppel- 
hafte Kinder untergebracht sind. 

Die Ivriefe ii; Punktschrift unterliegen hier einer sein' 
strengen L'ebei wachung bzw. Kontrolle von Seiten der Militär- 
behörde. A. Schaidier. 

Die Großherzogliche Blindenanstalt zu Neukloster (Meckl.) 

ist bisher vom Kriege insofern berührt worden, als zur Fahne 
einberufen sind: der Lehrmeister der Korbmacherei, Radeloff; 
seit Ende Dezember vor. Js. auch Lehrer Puls. Vom Blinden- 
lehrer Hahn steht ein Sohn als Fahnenträger im Felde gegen 
Frankreich, ein Sohn in der Ausbildung bei der Artillerie in 
Schwerin (Kriegsfreiwilliger). Des Direktors älteste Tochter 
Elisabeth ist als vorstehende Schwester des Roten Kreuzes auf 
S. M. Lazarettschiff F. in der Ostsee; die zweite Tochter Her- 
mine, verlobt, im Dienste des Roten Kreuzes Pflegerin im 
Stadt-Krankenhause zu Essen, die jüngste Tochter Otthilde seit 
Mitte September vor. Js. aus der Sperre in England heim- 
gekehrt, der Sohn Walter als Kriegsfreiwilliger in der Aus- 
bildung bei der Artillerie in Sclm'erin. Leiubcke. 

Provinzial-Blindenanstalt Düren. 

Eine ganze Anzahl der Unseren — Anstaltsleiter, Lehrer 
Meister — ist zu den Fahnen einberufen. Ich und mit mir gar 
mancher — möchte seinem Freunde oder Bekannten in der 
Front gerne ein freundliches Wort schreiben, ihm mit einigen 



21 

Zeilen eine Freude iTiacIien — aber es fehlt die genaue Adresse. 
Dankbar würde ich sein, wenn uns unsere Fachzeitschrift die 
Adressen der Vaterlandsverteidiger brächte, die im Frieden in 
den Blindenanstalten tätig sind. Ich füge die Aufstellung für 
unsere Anstalt gleich an : 

1. Offiziers-Stellvertreter Joseph Jost (Blindenlehrer) 
Vlll. A. K. 65. Land w. -Regt. I. Bataillon, 4. Kompagnie. 

2. Vize-Feldwebel Konrad Wassen (Blindenlehrer) 
VIII. Armeekorps. 68. Res.-hif.-Rgt. 3. Bataillon. 11. Komp. 

.3. Obergefreiter Heinrich Kemper (Anstaltsgärtner) 
III. Bayer. Armeekorps. 8. Fuß-Art.-Regt. 3. Res. -Batterie. 
4. Landstürmer Matthias Weyer (Hausmeister) Vlil. Armee- 
Korps. 2. mobiles Landsturm-Bataillon Neuß, IV. Komp. 
Qeneral-üouvernement Belgien. 

5. Wehrmann Schnadel (Werkmeister) XXVL Res.-Korps. 
336. Res.-Inf.-Regt. 1. Komp. 

6. Heinrich Becker (Hausbursche) Landwehr-Ersatz- 
Bataillon 68. IV. Komp. V. Baldus. 

WUhelm-Augusta-Blindenanstalt in Danzig-Könlgsthal. 
l. Im Felde stehende Lehrer: 

Blindenlehrer Hyck, Leutnant der Reserve, Fußartillerie. 
Blindenlehrer Oerlach, Kriegsfreiwilliger, Oarde-Inf. 

Blindenlehrer Radtke, Unteroffizier der Reserve, Inf. 

(Wurde im Gefecht bei Gumbinnen schwer verwundet, ist jetzt 

aber wieder garnisondienstfähig ) 
Blindenlehrer Fitthan, Kriegsfreiwilliger, Sanitätsabtlg. 

2. Angehörige der Lehrer: 
Ingenieur Ernst Zech, Kriegsfreiwilliger, Fußartillerie. 
Primaner Theo Zech, Kriegsfreiwilliger, Fußartillerie. 
Prov. -Bau-Assessor Joh. Pflugradt, Kriegsfreiw., Train. 
Apothekergehilfe Leo Pflugradt, Kriegsfreiw., Sanitätsabt. 
* * * 

Weitere Berichte und Adressen werden erbeten 

Die Redaktion. 

Weihnachtsbescherung für blinde Soldaten. 

(Aus der Wiener „Neuen Freien Presse" ) 

Wien, 22. Dezember. 
Ein großer schöner Weihnachtsbaum im Konzertsaale des 
k. k, Blindeninstituts, und auf den Tischen reiche, schöne Ge- 
schenke. In; Saale stehen in Gruppen Damen und Herren 
umher, die 'm Flüsterton sprechen. Beklemmung und Pein 
lasten auf den Gemütern der Menschen, die da zusammen- 
gekommen sind, um einer traurigen und doch erhebenden 
Feier beizuw^ohnen. Es gilt die Weihnachtsbescherung für 
auf dem Felde der Ehre erblindete Soldaten, die jetzt im 
Blindeninstitut von Regierungsrat Meli und seinen Hilfskräften 
in ein neues Leben geführt werden. Ein Leben ohne Licht und 



22 

ohne Glanz, aber doch ein Leben der PfHcht und Selbsterhal- 
tung. Und auf einem abwärts stehenden lisch häufen sich 
schon allerlei Bürstenbinder- und Korbflechtarbeiten, die die 
vor wenigen Wochen noch sehend (lewesenen jetzt mit 
tastenden Fingern hergestellt haben. 

Jetzt werden die blinden Soldaten — es sind ihrer vor- 
läufig zehn, aber schon langen Meldungen aus vielen Feld- 
spitälern im Blindeninstitut ein — hereingeführt. Tastend, 
schwankend, verwirrt schieben sie sich vorwärts, unendlich 
hilfloser als die Blindgeborenen, bei denen die anderen Sinne 
schärfer entwickelt sind. Nie wird dieser Anblick aus der 
Erinnerung schwinden. Damen, die in, diesen vier Kriegs- 
monaten schon viel Schmerzliches gesehen, schluchzen auf, 
ernsten, vom Leben abgehärteten Männern rinnen die Tränen 
über die Wangen. Zehn Blinde und zehn junge, hübsche, 
schlanke Burschen, aus deren leeren, entzündeten Augen- 
höhlen die ewige Nacht brütet oder deren gläserne Augen 
hilflos vor sich hinstieren. Die zuckenden Lippen, die blassen 
Wangen dieser zehn jungen Männer erzählen von Qual und 
Schmerz. Und doch lächelt der eine oder der andere, als er 
die Geschenke, das goldene Fünfzigkronenstück, die Taschen- 
uhr mit Schlagwerk, bekonnnt, und doch hält der Einjährig- 
Freiwillige, ein ukrainischer Student, eine artige Dankrede, 
in der die Worte „ich bin glücklich" vorkommen. 

Herzzerreißendes erzählen die Pflegerinnen von den 
bhnden Soldaten. Drei von ihnen sind verheiratet und sind 
Väter. Der eine zient immer wieder die [Photographie seiner 
Frau mit dem Kinde auf dem Arm aus der Tasche, streichelt 
und küßt sie. Die Frau eines anderen kam mit dem kleinen 
Kinde nach Wien, um ihn zu besuchen, und es spielte sich eine 
herzzerreißende Szene ab, als der Soldat den kleinen Sohn an 
sich preßte und schluchzend schrie: „Ich kenne dich nicht, mein 
Kind, und werde dich nie wieder sehen!" Und der dritte, der 
erst seit wenigen Monaten verheiratet ist, brütet dumpf vor 
sich hin und weiß nicht, ob er die junge Frau mit seinem Dasein 
belasten oder sie freigeben soll. 

Zehn Helden, die alle auf dem Felde der Ehre durch heim- 
tückisches Flankenfeuer das Augenlicht verloren haben, und 
jeder ein Schicksal für sich. 

Niemals wird man diese Weihnachtsbescherung ver- 
gessen, wie die Bevölkerung Oesterreich-Ungarns niemals das 
Schicksal der blinden Helden vergessen darf. Der Fonds für 
erblindete Krieger, den die „Neue Freie Presse" sannnelt. muß 
wachsen und wachsen — er beträgt zurzeit 78 685 K. — bis 
wir alle wissen, daß wenigstens das Gespenst der Sorge von 
diesen Tiefunglücklichen verscheucht ist. 

Nachstehend unser Bericht über die Feier: 

Als in allen Spitälern und Anstalten bei Ausbruch des 
Krieges Vorsorge getroffen wurde, um die nach Wien kommen- 
den verwundeten Krieger unterzubringen, und zu verpflegen, 
hat auch das k. k. Blindenerziehungsinstitut in der Witteisbach- 



23 

Straße geeignete Räiimliclikeiten für Soitalszwecke bereit- 
gestellt, und es galt als selbstverständlich, daß hier vorwiegend 
solche Soldaten untergebracht werden, die an den Augen 
Schaden genommen oder das Augenlicht vollständig verloren 
haben. Im September schon kam der erste Pflegling, und seit- 
her ist die Zahl der hier in Behandlung und Erziehung über- 
nonnnenen Kriegsblinden auf zehn gestiegen. Die Aufgabe, die 
sich der Direktor der Anstalt gestellt hatte, ging dahin, die 
blindgewordenen Soldaten nicht nur zu verpflegen und mit 
ihrem traurigen Lose zu versöhnen, sondern auch für ein neues, 
von dem bisherigen so grundverschiedenes Leben zu erziehen. 
Dies ist bei den jetzigen Pfleglingen schon ziemlich weit ge- 
diehen, wobei die Anstaltsdirektion wertvolle Hilfe bei drei 
Zöglingen gefunden hat, die trotz ihrer Blindheit dem Pfad- 
finderkorps angehören und gelernt haben, alle ihnen zur Ver- 
fügung stehenden Sinne zusammenzufassen, um das Augen- 
licht zu ersetzen. Und ihr Beispiel, ihre Mitwirkung hat sehr 
viel dazu beigetragen, die Soldaten anzueifern. Heute können 
sie schon alle recht viele Handfertigkeiten, manche sind bereits 
über die Anfangsgründe des Schreibens und Lesens nach 
Blindenart hinaus und hoffen auf eine erträgliche Zukunft. In 
dieser Hoffnung wurden sie neuerlich bestärkt durch die 
heutige Feier. 

Vor der Orgel stand ein mächtiger Christbaum, um den 
sich die kleinen Zöglinge der Anstalt geschart hatten, dann 
waren lange Tische mit Geschenken aufgestellt und in den 
ersten Sitzreihen hatten die kriegsblinden Soldaten Platz ge- 
nommen. Nachdem die Zöglinge das Weihnachtslied gesungen 
hatten, begrüßte Regierungsrat Alexander Meli die Anwesen- 
den und führte in einer formvollendeten Rede aus, wie schwer 
das Schicksal sei, das die im Kriege erblindeten Soldaten be- 
troffen habe. Pflicht aller sei es, ihr Los zu erleichtern, und 
dieser Pfliclit werde sich das Vaterland nicht entziehen. Mit 
herzlichen Worten gab er den Soldaten die Versicherung, daß 
sie bezüglich ihrer Zukunft nicht besorgt sein müssen, er er- 
innerte sie an das, was sie bereits in der Anstalt erlernt haben 
und wies auf die von den erst seit wenigen Monaten Erblin- 
deten hergestellten Gebrauchsgegenstände hin, die im Saale 
ausgestellt waren. Beredte Worte des Dankes fand Regie- 
rungsrat Meli für die Faktoren, welche die heutige Feier ermög- 
licht hatten, für die Pfadfinder, welche die Anstaltsleitung so 
wacker in ihrer Obsorge unterstützt und in seelischer Be- 
ziehung viel zur Aufmunterung der blinden Krieger beigetragen 
haben. Dann machte er die Mitteilung, daß der Kaiser, als er 
von der heutigen Feier erfuhr, für jeden Soldaten ein Geschenk 
geschickt habe, ein in Gold geprägtes Bild des Monarchen, und 
schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den 
Kaiser. Die Zöglinge, Soldaten und Gäste stimmten die Volks- 
hymne an, worauf der fürsterzbischöfliche Ordinariatssekretär, 
Konsistorialrat Merinski, vortrat und in herzergreifender An- 
sprache das Licht von Bethlehem als den Trost der Zukunft 



24 

für die erblindeten Soldaten heranzog, ihnen von gläubigem 
Qottvertrauen predigte und sagte: „Ihr habt in treuer Pflicht- 
erfüllung für das Vaterland mehr verloren, als das Leben; das 
Augenlicht habt ihr geopfert für die Oröße Oesterreichs, von 
dem wir wünschen, daß es ewig bestehen möge. So lange 
es Oesterreich gibt, wird euer gedacht werden." 

Nun wurden die Soldaten zu den Oeschenktischen geführt. 
Für jeden waren eine Taschenuhr mit Schlagwerk, ein Spar- 
kassenbuch mit 200 Kronen Einlage, vollständige Zivilkleidung, 
Wäsche, Bücher in Blindenschrift, Musikinstrumente, Rauch- 
waren und andere Gegenstände, die sie selbst gewünscht 
hatten, beschert. Die anwesenden Damen und Herren unter- 
hielten sich mit den Soldaten, erläuterten ihnen die < Gegen- 
stände und betrachteten ihrerseits mit großem Interesse das 
Cjeschenk des Kaisers. Es ist eine Ooldmünze mit der Prägung 
des Jahres 1915 in der Größe eines Fünfkronenstückes und hat 
den Wert von 50 Kronen. Nachdem die Geschenkpause vor- 
über war, trat ein erblindeter Soldat, Korporal mit der Ein- 
jährig - Freiwilligendistinktion, Andreas Woloszczak, ein 
Ruthene, vor und hielt in deutscher Sprache eine Dankrede, in 
der er sagte: „Wir haben soviel verloren; die Schönheit der 
Welt, der Natur, der Fluren und Felder sind für uns mit einem 
schwarzen Schleier verdeckt, jedoch wir klagn nicht. Es ist 
uns das Leben geblieben, der Verstand, das Gehör, die 
Sprache. Und damit müssen wir ersetzen, was uns fehlt. Wir 
hoffen, daß wir weiterkommen und uns mit dem, was uns ge- 
blieben ist, dem Vaterlande noch nützlich erweisen werden. 
Das gibt uns die Kraft, unser Schicksal zu ertragen", Redner 
dankte besonders dem väterlichen Direktor der Anstalt, 
Regierungsrat Meli, den Pfadfinderkameraden, dann den 
Spendern und Gästen für die am heutigen Abend bewiesene 
Fürsorge. 

(ft ■■=^ 



Verschiedenes. 



N. Frau Dirktor Minden in Berlin, eine Wohltäterin der 
dortigen städtischen Blindenanstalt, hat der Stadt Berlin eine 
Stiftung von 100 000 Mark überwiesen, mit der Bestimmung, 
daß nicht nur die Zinsen davon, sondern der ganze Betrag an 
solche Heeresangehörige aus ganz Deutschland zur Verteilung 
gelangen soll, die durch ein infolge des Krieges entstandenes 
Augenleiden erwerbsunfähig oder über das Maß des von Staat 
und Stadt zu Leistenden hinaus unterstützungsbedürftig 
werden. Gesuche um solche Unterstützungen sind an den 
Magistrat — General-Bureau — in Berlin zu richten. 

?r?chienen" Gottos Trost iii Kriegfsnot 

Gebetbuch für die Krie,ü;szeit. — Taschenformat 1 A 

Rhein. Blindenfürsorgeverein, Düren (Rhid.) 

Druck und Verlag der Hamel'schen Buchdruckerei u. Papierhandlung, Düren 



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jährlich 12 mal, einen 

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Bei Anzeigen wirD Die 

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oDer Deren Raum mit 

15 J berechnet. 



Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Urgan der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Verein» 
zur Förderung der Blindenbildung. 

Gegründet und bis September 1898 lierausgegebcn von 

kgl. Schnirat Wilhelm Mccker t. 

Fortgefüliit von Brandstaeter-Köiiigsberg, Lembckc-Neiiklüster, 

Mell-Wieii und Zech-K(Jiiigstlial. 

Haupllciter für 1915 ist Schnirat Brandstaeter Kö.iigsberg Pr , Bahnstr. 30. 

Ars pietasque dabunt lucein 
caecique videbunt. 



Nr. 2 



Düren, 15. Februar 1915 Jahrgang XXXV. 



Der Nachahmungstrieb und der Blinde. 

Von Brandstaeter-Königsberg (Pr.). 

Als Gott den Menschen schuf, verlieh er ihm außer anderen 
geistigen Gaben den Nachahmungstrieb. Wohl finden sich An- 
deutungen und Ansätze zu diesem Triebe auch bei einzelnen 
Tierfamiiien; aber bei keiner derselben ist der Nachahmungs- 
trieb so stark ausgebildet wie beim Menschen. Was das Tier 
tun und lassen soll, sagt ihm sein Instinkt; den Menchen le'tet 
in allem, was über rein körperliche Bedürfnisse hinausgeht, der 
Nachahmungstrieb. Das bedeutet für ihn eine Zurücksetzung 
gegenüber dem Tiere, aber auch eine Bevorzugung, denn der 
Nachahmungstrieb ist es, der es ihm ermöglicht, sich die \Lx- 
fungenschaften seiner Väter auf geistigem, technischem und 
wirtschaftlichem Gebiete zu eigen zu machen und damit von 
den Schultern seiner Vorfahren aus eine höhere Stufe der Kul- 
tur und Technik zu erreichen. Alle Weiter- und Fortbildung 
der Menschen würde ruhen oder doch im höchsten Grade be- 
schränkt sein, wenn ihnen der Nachahmungstrieb fehlte. Das 
Wunderbarste dabei ist, daß dieser Nachahmungstrieb keiner 
planmäßigen Behandlung und keiner besonderen Pflege zu 
seiner Kräftigung bedarf. Er ist da, die dem Menschen ver- 
liehenen Sinne reizen ihn, und diese unbeabsichtigte tägliche 
Reizung und Erregung läßt ihn erstarken und ihn zu einer oft 
unbeachteten, aber trotzdem doch wirksamen Macht im Men- 
schen werden. Was das junge Menschenkind seine Eltern und 
Geschwister tun und schaffen sieht, ahmt es nach, und hat da- 
mit in seiner, wenn auch nur allgemein tätigen Umgebung 



26 

einen seiner Maclit unbewußten und von der Größe seiner Be- 
deutung unbeeinflußten Erzieher, den i\eine pädagogische 
Wissenschaft und Iveine Lehrkunst ihm anderweitig beschaffen 
könnte. 

Ohne die Sinne kann sich der Nachahmungstrieb aller- 
dings niclit wirksam erweisen. Daraus folgt, daß die Vier- und 
und Dreisinnigen in dieser ISeziehung so sehr viel ungünstiger 
gestellt sind, als die Vollsinnigen, denn ihr Nachahmungstrieb 
kann wegen des Mangels eines oder zweier Sinne für ihre Er- 
ziehung niciit voll ausgenützt werden. Wenn blinde Kinder, die 
aus dem Elternhause in die Blindenanstalt kommen, vernach- 
lässigt erscheinen, so liegt es oft nicht daran, daß die Eltern 
sich zu wenig um sie gekümmert haben, — in den meisten 
Fällen kümmern sie sich um das blinde Kind genug und hüten 
es zu sehr, — sondern es liegt in der Eigenart des Blinden be- 
gründet. Es fehlt ihm der Reiz durchs Auge auf den Nach- 
almmngstrieb, der die äußere allgemeine Erziehung des jungen 
Menschen ohne besonderes Zutun der Eltern besorgt, und es 
fehlt in der Regel den Eltern die Fähigkeit, diesen Mangel zu 
erkennen und auf andere Weise das zu schaffen, was Auge 
und Nachahmungstrieb beim sehenden Kinde still und unbe- 
merkt erzielen. Noch schlimmer als die Blinden sind die 
Taubblinden daran. Die Lebensgeschichte der Miß Helen 
Keller und die Erziehungsmaßnahmen ihrer Erzieherin sind in 
dieser Beziehung lehrreich. Das ungebärdige Kind mußte erst 
die Uebermacht seiner Erzieherin kennen lernen, mußte erst 
gefügig gemacht werden, das ihm von derselben gegebene Vor- 
bild zu beachten und dieselbe in ihrem Tun und Lassen nach- 
zuahmen, ehe an eine planmäßige Erziehung gedacht werden 
konnte. Denn der Nachahmungstrieb lebt auch in diesen drei- 
und viersinnigen Kindern: Da hockt der blinde Knabe, wiegt 
sich — allerdings ganz gegen die herrschende Sitte der Sehen- 
den — in den Hüften, kräht aber sehr natürlich wie ein Hahn, 
meckert wie eine Ziege, pfeift und pustet wie eine Lokomotive 
und ahmt alle die Laute und Geräusche nach, welche ihm das 
Ohr zuträgt. 

Die Einwirkung der Sinne auf den Nachahmungstrieb ist 
sehr verschieden und für die Erziehung des jungen Menschen 
auch sehr verschieden zu bewerten. Geruch und Geschmack 
gewähren dem Menschen wohl eigenartige, zum Teil auch 
feine Reize und Genüsse, sie sind beide aber nicht geschaffen, 
den Nachahmungstrieb zu wecken und zu reizen. Unter den 
drei übrigen Sinnen steht in dieser Hinsicht das Gesiclit für den 
gesunden Menschen obenan, i^ie Eindrücke, die es von der 
Außenwelt empfängt, regen den Menschen am häufigsten und 
im weitesten Umfange zur Nachahmung an. Schon der kleine 
Junge muß nachahmen, was an seinem Auge vorüberzieht. 
Der Stecken wird ihm zum Pferde, auf dem er dahersprengt 
wie der Reiter, den er soeben vorübertraben sah. Zwei Fuß- 
bänke genügen ihm, um Eisenbahnzug zu spielen. Ein aus Pa- 
pier gefalteter Dreimaster und eine armlange dünne Holzleiste 



S7 

reichen völlig zu seiner Ausrüstung aus, wenn er Soldat spie- 
len will. Das kleine Mädchen sieht die Mutter sich mit dem 
Säugling beschäftigen; sofort will es eine Puppe haben, um 
ebenfalls Mutter und Kind spielen zu können. 

Der Nachahmungstrieb treibt den Menschen zum Handeln 
und Darstellen nach dem Vorbilde, das ihm das Auge vermit- 
telt. Das Subjekt des Handelns und Darstellens ist immer der 
Mensch, das Objekt ist der Mensch selbst oder ein Gegen- 
stand außer ihm. Sieht der Knabe, wie der Soldat vor seinem 
Hauptmann stramm steht oder beim Vorübergehen durch An- 
legen der Hand an die Mütze grüBt, so zwingt er seinen Körper 
beim Soldatspielen ebenfalls strannn zu stehen oder militärisch 
zu grüßen. Sein eigener Körper ist der Gegenstand, an und mit 
dem der Nachahmungstrieb arbeitet. Spielt das Mädchen mit 
der Puppe, so muß es allerdings handelnd mit seinem Körper 
tätig sein, muß die Puppe waschen und anziehen, nmß sie auf 
dem Arme tragen oder zur Ruhe legen, aber es braucht zur 
Befriedigung des Nachahmungstriebes einen Gegenstand, die 
Puppe. Durch den Nachahmungstrieb wird also einerseits die 
körperliche Haltung und das äußere Benehmen des Menschen, 
andererseits seine Beschäftigung mit den Dingen seiner Um- 
gebung beeinflußt. 

Die Reizungen des Nachahmungstriebes, welche durch 
die Wahrnehmungen des Ohres ausgeübt werden, sind nicht so 
häufig und mannigfach als diejenigen, welche das Auge aus- 
löst. Immer handelt es sich hier darum. Töne, Laute und Ge- 
räusche nachzuahmen, wobei sich der Mensch entweder seiner 
Stimme und seiner Gliedmaßen oder anderer geeigneter Hilfs- 
mittel bedient. Das Kind ahmt mit seinem Munde die Stimme 
der Tiere nach oder klappert wie eine Mühle, indem es mit 
Holz auf Holz schlägt. 

Weil "der Sehende den Hautsiim weniger in Anspruch 
nimmt, so hat dieser Sinn auch weniger Gelegenheit, den 
Nachahmungstrieb zu reizen. Wir benutzen den Temparatur- 
sinn wohl, um uns von der Wärme oder Kälte eines Gegen- 
standes zu überzeugen, um das Angenehme des einen oder 
anderen Zustandes zu genießen; wir benutzen den Drucksinn, 
um die Beschaffenheit eines Körpers inbezug auf Härte 
und Weiche festzustellen und daraus Folgerungen zu ziehen; 
ob ein Gegenstand spitz oder stumpf ist, lassen wir aber, so 
weit es irgend möglich ist, durchs Auge entscheiden; wir be- 
nutzen — freilich nur bei Dunkelheit — den Ortssinn, um die 
Ausdehnung eines Körpers, die Verbindung seiner Teile oder 
die Lage zweier Körper zueinander festzustellen: aber alle 
diese Wahrnehmungen haben keinen Einfluß auf die Erregung 
des Nachahmungstriebes. Die Reize, welche der Hautsinn in 
uns auslöst, dienen hauptsächlich unserem Drange nach Er- 
kenntnis. Daneben können sie in uns Wohlgefallen oder Miß- 
fallen erregen; sie sind aber von Natur nicht geschaffen, den 
Nachahmungstrieb in uns wachzurufen. Wohl aber kann der 
Hautsinn den Menschen bei der Ausführung einer Nachahnumg 



28 

leiten und unterstützen, und damit unterscheidet er sich be- 
deutsam vom üesclunaciv und Geruch, die es nicht können. 
Durch Betasten kann sich jeder Mensch überzeugen, wie die 
Haltung des Armes sein muß, wenn es ihm gelingen soll, eine 
vorgemaclite 'ruriülbung nachzumachen, wie ein Werkzeug 
gehalten werden muß, damit es richtig arbeitet. 

Der Blinde muß, weiui es sich um Reizung und Anregung 
seines Nachahmungstriebes handelt, nicht nur auf Geschmack 
und Geruch, auf die ja auch der Sehende liierfür nicht zählen 
darf, sondern aucli auf das Gesicht verzichten. Es bleiben also 
nur Gehör und Hautsinn, die ihn zur Nachahmung anregen 
können. Die Hilfe des Gehörs auf diesem Gebiete ist von Na- 
tur keine sehr umfangreiche. Beachtet der Blinde auch alles 
und jedes, was sich an das Ohr wendet, aufmerksamer als der 
Sehende, so ist die Tätigkeit, zu der die Gehörswahrnehmungen 
aus sich allein heraus den Nachahmungstrieb anregen können, 
doch nur eine einseitige, nämlich Töne, Laute, Geräusche nach- 
zubilden. Auch diese Hilfe müssen wir bei der Erziehung der 
Blinden dankbar aimehmen, — der Blinde, der durch Reizun- 
gen des Gehörs nur zur äußerlichen Nachahmung des Gehörten 
getrieben wird, ist eine Gestalt, die wir Blindenlehrer aus Erfah- 
rung kennen und wegen ihrer Mitleid erregenden Hilflosigkeit 
und Unschöne nicht gern sehen, — die Erziehung braucht den 
Nachahmungstrieb aber auf allen Gebieten des Darstellens 
und Sichbetätigens. Dem Tastsinn wieder fehlt, wie wir ge- 
sehen haben, die Fähigkeit, seine Reizungen unmittelbar auf 
den Nachahmungstrieb zu übertragen. So scheint der Blinde 
von Natur aus verurteilt zu sein, auf die allseitige Hilfe des 
Nachahmungstriebes bei seiner Erziehung für das Leben ver- 
zichten zu müssen, nicht, weil der Nachahmungstrieb in ihm 
versagt oder verkümmert ist, sondern nur, weil ihm der Sinn 
fehlt, dessen Eindrücke von der Tätigkeit in der Außenwelt 
am kraftvollsten den Nachahmungstrieb reizen. Das ist die 
natürliche Eigenart des Blinden. Aufgabe der Blindenerzieher 
ist es, dieser Eigenart ihrer Zöglinge entsprechend Mittel zu 
suchen und zu finden, welche geeignet sind, den Nachahmungs- 
trieb der Blinden in Tätigkeit zu setzen. Man täusche sich 
nicht: der Befehl „sei tätig!" tut's nicht; er macht unfrei und 
erzieht Knechte. Auch der dauernde Zwang, tätig zu sein, zu 
schaffen und zu arbeiten, führt nicht zum Ziele; er erzieht Ar- 
beitsmaschinen ohne Lust und Liebe zur Tätigkeit. Auch Be- 
lohnungen und Strafen reichen hierzu nicht aus; sie können 
wohl die Begehrlichkeit wecken, aber nicht den Nachahmungs- 
trieb, der selbst dann, wenn er sich auf ein unedles Vorbild 
richtet, immer noch die freie Kraft zeigt, die den Menschen 
auszeichnet und seinen Geist erhebt. Was diesen Trieb er- 
regen soll, muß allerdings als Sinneseindruck von außen kom- 
men; es muß ein Wohlgefallen an dem Vorgange wecken, dem 
der Sinneseindruck zu Grunde liegt, und muß das Verlangen 
wach werden lassen, Nachschöpfer dieses Vorganges zu sein, 
um sich noch einmal an ihm, wenn auch nur in der Nach- 



29 

scliöpfuiig, zu erfreuen. Ist das riclitiji, so ist damit auch dem 
Blindenleiirer der Weg gewiesen, auf dem er nach den Mittehi 
suchen und forschen muf], die imstanJe sind, den Nachahmungs- 
trieb der Bhnden allseitig zu beleben. 

Während das beobachtende Auge in der Regel sofort er- 
faßt, wie ein in seinem Blickfeld sich abspielender Vorgang 
verläuft und wie der Beobachter es anstellen nuiß, um den 
Vorgang nachahmend wiederholen zu können, läßt uns das Ohr 
stets darüber im Unklaren, wie und von wem das (jehörte her- 
vorgebracht ist. Dafür weckt aber jeder (jehörseindruck 
unsere Neugierde und Wißbegierde. Sehende und Blinde fra- 
gen bei jedem ihnen unbekannten Geräusch: Was war das? 
i^as Auge sucht nun nach dem Erreger des Geräusches und 
vermag meist sogleich festzustellen, wie das Gehörte hervor- 
gebracht wurde. Der Blinde fragt und gibt sich, ist er falsch 
erzogen, zufrieden, wenn ihm ein Sehender in Worten Aus- 
kunft erteilt. Seine Wißbegierde ist durch Worte gestillt. 
Ganz junge blinde Kinder, bei denen die Erziehung noch nicht 
ertötend genug gewirkt hat, fragen jedoch weiter und ruhen 
nicht eher, bis sie den Erreger des Tones oder Geräusches 
mit den Händen erfaßt und durch Betasten sich überzeugt 
haben, was sie zu tun haben, um den gleichen Klang, dasselbe 
Geräusch hervorzubringen. Der Gehörseindruck weckt also 
beim Blinden die Neugierde oder die Wißbegierde. Diese 
strebt darnach den Vorgang, von dem das Ohr Kunde erhalten 
hat, durch den Tastsinn zu begreifen. Löst dieses Begreifen, 
wie es in der Regel natürlich ist, ein Wohlgefallen an dem Vor- 
gange aus, so wird der Nachahmungstrieb geweckt. Der 
Blinde ahmt den Vorgang nach, um sich selbst durch das Tun 
und sein Ohr durch die Wiederholung des Gehöreindruckes 
zu erfreuen. 

Bei dieser Betätigung stößt der Blinde auf zwei Schwierig- 
keiten: es gibt viele Vorgänge, deren Verlauf er nicht mit 
Hilfe des Tastsinnes verfolgen kann, und viele, die er nicht 
naturwahr kennen lernen und nicht naiurgetreu nachahmen 
kann. Klopft jemand an die Tür oder an das Fenster, so kann 
man das blinde Kind auf die Frage: was ist das? die klopfende 
Hand betasten und beim Klopfen verfolgen lassen. Das Kind 
wird dann sogleich nachahmen, was es gefühlt hat, und eben- 
falls klopfen. Anders ist es, wenn das Kind das Geräusch in der 
Stubenwand hört, welches entsteht, weim der Schornsteinfeger 
das Rauchrohr kehrt. Dem sehenden Kinde zeigt man auf 
seine Frage: was ist das? den schwarzen Alami oben auf dem 
Dache des Hauses, auf dem Schornstein stehend. Es sieht 
dann, wie dieser Mann den Kehrbesen mit der Eisenkugel in 
das Rauchrohr hinabläßt, w ie die Leine schnell nachgleitet, wie 
dann der Schornsteinfeger bald mit dem rechten bald mit dem 
linken Arme die Leine aufwärtszieht und in Ringen nieder- 
fallen läßt, und wie endlich Besen und Kugel wieder aus dem 
Schornstein auftauchen. Das blinde Kind können wir nicht 
zu dem Manne auf das Dach führen, können es nicht fühlen 



30 

und beobachten lassen, was da oben s:eschielit. Begnügen 
wir uns, dem blinden Kinde in der Stube auf seine Frage: 
was ist das? zu antworten: das ist der Schornsteinfeger, 
der das Rauchrohr kehrt! so wird es bei der nächst- 
niaiigen Wiederiveiir des Schornsteinfegers das Qeräuscli so- 
fort wiedereriveiuien und nicht mein' fragen, was ist das?, 
sondern sagen: Heute ist der Scliornsteinfeger wieder da! Ja, 
es wird aucli mit dem Munde oder sonst wie das üeräuscli des 
im Kamin iiinabgleitenden Besens nacliainnen, aber weiter 
wirkt der üehörseindruck, das erklärende Wort nicht. Weil 
ihm das Geräusch nur Geräusch ist und nicht Begleiterschei- 
nung eines beobachteten tatsächlichen Vorganges, weil es die 
Tätigkeit des Schornsteinfegers auf dem Dache nicht kennt, 
ist und bleibt dem blinden Kinde das Geräusch ein Schall, der, 
trotzdem es weiß, der Schornsteinfeger arbeitet im Schorn- 
stein, trotzdem es Kehrbesen, Eisenkugel und Leine betastet 
hat und als Ggenstände kennt, den Nachahmungstrieb nicht 
auslösen und zur nachahmenden Tätigkeit treiben kann. Wie 
in diesem Falle, so geht es dem Blinden in vielen Fällen. Bas 
Ohr bringt ihm Kunde davon, daß etwas geschieht, er muß 
sich aber mit einem den Vorgang benennenden Worte zufrieden 
geben weil die ihm zur Verfügung stehenden Sinne nicht aus- 
reichen, den Vorgang in seinem Verlaufe zu beobacliten. Wie 
ist dem Blinden hier zu helfen? Nur dadurch, daß man ihn 
selbst zum Handelnden macht. Was ich selbst tue, keime ich 
in seinen Einzelheiten wie in seinem Verlauf ebensogut, viel- 
leicht besser, als wenn ich es nur beobachtet habe. In diesem 
Falle kann ich das blinde Kind nicht auf das Dach des Hauses 
stellen; nun so lasse ich es auf den Tisch klettern, stelle als 
Schornstein neben den Tisch ein aus vier Brettern zusammen- 
gefügtes Rohr, zeige ihm, wie es den mit der Kugel beschwer- 
ten Besen in das Rohr hinablassen und dann an der Leine, Zug 
um Zug, wieder heraufziehen nniß, lehre es achtgeben, daß es 
nicht rücklings niederfällt, wenn der Besen den Schacht ver- 
läßt, lasse es die Leine aufnehmen und nebst Besen und Kugel 
über die Schulter legen, damit es beim Abstieg vom Tische 
beide Hände frei hat. Wenn dann wieder einmal das bekannte 
Geräusch in der Wand zu hören ist, sagt das blinde Kind nicht 
nur: der Schornsteinfeger ist wieder da!, sondern dann denkt 
es sich in den Schornsteinfeger hinein und verrichtet in Ge- 
danken alle die Arbeiten, die da oben auf dem Dache in Wirk- 
lichkeit geschehen. Diese Vorstellung besitzt auch die Kraft, 
den Nachahmungstrieb zu wecken und zu beleben. Kann das 
Kind nicht als Schornsteinfeger auf dem Dache des Hauses 
stehen, so steht es auf dem Tische, auf der Bank, hat es keine 
Leine mit Besen und Eisenkugel, so ninnnt es eine Schnur, ja 
es braucht diese nicht einmal, aber es arbeitet mit seinem Kör- 
per in Gedanken auf dem Schornstein stehend, als wäre es 
Schornsteinfeger und hätte alles dazu nötige Handwerkszeug, 
und der Mund ahmt nach, wie es im Schornstein schurrt und 
klopft. 



31 

Schon das vorstellend ausgeführte Beispiel zeigt, daß der 
Blinde nicht jede Tätigkeit naturwahr keimen und kennen 
lernen und naturgetreu nachahmen kann. Aber auch das 
sehende Kind erhebt nicht den Anspruch, stets in der Lage zu 
sein, das Beobachtete naturgetreu nachzuahmen. Ein Stecken 
wird dem Jungen zum feurigen Roß, auf dem er dahinjagt; 
einige hintereinander gestellte Bänke oder Stühle werden ihm 
zum rollenden und ratternden Eisenbahnzuge, der ihn in die 
Ferne bringt; eine Puppe mit Porzellankopf wird dem Mäd- 
chen zum lebendigen Kinde, mit dem es spricht, das es in den 
Schlaf wiegt. Auch das blinde Kind hat Phantasie genug, um 
sich bei der Betätigung seines Nachahmungstriebes mit den 
scheinbar unmöglichsten Ersatzgegenständen zu begnügen, nur 
ist die Phantasie der Blinden bei uns Blindenlehrern zu sehr in 
Verruf gekommen. Wir glauben sie unterdrücken zu müssen, 
während es doch unsere Aufgabe sein sollte, sie in rechter 
Weise zu pflegen. Die beste Pflege der Phantasie ist aber die 
Schaffung richtiger Vorstellungen von den Vorgängen im wirk- 
lichen Leben. Das weist auf die zweite Schwierigkeit hin, der 
wir, wie oben ausgesprochen, bei der Bildung des Blinden be- 
gegnen. Viele dem Auge sichtbare Betätigungen und Lebens- 
vorgänge kann der Blinde nicht naturwahr kennen lernen. 
Er sieht nicht, wie der Sämann über das Feld schreitet und 
den Samen ausstreut; er sieht nicht, wie der Hase im Felde 
sich aufrichtet und umherschaut, wie er in kurzen Sätzen 
weiterhüpft, wxnn keine Gefahr droht, wie er in langen Sprün- 
gen das Weite sucht, wenn er verfolgt wird. Darf man für die 
nachahmende Tätigkeit die Phantasie nach Belieben schalten 
und walten lassen, so muß man da, wo der Blinde einen Vor- 
gang kennen lernen soll, bemüht sein, ihn so handeln zu lassen, 
daß seine Tätigkeit der Wirklichkeit möglichst nahe kommt. 
Wie dieses gemeint ist, ist oben an einem Beispiel ausgeführt 
worden, indem gezeigt wurde, wie man den Blinden mit der 
Tätigkeit des Schornsteinfegers bekannt macht. Denn nur ein 
genaues Kennenlernen eines Vorganges, ein Handeln in mög- 
lichster Naturw^ahrheit sichert die Wirkung, daß ein mit dem 
Vorgänge verbundener Klang oder Schall durchs Ohr die Vor- 
stellung des Vorganges im Geiste hervorruft und damit den 
Nachalinnmgstrieb weckt und die Phantasie belebt. 

Nach diesen Ausführungen allgemeiner Art wollen wir die 
verschiedenartigen Wahrnehmungen des Opfers in ihrer Aus- 
nutzung für die Belebung des Nachahmungstriebes gesondert 
betrachten. 

Die Vorliebe der Blinden für Musik ist bekannt. So groß 
ist ihr Wohlgefallen an den Tönen, daß jeder singen oder ein 
Musikinstrument spielen möchte. Wird dem Blinden das 
Wohlgefallen an dem Wohllaut der Töne erhalten, so wird er 
auch die Mühe nicht scheuen, welche er dauernd anwenden 
muß, um seine Stimme oder ein Musikinstrument zu meistern 
und ebenso schön zu singen oder zu spielen wie die, welche ihn 
durch Töne ergötzten und ihm das Vorbild w^aren bei Ab- 



32 

steckung des Zieles, das er sich für sein Lernen und Ueben 
setzte. Nichts wirkt auf den Nachahmungstrieb der Blinden 
stärker, als Musik, i^as beweisen in jeder Blindenanstalt die 
vielen Meldungen, die jedesmal erfolgen, wenn gefragt wird, 
wer anfangen will, ein Musikinstrument spielen zu lernen. 

Der Blinde hört gern sprechen und ahmt auch gern nach, 
wie andere sprechen. Cr hat ein Wohlgefallen an der Ver- 
schiedenheit des Stinnnklanges. Diese Vorliebe muß der Un- 
terricht ausnützen und für die Allgemeinbildung des Blinden 
verwerten. Nicht nur, damit der Schüler technisch befähigt 
werde, seine Sprechwerkzeuge in verschiedener Weise zu ge- 
brauchen, ;'lso nachzuahmen, sondern damit er immer besser 
ausgebildet werde, auf die Verschiedenheit des Sprechens und 
der Klangfarbe einer Stimme zu achten und aus dieser Ver- 
schiedenheit mancherlei an und von dem Sprechenden zu er- 
kennen, was der Sehende durchs Auge wahrnimmit. Voraus- 
setzung für diese Kunst des Hörens ist allerdings die Beherr- 
schung der Technik des Sprechens. Darum müssen schon von 
der Unterstufe an Uebungen im langsamen und schnellen, im 
lauten und leisen, in verschieden hohen und tiefen Sprachen 
angestellt werden, Uebungen, die sich beim Aufsagen der Ge- 
dichte und beim Wiedergeben der direkten Reden in Erzäh- 
lungen anwenden und verwerten lassen. Haben die Kinder z. B. 
das Gedicht von Karl Enslin: „Eine Uhr bin ich nur" gelernt, 
so gewährt es ihnen große Freude, die Verse so langsam und 
mit tiefer Stimme zu sprechen, wie eine große Uhr geht und 
schlägt, oder es so schnell und mit hoher Stimme vorzutragen, 
wie eine kleine Uhr sich bewegt und schlägt. Das Gedicht: 
„Frau Schwalbe ist 'ne Schwätzerin" ist eine vortreffliclie 
Uebung im schnellen und gleichmäßig hohen Sprechen. Es be- 
lebt den Nachahmungstrieb und übt das aufnehmende Ohr, 
wenn der Lehrer ab und zu einen Satz, einen Vers langsam 
oder schnell, mit kleineren oder größeren Pausen innerhalb des 
Satzes, mit hoher oder tiefer Stimme, mit Betonung des einen 
oder anderen Wortes vorspricht und seine Schüler auffordert, 
in derselben Weise nacJizusprechen. Es ist für viele Kinder 
nicht leicht, diese Forderung zu erfüllen. Oft versagt das Ohr 
bei der Auffassung des (jesprochenen, oft der Mund bei der 
Nachahmung. Wenn von der Unterstufe an darauf Wert ge- 
legt wird, daß die Schüler die Unterschiede in der Klang- 
farbe, in der Klangstärke, in der Schnelligkeit der Aufeinander- 
folge, in der Betonung der gesprochenen Wörter beachten ler- 
nen, so werden sie beim Erzählen einer Geschichte den Vater 
anders sprechen lassen als den Sohn, die Großmutter anders 
als das Kind, und werden dadurch beweisen, daß der Nach- 
ahmungstrieb auch dann bei ihnen geweckt wird, wenn er nicht 
von einem t^itsächlichen Vorgange, sondern nur von einer 
geistigen Vorstellung gereizt wird. 

Wie schoji vorhin ausgeführt wurde, verhalten sich alle 
Menschen einem neuen, ihnen unbekaimten Geräusch gegen- 
über gleich, sie fragen: was war das? Aufgabe der Erziehung 



33 

des blinden Kindes ist es, die in dieser Frage sich offenbarende 
Wißbegierde auf den richtigen Weg zu ihrer Befriedigung zu 
leiten. Nicht richtig ist es, blinden Kindern das Geräusch 
durch Worte zu erklären; allein richtig ist es, sie den Ort suchen 
zu lassen, wo das Geräusch herkommt, und sie tasten zu 
lassen, was bei der liervorbringung des Geräusches tätig ist, 
oder, falls ein Betasten nicht möglich ist, das Kind anzuleiten, 
dasselbe oder ein ähnliches Geräusch hervorzubringen. 

Anders verhalten sich die Menschen, wenn ihnen ein Ge- 
räusch bekannt ist. In diesem Falle geben sich Blinde wie 
Sehende zufrieden mit dem, was sie gehört haben, denn sie 
wissen, was da geschieht, oder was das Geräusch bedeutet. 
Hieraus folgt, daß der Frzieher eines blinden Kindes sich nie- 
mals zufrieden geben darf, wenn in dem Kinde beim Wahrneh- 
men eines Geräusches ein Sich-zufrieden-geben Platz greift. 
Es kann dieses ein Beweis dafür sein, daß das Kind den Vor- 
gang, dem das Geräusch sein Entstehen verdankt, kennt! es 
kann aber auch ein Zeichen von der Oberflächlichkeit des Kin- 
des sein, das sich begnügt, sein Wissen von dem Geräusch 
durch Hörensagen erlangt zu haben. Der Blindenlehrer darf 
sich also niemals beruhigen, wenn seine jungen Schüler ein 
seltener hörbares Geräusch richtig benennen, sondern muß 
feststellen, ob sie wissen, wie es entstanden ist und welche 
Vorgänge sich dabei abspielen. 

Das Gehör kann auch für das Aufnehmen und Auffassen 
von Geräuschen geschult werden. Es kann unterscheiden ler- 
nen zwischen rhythmisch gegliederten und unrhythmischen Ge- 
räuschen und kann bei den ersteren den Rhythmus erkennen 
und bestimmen. Als Uebungen für diesen Zweck dienen am 
besten die Geräusche, die die Kinder selbst verursachen können : 
Das Klatschen in die Hände, das Klopfen mit den Finger- 
knöcheln an die Tür, an die Fensterscheibe, das Schlagen mit 
einem Stäbchen, mit einem Finger auf den Tisch, an eine 
Flasche, an einen Becher usw\, das Gehen und Schreiten, alles 
dieses in verschiedenen Taktarten, in verschiedener Aufein- 
anderfolge, in verschiedenen Stärkegraden. Dadurch wird das 
Gehör geübt und das rhythmische Gcfülil geweckt, aber auch 
die Beherrschung der Gliedmaßen angebahnt, wo es gilt, sich 
einer Ordnung zu unterwerfen, oder ein Gefühl zuiti Ausdruck 
zu bringen. Werden solche Uebungen regelmäßig angestellt, 
so kann man verlangen, daß die Kinder nicht nur sagen, wie 
das Geräusch entstanden ist, sondern daß sie auch den Rhyth- 
mus und die Tonstärke angeben, und bei allen mit Absicht her- 
vorgebrachten Geräuschen das Gefühl zu deuten suchen, das 
sich in ihnen ausspricht. Schreitet jemand an dem Blinden vor- 
über, so muß er aus Geräusch und Rluthmus die Gangart und 
Schrittfolge bestimmen und zugleich erkennen können, ob der 
Vorübergehende mit und in seinem Schreiten eine bestimmte 
Absicht verraten hat. Nur unter der Bedingung, daß der Schü- 
ler hierzu fähig ist, kann die Vorstellung, welche durch das 
vom Ohr aufgenommene Geräusch geweckt wird, auch den 



34 

Nachahmungstrieb reizen. Es ist jedem Bhndenlehrer zu em- 
pfehlen, seine Schüler ab und zu in dieser Hinsicht zu prüfen 
und festzustellen, ob sie fähig sind, ein (jeräusch richtig auf- 
zufassen und richtig nachzualnnen. 

Die Reizung des Nachahmungstriebes durch Eindrücke, 
die der Tastsinn aufgenommen hat, liegt, wie schon ausgeführt 
wurde, nicht in der Natur des letzteren. Trotzdem müssen wir 
von dem Tastsinn und seiner Mitwirkung hei i3etätigung des 
Nachahnmngstriebes sprechen. Nur sollen dabei alle diejeni- 
gen Vorgänge ausgeschlossen sein, welche sich durch einen 
Ton oder durch ein Geräusch dem Ohre bemerkbar machen 
oder erkennbar verraten. Hierher gehört zunächst alles, was 
mit der Haltung und dem Benehmen des Menschen zusammen- 
hängt. Ein Vorbild gibt es für den Blhiden auf diesem Gebiete 
nicht, weil ihm das Auge fehlt. Durch den Tastsinn kann er 
wohl Einzelheiten in Haltung und Benehmen des Menschen er- 
kennen, er wird auch angehalten werden müssen, dieses kennen 
zu lernen, im übrigen wird man ihm aber sagen müssen, wie 
er sich körperlich zu halten und äußerlich zu benehmen hat, 
und wird die erforderlichen Uebungen darin mit ihm anstellen 
müssen. 

Man schreibt dem Turnen gern die Kraft zu, die körper- 
liche Haltung und die Bewegungen des Menschen günstig zu 
beeinflussen. Für den Sehenden, der durchs Auge Vergleiche 
in dieser Beziehung anstellen kann, trifft das jedenfalls voll zu. 
Bei den von Jugend auf völlig Blinden habe ich aber die merk- 
würdige Erfahrung gemacht, daß sie infolge der vielen Uebun- 
gen in der Turnstunde alle turnerischen Haltungen und Bewe- 
gungen auf Komnumdo tadellos ausführen, im täglichen Leben 
aber die Körperhaltung und die Körperbewegungen beibehal- 
ten, welche ihnen von Natur bequem oder durch Vernachlässi- 
gung in den ersten Kindheitsjahren zu eigen geworden sind. 
Sehr schwer ist es für den von Jugend auf völlig Blinden, selbst 
wenn er ein geschickter Turner ist, sich eine gewisse Anmut 
der Bewegungen zu erwerben und dauernd zu erhalten. Solche 
Blinde habe ich noch nie die Kniebeuge schön ausführen sehen. 

Um dem Blinden ein für sein körnerliches Verhalten und 
Benehmen ein, wenn auch nicht leibhaftiges, so doch geistiges 
Vorbild zu schaffen, enn^fiehlt es sich, überall da, wo es der 
Unterrichtsstoff erlaubt, hanflelnd auftreten zu lassen. Z. B.: 
In dem Märchen von den Heinzelmännchen hat der Schuh- 
macher sein letztes Leder verarbeitet; am nächsten Morgen 
kommt ein Käufer, findet die Schuhe nässend und zahlt dafür 
mehr, als ihm vom Schuhmacher abgefordert wird. Diese 
kleine Szene habe ich von Schülern des ersten Schuljahres auf- 
führen lassen. Ein Kind ist der Schuhmacher, das andere der 
Käufer. I etzteres geht vor die Schulzimmertür und klonft an. 
Der Schuhmacher ruft herein. Der Känfer tritt ein. wünscht 
einen enten Morien und fragt, ob er h'er in der Schuhmacher- 
werkstatt sei. Der Schuhmacher bejaht dieses und fraet nach 
dem Begelir. Der Käufer: Ich wünsche ein Paar gute feste 



35 

Schuhe zu kaufen. Der Schuliinacher: Ich habe gerade ein 
I'aar Qutc Schuhe fcrtijr: bitte, setzen Sie sich auf diesen Stuhl 
und passen Sie die Schulie an. Käufer (nachdem er die Schuhe 
anj^epaf.U hat): .la, die Schulie passen und gefallen mir aucli. 
Wieviel kosten sie? Schuhmacher: 5 Mark. Käufer: Sehr 
schön; die Schulie gefallen mir so gut, daß ich Ihnen gern 6 
Mark gebe; hier ist das Oeld. Schuhmacher: Ich danke Ihnen 
schön. Käufer: Wünsche einen guten Tag! Schuhmacher: 
(i(üt zum Gruß! Jedes Kind will einmal Schuhmacher, einmal 
Käufer sein, nadurch gewinnt diese Aufführung einen Wert 
als Spiel und spielende Beschäftigung, worauf später zurück- 
zukommen sein wird. Nicht immer verläuft das Gespräch in 
derselben Form. Das eine Kind bringt diese, das andere jene 
Abweichung. .le freier sich die Kinder in ihrer Rede bewegen, 
desto besser. Bei dieser kleinen Szene kommt es nicht nur auf 
das gesprochene Wort an, sondern ebenso sehr auf die körper- 
liche Haltung und das Benehmen der handelnden Personen. 
I^er Lehrer hat hierbei Gelegenheit, beides, Haltung und Be- 
nehmen seiner Schüler zu verbessern und zu regeln und da- 
durch den blinden Kindern ein Bild zu schaffen, wie sie sich in 

solchen und ähnlichen Fällen zu benehmen haben. 

(Fortsetzung folgt.) 



Die Blindenanstalten und der Krieg 1914. 

(Fortsetzung.) 

Birndenanstalt Pfaffenhausen. 

In unseren Werkstätten werden mit regem Eifer Körbe 
gefertigt für die Kriegskonserven-Fabriken, und unsere 
Mädchen stricken fleißig, damit unsere Soldaten für den 
Winter mit allem versehen werden können, was sie für diese 
Zeit an warmen Bekleidungsstücken nötig haben, 

Scfiw. M. Anna Höß C. S. J. 

In der Blindenanstalt zu Weimar 

haben wir am 24. August nach Rückkehr der Zöglinge aus den 
Ferien unsern Unterricht in althergebrachter Weise wieder 
begonnen und ist der Anstaltsorganismus bisher in keiner 
Weise vom Kriege, seinen Vorbereitungen und seinen Folgen 
beeinflußt w^orden. 

Von der Verwendung unserer Turnhalle zu einem Lazarett 
hat man der Zöglinge wegen Abstand genonnnen. Vom Lehr- 
körper war ein Blindenhilfslehrer einberufen; er ist aber 
zunächst wieder zurückgestellt worden. 

W^o wir bei Samariterarbeit, bei Wachdiensten, bei Labung 
durchziehender Truppen helfen konnten und können, geschah 
es und geschieht es natürlich noch. 

In größerer Zahl als sonst gehen zurzeit natürlich Unter- 
stützungsgesuche früherer Zöglinge ein, die nach Möglichkeit 
berücksichtigt werden. Die Zahl der Blinden wird ja durch den 



36 

Krieg wohl aucli gewaltig wachsen und die Blindenfürsorge 
dann doppelt einsetzen müssen. K. Bechstein. 

In den Blindenanstalten zu Wiesbaden 

sind Schule und Erfrischungsanstalt geschlossen. Das neue 
Anstaltsgebäude ist als Kriegslazarett eingerichtet worden. 
Der Raum gestattet, daß ein großer Teil unserer blinden 
Mädchen in der Anstalt wohnen bleiben kann, auch sind die 
beiden Heime vollbesetzt. Der geschäftliche Betrieb wird 
weitergeführt. Den anderen Zöglingen wurde mitgeteilt, daß 
die Ferien verlängert seien, sie bleiben zu Hause, üegenwärtig 
habe ich 60 Verwundete in Pflege mit 3 Aerzten, 3 Rote-Kreuz- 
Schwestern, 6 Helferinnen, 3 Militär-Krankenwärtern und 2 
Sanitäts-Unteroffizieren — und erwarte mehr, sobald ich mehr 
Betten bekomme. Zwei Offiziere von hier, Assessor Lade, 
seither Jurist in Charlottenburg, und Oberleutnant Adolph, hat 
das traurige Geschick betreffen, blind geschossen worden zu 
sein. Sic erhalten auch Unterweisung. Abe's. 

Der Blinden-Fürsorgeverein für das Herzogtum 
Braunschwelg e. V, 

hilft seinen seit Ausbruch des Krieges vielfach unter ver- 
minderter Arbeitsgelegenheit leidenden Blinden dadurch, daß 
er sie mit Strickarbeiten für unsere Krieger, besonders niil 
Strürmpfestricken, beschäftigt. Unsere fleißigen Blinden 
lieferten uns schon größere Mengen fertiger Strickwaren ab 
die wir unentgeltlich dem Roten Kreuz überwiesen. Der 
Blinden-Fürsorgeverein bezahlt die Arbeitslöhne, ist aber bei 
den ihm obliegenden weiteren Aufgaben der Fürsorge nicht in 
der Lage, auch das nötige Strickgarn andauernd auf eigene 
Kosten zu beschaffen; er bedarf dazu der Mithilfe der wohl- 
tätigen Bevölkerung, die ihm auch bereits in erfreulichem Maße 

zuteil wurde. (Na* öcn „Neuesten Nachrichten", Draunschweig.) 

Landesverein der Blindenfürsorge in Budapest. 

Aus dem gegenwärtigen Kriege mit seinen Millionen- 
schlachten von unerhörter Vehemenz, Hartnäckigkeit und Ver- 
nichtungsgewalt wird eine weit größere Zahl von Invaliden 
hervorgehen, als jemals aus früheren Feldzügen. Leider be- 
stätigt sich diese Befürchtung schon jetzt auch mit Bezug auf 
die i31indgesch()ssenen. In dieser Voraussicht hat der Landes- 
verein der Blindenfürsorge in Ungarn es sofort als seine be- 
rufsmäßige Pflicht erkannt, mit den Blinden der Heimat nach 
die im Kriege Erblindeten aus den Fesseln ihrer Hilflosigkeit 
zu befreien und einem tätigen und dadurch menschenwürdigen 
Leben entgegenzuführen. 

Auf (jrund der Ausschußbestimmuiig vom 25. Oktober 
1914 wurden vorläufig im hauptstädtischen Institut der Blin- 
denfürsorge — VII. Herminenstraße 7 — geeignete Räume zur 
Aufnahme heimatsberechtigter bünder Soldaten abgesondert 
und eingerichtet, wo sie liebevoll empfangen werden und ihr 
Gemüt zunächst Beruhigung findet. Unterricht in mancherlei 



37 

Handwerken und Fertigkeiten ^ibt ihnen die Befäliijj:iuij{, sich 
wieder selbständig ihr I5rot zu verdienen, und die MögUclikeit, 
die Bedürfnisse des Geistes nach vielen Richtungen hin /u be- 
friedigen. Die Anmeldungen und Aufnahmen sind im Zuge. 

Prof. Adolf V. Szily, Kim. Hüfrat, Vizepräsident. 

Kreis-Blinden-Institut Würzburg. 

Auch unsere Anstalt liat sich in ernster, schwerer Zeit dem 
Vaterlande zur Verfügung gestellt. Zuerst war beabsichtigt, 
einige unserer Räume zu Lazarettzwecken zu benützen. In 
Hinsicht auf den Umstand aber, daß die Blinden bei dem fühl- 
baren Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften eine 
doppelte Last für ihre Angehörigen in der Heimat bilden, nah- 
men wir unsere Zöglinge nach Umfluß der Ferien im September 
wieder in die Anstalt, deren Betrieb wir seither ununterbrochen 
fortführen konnten. Ungestört sollte dieser aber nicht blei- 
ben. Das Heim des hiesigen Lehrerseminars war in ein Laza- 
rett umgewandelt worden. Seminaristen und ihre Lehrer 
waren dadurch obdachlos geworden und baten uns um Auf- 
nahme. Gern wurde diese gev/ährt. Seitdem teilen sich Se- 
minar und Blindenanstalt unter williger Hinnahme der damit 
verbundenen Einschränkungen in die vorhandenen Räume. 
Not lehrt entbehren und sich bescheiden, und so wohnen denn 
beide Anstalten schon seit Schuljahrsbeginn schiedlich fried- 
lich unter einem Dache. Die Seminaristen haben nur den 
Unterricht bei uns; Wohnung mußten sie selbstredend in der 
Stadt nehmen. Unsere Blinden aber ertragen gern die kleinen 
Unbequemlichkeiten in dem Bewußtsein, daß auch sie auf diese 
Weise dem Vaterlande kleine Opfer bringen können zu einer 
Zeit, wo seine Heldensöhne für dasselbe bluten und sterben. 

A= Amend. 

(fi -=^ 



&= 



Verschiedenes. 



=ä 



P. 2. IL 1914. Die Krefelder Blinden feierten Allerseelen, wie 
alljährlich, auf dem Friedhofe. Am Samstag nachmittag trafen 
sie hier ein, um ihren Leidensgefährten und Wohltätern ihren 
Liebesgruß zu bringen, Sie schmückten die Gräber mit Blu- 
men und Kränzen und setzten brennende Kerzen darauf, zum 
Zeichen, daß ihre Freunde im Jenseits fortleben. Die Blin.len 
ließen es sich auch nicht nehmen, dem neuen Kriegsgrab einen 
Besuch abzustatten und schmückten es mit Kränzen und Blu- 
men. Sodann stimmten sie das Lied an: „Wie sie so sanft 
ruhn". Hiernach versammelten sie sich bei Schmitz am Fried- 
hof und verbrachten hier noch einige Zeit zusammen bei einem 
Imbiß. Am Schlüsse der Versammlung überraschte Rektor 
Pauss die Blinden mit der Verteilung der ersten Spenden aus 
der Wintgens-Stiftung. Bekanntlich hat Herr Wintgens, unser 
entschlafener Mitbürger in hochherziger Weise, der Rektor 
Pauß Stiftung von 12 000 Mark, eine weitere Stiftung von 



38 

10 000 Mark hinzugefügt, sodaß erstgenannte Stiftung schon 
22 000 Mark beträgt. Es kamen die Zinsen von 500 Maik i:ur 
Verteilung, und der Vorstand verteilte die Summen unter die 
30 anwesenden hilfsbedürftigen Blinden. Den Blinden kamen 
die Spenden sehr willkommen, denn während des Krieges 
haben sie keine Arbeit, da die Leute I3Iindenartikel weniger 
wünschen. 

Ausstellung „Schule und Krieg" 
im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht. 

Das Zentralinstiut für Erziehung und Unterricht in Berlin 
wird, wie bereits durch die Presse mitgeteilt worden ist, in 
Kürze die ihm überwiesene Deutsche Unterrichtsausstellung. 
vermehrt um die Lehrmittelsammlung des Schulmuseums der 
Stadt Berlin, als dauernde Ausstellung für Erziehung und 
Unterricht in dem Gebäude Potsdamer Straße 120 neu eröffnen. 
Die Leitung des Institutes glaubt die neuen Räume nicht besser 
einweihen zu köiuien, als daß sie, der großen und ernsten Zeit 
Rechnung tragend, eine Sonderausstellung Schule und Krieg 
veranstaltet. jDie Ausstellung soll an ausgewählten anschau- 
lichen Beispielen zeigen, welche Wirkung der Krieg auf die 
Arbeit der Scliule und darüber hinaus auf die Erziehung, Bil- 
dung und Betätigung der Jugend überhaupt bisher ausgeübt 
hat und voraussichtlich weiter ausüben wird. Gute Gedanken 
und Anregungen sollen damit festgehalten und weiteren Krei- 
sen bekanntgemacht werden. Die Ausstellung wird, dem 
Wirkungskreise des Zentralinstitutes entsprechend, alle Er- 
ziehungsanstalten vom Kindergarten bis zu den höheren Schu- 
len und die Einrichtungen für die Jugendpflege berücksichtigen. 

Die Leitung der Ausstellung lädt die Lehrerschaft der ge- 
nannten Anstalten und sonstige pädagogisch interessierte 
Kreise in Deutschland und Oesterreich-Ungarn ein, sich an 
dem Unternehmen zu beteiligen. Sie bittet Anmeldungen und 
Anregungen für die Ausstellung bis zum 31. Januar d. J, an 
das Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht, Berlin W, 
Potsdamer Straße 120 gelangen zu lassen. Auf die Anmeldung 
hin wird das Institut um Einsendung des gewünschten Mate- 
rials bitten. Die Geschäftsstelle des Zentralinstitutes ist 
wochentags von 11 — 6 Uhr geöffnet. 

Die nachfolgende Uebersicht zeigt, wie die Ausstellung 
geplant ist. Weitere Anregungen werden dankbar entgegen- 
genommen, doch wird um gefällige baldige Mitteilung gebeten, 
damit es noch möglich ist, sie gebührend zu verwerten. 

1. Was können Schüler und Schülerinnen unmittelbar für 
den Kr:?g leisten? 

a) Von Schülern und Schülerinnen verfertigte Lie- 
besgaben und Geschenke für Kämpfende und Ver- 
wundete. 

b) Photographien über Beteiligung an sozialen Ar- 
beiten (z. B, Ernte). 



30 

c) Programme von Veranstaltungen zu wohltätiRen 
Zwecken, für Verwundete usw. 
Was wissen Schüler und Schülerinnen verschiedenen 
Alters vom Kriege, z. B. von der Art des Kampfes, von 
der Führung, von Waffen, Schiffen, Befestigungen 
usw.? Wie stellen sie sich innerlich zum Kriege, z. B. 
wofür kämpfen wir nach ihrer Meinung, wie sollen wir 
uns zum Feinde verhalten, auch zum verwundeten und 
gefangenen Feind, usw.? 

Selbständige {Beschreibungen, Zeichnungen, Auf- 
sätze, selbstvcrfaßte üedichte, Theaterstücke, 
Briefe, Kompositionen usw. 

Wie kann man Schüler und Schülerinnen über den 
Krieg belehren und ihre innere Teilnahme wecken? 

a) Lehrmittel: Landkarten, Qeländedarstelhmgen, 
Schlachtenpläne, Modelle, Zeichnungen und Pho- 
tographien von Waffen, Schiffen, Befestigungen 
usw. 

b) Von Schülern verfertigte Karten, Zeichnungen, 
Modelle, Photographien usw. 

c) Anknüpfungspunkte in verschiedenen Unterrichts- 
gegenständen (Flugbahn, Explosion, Vermessun- 
gen, Zeichnungen, Handfertigkeitsübungen usw.) 

d) Lehrreiche Spiele (Sitz- und Bewegungsspiele) 
für verschiedene Altersstufen. 

e) Gedichte. Prosastoffe, Feldpostbriefe, 
f) Lieder und Chöre. 

g) Bilder und Bildersammlungen. 

h) Themen für Aufsätze, Beschreibungen und Rede- 
übungen. 
Wie kann die Jugend für den späteren Militärdienst 
vorbereitet werden? 

a) Allgemeine körperliche Uebungen, Exerzieren 
und angewandtes Turnen: Photographien, Skiz- 
zen und dergl. 

b) Uebungen im Schätzen und Messen von Entfer= 
nungen, Größen, Richtungen, Mengen: Photogra- 
phien und dergl., Schätzungsbücher, Lehrmittel 
einfache und selbsthergestellte Meßapparate. 

c) Sichzurechtfinden mit Hilfe von Karten, Instru- 
menten, Merkzeichen, Uebungen im Qelände- 
zeichnen: Karten, Diapositive, Instrumente und 
andere Hilfsmittel, von Schülern ausgeführte 
Zeichnungen und Modelle. 

d) Erste Hilfe bei Unfällen: Geräte, Verbandkasten. 

e) Felddienstübungen: Photographien und dergl., 
Modelle von Gräben, Verhauen, Stegen, Beob- 
achtungswarten, Masken usw. 

f) Ausrüstung: Kleidung, Geräte. 



40 

5. Da sicli lange nicht alles, was den Krieg angeht, an- 
schaiihch darstcHen läßt, so soll als Ergänzung eine 
Auswahl von Schriften ausgelegt werden. Es wird ge- 
beten, den Verlag anzugeben und wenn möglich min- 
destens ein Freiexemplar zu senden. 

— Für unsere erblindeten Krieger. Frau Marie Lomnitz- 
Klamroth in Leipzig, als (jriinderin und Leiterin der „Peut- 
schen Zentral-Bibliothek für tjlinde in Leipzig", gründliche 
Kennerin des Blindendrucks, hat im Interesse der erblindeten 
Krieger ein Alphabet des Braille'schen Funktschrifts.wstenis 
dargestellt, das infolge zweckentsprechender Vcrgrößerimg 
der stark erhabenen und durch vorzüglichen Druck siCii aus- 
zeichnenden Lautzeichen auch vom ungeübten Tastsinn leiv.hl 
erkannt wird, l^ie Auffassung der Punktstellungen wird außer- 
dem befördert durch Einfügung der betr. Punkte in schwäche- 
rem, aber immer noch tastbarem Druck zur vollen Grundform. 
Der Druck ist klar und genau und von der Firma F. A. Brock- 
haus in Leipzig ausgeführt in folgenden Qrößenverhältnissen: 
Grundform 1 : L5 cm, Durchmesser der Punkte am Grunde 
4 mm, Höhe derselben 2 mm, Blattgröße 37/^ : 53^ ^ cm. 

Da erfahrungsgemäß die Auffassung der Buchstaben in 
ihrer natürlichen Größe den Späterblindeten anfänglich Schwie- 
rigkeiten bereitet, wird das Alphabet der Frau Lonniitz-Klam- 
roth auch unseren erblindeten. Kriegern bei der Erlernung der 
Punktschrift große Erleichterung gewähren. Das Blatt kostet 
1 Mk. ausschließlich Porto und ist durch die Spezial-Buchbin- 
derei für liochdruckschriften" von Hermaim Schötz-Leipzig, 
Kronprinzstraße 32, zu beziehen. (Siehe Annonce.) Der Er- 
trag ist für die „Deutsche Zentral-Bibliothek für Blinde" in 
Leipzig bestimmt. Es ist für den besagten Zweck sehr empfeh- 
lenswert. Fischer-Braunschweig. 

Berichtigung: Herr Direktor Reckling-Königsberg Pr. ist 
am 29. Juni v. .1. feierlich in sein Amt eingeführt, nicht, wie irr- 
tümlich S. 160 des vorigen Jahrganges berichtet wurde, am 
29. August. 



Punktfdiriftdiphabete 

von Frau M. Lonuiitz-Klamroth in Leipzig in zweckentspre- 
chender Vergrößerung und vorzüglichem Druck, für unsere 
erblindeten Krieger zur Erlernung der Braille'schen Punkt- 
schrift besonders geeignet, ä 1 Mk. ausschließlich Porto. Zu 
beziehen durch die Spezial-Buchbinderei für Hochdruckschriften 
von Hermann Schötz-Leipzig, Kronprinzstraße 32. (Ertrag für 
die „Deutsche Zentral-Bibliothek für Blinde" in Leipzig.) 



Druck und Verlag der Hamerschen Buchdruckerei u. Papierhandlung, Düren. 



Abonnementspi eis 
pro Jahr Jt 5; öurch öle 
Post bezogen Ji 5.60, 
öirekt unter Kreuzbanö 

im Inlanöe J( 5.50; 
nach öem Auslanöe 6.* 




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Bei Anzeigen wirö cMe 

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15 4 berechnet. 



Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Drßan der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbiidung. 

Qejiriiiicij^t und bis September 1898 herauscegeben von ' 

Itgl. Schulrat Wilhelm Mecker t. 
Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster, 
Mell-Wicii und Zech-Königsthal. 
Hauptleiter für 1915 ist Schnlrat Brandstaeter-Königsberg Pr, ßahnstr. 30. 

Ars pietasque dabunt lucem 
caecique videbunt, 

Nr. 3. 



Düren, 15. März 1915. 



Jahrgang XXXV. 



Der Nachahmungstrieb und der Blinde. 

Von Brandstaeter-Königsberg (Pr.). 

(Schluß ) 

Von diesem Gesichtspunkte aus sind auch die Schauspiel- 
Aufführungen Bhnder zu rechtfertigen und zu befürworten. Der 
liauptzweclv dieser Aufführungen muß nicht der sein, daß Blinde 
auswendig gelernte Worte hersagen, sondern daß sie sich körper- 
lich richtig halten und bewegen und dem Inhalte des Stückes 
angemessen auftreten und handein. Wird hierauf gehalten, so 
ist die Aufführung freilich weniger für die zuhörenden, als für 
die handelnden Blinden ein Vorbild, das sie im freien Verkehr 
des Lebens nachahmen sollen. Aber auch die Zuhörenden 
dürfen hierbei nicht leer ausgehen. Wenn erst jeder Blinde 
einmal mitgetan hat und weiß, daß auf der Bühne mit dem 
Sprechen ein Handeln verbunden ist, so hört er bei einer solchen 
Aufführung nicht nur Worte sprechen, sondern spielt in Ge- 
danken körperlich mit und verfolgt im Geiste die sich vor ihm 
abspielende Handlung mit allen körperlichen Bewegungen der 
Spielenden. 

Aber nicht nur auf diesem Gebiete läßt sich der Tastsinn 
und das durch eigenes Handeln und Tätigsein geschaffene Vor- 
bild zur Weckung des Nachahmungstriebes verwenden, sondern 
auch auf manchem andern Gebiete, das mehr in die Schulwissen- 
schaften gehört. Ich denke zunächst nur an die Zoologie. Von 
alledem, was wir — dem Beispiel der Lehrpläne für die Schule 
der Sehenden folgend — von unseren Blinden nachspreclien 
oder — den günstigsten Fall angenommen — am ausgestopften 



4-) 

Tier, am Tiermodell abfühleu lassen, hat das wenigste für das 
Leben und die innere ßereiclierung des Blinden einen Wert. 
Was der Sehende von den 1'icren, von ihrer Haltung, ihren Be- 
wegungen, ihrem (icbahren dadurch kennen lernt, daß er sie 
schaut und mit den Blicken verfolgt, steht wenig in den Lehr- 
büchern; es ist ja selbstverständlich, daß der Sehende dieses 
alles weiß, und zwar aus eigner Anschauung. Dem Blinden 
fehlen diese Kenntnisse aber, wenn er nicht das Glück gehabt 
hat, mit Tieren zusammen aufzuwachsen. Alle diese Kenntnisse 
lassen sich auch weder an den lebendigen Tieren, noch an 
Tiermodellen durch den Tastsinn erwerben. Soll der Blinde 
hierbei nur auf das angewiesen sein, was er durch Hörensagen 
erfuhr? — Nein, es gibt einen Weg, ihn mit dem äußeren Qe- 
bahren der Tiere einigermaßen bekannt zu machen. Ein belieb- 
tes Spiel aller Kinder ist das Pferdchenspiel, bei welchem 
ein Kind als Pferd behandelt wird und sich als Pferd gebärden 
muß. Was hindert uns Blindenlehrer, diese Neigung der Kinder, 
nachahmend Tier zu sein, für die Zwecke der Einführung 
unserer jungen Blinden in die Zoologie auszunützen? — Du, 
Fritz, sollst einmal Pferd sein! Dann mußt du auf vier Beinen 
gehen. Das Pferd trägt den Kopf hoch. Du kannst deinen Kopf 
nicht so hoch heben, wenn du auf Händen und Füßen gehst. Das 
Pferd hat einen längeren Hals als du. Wenn dich eine Mücke 
sticht, oder eine Fliege kitzelt, so schlägst du mit der Hand dar- 
nach. Das kannst du jetzt nicht, wenn du wie ein Pferd auf 
allen Vieren gehst. I^as Pferd hat keine Hände, es hat aber 
einen Haarschweif, mit dem es nach beiden Seiten schlagen und 
die Fliegen abwehren kann. Wenn du als Mensch gehst, setzest 
du einen Fuß um den andern. Wie geht das Pferd mit seinen 
vier Füßen? Wie trabt, wie galoppiert es? Wenn du als Mensch 
issest, so führst du das Brot mit der Hand zum Munde. Das 
Pferd hat keine Hände, es frißt aus der Krippe. Die Bank soll 
jetzt deine Krippe sein, da leg ich dein Futter hin. Jetzt nimm 
das Brot, wie es ein Pferd nehmen würde. Ebenso mit dem 
Trinken, ebenso als Pferd angeschirrt sein und den Wagen 
ziehen, aufgezäumt sein und den Reiter tragen. Auf der Weide 
hat das Pferd keine Krippe, aus der es fressen kann, es muß 
das Gras von der Erde abbeißen, während es auf den Beinen 
steht. Sei du Pferd auf der Weide! Warum kannst du nicht 
mit steifen Armen auf der Erde stehend das Brot von der Erde 
aufnehmen? Warum muß also das Pferd einen längeren Hals 
haben, als wir Menschen? Wie schlägt das Pferd aus, um sich 
gegen Feinde zu wehren? Wie ruht das Pferd? Wie liegt es, 
wenn es gestorben ist? (alle Viere von sich strecken) usvi'. 
Erhält das blinde Kind dann, wenn es vorher angeleitet war, 
sich einmal als Pferd zu gebärden, ein Pferdemodell, sei es ein 
Schaukelpferd oder ein Spielzeug kleinerer Art, so wird es den 
Körper des Tieres mit größerem Verständnis betrachten und 
es wird eine richtigere Vorstellung haben, wenn es hört oder 
liest, in welcher Lebenslage sich dieses oder jenes Pferd be- 
funden hat. 



4'3 

In ähnlicher Weise muß das blinde Kind noch manches 
andere 'i'ier körperlich nachahmen und in seiner Eigenart dar- 
stellen. Als Mensch trinkt es aus dem Becher, als Pferd oder 
Kuh saugt es das Wasser aus einem Qefäß auf, als Hund oder 
Katze leckt es die Flüssigkeit mit der Zunge auf, als Huhn 
ninnnt es mit den Lippen so viel Wasser, als es fassen kann, biegt 
den Kopf nach hinten und läßt das Wasser in die Kehle rinnen; 
es stelzt wie der Storch, hüpft wie der Sperling, watschelt wie 
(jans und Ente, alles zunächst, um sein Wissen von der Wirk- 
lichkeit zu bereichern. Die Verwendung dieser Nachahmungen 
beim Spiel der Kinder muß einer besonderen Abhandlung vor- 
behalten bleiben. 

Es ist das große Verdienst Fröbels, erkannt zu haben, 
welclie Bedeutung der Nachahmungstrieb für die Erziehung des 
Kindes hat. Bei allen seinen Spielen und Beschäftigungen 
rechnet er mit diesem Nachahmungstrieb, um das Kind zur 
Tätigkeit anzuleiten und zur Selbsttätigkeit zu erziehen. Ihm 
sind Spiele und Gaben nur Mittel zur Weckung und Betätigung 
des Nachahmungstriebes im Kinde. Aufgabe seiner Jünger ist 
es, seiner Absicht gemäß zu verfahren. Verkehrt wäre es, 
seme Spiele und Gaben für die Hauptsache zu halten, und zu 
glauben, wenn sie verwendet werden, so wäre alles geschehen, 
was Fröbel gewollt hat. Das sage ich besonders um der Er- 
zieher unserer jungen Blinden willen. Wenn Fröbel seine 
Kinder spielen und dabei singen läßt: „Sehet, seht, so streut der 
Bauer seinen Samen auf das Land," oder: „Häslein hüpf! Häs- 
lein hüpf!" so will er, daß die Kinder zuvor gesehen haben, wie 
der Bauer den Samen ausstreut, wie das Häslein im Felde von 
Ort zu Ort hüpft, und daß sie dann spielend nachahmen, was 
sie gesehen haben. Ein totes Werk und ein totes Spiel ist es, 
wenn sehende Kinder diese Worte singen und die entsprechen- 
den Bewegungen dazu machen, ohne das Vorbild in der Natur, 
in der Wirklichkeit des Lebens gesehen zu haben. Was folgt 
daraus für die Erzieher der jungen blinden Kinder? — Spiel 
und Beschäftigung brauchen die blinden Kinder auch, nui 
müssen es nicht gerade die sein, die Fröbel für sehende Kinder 
aufgestellt und gesammelt hat, sondern solche, welche im 
Geiste Fröbels für blinde Kinder geschaffen sind. Erst An- 
schauung und Sinnenreiz, der den Nachahmungstrieb lebendig 
macht, dann Nachahmung im Spiel und kindliche Beschäftigung. 
Unter den vielen jungen blinden Mädchen, die ich zu beobachten 
Gelegenheit hatte, habe ich nur wenige gefunden, die wirklich 
mit Puppen spielen und sich stundenlang mit ihnen die Zeit ver- 
treiben konnten, obwohl allen Puppen genug zur Verfügung 
standen. Diese wenigen stammten aus kinderreichen Familien, 
in denen die Mutter ihr blindes Kind an allen Beschäftigungen 
mit dem Säugling teilnehmen ließ, so daß das blinde Kind die 
lange Reihe der mütterlichen Arbeiten und Sorgen mit dem 
Wiegenkinde genau kannte. Blinde Kinder, die diese Reihe 
nicht kennen, wissen nicht, was sie mit der Puppe anfangen 
sollen. Ebenso steht's mit dem Spielen der Knaben. Nur dei 



44 

blinde Sohn eines Vaters, der viel mit Pferden zu tun hat, und 
seinen Sohn öfters an seiner 'l'ätigkeit liat teihiehmen lassen, 
kommt aus eigenem Antrieb und erbittet sich l^indfaden, um 
sich eine Peitsche zu maclien und damit zu knallen. Die Spiele 
und spielenden Beschäftigungen für unsere jungen Blinden 
müssen an die Vorgänge im tätigen Leben der Erwachsenen 
ankünpfen. Letztere müssen das Vorbild sein, das die Blinden 
zur Nachahnumg reizt. Wie gestaltet sich die Ausführung 
dieses Gedankens in der Praxis? 

Es fährt ein V\'agen mit Sand auf den Anstaltshof. Die 
Kinder hören es, sie hören auch den Kutscher den Sand vom 
Wagen schaufeln und auf die Erde werfen. Was geschieht da? 
fragen die Kinder. Fragen sie nicht, so werden sie trotzdem 
an den Wagen geführt. Sie betasten den Wagen, den Sand auf 
dem Wagen und den auf die Erde geworfenen Sand. Bas wollen 
wir nachmachen. Holt den Wagen. Fritz ist der Kutscher, 
zwei andere sind die Pferde. Zunächst müssen wir den Wagen 
mit Sand beladen, dann fährt ihn der Kutscher fort und ladet 
ihn an einem andern Ort ab, indem er ihn mit der Schaufel vom 
Wagen wirft, aber, wie der richtige Fuhrmann, davon einen 
Haufen auf der Erde bildet. — Bis hierher geht die Unter- 
weisung der Schüler, die natürlich mehrmals wiederholt werden 
kann. Sind die Kinder dann an einem andern Tage in Verlegen- 
heit, was sie spielen sollen, so schlägt der Erzieher vor: Spielt 
einmal Sandfuhrmann! Es werden nun Gespanne gebildet und 
Kutscher ernannt, l^er Erzieher zum Kutscher Fritz: Haben 
Sie Sand zu verkaufen? 

Kutscher: Ja, so viel Sie wünschen. 

E. : Wie teuer ist die Fuhre? 

K.: Die Fuhre kostet 5 Mark. 

E. ; Schön; bitte, fahren Sie mir 4 Fuhren an, und laden Sie 
sie an der Turnsaaltüre auf einem Haufen ab. 

K.: Ich werde sogleich damit kommen. 

Und nun handeln die Kinder selbständig, wenn auch von 
dem Erzieher beobachtet und zurechtgewiesen, sobald sie nicht 
richtig und der Wirklichkeit entsprechend verfahren. Die Be- 
zahlung des Sandes kann, damit das Spiel einen Abschluß hat, 
in Spielpfentiigen oder in der Verabreichung einer Näscherei 
an Kutscher und Pferde bestehen. 

Es ist hier nicht der Ort, alle für Blinde möglichen Spiele 
und Beschäftigungen aufzuführen, — es ist das eine Aufgabe für 
sich — ich will hier nur darauf hinweisen, daß die Vorbereitung 
dieser Spiele Gelegenheit gibt, die blinden Kinder mit den ver- 
schiedensten Beschäftigungen der Menschen im wirklichen 
Leben bekannt zu machen, dabei ihren Körper und ihre Glied- 
maI3en an die verschiedenen Tätigkeiten zu gewöhnen und ihren 
Geist mit Vorstellungen zu füllen, aus denen die Fantasie 
dauernd die Stoffe zur weiteren Verarbeitung schöpfen kann. So 
wird das Kind vor Langeweile bewahrt, wird mit dem wirk- 
lichen Leben so gut als m()glich bekannt und wird angeleitet, 
dieses Leben im Spiel darzustellen. 



45 

Wenn ein klciiicM- ABC-Scliüt/c in der Scliule seine ersten 
Schreibvcrsuclie macht, dann 7XMi(t ilim der Lelirer, wie er 
(iriffcl oder Feder zu halten und die Striclie zu ziehen hat. Hier 
sprlclit man nicht von nachahmen. Der Lehrer schreibt vor, 
der Schüler sclireibt nach: man spricht von nachmalen, nach- 
ziehen, nachmachen. Wemi aber der kleine nocli nicht schul- 
pflicliti,ire .lun^e sich auf den Platz der Großmutter setzt und 
mit der Feder auf einem Blatte kritzelt, womöglich mit OroB- 
mutters Brille auf der Nase, dann sagen wir, er ahmt nach, wie 
(jroßmutter Briefe schreibt. Das Wort „nachahmen" hat also 
eine besondere Bedeutung, es ist nicht dasselbe wie „nach- 
machen". Abgesehen davon, daß der Nachahmende keinem 
Befehl, keiner Aufforderung eines andern, sondern einem 
inneren Antriebe folgt, will er etwas tun, ausführen, herstellen, 
was nach Form und Inhalt das Gepräge der Arbeit, der Auf- 
gabe, des Geistes eines andern trägt, oder er will etwas dar- 
stellen, was seiner Natur und seinem Geiste nicht völlig gemäß 
ist. Wer die Schrift eines andern nachahmt, will in dem Leser 
den Glauben erwecken, der andere hätte das Schriftstück auf- 
gesetzt. Weim Kinder Schule — spielen, so handelt und spricht 
das Kind, welches den Lehrer nachahmt, nicht so, wie es von 
Natur sprechen und handeln würde, sondern so, wie es weiß 
oder überzeugt ist, daß der Lehrer in diesem Falle sprechen 
und handeln würde. 

Der Nachahmungstrieb dient also unserer Ausbildung. Er 
erweitert die Spannkraft unseres Geistes und die Leistungs- 
fähigkeit unserer Kräfte. Er lehrt uns unterscheiden zwischen 
uns und den andern, zwischen unserer Auffassung und der 
eines andern, zwisclien unserer Art zu gestalten und der 
eines andern. Ein Mensch, der nicht nachahmt und sich 
von seinem Nachahmungstriebe nicht treiben läßt, ist wohl eine 
Einheit, aber eine arme, seiner selbst nicht bewußte Einheit. 
Ein Mensch, in dem der Nachahmungstrieb lebendig ist, er- 
kennt sich an und in den andern. Er wird dadurch reich an Er- 
fahrung und reich an Gelegenheit zu gestalten und darzustellen. 
Als Fröbel seine Erziehung junger Kinder auf das Vorhanden- 
sein des Nachahmungstriebes in ihnen gründete, wußte er, was 
er tat. Neben dem Erkennen und Können, das der Nach- 
ahmungstrieb vermittelt, hat alles Wortwissen, das nur im Ge- 
dächtnis aufgespeichert ist, keinen Wert. Unsere Blinden 
bleiben trotz vielen Wissens und Könnens arm. wxnn nicht zu- 
gleich ihr Nachahmungstrieb geweckt und lebendig erhalten 
wurde. Weil ihnen das Auge fehlt, und der Tastsinn das Auge 
nicht ersetzen kann, muß ihre Ausbildung in Schule, Kunst und 
liandw^erk innner vom Nachmachen zum Nachahmen fort- 
schreiten. Wer in dem ersten stecken bleibt, ist zu bedauern: 
die Nachahmung erst macht ihn von seinen Fesseln freier und 
in seinem Besitz reicher. Hie höchste Stufe ist die Nach- 
ahmung allerdings auch noch nicht. Aber wir wollen uns 
freuen, wenn unsere blinden Schüler nicht nur nachmachen, 
was wir ihnen vormachen, nicht nur tun, ausführen und spielen. 



40^ 

was wir vorsclilageii, sondern wenn sie aus der eigenen Fülle 
der gesannnelten Vorstellungen auf den Gedanken kommen, 
nachahmend sich zu beschäftigen, nachahmend darzustellen. 

In jeder Nachahmung ruht ein Wohlgefallen an dem Vor- 
bild, eine Freude an der Fähigkeit und Kraft des Nachschaffens 
und ein Wohlgefallen an der Nachschöpfung. Der höchste Ge- 
nuß ist aber den Menschen geworden, denen Gott die Gabe ver- 
liehen hat. Neues zu schaffen ohne Anlehnung an bestimmte 
Vorbilder, ohne Anreiz von Seiten des Nachahmungstriebes, 
rein aus der Kraft des Genies heraus. Nicht viele Menschen 
stehen auf dieser Höhe, und es wird schwerlich nachzuweisen 
sein, ob und welchen Anteil der Nachahmungstrieb in ihnen ge- 
habt hat, um sie auf diese Höhe zu heben. Ebenso wird es 
schwer zu entscheiden sein, ob es auch den Blinden gegeben 
ist, diese geistige Höhe zu erreichen. Es gibt auch unter ihnen 
Künstler, welche als Dichter, Komponisten und Konzertspieler 
schaffen und wirken. Das Urteil über den Wert ihrer Leistungen 
spricht nicht die Gegenwart. Aber wenn vieles, wenn alles, 
was sie geschaffen haben, sich vor dem Richterstuhl der Zu- 
kunft auch nur als Nachahmung, als edle Nachahmung erweisen 
sollte, es würde immer beweisen, daß die Blindheit den Nach- 
ahmungstrieb im Menschen weder ertöten, noch entkräften 
kann. Das soll uns Blindenlehrern ein Ansporn sein, ihn in der 
Erziehung des Blinden zur Geltung zu bringen. 



Karl Satzenhofer: Gründung und Verwal- 
tung von Blindenbibliotheken. 

Herr Karl Satzenhofer, Bibliothekar und Druckereileiter des 
k. k. Blinden-Erziehungsinstituts in Wien, hat unter dem Titel 
„Gründung und Verwaltung von Blindenbibliotheken" eine Bro- 
schüre erscheinen lassen, die als das erste Handbuch des 
Blindenbibliothekswesens mit Recht als eine beachtenswerte 
Bereicherung der Blindenliteratur bezeichnet werden kann. 
Der Zweck des kleinen Werkes ist ein dreifacher: Es soll An- 
regung geben zur Gründung weiterer Blindenbibliotheken, es 
soll förderlich auf eine Vereinheitlichung ihrer Verwaltung 
wirken und soll endlicii allen, denen die Gründung oder Leitung 
einer solchen Bibliothek obliegt, praktische Ratschläge erteilen. 
Zu dem ersten Punkt möchte ich zu bedenken geben, daß er die 
Gefahr einer Zersplitterung der Mittel in sich birgt. Mir er. 
scheint daher vielmehr, wenigstens zunächst, die Ausgestaltung 
der bereits bestehenden Bibliotheken in größerem Stil er- 
strebenswert. Mit Recht fordert Herr S. eine wirksamere 
Unterstützung der Blindenbibliotheksbestrebungen seitens des 
Staates, die in einer festen Subvention der einzelnen Städte, 
Provinzen usw. zu bestehen hätte. Ferner hält der Verfasser 
die durch die Post gewährten Vergünstigungen, so dankenswert 



47 

sie auch sind, für unzureichend. Der Staat kinnie den Bestre- 
bungen der Bhudenbibliotliekcn durch eine weitere Herab- 
setzunji des I^ortotarifs für Sendungen in Punktschrift, die sich 
auch auf Pakete erstrecken niüf:^te, oder gar durch eine gänz- 
hciie I^ortobefreiung unschätzbare Dienste leisten. Den Ein- 
wand, daß auch von älmliclien Instituten für Seilende dieselben 
Vergünstigungen beansprucht werden könnten, weist Herr S. 
als nicht stichhaltig zurück, da die Punktdruckwerke weit um- 
fangreicher seien, als Schriften in gewöhnlichem Druck, wo- 
durch sich dem Blinden der Bezug von Lektüre unvergleichlich 
viel teurer stelle, als dem sehenden Leser. 

Den größten Teil seines Buches widmet Herr S. der Ein- 
richtung und Verwaltung der Bibliotheken. Es kann hier nicht 
meine Aufgabe sein, seine diesbezüglichen Ausführungen im 
einzelnen einer Besprechung zu unterziehen; ich muß mich 
vielmehr darauf beschränken, festzustellen, daß sie durchaus 
geeignet sind, sowohl dem Fachmann manchen schätzenswerten 
Rat zu erteilen, als auch dem Laien, der sich für das Bibliotheks- 
wesen interessiert, einen klaren Einblick in die Einrichtung 
einer Blindenbibliothek, ihre Aufgaben und ihre Bedeutung für 
die Förderung des modernen Blindenwesens zu geben. Wenn 
der Verfasser auch für die Uebertragung von Büchern aus dem 
Schwarzdruck der Kurzschrift bei weitem den Vorzug gibt, so 
hält er doch die Bereicherung des Bestandes an Büchern in 
Vollschrift mit Rücksicht auf Leser, welche die Kurzschrift 
nicht mehr lernen können oder wollen, für wünschenswert. 
Dieselbe soll dadurch herbeigeführt werden, daß eine jede Ab- 
schreiberin zunächst ein Werk in Vollschrift überträgt. Ich 
kann mich dieser Ansicht nicht anschließen, da nach meiner Er- 
fahrung mit sehr w^enigen Ausnahmen alle Leser, bei denen ein 
wirkliclies Lesebedürfnis vorhanden ist, gern die Kurzschrift 
lernen. Für die wenigen andern aber ist bereits genügend 
Lektüre in Vollschrift vorhanden. Den Nutzen einer Korrektur 
der abgeschriebenen Bücher hält Herr S. für nicht im Verhältnis 
stehend zu der Zeit, die sie in Anspruch ninmit, und den Kosten, 
die sie verursacht. Auch hierin kann ich ihm auf Grund der von 
mir gemachten Erfahrungen nicht beistimmen. Das Amt des 
Bibliothekars sowie die Stellen der ihm beigegebenen Hilfs- 
kräfte wünscht Herr S., soweit irgend tunlich, durch Blinde 
besetzt zu sehen. 

Diese gedrängte Inhaltsangabe zeigt, daß der Verfasser es 
bei der Behandlung seines Stoffes nicht an der erforderlichen 
Gründlichkeit hat fehlen lassen. Dabei hat er es verstanden, 
klare Anschaulichkeit mit wohltuender Knappheit in der Be- 
sprechung der einzelnen Punkte zu verbinden, so daß das Inter- 
esse nie erlahmt, sondern bis zum Schluß rege erhalten wird. 
Wenn ich mich auch nicht in allen Punkten seinen Ausführungen 
anschließen kann, so möchte ich doch nicht unterlassen, zu be- 
tonen, daß ich das Erscheinen seiner Broschüre mit aufrichtiger 
Freude begrüßt habe. Ich wünsche dem Werk des Herrn 
Kollegen einen guten Erfolg, und hoffe, daß es sich in die Wei- 



48 

testen Kreise des Publikums Eingang verschaffen wird, um dort 
das Verständnis für die Notwendigl^cit eines sicli stetig ent- 
wickelnden ßlindenbibliothekswesens zu erwecken. 

Riehard Dreyer. 



Ferngefühl, Fernempfindung oder 
Fernsensibilität? 

V. M. Kunz. 

Der Ausdruck „Ferngefühl", den ich niclit geprägt, sondern 
in unserer Fachliteratur gefunden habe, ist besonders durch 
einen „Psycliologcn" beanstandet w^orden, obwohl ich, um Miß- 
verständnisse unmöglich zu machen, „Fernempfindung" da- 
neben setzte. 

„Gefühl" bezeichne in der Psychologie seit dem 18. Jahr- 
hundert ausschließlich „Lust- und Unlustzustände, emotionale 
Zustände." — Nun sind aber die Ausdrücke „fühlen" und „Ge- 
fühl" doch wohl etwas älter! Wenn sie erst im 18. Jahrhundert 
für den psychologischen Hausgebrauch umgeprägt (doch 
wohl nicht neu geprägt) werden mußten, so haben sie offenbar 
früher, wie heute noch in der Sprache der Gebildeten, mit Aus- 
nahme der Psychologen reinsten Wassers, auch eine andere Be- 
deutung gehabt. „Fühlen" stammt bekanntlich von dem ahd. 
folma, lat. palma, flache Hand ab. (altengl. felan, altsächs. 
gefolian, ahd. fuolen, mhd. vüelen, nhd. fühlen.) Fühlen hieß 
somit in erster Linie betasten, es bezog sich also auf die Haut- 
sinne. In meinen französischen und italienischen Arbeiten über 
diesen Gegenstand habe ich deshalb „Ferngefühl" durch Fern- 
getast „tact ä distance" und tatto a distanza" übersetzt.*) In 
diesem Sinne werden die Ausdrücke „fülilen" und „Gefühl" 
selbst von hervorragenden Medizinern und Physiologen ge- 
braucht. So habe ich bei dem Physiologen Prof. Dr. Zoth „Ge- 
meingefühl der Haut", „Wärmegefühl" und „Kältegefühl" ge- 
funden. Der hervorragende Neurologe und Physiologe Geh. Me- 
dizinalrat Prof. Dr. Goldscheider (Universität Berlin) braucht nur 
in der siebenten Abhandlung seines großen Werks „Neue Tat- 
sachen über Hautsinnesnerven" an 283 Stellen Ausdrücke wie: 
„Gefühl bei Reizung eines Temperaturpunktes, Temperatur- 
gefühl, Kältegefühl, Wärmegefühl, eisiges Gefühl, Gefühl für 
Druck, Druckgefühl, körniges Gefühl, Druckpunktgefühl, Theorie 
der Gefühlsnerven, Schmerzgefühl, Berührungsgcfühl, Gefühls- 
sensationen, Webersclie Gefühlskreise usw. Achnlich verhält 
es sich mit der 6. Abhandlung. Ungewollte Mißverständnisse 
sind hier ausgeschlossen, wie beim „Ferngefühl", weil es sicli 
ja um Hautsinne handelt. Aehnlich drückt sich der berühmte 
Dermatologe Prof. Dr. Umia-Hamburg in einer Schrift über 
Haut und Sport aus, die er mir gesandt hat. (Brieflich hat er 

*) In den romanischen Sprachen werden mit diesen Namen die Haut- 
sinne zusamm.engefasst 



49 

mich, wie andere Mediziner, geradezu ermuntert, an dem 
„Ferngefiilil" festzulialten.) Dasselbe bezeugt Eisler in seinem 
„Lexikon der philosophischen Begriffe" von anderen Physio- 
logen. 

Nach der Meinung unseres Psychologen soll nun allerdings 
die philosopliische Terminologie den meisten Medizinern unbe- 
kannt sein. Vielleicht sprechen aber gelegentlich auch die 
Herren Psychologen von „Fühlhörnern" oder „Fühlern" und 
nicht von „Empfindungshörnern" oder „Empfindern" der In- 
sekten, und wenn von „empfindlichen Menschen, von „empfin- 
dein" und „Empfindungswörtern" usw. die Rede ist, so beziehen 
sie diese Ausdrücke vielleicht nicht ausschließlich auf die Sinne. 
— Die seit dem 18. Jalirhundert „festgeprägte" psychologische 
Terminologie dürfte also zuweilen doch nicht ganz „fest" sein! 

Ich finde sogar in Schulrat Dr. Volkmers Psychologie Aus- 
drücke wie: „Tasten oder Fühlen"; das Fühlen wird zum Be- 
fühlen und Betasten; der Qefühlssinn zerfalle 1. in den Tast- 
und Drucksinn, 2. in den Temperatursinn. Armer Mann! 

Was die Psychologie unter „Gefühl" versteht, habe ich vor 
50 Jahren, d. h. ehe bewußter Psychologe die ersten Hosen trug, 
auch schon gewußt. Meines Erachtens handelt es sich beim 
„Ferngefühl" um eine physiologische, nicht um eine 
psychologische Frage. 

Ich gebe zu, daß der Doppelsinn des Ausdrucks „Gefühl" 
Mißverständnisse hervorrufen kann, besonders wenn man 
sie sucht. Gerade um solche auszuschließen, habe ich neben 
Ferngefühl (sogar als Titel) Fernempfindung gesetzt. — Meines 
Erachtens sprechen gute Gründe für ein Festhalten an der 
überlieferten Benennung, vorausgesetzt, daß durch klaren Hin- 
weis auf die Heitsinne auch gewollte Mißverständnisse un- 
möglich gemacht werden. — Ich bin aber, so weit nur der Name 
in Betracht kommt, weniger halsstarrig, als manche Kollegen 
glauben. Sachlich begründeten Widerspruch kann ich er- 
tragen, wenn auch in Düsseldorf auf der Bierbank das Gegenteil 
behauptet worden sein soll. Diesen feuchtfröhlichen Kongreß- 
Sitzungen bin ich z. T. deshalb fern geblieben, weil ich den be- 
treffenden Herren das Vergnügen nicht schmälern wollte. Ich 
bin doch menschlich! Unwirsch werde ich nur, wenn ich glaube, 
daß die Angriffe mehr der Person, als der Sache gelten, wenn 
man fett gedruckte Behauptungen ableugnet, oder mir Ausdrücke 
andichtet, welche ich im Leben n i e gebraucht habe, mir 
aber 9 Monate lang eine loyale Berichtigung verweigert und 
diese schließlich in sehr gewundener Form bringt und mit neuen 
Anwürfen verbindet. 

Letzten Sommer hat dann Herr Prof. Dr. Schäfer-Berlin, 
der zugleich Mediziner und Psychologe ist, brieflich den Ver-- 
mittelungsvorschlag gemacht, Ferngefühl durch „Fernsensibili- 
tät" zu ersetzen. Damit anerkennt er m. E., daß für diese eigen- 
tümliche Empfindung großer Teile der Kopfhaut (obere Gesichts- 
hälfte, Ohrmuscheln, Trommelfell, gelegentlich auch Nacken) 
nur die H a u t s i n n e in Frage kommen. Die Ausdrücke 



50 

„sensibel", „sensible Menschen", „Sensibilität" sind aber, wie ich 
glaube, auch wieder zweideutig. Sie können sich auch auf die 
psychisciie Veranlagung eines Menschen beziehen. Ich frage 
mich deshalb, ob nicht die Ausdrücke „Fernenn^findung", „Fern- 
empfindlichkeit", welche ich neben Ferngefüiil gebraucht habe, 
um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, doch noch 
vorzuziehen wären, w e n n man das Ferngefüiil im Orkus ver- 
senken wollte. 

Sachliche Aeußerungen über diese Frage würde ich 
begrüßen. 

Im Lazarett. 

Tief, tief im Garten, den mit zauberischen 
Schneekünsten rings auf Hecken und Büschen 
Der strenge Winter schmückt — ein Lazarett. 

An weißen Wänden eisern Bett bei Bett; 

Und Frühling rings und Blumen auf den Tischen. 

In sauberer Leinenjacke, blau und w^iß. 

Humpelt ein Blonder her mit Stock und Krücke. 

Am Fenster dort ein kleiner Lauscherkreis, 

Ein Landwehrmann erzählt von Russentücke. 

Ein andrer klemmt als Hochlands-Dudelsack 

An seine Brust mit wundem Arm ein Kissen; 

Und jener dort erzählt, wie der Kosak, 

Der auf ihn schoß, alsbald ins Gras gebissen. 

Still, offnen Augs, tief in den Linnen drin, 

Ein knoch'ger Brauner, Hals und Bein verbunden. 

So liegt er, wunschlos, schweigend viele Stunden. 

Dann flucht er plötzlich leise vor sich hin: 

„Wir heben sie schon aus, die Russennester!" 

Ein Lachen flattert hell und kindlich froh — 

Dort spielt ein kleiner Schwabe Domino 

Um einen Weihnachtsapfel mit der Schwester. 

So Saal um Saal. Und keiner schilt und klagt. 
Und jeder weiß doch eines Leids Geschichte. 
Wohl spiegelt sich der Schmerz, der heimlich nagt. 
In manchem blaß entspannten Angesichte; 
Wohl sprengt ein Seufzer hier, so weh und tief. 
Aus wunder Brust die Fesseln der Verbände; 
Wohl zittert dort ein oft geles'ner Brief 
Im müden Griff der wetterbraunen Hände; 
Doch nur ein Wort von Marsch, Alarm und Schlacht, 
Und wie der Feind vermaß sich und erfrechte — 
Und unter weißer Stirn das Auge lacht: 
Geduld, wir sprechen uns noch — im Gefechte! 

Stolz auf mein Volk, das in der Wunden Schmerz, 
Und angerührt von des Vernichters Hippe, 



51 

Nocli Zuversicht im Aii^' und auf der Lippe, 
Den Tod verliöhnend trägt den leichten Schmerz, 
Sciiritt ich der Schwester folgend aus dem Saal 
Und ward des Wegs, der Treppe kaum gewahr. 
Ein 'i'ürchen sprang; ich stand mit einemmal 
In einem Stübchen, das voll Sonne war. 

Da saß in seiner Joppe, blau und weiß. 

Ein starker Burscli vor einer Schreibmaschine, 

Und übte tastend sicli mit ems'gem Fleiß. 

Starr lag der Ernst in seiner blassen Miene. 

Die Finger sprangen sicher und geschwind. 

Die Augen aber irrten leer ins Weite. 

Und leise sprach die Schwester mir zur Seite: 

„Die Kugel traf den Sehnerv. Er ist b 1 i n d." 

Er hatts gehört und ließ die Hände ruhn: 

„Zur Schlacht bin ich verdorben wohl für immer. 

Von Qottes Sonne floh der kleinste Schimmer. 

Nacht ist es nun. 

Was hilft's dem Wehrlosen die Fäuste ballen. 

Dem Schicksal fluchend, wild und freventlich. 

Umsonst sind mir die Binden abgefallen. 

Das Licht hat keine Orüße mehr für mich. 

Mehr bin ich nicht, als die ich hier bediene. 

Zu der ich, tastend mich, vom Lager kroch. 

Maschine bin ich worden, nur Maschine, 

Im Dunkel sitz' ich hier — und doch . . . und doch . . ." 

Still war's im Raum, da er ein Weilchen schwieg. 
Dann, leise tastend mit der rechten Hand 
Auf seine Brust nach dem schwarz-weißen Band: 
„Gott Lob, das Letzte, was ich sah, — war Sieg!" 

Rudolf Presber. 

(Aus: Lustige Blätter. 28. Kriegs-Nr.) 



Die Blindenanstalten und der Krieg 1914. 

(Fortsetzung ) 

Jüdische Blindenanstalt für Deutschland, Beth Iwrim. 
Begründet von William Neumann. E. V. in Berlin-Steglitz. 

Mit dem Ausbruch des Krieges mußte der geplante Erweite- 
rungsbau vertagt werden. Sofort nach dem Einfall der Russen 
in Ostpreußen hat die Anstalt zwei Räume, die sonst dienst- 
lichen Zwecken dienen, ostpreußischen Flüchtlingen zur Ver- 
fügung gestellt. Es fanden 14 Personen Aufnahme. Die Kosten 
für die Verpflegung werden aus der anläßlich des 70. Geburts- 
tages des Vorstandsmitgliedes Herrn Conrad Schayer gegrün- 
deten Conrad Schayer-Stiftung gedeckt werden. 

Die weiblichen Insassen strickten für unsere Soldaten 



52 

Strümpfe, Kopfschützer, Pulswärmer, Kniewürmer und Leib- 
binden. M. Friedberger, Inspektor. 

„Freunde unserer erblindeten Krieger, schließt Euch zu- 
sammen zu gemeinsamer Arbeit! Unter unseren Kriegsinva- 
Jiden sind die, welche im Kampfe für's Vaterland das Augen- 
licht verloren, zweifellos mit am meisten geschädigt. Zu der 
einen Sorge: „Wie finde ich nun meinen Unterhalt?" gesellt 
sich für sie die fast noch schwerere: „Wie gebe ich meinem 
Leben wenigstens einen neuen Inhalt, daß es mir noch wirk- 
lich lebenswert erscheint?" Der erstgenannten Sorge enthebt 
sie der Staat wenigstens insoweit, als seine Kriegsinvaliden- 
fürsorge sie vor der größten Not bewahrt; aber die zweite kann 
nur gemildert werden, wenn die private Hilfstätigkeit energisch 
mitwirkt. Qott Lob, sie hat eingesetzt. Bald nach Kriegs^ 
beginn entstanden Stiftungen, fanden sich Körperschaften und 
einzelne Persönlichkeiten, die hier helfen wollen. Allein diese 
private Kriegsblindenfürsorge weist einen Mangel auf: Sie ist 
nicht organisiert; jede dieser Körperschaften und Persönlich- 
keiten arbeitet für sich, unbekümmert um die andern. Wird 
die private Hilfstätigkeit für die Kriegsblinden nicht organisiert, 
so besteht die Gefahr einer irrationellen Verwendung der ver- 
fügbaren Mittel und Kräfte. Da ist's nicht nur gut, sondern 
wünschenswert, notwendig, daß alles Erforderliche von einer 
Zentrale aus geleitet wird, die, mit allen Stellen Hand in Hand 
arbeitend, den in Frage kommenden Verwaltungs- und Blinden- 
wohlfahrtsorganen in der Heimat des Einzelnen schon vor- 
arbeitet und diese entlastet. Es ist begreiflich, daß sich be- 
sonders die Blinden selbst für diese ihre neuen Schicksalsge- 
nossen erwärmen; denn, mögen alle Mitgefühl mit ihnen haben, 
ihnen sind sie in des Wortes tiefstem Sinn „die Nächsten". Des- 
halb hat sich der Reichsdeutsche Blindenverband 
entschlossen, die Organisierung der privaten Kriegsblindenfür- 
sorge in die Hand zu nehmen. Dem genannten Verband ist 
eine „Zentrale für das B 1 i n d e n w e s e n" mit Sitz in 
Hamburg angegliedert. Die Verwaltung dieser Zentrale, 
welcher der nur aus Blinden bestehende Verwaltungsrat des 
Verbandes und ein Vertreter der Blindenlehrerschaft ange- 
hören, wird die erforderlichen Schritte tun und hat bereits mit 
den Vorarbeiten begonnen. Wie sich die Organisation ge- 
stalten wird, läßt sich im einzelnen heute noch nicht sagen. Nur 
soviel sei gesagt: Es handelt sich vor allem darutn, daß die Ge- 
sellschaften und Stiftungsverwaltungen zum Zweck der Kriegs- 
blindenhilfe unter sich und mit den zuständigen Behörden und 
Institutionen zum Wohl der Blinden unter einander Fühlung 
nehmen. Um eine Verschmelzung der zum Besten der er- 
blindeten Krieger besonders bereitgestellten Mittel kann es 
sich jdenfalls nur insofern handeln, als deren Stifter nicht schon 
nähere Bestimmungen über deren Verwendung getroffen haben 
bezw. ihre ursprünglichen Bestimmungen zugunsten einer 
zweckmäßigeren Verwendung aufgeben. Allein viel, sehr viel 
ist schon erreicht, wenn alle Fäden an einer Stelle zusammen- 



53 

laufen, und alle über die Arbeiten der Einzelnen orientiert sind. 
Mit den Vorarbeiten wurde vom Vorsitzenden des Verbandes 
Prediger Paul Reiner, Berlin N. 113, Stolpische Straße 8, be- 
auftragt, der höfliclist bittet, alle einschlägigen Mitteilungen an 
ihn gelangen zu lassen, und zu jeder weiteren Auskunft gern be- 
reit ist. Einstweilen ist mit der Bildung eines „Zentralaus- 
schusses für private Kriegsblindenfürsorge" begonnen worden." 

Vorstehendes las ich Mitte März in dem „Rostocker An- 
zeiger", einer vielgelesenen mecklenburgischen Tageszeitung. 
Darin wird für die Mitglieder vom „Reichsdeutschen Blinden- 
verband" in Anspruch genommen, daß sie sich ganz besonders 
veranlaßt und zu der Aufgabe verpflichtet fühlen müßten, sicli 
der Kriegsblinden als iiirer Leidensgenossen fürsorgend anzu- 
nehmen. Betätigt wird dieser Standpunkt durch eine Aufforde- 
rung an die Blindenanstalten zur Hergäbe von Geldmitteln an 
den „Reichsdeutschen Blindenverband", damit dieser seine Auf- 
gabe an den Kriegsblinden erfüllen könne. 

So sehr ich es verstehe, daß gerade die Mitglieder vom 
„Reichsdeutschen Blindenverband" als deren Leidensgenossen 
das schwere Geschick der Kriegsblinden mit empfinden, so sehr 
muß doch betont werden, daß den Kriegsblinden das ganze 
deutsche Volk verpflichtet und es dessen heilige Pflicht 
ist, mit Opferfreudigkeit in die Fürsorge für die Kriegsblinden 
einzutreten, was ja auch bereits in ganz Deutschland durch eine 
„organisierte Fürsorge für Kriegsverletzt e" 
geschehen ist, indem diese ausdrücklich die Fürsorge für Kriegs- 
blinde mit in ihr Programm und ihre Bestrebungen aufge- 
nommen hat. Auf diesem Wege auch allein wird es möglich 
sein, eine wirklich ausgiebige und zureichende Fürsorge zu be- 
wirken. Bei solcher Sachlage aber ist es m. E. nicht rech' 
einleuchtend, weshalb die Blindenanstalten Fürsorgemittel für 
Kriegsblinde gerade dem „Reichsdeutschen Blindenverbände'* 
zuführen sollen. Wird ja überdies die wirksamste Beteiligung 
der Blindenanstalten an der Fürsorge für Kriegsblinde eine 
werktätige auf dem Gebiete des Unterrichts und der Aushilfe 
zu Erwerbsfäiiigkeit und Erwerbstätigkeit sein müssen. 

Lembcke. 
Im Felde stehen: 

Einziger Sohn des Blindenlehrers Cl. Engels-Düren: Kriegs- 
freiwilliger Referendar Felix Engels, z. Zt. Fahrer im Berg. 
Feld-Artillerie-Regt. Nr. 59, 3. Ersatzbatterie Köln-Riehl. 

Druckfehlerberichtigungen zu Nr. 2 d. Jahrganges 
S. 31 Zeile 2 von oben: „und kennen" ist zu streichen. 

Zeile 23 von oben: statt , .Sämann" lies „Säemann". 

Zeile 11 von unten: statt ,, Opfers" lies „Ohres".. 
S. 32 Zeile 20 von oben: statt „Sprachen" h'es „Sprechen", 

Zeile 27 von oben: statt „es" lies „sie". 
S 34 Zeile 15 von unten: „ein" ist zu streichen. 
S. 36. Die Unterschrift unter dem Bericht aus Wiesbaden heißt: Claas- 



54 

Qeschichtstafel 
des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens. 

Vorwort. 

Von dein ersten der beiden Unterzeichneten, dem Regie- 
rungsrat Mell-Wien. ist bekannt, daß er seit langern die Ab- 
sicht verfolgt, eine Geschichte des Blindenwesens herauszu- 
geben. Im Laufe der verflossenen Jahre sind auch verschie- 
dene Arbeiten in dieser Richtung von ihm durchgeführt wor- 
den. Hauptsächlich war er bestrebt, so viel als möglich autncn- 
tisches Ouellenmaterial zu erlangen, namentlich von jenen 
Blindenanstalten, auf deren Unterstützung er nicht weiter rech- 
nen konnte. Zu gleicher Zeit arbeitete er an einer Uebersicht 
über die Ereignisse im Blindenwesen, an einer Chronik, welche 
einen Grundstock für das zu schreibende Geschichtswerk in 
chronologischer Beziehung bilden sollte. Es wurden mehrere 
tausend Daten zusammengetragen, nach Jahren geordnet, und 
so ein Bild der Entwicklung der Blindensache in Deutschland 
und Oesterreich gewonnen. 

Da seine Arbeitskraft seit etwa fünf Jahren amtlich jedoch 
immer mehr in Anspruch genommen wurde, mußte Regie- 
rungsrat Meli leider davon absehen, die Abfassung der eigent- 
lichen Geschichte des Blindenwesens, die ja nicht bloß eine 
Chronik sein durfte, in nächster Zeit in Angriff zu nehmen. 
Er entschloß sich daher, wenigstens die chronologische Dar- 
stellung der Ereignisse in der Entwicklung des Blindenwesens 
zu bearbeiten und im Jahrgang 1914 des „Blindenfreundes" zu 
veröffentlichen. Leider kam auch dieser Plan, obwohl bereits 
im November 1913 festgestellt und mit dem Verlage beraten, 
nicht zur Ausführung. 

Unabhängig hiervon und ohne Vorwissen dessen, was Re- 
gierungsrat Meli plante, hat auch der zweite der beiden Unter- 
zeichneten seit vielen Jahren an einer Geschichtstafel der Ent- 
wicklung des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens gesam- 
melt und gearbeitet. Bei Gelegenheit eines freundschaftlichen 
Zusammenseins im Sommer v. J. kamen die beiden Unter- 
zeichneten nun darin überein, das gesammelte Material zu- 
sammenzulegen und gemeinsam zu veröffentlichen. Regie- 
rungsrat Meli stellte daher das unter Mitw irkung seines Soh- 
nes Dr. Leo Meli und des am k. k. Blindeninstitut in Wien 
tätigen Lehrers Adolf Melhuba zusammengetragene Material 
Schulrat Brandstaeter zur Verfügung. So ist die nachstehende 
im Abdruck begonnene Geschichtstafel entstanden. In der- 
selben haben nur die Daten Platz gefunden, welche als Mark- 
steine in der Entwickhnig des Blindenwesens allgemeinen und 
dauernden Wert haben. 

Die folgenden Nunnnern des „Blindenfreundes" werden 
die Fortsetzungen dieser Arbeit bringen. Am Schluß des Jahr- 
ganges wird dann ein einheitliches Ganzes vorhanden sein, wel- 



55 

dies, wenn unsere Wünsche sich erfüllen lassen, als Sonder- 
abdruck zu beziehen sein wird. 

Wir hoffen mit dieser Veröffentlichung manchen an uns 
gerichteten Wunsch zu erfüllen und den Blindenlehrern und 
Blindenfreunden einen Dienst zu erweisen. 

Regierungsrat Alexander Meli, Schulrat August Brandstaeter, 
Wien. Königsberg Pr. 

* * * 

1260 

Ludwig IX., der Heilige, König von Frankreich, gründete 
in Paris das Höpital des Quinze-Vingts als Versorgungs- 
anstalt für 300 ältere blinde Personen. 

1440 

Um dieses Jahr wurde der blindgeborene Orgelvirtuose 
Konrad Paumann Organist bei St. Sebald in Nürnberg. 

1453 

Der in frühester Kindheit erblindete Nicasius von 
Voerda, gest. 1492 als Universitätslehrer in Köln, erhielt 
in Löwen mit päpstlicher Dispens die Priesterweihe. 

1471 

In Bologna erschien die älteste Druckschrift, die einen 
Blinden zum Verfasser hat, die dichterische Beschreibung 
eines Turniers vom Jahre 1470 durch den blinden Fran- 
cesco von Ferrara. 

1523 

Bis jetzt als älteste bekannte Druckschrift, in der es sich 
lediglich um Blinde handelt: Characclolo, dialogo di tre 
ciechi. (Dialog der drei Blinden.) 

1528 

In der Schrift des Erasmus von Rotterdam über die rich- 
tige Aussprache des Lateinischen und Griechischen findet 
sich die erste Nachricht über das Schreibenlernen Blin- 
der durch Nachfahren vertieft dargestellter Schriftzüge. 

1530 

Der Professor in Löwen Louis Vivcs trat in einer Schrift 
über das Armenwesen für Beschäftigung der Blinden ein. 

1569 

In Venedig erschien das erste Buch, das über die Blind- 
heit geschrieben wurde: der Dialog über die Blindheit, 
Dialogo della cecita. von Luigi Luisini. 

1587 

An der Universität Tübingen wurde der aus Linz gebürtige 
blinde Christoph Lutz, der von seinen Eltern sorgfältig 
erzogen worden war, zum Magister der Philosophie pro- 
moviert. 



56 

1587 

Die von Professor Crusius (Kraus) aus diesem An- 
lasse gehaltene Rede über den Oesichtssinn und die 
Blindheit wurde gedruckt und ist die erste in Deutschland 
erschienene Schrift über die Blindlieit. 

1640 

Peter Moreau, Schreiblehrer in Paris, ließ zum Ge- 
brauch für ßlinde bewegliche Buchstaben in Blei gießen. 

1646 

Der italienische Historiker Vincenzo Armainii veröffent- 
lichte aus Anlaß einer Erblindung das Buch 
II Cieco afflitto e consolato (in französischer Sprache 
L'aveugle offlige et console). 

1661 

In Palermo (Sizilien) wurde eine Art Akademie für blinde 
Dichter und Musiker gegründet. 

1662 

Der blinde evang. Theologe Joh. Schmidt in Straßburg 
trat in einer im Druck erschienenen Rede dafür ein, daß 
der Blinde von Künsten und Wissenschaften nicht ausge- 
schlossen w^erden dürfe. 

1670 

Der .Jesuitenpater Francesco Lana publizierte ein Werk, 
in dem er u. a. auch verschiedene Arten von Blinden- 
schriften vorschlägt, darunter auch eine nur aus Strichen 
und Punkten zusammengesetzte Flachschrift. Bei ihm 
auch Holztafeln mit lesbaren Reliefbuchstaben. 

1672 

Georg Trinkhaus, Conrektor in Gera, veröffentlichte seine 
„Dissertatiuncula de caecis sapientia ac eruditione claris". 

1682 

Jan. Nikolaus Saunderson in Thurlston (England) ge- 
boren; obwohl er blind war, erreichte er es, daß er als 
Professor der Mathematik an der Universität Cambridge 
angestellt wurde; er starb 19. 4. 1739. 

1715 

In Leipzig erschien die Abhandlung „De caecis eruditis" 
von M. Henr. Aug. Fricke. 

1740 

Das von dem blinden Professor Nikolaus Saunderson ge- 
schriebene große Werk über Algebra erschien. 

1745 

13. 1 1. Valentin Haüy in St. .lust in der Picardie geboren. 

1747 

In Dublin erschien die Schrift: Life of Nicholas Saunder- 
son. Professor at Cambridge. 



o< 



^ r 

1749 

Denis Diderot (t 30. 7. 1784) veröffentlichte in Paris seine 
Sciirift: Lettre sur ies aveugles ä l'usajie de ceii\ uiii 
voient. Londres (Paris) 1749. 

1756 

Um diese Zeit wurde der blinde R. WeißenburR in Mann- 
heim geboren. 

Das von dem bhnden Professor Nik. Saunderson ver- 
faßte Werk über Algebra erschien in französischer Ueber- 
setzung. 

1759 

Maria Theresia von Paradis in Wien geboren. 

1765 

11.4. Johann Wilhelm Klein zu Allerheim in Bayern geboren. 

1771 

Valentin Haiiy in Paris wurde auf die Blinden, welche in 
einem Vergnügungslokal auf der Foire St. Ovide musizier- 
ten, aufmerksam. 

1772 

Um diese Zeit übernahm der Privatgelehrte Christian 
Niesen in Mannheim die schulwissenschaftliche Ausbil- 
dung des blinden, damals 16jährigen R. Weißenburg in 
Mannheim. 

1773 

Es erschien das Buch des Privatgeleh.rten Christian 
Niesen in Mannheim: „Rechenkunst für Sehende und 
Blinde." 

1774 

In der englischen Zeitschrift Philosophical Transactions 
wurde ein Bericht des Dr. Grant über die Heilung einer 
20jährigen Blindgeborenen veröffentlicht (in deutscher 
Uebersetzung in Zeune, Belisar 1833 IV. Aufl.) 

1775 

Bei Jonas Hanwaj' in London erschien das Buch: The 
Defeats of Police with Observations on the Rev. Mr. 
Hetherington's „Charit\' for the Blind". 

1777 

Der Privatgelehrte Christian Niesen in Mannheim ließ 
das Buch: „Algebra für Sehende und Blinde" erscheinen. 

1778 

12.5. August Zeune zu Wittenberg geboren. 

1779 

Das Simpson Hospital for the Qouty and Blind (für gich- 
tische und blinde Männer) in Dublin (Irland) gegründet. 



58 

1780 

Um diese Zeit erfand Tlioiiias (Ireenvilie, ein Blinder in 
England, eine Reclienmascliine für Blinde. 

1783 

Die philanthropische Gesellschaft zu Paris ließ Schrift- 
stempel stechen und Matrizen gießen, womit erhabene 
Schriftzeichen hergestellt wurden, 

1784 

„Oraingers Charity" in London gestiftet. 

Fräulein Maria Theresia von Paradis (* 15. 5. 1759, 
t 1. 2. 1824) aus Wien machte als Sängerin und Pia- 
nistin eine Kunstreise durch Deutschland und die Schweiz. 

Juni. Valentin Haüy in Paris nahm den blinden Lesueur (* 1766) 
bei sich auf und unterrichtete ihn. Gründung des Parisei 
Instituts. • 

1785 

Val. Haüy in Paris druckte für seine blinden Scliüler 
mit auf Holz erhaben geschnittenen Typen. 

Boucher in Paris konstruierte eine Walzenpresse für 
den Blindendruck. 

Fräulein Maria Theresia von Paradis aus Wien 
machte als Sängerin und Klavierspielerin eine Kunstreise 
nach Paris. 

11.2. Val. Haüy legte der Königl. Akademie für Wissen- 
schaften in Paris eine Schrift zur Beurteilung vor, in 
welcher er die Mittel auseinandersetzt, deren Verwen- 
dung er für den Unterricht Blinder vorschlägt. 

17.2. Die Kommission der Akademie der Wissenschaften in 
Paris, welche über Haüy's Methode für den Unterricht 
Blinder ein Gutachten abzugeben hatte, stellte diesen Be- 
richt fertig. 

Val. Haüy mietete auf eigene Kosten ein Haus in der 
rue Coquillere und richtete daselbst eine Schule für 
Blinde ein. 

1786 

Val. Haüy druckte in Paris in erhabenen tastbaren Buch- 
staben sein Buch: „Fssai sur l'cducation des aveugles" 
und verwendete dazu gegossene Typen aus Lettern- 
metall. Bei einigen Exemplaren des Buches wurde der 
tastbare Druck geschwärzt. 
Dez. Die 24 besten blinden Schüler Val. Haüy's hatten 
eine Vorstellung bei dem Könige Ludwig XVI. in Ver- 
sailles. 

Unterstützt von der philanthropischen Gesellschaft zu 
Paris siedelte Val. Haüy in Paris mit seiner Blinden- 
schule nach der rue Notre-Dame des Victoires um. 



59 

1787 

Val. Haiiy versiiclitc ein seilendes Kind von einem Bün- 
den im Lesen unterrichten zu lassen. 

1788 

Val. Haiiy in Paris ließ drucken: 

1. Precis historiaue de la naissance, des propres et 
de Tetat actuel de l'Institution des enfants 
aveugles. 

2. Für die Hand seiner Schüler: Catechisme de Paris 

3. Cantiques et Motets pour les enfants aveugles. 
Paris. 

Valentin Haüy begann die Ausbildung seiner blinden 
Schüler in den Handwerken: Seilerei, Korbfleclitciei, 
Buchbinderei, Spinnerei. 

Val. Haüy druckte für seine blinden Schüler das erste 
Werk mit „Abkürzungen''. 

1789 

Val. Haüy in Paris druckte für seine blinden Schüler den 
1. Band der ArithmetiQue von Rouhier. 

Val. Haüy versuchte in weiterem Maße, seine blin- 
den Zöglinge als Lehrer von Sehenden zu verwenden. 

1791 

Das Blindeninstitut zu Liverpool (England) — Schooi 
for the Indigent Blind — gegründet. 

Val. Haüy's Blindenanstalt in Paris wurde von der 
Nationalversammlung auf Staatskosten übernommen. 

Val. Haüy verwendete in der Blindenanstalt 6 seiner 
Zöglinge als Correpetitoren. 

Von 1791 bis 1794 waren die Blinden mit Taubstum- 
men im Nationalinstitut in Paris vereinigt. 

1793 

23.9. Die Blindenanstalt in Edinburgh (Schottland) unter dem 
Namen „Royal Blind Asylum and Schooi" gegründet. 

In Bristol (England) eine Blindenanstalt (Blind Asy- 
lum er Schooi of Industry for the Blind) gegründet (1832 
inkorporiert). 

Val. Haüy errichtete im National-Blindeninstitut in 
Paris, um dieses wirtschaftlich zu halten, eine Druckerei, 
in welcher er Aufträge für Sehende ausführte. 

Anonym erschien in Leipzig die Schrift: „Historische 
Nachricht von dem Unterricht der Taubstummen und 
Blinden". (Verfasser derselben ist A. F. Petschke.) 

1794 

13. 1. Johann Knie, der Gründer der Blindenanstalt zu Breslau, 
in Erfurt geboren. 



60 

1795 

Die Nationalvcrsanimliinjj: in Paris bestätigte Val. Haiiy's 
Blindenanstalt unter dem Namen „Kcole des Aveugles 
Travailleurs" und gab ihr durch Gesetz vom 28. 7. 1795 
eine Organisation. 
1797 

Avisse, Zögling des National-Blindeninstitutes in Paris, 
schrieb das Vaudeville: „La ruse d'aveugle", welches 
von den Blinden öffentlich gespielt wurde, um Qeld zur 
Unterhaltung der Anstalt zu verdienen. 

Val. liaüy gestaltete die Buchstaben für den Blinden- 
druck um. 

Rasdale\s Charity for blind women in London ge- 
gründet. 

1798 

Das von dem blinden Nik. Saunderson in Cambridge ver- 
faßte Werk über Algebra wurde von l^rofessor Grüsoii 
in deutscher Sprache herausgegeben. 

Weinberger, Lehrer am Taubstummeninstitut i« 
Wien, verfaßte einen Plan zur Errichtung einer Blinden- 
anstalt. 

1799 

Joh. Willi. Klein begab sich aus seiner Heimat Bayern 
nach Wien und wurde daselbst als Armen-Bezirksdiri^k- 
tor angestellt. 

Die älteste Blindenanstalt Londons — School for the 
Indigent Blind St. Qeorge's Fields — gegründet. 

1800 

Ükt. Kaiser Napoleon I. verfügte, daß die in der Blin- 
denanstalt zu Paris befindlichen jungen Blinden mit den 
Blinden im Hopital des Quinze-Vingts zu vereinigen sind. 

1801 

Es erschien das Buch: „Leben des blinden Eranz Adolf 
Sachse". Von ihm selbst diktiert und bearbeitet von 
August Wichmann. Gera und Leipzig 180L (IL Aufl. 
1805.) 
1802 

Val. Haüy wurde als Direktor des National-Blindeninsti- 
tuts in Paris entlassen und mit einem Ruhegehalt von 
2()()Ü Francs in den Ruhestand versetzt. 

Die dem liöpital des Quinze-Vingts einverleibte Blin- 
denanstalt Val. Haiiy's erhielt durch Regierungserlaß den 
Namen „deuxieme classe". Leiter derselben wurde Lehrer 
Bertrand (bis 1814). 

Val. Haüy gründete in Paris, ruc Sainte-Avoye, eine 
neue Blindenschule unter dem Namen: „Musce des 
aveugles" (auch Lycee des aveugles). 



Ol 

1802 

Es orscliicii die Schrift: „Kurzer Kntwurf zu einem 
Institut für blinde Kinder" vom MaRistratssekretär Franz 
Oaheis in Wien. 

1803 

Val. Haüy in Paris arbeitete einen Plan für eine Blinden- 
anstalt in St. Petersburg aus. 

Der k. k. Kämmerer Stephan Olivicr (Iraf Wallis 
überreichte dem Kaiser Franz ein Promernoria betreffend 
die Errichtung einer Blindenanstalt in Wien. 

•loh. Willi. Klein in Wien wurde zum ersten Male in 
der Blindensache öffentlich genannt; er erklärte sich be- 
reit, dem Gedanken der Errichtung einer Blindenanstalt 
näherzutreten. 

Am 1. Dezember erschien ein Aufruf des Wiener Ma- 
gistratssekretärs Oaheis und .1. W. Kleins, daß zum Be- 
hufe des Blindeninstitutes Raum für zwei bis drei Zöglinge 
bereitgestellt ist, und solche sich melden sollen. 

1804 

l.l 5. . loh. Wilhelm Klein in Wien nahm den 9jährigen Jak. 
Braun (* Juli 1795, t 3. Juli 18.39) zu sich, um ihn für das 
, bürgerliche Leben brauchbar zu machen, und gründete 
damit die Blindenanstalt zu Wien. 

Der Gedanke an die Errichtung einer Blindenanstalt 
in Königsberg (Preußen) tauchte auf. Der Lizentbuch- 
halter Liedtke in Memel, der bereits ein blindes Mädchen 
unterrichtete, trat mit dem blinden Professor von Baczko 
in Königsberg in Verkehr. 

1805 

J. W. Klein in Wien veröffentlichte die Schrift: „Beschrei- 
bung eines gelungenen Versuches, blinde Kinder zur 
bürgerlichen Brauchbarkeit zu bilden." (Die weiteren 
Auflagen erschienen 1807, 1811, 1822.) 

In Norwich (England) w^irde eine Blindenanscalt 
(Asvlum and School for the indigent Blind) gegründet. 

1806 

16.6. J. W. Klein in Wien nahm seinen zweiten Zögling auf. 
Val. Haüy-Paris reiste nach Rußland, wohin er von 
Kaiser Alexander gerufen war, um in St. Petersburg eine 
Blindenanstalt einzurichten. Er traf dort am 9. 9. 1806 ein. 
Val. Haüy berührte auf seiner Reise nach Rußland 
Berlin und hatte dort Gelegenheit, seinen blinden Schüler 
Fouinier dem Könige Friedrich Wilhelm III. von Preu- 
ßen vorzuführen. 

11.8. Die Stiftungsurkunde der Königlichen Blindenanstalt zu 
Berlin wurde unterzeichnet. 

13. 10. Professor August Zeune (* 12. 5. 1778, t 14. 11. 1853) 
eröffnete die Königliche Blindenanstalt zu Berlin. Er 
leitete sie bis zu seinem 1853 erfolgten Tode. 



1806 

Auf Anregung des Professors Dr. Alois Klar (* 25. 4. 
1763, t 25. 3. 1833) in Prag wurden dortselbst blinde Kin- 
der unterrichtet, 

Lesueur in Paris setzte die von Val. Haüy begonne- 
nen Versuche, in erhabener Schrift zu drucken, fort und 
führte die italienischen Großbuchstaben ein. 

Im National-ßlindeninstitut zu Paris wurde „Abrege 
de la Qramniaire de THomond" für Blinde gedruckt. 

In Glasgow (Schottland) wurde eine Blindenal|^talt 
(Asyluni for the Blind) gegründet; inkorporiert 1825, 

In Oxford (England) wurden die „Municipal Charities" 
gegründet, welche 6 Pensionen für arme Blinde zu ver- 
geben haben. 

Per Aron Borg (* 1776, t 22. 4. 1839) in Stockholm be- 
gann ein blindes Mädchen zu unterrichten. In den näch- 
sten Jahren wurde er auf die taubstummen Kinder auf- 
merksam und nahm sich ihrer an. So entstand in seiner 
Wohnung eine Schule für Blinde und Taubstumme, 

1807 

lü, 12. Es wurde das Privat -Erziehungs- und Heil-Institut 
für arme blinde Kinder auf dem Hradschin in Prag 
durch Schenkung eines Hauses begründet. 

Valentin Haüy eröffnete in Petersburg (Rußland) eine 
Blindenanstalt. 

Es erschien das Buch von Ludwig von Baczko (* 8. 
6. 1756, t 27. 3. 1823) in Königsberg (Preußen): „Ueber 
mich selbst und meine Unglücksgefährten, die Blinden, ' 
Leipzig, 

Es erschien das Buch: Dulon's, des blinden Flöten- 
spielers Leben und Meinungen, Zürich, 

In dem National-Blindeninstitut zu Paris wurde für 
Blinde gedruckt: Office de l'apresmidi en latin; Office 
des morts; Catechisme. 

1808 

19.4. J. W. Klein war mit seinem blinden Zögling Jakob 
Braun über Einladung des Grafen Franz Deym-Arnau in 
Prag und veranstaltete daselbst eine öffentliche Vor- 
führung des Knaben, 

15. 6. J. G, Flenmiing regte bei König Friedrich August 
von Sachsen die Errichtung einer Blindenanstalt in (Dres- 
den an. 

Okt, Das Privat-Erziehungs- und Heil-Institut für arme blinde 

Kinder auf dem Hradschin in Prag wurde eröffnet. 
13. 11. Die Blindenanstalt zu Amsterdam (Holland) gegründet. 



()3 

1808 

Es crschieti die Schrift von .1. W. Klein: „lieber die 
Eigenschaften und die lieliandlung der I3hnden." Prag 
1808. 

Die von J. W. Klein in Wien gegründete BHndenan- 
stalt wurde vom Staate als öffentliche Anstalt anerkannt. 

Von Professor Aug. Zeune in Berlin erschien die 
Schrift: „Belisar". (Weitere Auflagen davon erschienen 
1821, 1829, 1833.) 

1809 

2. 1. Die Blindenanstalt zu Dresden (Sachsen) von Im. 
Qottl. Elennning gegründet. 

-4. 1. Louis Braille in Coupvrai (Frankreich) geboren. 

J. W. Klein führte die Stachelschrift für Blinde ein. 
.loh. Kasp. liirzel in Zürich (Schweiz) veröffentlichte 
seine Schrift: „Ueber die Blinden im Kanton Zürich." 

Die Taubstummen- und Blindenanstalt in Zünch 
(Schweiz) gegründet. 

1810 

5. 2. In Frankreich erschien ein Regierungserlaß, der die 
Zahl der Drucker in Paris auf 80 beschränkte. Man wen- 
dete diesen Erlaß auch auf die dortige Blindenanstalt an 
und nahm ihr alle Typen bis auf zwei Kasten, von denen 
einer für die Knaben, der andere für die Mädchen sein 

sollte. 

Fortsetzung folgt. 



Verschiedenes. 



C^-- 



^ 



— Ernst Haun, Deutsches Heldentum 1914. Der in Blinden- 
lehrer- und Blindenkreisen bekannte Verfasser hat uns ein im 
Selbstverlage erschienenes neues Büchlein vorgelegt, dem seine 
Tendenz sozusagen an der Stirne geschrieben steht: „Schwarz- 
weiß-rot mit eisernen Kreuzen" umrahmt oben angeführten 
Titel. Löblich ist die Absicht, unsern Helden, — den kämpfen- 
den draußen und auch den stillen hier zu Hause, — ein Denkmal 
zu setzen. Doch wo zu viel Licht ist und allzustrahlende Hellig- 
keit herrscht, da wendet sich das Auge, um auch Schatten zu 
suchen, da erst die reizvollen Gegensätze das Bild lebendig und 
warm machen. Doch soll hiermit nicht gesagt sein, daß sich 
unbefangene und rein stofflich genießende Leser nicht auch an 
diesen schier übermenschlichen Idealgestalten erbauen und auch 
begeistern könnten. Es bleibt aber immerhin zu bemerken 
übrig, daß doch nur eine erste Künstlerhand, die auch Form und 
Wort selbstherrlich meistert, derartige Stoffe überzeugend zu 
gestalten vermag. 

Königsberg i. Pr. E. Marold. 



64 

— Herr Direktor G. KuU in Zürich, hat, wie wir erst jetzt 
nachträglich erfahren, am 20. Januar d. Js. seinen 60. Geburts- 
tag begangen und im Kreise seiner Anstaltsgemeinde gefeiert. 
Wenn auch verspätet, wünschen wir dem verehrten Kollegen 
herzlich Glück zu seinem (jeburtstage. Möge Gottes Segen ihn 
auch fernerhin begleiten. 

— Herr Regierungsrat P. Hermann J. Ulrich, Begründer und 
langjähriger Direktor des Mädchen-Blindenlieims Elisabetinum 
in Melk-Niederösterreich, ist am 21. Februar d. Js. verstorben, 
nachdem er Kränklichkeit wegen schon Ende vorigen Jahres 
die Leitung des Blindenheims niedergelegt hatte. 

— Die „Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen" 
bringt in Nr. 3 des laufenden Jahrganges einen Aufsatz von 
Hauptlehrer Friedrich Demal in Purkersdorf über ein gewiß alle 
Fachgenossen lebhaft interessierendes Thema. Es lautet: Das 
Jugendspiel in der Blindenanstalt. 

— Frau Marie Lomnitz in Leipzig hat außer dem vergrößer- 
ten Punktschriftalphabet, über das in der Februar-Nr. d. Bl, 
berichtet wurde, noch ein kleines Steckbrett herstellen lassen, 
das allen Spätererblindeten zur Übung im Darstellen der Punkt- 
schrift-Buchstaben gute Dienste leisten wird. Das Steckbrett 

— mit einer Grundform — nebst den nötigen Kugelstiften ist 
zum Preise von Mk. 1,50 ausschließlich Porto zu haben. 

— Krefeld 20. Nov. 1914. Am Büß- und Bettage erhielten 
die Verwundeten im Lazarett des Kapuzinerklosters einen 
eigenartigen Besuch. Das Krefelder Blindenterzett mit eini- 
gen blinden Damen und Herren brachte den Kriegsleuten einige 
Abwechslung. Rektor Pauß wies darauf hin, daß an keinem 
das Leben ohne Kreuz und Leiden vorüberziehe, und sich jeder 
mit seinem Geschick möglichst auszusöhnen habe. Sein Hoch 
galt unserem erhabenen Kaiser. Nunmehr gaben die Blinden 
ihre mannigfachen Darbietungen zum besten. Die Kriegs- 
männer waren voll Erstaunen über die Leistungen in Gesang 
und in Deklamation. Der Vorsteher des Klosters stattete den 
seltenen Gästen innigsten Dank ab. Zum Schluß brachte Ser- 
geant Schlobben den Blinden und ihrem Vorsteher ein herz- 
liches Hoch aus, indem er für die großen Genüsse dankte. 

Eine blinde Dame wäre glücklich, folgende biblische Bücher 
in Versalschrift zu bekonnnen : 

1. Buch Moses, Offenbarung .lohannes, die Propheten 
Hosea, Micha, Hesekiel. 
Wer ist im Besitz und bereit, zu verkaufen? 

Frau von Gordon, Freienwalde (Oder). 

Im Druck erschienen: 

— 3. Jahresbericht des Blindenfürsorge-Vereines für das 
Herzogtum Braunschweig. E. V. 1914. 

— Ne unter Jahresbericht des B HndenJieim Mannheim 1914.__ 
Druck und Verlag der Hamerschen Buchdruckerci u. [Papierhandlung, Düren 



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Dogen stark. 
Bei Anzeigen wirö öie 
gespaltene Petitzeile 
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15 i? berechnet. 



Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Organ der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbiidung. 

Gegründet und bis September 1898 herausgegeben von 

kgl. Schulrat Wilhelm Mecker t. 

Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster, 

Mell-Wien und Zech-Königsthal. 

Hauptleiter für 1915 ist Schnirat Brandstaeter-Königsberg Pr. Bahnstr. 30. 

Ars pietasque dabunt lucem 
caecique videbunt. 



Nr. 4. 



Düren, 15. April 1915. 



Jahrgang XXXV. 



Der Blindenunterricht und der Krieg. 

(Lembcke-Neukloster i. M.) 

Von einer Seite, die meine Arbeit in Nr. 1 d. Bl. über das 
Thema: „Der Blinde und der Krieg" freundiicli aufgenommen 
hat, ist mir die Anregung geworden, ich möchte meine dortigen 
Skizzierungen, soweit sie den Blindenunterricht betreffen, noch 
vervollständigen. In der Tat ist dies auch nicht schwer, und 
darum komme ich gern der Anregung nach. Nur möchte ich 
dabei nachträglich betonen, daß ich überhaupt nur anregen 
wollte und es von vornherein nicht auf Vollständigkeit und 
Erschöpfung des Themas abgesehen hatte, und daß es mir dar- 
um noch willkommener gewesen wäre, wenn sich ein anderer, 
der überdies noch mehr wie ich in ausübender Praxis steht, zu 
dieser Ergänzung entschlossen hätte. Denn daß diese möglich 
ist, denke ich, wird folgende Weiterführung der Sache zeigen, 
und eine andere Bedeutung als diese beansprucht sie auch nicht. 

Zunächst sei die Beziehung des Anschauungs- 
(T as t -)u n t e r r i chts zu der gegenwärtigen Kriegsführung 
Gegenstand der Erörterung. 

Bei der Skizzierung der Arbeitspensen in dieser Richtung 
kann folgende Gruppierung gewählt werden: Waffen- 
rüstung — wirtschaftliche Rüstung oder: Aeu- 
ßereSiege — InnereSiege. 

Bei der Betrachtung der Waffenrüstung zu äuße- 
ren Siegen kann man nacheinander ins Auge fassen den 
Krieg 1. zuLande; 2. zuWasser; 3. inderLuft. 



66 

1. Der Krieg zu Lande. Die Herstellung der Bezie- 
hungen des Tastunterrichts zu ihm setzt voraus, daß unter den 
Anschauungsmitteln der Anstalt vorhanden oder sonst erreich- 
bar sind alle Gegenstände, die zur Ausrüstung der Soldaten der 
verschiedenen Waffengattungen gehören: Uniform; — Aus- 
lüstungsgegenstände dazu, wie Patronentaschen, Brotbeutel, 
Tornister, Feldstecher, Spaten, Ausrüstungsgegenstände für 
Pioniere u. a.; — Waffen: Gewehre, Revolver, Pistolen, Degen. 
Seitengewehre, Säbel; — Kanonen, Gespann dazu mit Vorder-, 
Mittel- und Stangenreiter und Kanoniere. — Mit Hinblick auf 
das Eisenbahnregiment und die Veranscliaulichung seiner Auf- 
gaben im Kriege muß ein zusammenstell- und zerlegbares 
Schienenwerk mit Zubehör zur Hand sein. — Die vielen beur- 
laubten Krieger und Verwundeten werden an allen Orten ein 
leicht zu erreichendes und willig sich darbietendes Anschauungs- 
material sein. — Was sich aber nicht in natura und Lebens- 
größe beschaffen läßt, muß als Spielgerät beschafft werden. Alle 
diese Anschauungsmittel sind nach dem Arbeitsprinzip und den 
Grundsätzen eines den Zögling zu lebensvollen Handlungen 
nötigenden Unterrichts für die Gewinnung von Kriegsbildern 
aller Art zu verwerten. Zugleich sind damit Belehrungen und 
firklärungen über obige Kriegsgegenstände zu verbinden, wie 
z. B. Belehrungen in Verbindung mit ausführenden Tätigkeiten 
über die Zusammenstellung und Handhabung des Bajonetts, 
über den Unterschied von Bombe, Granate und Schrapnell, Ka- 
nonen und Mörser, 42 cm-Brummer und Motorgeschütze usw. 
Auch die Großartigkeit des Kriegsdienstes der Eisenbahn 
(Truppentransporte, Lazarettzüge) sowie der Autos ist zu ver- 
anschaulichen und zu besprechen. 

Eine besonders lebensvolle Gestaltung wird das Bild vom 
Krieg zu Lande gewinnen, wenn große Sandhaufen auf 
dem Anstaltsgebiete bei begeisterten Kriegsspielen dazu ver- 
wandt werden, um Schanzen, Festungswerke, Forts, Anlagen 
von Schützengräben und Batterien, Brücken- und Tunnelbau- 
ten und Zerstörungen zu markieren und zu veranschaulichen, 
Belagerungen und Erstürmungen auszuführen. Hierbei führt 
lebensvolle Selbstbetätigung am wirksamsten in die Sache ein 
und läßt zugleich etwas von „des Kampfes kühner Wonne' 
nachempfinden. 

2. DerKriegzu Wasser. Die Beziehung des Anschau- 
ungsunterrichts zu ihm setzt Modelle von Kriesschiffen: Kreu- 
zern, Panzerschiffen, Torpedo- und Unterseebooten und Er- 
läuterungen hierüber voraus. Die Modelle müssen armiert una 
bemannt sein. Auch ein Marineanzug ist erforderlich. Das 
alles ist heutigen Tages nicht schwer, und wenn nicht in Natur 
oder als selbstgefertigtes Modell, aus Spielläden zu beschaffen. 
Schwerer ist es, hierbei den Zögling in Handlung treten zu 
lassen, noch schwerer und wohl kaum erreichbar, ihm ein Bild 
von einem Kriegshafen oder von einem Seegefecht zu ver- 
mitteln. Dagegen wird es nicht schwer fallen, ihm in der Form 



67 

eines in Bewegung gesetzten Zuckerliutes z. B. ein Bild von 
einem Torpedo und seiner Kampfweise zu geben. 

3. n e r K r i e g i n d e r L u f t. Mit großer Vorliebe sind 
die hiesigen Zöglinge zum Teil der Entwicklung der Luftkriegs- 
werkzeuge gefolgt, sodaB auch selbstgefertigte oder ange- 
kaufte Modelle der Luftschiffe, starren und dehnbaren Systems, 
und Flugzeuge aller Arten Anlaß zu begeisterten Phantasie- 
kämpfen nach getreuen Schilderungen gegeben haben. 

ich überlasse es dem Lehrer, in Verfolg dieser Anregungen 
sich die Sache im einzelnen und methodisch selbst weiter 
auszubauen und gehe dazu über, noch einige Anregungen in 
Beziehung auf die wirtschaftliche Rüstungen zu 
inneremSiegezu geben. 

Ich denke dabei vor allem an den Kampf, den uns die 
Schonung und Streckung unserer Nahrungs- 
mittel gegenüber dem Aushungerungsplan des 
„perfiden A 1 b i o n" auferlegt und — an die inneren Siege, 
die unser Volk mitderUeberzeichnung der Milli- 
arden-Anleihen erfochten hat. 

Wie viel Anregung zu beziehungsreicher, fruchtbarer Ge- 
staltung des Blindenunterrichts liegen nicht auch in diesen 
nationalen Großtaten und opferfreudigen Organisationen und 
Leistungen des wirtschaftlichen Lebens unseres Volkes wäh- 
rend dieser großen und heiligen Zeit einer Volkserhebung 
ohnegleichen in der Geschichte. 

Ich will nur einige Punkte hervorheben und das übrige 
wieder dem eigenen Nachdenken und der selbständigen Aus- 
gestaltung überlassen. 

Da ist zunächst die Brotkarte. Wie viel Anregung bie- 
tet sie, die Bedeutung der Sparsamkeit, der Selbstlosigkeit, des 
Gpfers zu besprechen, auf die Bedeutung einer straffen staat- 
lichen Organisation, auf die brüderliche Gleichheit von Reich 
und Arm, Vornehm und Gering hinzuweisen, wenn es das In- 
teresse, die Rettung und den Bestand des Vaterlandes, eine 
allgemeine Wehrpflicht im Frieden gilt! Wie verkörpert sich in 
ihr die Mahnung zur Mäßigkeit und deren Segen! Wie viel An- 
laß zur Belehrung über Mildtätigkeit und Mitteilsamkeit kann 
sie geben. — Ja, auch der R e c h e n u n t e r r i c h t , vor allem 
die Verhältnis-, Teilungs- und Verteilungsrechnung, kann durch 
sie praktisch belebt werden. 

Weiter läßt sich für die derzeitig wichtige Frage der Volks- 
ernährung die Naturkunde mobil machen, wenn sie die 
Krörterung auf die volkswirtschaftlichen Fragen nach der gegen- 
wärtigen Bedeutung der K a r t o f f e 1 , des A b s c h 1 a c h t e n s 
des Viehbestandes, der Sparsamkeit mit Brenn- 
ö 1 e n usw. richtet. 

Wichtige Fingerzeige, wie der Unterricht in der Gesund- 
heits lehre zugleich der Volksernährung dienstbar gemacht 
werden kann, bietet die in allen Buchhandlungen erhältliche 
Schrift „B r a m s e n. D i e K u n s t z u e s s e n" nach der so- 
genannten Fletschermethode, 0,60 Mk. 



68 

Soll ich Beziehungen der Milliardenzeichnungen 
zum Blindenunterricht aufweisen, so will ich hier absehen von 
den Aufforderungen zur Besprechung ethisch-nationaler und 
volkswirtschaftlicher Werte, die darin zutage getreten sind. 
Ich will dagegen nur darauf aufmerksam machen, wie dadurch 
eine Unterrichtsmaterie eine ganz neue Beleuchtung erfahren 
und eine höhere Bedeutung im Unterrichte auch der Blinden 
erlangt hat, nämlich : die Behandlung großer Zahlen 
und das Rechnen mit ihnen. 

Wenn man es sonst als einen gewichtigen und voll gerecht- 
fertigten Grundsatz für den Blindenunterricht wie für den Un- 
terricht der einfachen Volksschule anerkamit hat: der Rechen- 
unterricht der Blindenschule sei wesentlich Kopfrechenunter- 
richt und erstrebe die möglichst vollkommenste Rechenfertig- 
keit im Zahlenraum von 1 — 1000 und dazu noch die Entwick- 
lung des Zahlensystems bis 10 Millionen; wenn man solange 
meinte, damit den Ansprüchen der Lebenskreise und den beruf- 
lichen Aufgaben genügt zu haben, denen die Blinden im ganzen 
zustreben; — wenn man daneben dem Umgehen und Rechnen 
mit großen Zahlen höchstens einen formalen Wert: Erziehung 
zur Aufmerksamkeit, zur Ordnung und Uebersicht in der Dar- 
stellung; Disziplinierung des Willens durch Uebung in dauern- 
der angespannter Tätigkeit zuerkannte — nunmehr hat das 
schriftgemäße Rechnen und die Behandlung großer Zahlen 
eine ganz andere Bedeutung erlangt, wenn man, wie zur Aus- 
wertung der großen Zeit für den Unterricht nötig ist, den Zög- 
lingen eine Verhältnis Vorstellung von den Milliarden- 
werten vermitteln will, die in den Kriegsanleihen niedergelegt 
sind; jetzt hat die Verwendung der Apparate für das schrift- 
gemäße Rechnen: die Wiener Rechentafel, die Taylortafel u. a. 
einen ganz anderen und viel weiteren Unterrichtswert ge- 
wonnen als früher. 

Das sind so einzelne Punkte, auf die ich, der mir zugegan- 
genen Anregung Folge gebend, noch hinweise. 

Seit Entwurf meiner ersten Arbeit in Nr. 1 d. Bl. ist auch 
die Frage der Fürsorge für Kriegs verletzte und da- 
mit für die Kriegsblinden weiter geklärt worden. 

Nach einer Vereinigung für Kriegskrüppelfürsorge am 
8. Februar d. J. im Reichstagsgebäude zu Berlin, deren Zu- 
standekommen wesentlich den Bemühungen des Prof. Biesalsky 
zu danken ist, des Verfassers zahlreicher Schriften über 
Krüppelfürsorge, worunter ich nur die Schrift: „Kriegskrüppel- 
fürsorge, ein Aufklärungswerk zum Tröste und zur Mah- 
nung" hervorhebe, ist auch z. B. am 17. März d. J. die „Grün- 
dung eines Mecklenburgischen Landesausschusses zu einer 
organisierten Fürsorge für Kriegsverletzte zustande gekommen. 
Dieser Ausschuß verfolgt, wie auch die genannte Vereinigung, 
u. a. das Ziel, die Kriegsblinden wieder erwerbsfähig und 
erwerbstätig zu machen, und zwar mit ausdrücklichem 
Hinweis auf das Blindeninstitut des Landes. In einer bestimm- 
teren Fassung geht die Verfolgung dieses Ziele dahin, den Be- 



69 

schädigten wieder erwerbsiäii ig zur Ausübung seines bis- 
ii c r i g e n eventuell eines verwandten 15erufes und darin 
weiter auch erwerbst ä t i g zu maclien. 

Welche sonstige Punkte dabei von beteiligter Seite ins 
Auge gefaßt werden, zeigt ein Anschreiben, das ein hervor- 
ragender Professor der Augenheilkunde und Geheimer Medi- 
zinalrat I^erlins an mich richtete, worin er zu meiner I3egut- 
achtung folgende Fragen stellte: 

1. Ist es besser, alle erblindeten Krieger in einer Zentral- 
station auszubilden oder in Provinz-Anstalten? 

2. Halten Sie es für möglich, daß die Leute nach Erlernung 
eines Handwerks sich zum Teil auch außerhalb der Anstalt 
selbst ernähren können? 

3. Wie lange dauert die Mindestzeit einer Ausbildung? 

4. Wie verhalten Sie sich zur Musik? — Ich habe diese 
bis jetzt zur Unterhaltung empfohlen, aber nicht als Erwerbs- 
beschäftigung vorgeschlagen. 

5. Was halten Sie von der Ausbildung auf der Blinden- 
Schreibmaschine? 

In meiner Antwort auf diese Fragen habe ich mich gegen 
die Ausbildung in einer Zentral-Station ausgesprochen und die 
Ausbildung in den bestehenden Anstalten empfohlen, vor allem 
aus dem Grunde, weil die Ausbildung in einer Zentral-Station 
die für das innere Wohlbefinden des einzelnen wichtigen natür- 
lichen Zusammenhänge mit der Heimat und den gewohnten 
Lebens- und Familienverhältnissen lockert und erschwert, auch 
die Ausbildung fraglos verteuert und die Fürsorge nach der 
Entlassung erschwert, ja, unmöglich macht. 

Hie 2. Frage habe ich nach den vorliegenden Erfahrungen 
und Erfolgen der Blindenfürsorge bejaht, zumal dem Selbst- 
erwerb eine Reichsunterstützung der Kriegsbeschädigten zur 
Seite gehen wird. 

Zur 3. Frage habe ich nach bisherigen Erfahrungen die 
Dauer der Ausbildung je nach der Befähigung auf 3 — 4 Jahre 
angeschlagen, soweit es sich um volle Ausbildung zur Erwerbs- 
fähigkeit in einem Blindenberufe handelt. Für den Fall, daß 
nur B e s c h ä f t igu n g s möglichkeit, etwa in Rohrstuhl- 
beziehen, anderen Flechtarbeiten und Netzestricken usw. ange- 
strebt wird, habe ich die Zeitdauer der Ausbildung je nach der 
Begabung auf V-i bis l Jahr bemessen. 

Betreffend die unter 4 in Frage gestellte musikalische 
Ausbildung habe ich mich der Ansicht des Fragestellers ange- 
schlossen, dabei aber die Möglichkeit offen gelassen, daß, wo 
besondere Begabung zu besonderem Erfolg führt, dieser auch 
später Erwerbszwecken dienstbar gemacht werden kann. Auch 
habe ich darauf hingewiesen, daß musikalische Fähigkeiten und 
Neigungen ohne Schwierigkeit neben der beruflichen Ausbildung 
gepflegt und gefördert werden können. 

Die 5. Frage nach der Ausbildung auf der Blinden-Schreib- 
maschine habe ich dahin beantwortet, daß eine solche unschwer 
zu erreichen ist und mit Unterstützung der organisierten Für- 



sorge wertvoll für Erwerbstätigkeit der Kriegsblinden werden 
l<ann. 

Ich liabe weiterhin nicht verfehlt, darauf hinzuweisen, daß 
es zur Förderung der Angelegenheit wichtig sei, wenn die 
Kriegsblinden von den Militärbehörden und von der organi- 
sierten Fürsorge auf die Blindenanstalten als die zu ihrer Aus- 
bildung zwecks späterer Erwerbstätigkeit berufensten Stätten 
hingewiesen und die Leiter der Blindenanstalten, aus deren 
Wirkungskreise die Erblindeten stammen, über diese benach- 
richtigt würden, damit sie entsprechend ihrer Fürsorgeaufgabe 
die Angelegenheit in jedem einzelnen Falle weiter verfolgen 
könnten , — Auf diesem Wege bin ich bereits in Verbindung mit 
zwei Kriegsblinden getreten, wovon der eine ein fast erblin- 
deter Offizier aus Mecklenburg-Schwerin, der andere ein Land- 
wehrmann, Schweizer von Beruf, aus Mecklenburg- 
Strelitz ist. 

Soweit den Blindenanstalten dann die Aufgabe gestellt wird, 
den Kriegserblindeten in seinem bisherigen Berufe auszu- 
bilden, wird diese leicht zu lösen sein, wenn der bisherige Beruf 
mit einem der derzeitigen Blindenberufe zusammenfällt, wenn 
es sich also um Korbmacherei, Seilerei, Bürstenraacherei. 
Flechtarbeiten und Klavierstimmen handelt. — Schwieriger 
wird es schon sein, die nach Eintritt der Blindheit veränderten 
Grundlagen und Voraussetzungen für die weitere Ausübung des 
Lehrer- und Organistenberufes zu vermitteln. Am 
leichtesten möchte dies noch beim Organistenberuf sein, wenn 
der Erblindete aus früherer Wirksamkeit her über die Fertig- 
keit eines umfangreichen „Aus dem Kopf spielen" verfügt, ein 
bedeutendes Tongedächtnis hat oder gar über die Tastbefähi- 
gung verfügt, sich noch die Notenschrift und damit de.'i 
Schlüssel zu der umfangreichen musikalischen Literatur in 
Blindenmusikschrift aneignen zu können. Unter diesen Voraus- 
setzungen könnte auch ein kriegserblindeter M u s i k 1 e h r e r 
überhaupt sich in der Blindenanstalt die ersten Grundlagen für 
Fortsetzung seines Berufes erwerben, deren weiteren Ausbau 
er dann auf einem Konservatorium anstreben müßte. 

I^er kriegserblindete Lehrer im allgemeinen wird, 
wenn er sich die Fertigkeit im Schreiben der Blindenschrift, im 
Gebrauch der Blinden-Schreibmaschine oder, was allerdings in 
den meisten Fällen große, ja, unüberwindliche Schwierigkeiten 
bietet, gar das Lesen der Blindenschrift aneignet, damit sich 
wichtige Grundlagen für die Fortbildung in seinem Beruf und 
für dessen weitere Ausübung schaffen. Immerhin wird er im 
allgemeinen seine berufliche Tätigkeit wohl auf bestinnnte 
Fächer eingrenzen müssen, die durch mündliche Ueberlieferung 
sich betreiben lassen, wie die religiösen Disziplinen, Geschichte, 
Kopfrechnen u. a. — Eine nicht schwierige Aufgabe hat die 
Blindenanstalt an den Kriegserblindeten, die vorher in 
Schreiberdiensten standen, an Bürobeamten, Korre- 
spondenten kaufmännischer Betriebe usw. Diese werden in 
der Aneignung der Fertigkeit im Umgang mit Blindenschreib- 



71 

maschlnen bald zur Fortsetzunji' ihrer früheren beruflichen 
Tätigkeit geführt werden könne, wenn es sich dort um ein 
Schreiben nach einem mündlichen oder nach einem durch einen 
Sprechapparat vermittelten Diktat handelt. — Desgleichen 
können Kriegserblindete, die früher im Fernsprechdienst 
standen, fraglos in der Blindenanstalt leicht die Fähigkeit zur 
Fortsetzung ihres Berufes erlernen. — Insgesamt wird die 
Ausbildung zu Frwcrbsfähigkeit und Erwerbstätigkeit bei all 
den Kriegserblindeten keinen unüberwindlichen Schwierig- 
keiten in der Blindenanstalt begegnen, die dem Hand- 
werker- und Arbeiterstande entstammen. Sie 
werden bei gutem Willen und der nötigen Energie und Selbst- 
verleugnung, mit anderen Worten: wenn sie den Willen zum 
Siege, den sie im Kampfe fürs Vaterland betätigt haben, in die 
Blindenanstalt und in ihr Streben, dort wieder erwerbsfähig zu 
werden, mitbringen, alle einen der gegenwärtigen Blinden- 
berufe erlernen und dadurch wieder erwerbsfähig und erwerbs- 
tätig werden können. Hier liegen die ähnlichen Berufe vor, 
von denen oben die Rede war. 

Größere Schwierigkeiten stehen der Arbeit der Blinden- 
anstalten an Kriegserblindeten der höheren Stände und 
Berufsarten entgegen. Schon Unterkunft und Unterhalt 
von Blinden dieser Herkunft bereitet Schwierigkeiten in unsern 
derzeitigen Blindenanstalten, die wesentlich auf Blinde einge- 
richtet sind, die Kinder der Armut sind. Auch die Ausbildung 
hier mag derartigen Kriegserblindeten höchstens Gelegenheit 
bieten zur Erlernung des Schreibens, vielleicht auch des Lesens 
der Blindenschrift, ferner zur Ausbildung in allerlei Handfertig- 
keiten und zu Spielbeschäftigungen aller Art, die auf Ausfüllung 
der Zeit mit unterhaltender Beschäftigung hinzielen, vielleicht 
auch Förderung in musikalischer Richtung und Freude an Ge- 
sang und Musik. Eine Unterbringung derartiger Blinder in 
Blindenanstalten wird sich m. E. nicht empfehlen. Sie sind 
vielmehr in Pensionen bei Leitern und Lehrern der Blinden- 
anstalten oder außerhalb dieser in gebildeter Umgebung unter- 
zubringen, damit sie von hier aus nach freiem Entschluß und 
selbstgefühltem Bedürfnis die Bildungs- und Beschäftigungs- 
gelegenheiten der Blindenanstalten aufsuchen und ausnutzen. 

Diesen Erblindeten wird vor allem zu empfehlen sein, da- 
hin zu streben, daß sie die Blinden-Schreibmaschine regieren 
lernen und sich nach Begabung und Möglichkeit musikalisch 
weiterbilden, auch versuchen, das Lesen der Blindenschrift zu 
lernen. Wenn sie lernen, die Blindenschrift zu lesen und zu 
schreiben, ist ihnen ja bei dem Reichtum der Literatur in 
Blindenschrift die Gelegenheit zu geistiger Betätigung auf 
einem weiten Felde eröffnet. Dabei haben sie in der Blinden- 
Schreibmaschine das Mittel in der Hand, ausgiebigen schrift- 
lichen Verkehr zu pflegen und das Ergebnis geistiger Arbeit 
schriftlich niederzulegen. 

Außerdem wird diesen Blinden zu raten sein, sich dauernd 
in der Nähe von Blindenanstalten in und bei großen Städten 



72 

niederzulassen, damit sie dort einerseits in der Blindenanstalt 
und in der Beteiligung an deren musikalischen und geselligen 
Veranstaltungen und Feiern, wie auch durch Benutzung der 
dort vorhandenen Spiel- und sonstigen Untcrhaltungsmittel 
und Gelegenheiten Erfrischung, Belebung und Erliebung 
anderseits, außerdem in öffentlich veranstalteten Vorträgen 
und Aufführungen unterhaltender, bildender und künstlerischer 
Art ausgiebige Gelegenheit zur Befriedigung ihres Bedürfnisses 
nach Anregung, Unterhaltung und Fortbildung finden. 

Was nun die Unterbringung in einer Blinden- 
anstalt hinsichtlich derjenigen betrifft, die dort zwecks er- 
neuter Befähigung zum Erwerb ihren Aufenthalt auf kürzere 
oder längere Zeit nehmen müssen, so wird es sich im Hinblick 
auf deren Seelenverfassung, die vielfach nach dem äußeren 
Kampfe auf dem Schlachtfelde durch schwere innere Kämpfe 
hindurchgegangen sein wird, empfehlen, sie wenigstens, wenn 
irgend tunlich, anfänglich getrennt von den anderen Zöglingen 
und Insassen der Blindenanstalt wohnen, schlafen und essen, 
womöglich auch arbeiten zu lassen, auch ihre Tagesordnung, 
wenigstens im Anfang, etwas freier zu gestalten, bis sie mit 
ihrem Los innerlich zur Ruhe gekommen sind und es selbst 
anders wünschen. Die Erfahrung lehrt ja, daß Späterblindete 
nach anfänglich sich äußernder Abneigung später oft selbst das 
Bedürfnis haben, sich gleichalterigen Leidensgenossen im Ver- 
kehr anzuschließen und mehr und mehr in solchem Verkehr 
innerliche Befriedigung zu finden, so daß dessen Pflege oft über 
die Zeit der Ausbildung in der Anstalt hinausreicht und treues 
Zusammenhalten fürs Leben begründet. 

Hiermit schließe ich meine Ausführungen, die meinerseits 
durch keinen anderen als den mir anliegenden Wunsch veran- 
laßt sind, daß sie Anlaß zu weiterer Aussprache und zur 
Mitteilung der Erfahrungen auch der Kollegen werden möchten. 

Auf die weit wichtigeren und tiefer eingreifenden Einflüsse 
ethischer Art, die die gewaltige, heilige Zeit des Weltkrieges 
auf das ganze Blindenwesen, besonders auf die Gestaltung der 
Blinden e r z i e h u n g , auf den Geist und das ganze imiere 
Leben in unseren Anstalten haben wird und muß, wenn der 
Segen dieses epochemachenden weltgeschichtlichen Ereignisses 
dem Blindenwesen nicht verloren gehen soll, einzugehen, be- 
halte ich mir für eine weitere Arbeit vor. 



Die Ausbildung der erblindeten Soldaten. 

Von Direktor Helle r-Wien. 
Aus einer überwältigenden Empfindung, aus dem be- 
herrschenden Bewußtsein einer großen Dankesschuld für die 
Hingabe der höchsten Lebensgütcr an die heilige Sache des 
Vaterlandes quillt in der verhängnisvollen Zeit, die wir durch- 
leben, ein Strom opferwilliger Hilfsbereitschaft für die im Felde 
erblindeten Soldaten. Ihrer gedenkend, erhebt sich vor uns, 
die wir im Lichte wandeln, das Bild eines furchtbaren Schick- 



73 

sals, welches jun^e Mensclien aus Lebensgenuß und freudiger 
I^erufstätiKkeit in ewige Nacht versenlvt, sie mit unstillbarer 
Seimsucht nach einem unwiederbringiiclien (jHici< erfüllt, sie 
quälender Untätigkeit, dem Elend überantwortet. 

Gemäß der (Iröße dieses namenlosen Unglücks, würdig 
der erhabenen Bewegung, welche die Allgemeinheit erfaßt hat, 
müssen die zur Hilfeleistung zunächst Berufenen, die Vertreter 
der Bhndenbildung, ihre hohe Aufgabe erfassen und durch- 
zuführen bemüht sein. Innerlich aufgefordert durch tiefes Er- 
barmen dürfen sie an ihrem Werke sentimentalen Maßnahmen 
keinen überwiegenden Anteil einräumen. Wahre Tröstung und 
dauernde Hilfe bringt hier nur die Tat, welche in der Aus- 
rüstung für die veränderten Verhältnisse der Erblindeten und 
in der Ausbildung zu einer Wirksamkeit besteht, die nicht etwa 
bloß zur Abwehr der Langeweile, sondern zur Erfüllung eines 
Berufes führen soll. Denn nicht im Untersinken der Erschei- 
nungswelt, sondern in der Verurteilung zu menschenun- 
würdiger Untätigkeit und Abhängigkeit besteht das Unglück 
des Erblindeten. Der Soldat, der kühn und furchtlos dem Tode 
ins Auge geblickt, er wird gefaßt und würdig auch als Licht- 
beraubter sein der Arbeit gewidmetes Leben fortsetzen — ein 
inhaltsloses Dasein aber ist sozialer Tod. 

Und die Blindenbildung muß ihren universellen Charakter 
beweisen, sie darf sich nicht mit einer Abfindung begnügen, ihre 
Aufgabe nicht nach hergebrachten Schablonen ohne Erforschung 
des innersten Lebensbedürfnisses, der Individualität und des 
Vorlebens des Hilfsbedürftigen erfüllen, sie muß unter Wahrung 
dieser Interessen dem blinden Soldaten das Höchste bieten. 
Und dieses Höchste ist eine Ausbildung, die ihn befähigt, sein 
gewohntes Leben dort wieder anzuknüpfen, wo das Geschick 
es entzweigerissen, und wenn dies nicht zu erreichen ist, ihm 
doch eine seiner bisherigen Beschäftigung verwandte Wirk- 
samkeit zu eröffnen. 

Diese Erhaltung und Verwendung der aus der bisherigen 
Lebenstätigkeit gewonnenen Qualitäten w^erden nicht allein der 
ökonomischen Forderung gerecht, keinerlei Erworbenes preis- 
zugeben, sie bewirken geradezu im Seelenleben des Erblindeten 
einen Umwandlungsprozeß, wie ihn die trostreichsten Worte, 
die liebevollste Beliandlung nicht hervorzurufen vermögen. Sie 
heben das in ihm waltende Vorurteil auf. daß der Verlust des 
Sehvermögens ihn aus dem Kreise der wirkenden Menschheit 
ausschließt, und erfüllen den von schwerer Gemütsdepression 
Erfaßten mit Selbstvertrauen, mit Mut und neuer Lebensfreude. 

Dies gilt vornehmlich bei der Betätigung auf dem Gebiete 
geistiger Arbeit, weil ja die Erblindung den Verlust der psychi- 
schen Erwerbungen und Erfahrungen nicht herbeiführt und 
weil die moderne, wissenschaftlich begründete und technisch 
wohlausgerüstete Blindenpädagogik über Mittel verfügt oder 
diese nach dem zeitweiligen Bedürfnisse zu schaffen vermag, 
welche die Kenntnisse in Leistungen umzuwandeln geeignet 
sind. 



74 

Daß dem so ist, bezeugen zalilreichc Erfolge der vornehm- 
lich durch die Munifizenz des Philanthropen Baron Gustav 
Springer erhaltenen, seit sechzehn Jahren bestehenden Anstalt 
zur Ausbildung von später Erblindeten in Wien, Erfolge, die 
ihren Höhepunkt wohl darin erreichten, daß zwei Erbhndete 
nach der Methode dieser Anstalt juridische Studien absolvieren, 
den Doktorgrad erreichen konnten, und daß einer derselben in 
Wien als Hof- und (lerichtsadvokat wirkt. 

Die Grundsätze dieser auf Wiederanknüpfung basierten 
Ausbildung finden auch dann Anwendung, wenn es gilt, den 
Erblindeten einer gewerblichen oder kommerziellen Tätigkeit 
zuzuführen. Und erweist es sich auch vielfach als eine Not- 
wendigkeit, dem Erblindeten ein neues Gewerbe zu lehren, so 
führt die Benützung der im Zustande der Vollsinnigkeit er- 
worbenen Fertigkeiten und Geschicklichkeiten dazu, daß der 
blinde Lehrling der Absicht des Meisters wirkungsvoll ent- 
gegenkommt. 

So sind aus der genannten Anstalt manche Zöglinge in 
ihren gewohnten Erwerbs- und Geschäftsbetrieb zurückge- 
treten, haben sie in demselben ihre Befriedigung und durch 
diese ein großes Ausmaß von Lebensglück wiedergefunden. 

Diese Tatsachen und Erscheinungen sprechen laut und ein- 
dringlich gegen den Plan, die Kriegsbhnden ihr Leben lang 
durch Geldunterstützungen zu versorgen, und dem wahren 
Blindenfreund ist es wie heilige Pflicht, so auch tiefes Herzens- 
bedürfnis, die inständige Bitte zu erheben: Machet die durch 
das furchtbare Schicksal der Erblindung Verunglückten nicht 
noch einmal dadurch unglücklich, daß ihr sie, die jungen 
Männer, die noch ein ganzes Leben vor sich haben, zur quälen- 
den, menschenunwürdigen Untätigkeit verdammt! Der Fern- 
stehende hat keine Ahnung, bis zu welchem Grade der Passivi- 
tät, die sich auch in der äußeren Erscheinung ausprägt, der be- 
schäftigungslose Blinde sinken kann. Und drückt man in die 
schlaffe Hand eines solchen Blinden eine noch so reiche Gabe, 
sie ist für ihn ein Almosen, und hat er die Scheu, ein solches zu 
empfangen, überwunden, so bleibt er ein Bettler, der wechselnd 
in der Form, sein Leben lang milde Gaben heischt. 

Die reichen Geldmittel, die durch die Anregung hoch- 
herziger Menschenfreunde, vor allen edler Frauen, den im Felde 
erblindeten Soldaten zufließen, sie werden zum Segensquell, 
wenn sie für die Ausbildung der Erblindeten, und später zur 
Ausstattung für ihre berufliche Tätigkeit und zur Gründung 
eines wohlverwalteten Fonds verwendet werden, aus welchem 
den blinden Soldaten in den Wechselfällen des Lebens Beistand 
und Hilfe geboten werden kann. Und die begeisterte Opfer- 
freudigkeit für die erblindeten Krieger, sie soll, wenn der Friede 
wieder eingezogen sein wird in die Welt, nicht erlöschen, 
sondern sich darin betätigen, daß, vererbte Vorurteile, das 
Grauen vor dem Bilde eines mahnenden Verhängnisses über- 
windend, dem Blinden auf allen Gebieten seiner Wirksamkeit 
Arbeit und Verdienst geboten wird. 



75 

Und eine Heimat, seine Heimat soll dem erblindeten, 
arbeitsfreiidigcn Soldaten Resichert bleiben! Nicht in der 
Fremde, in der Knge von Asylen und Invalidenhäusern soll er, 
losgelöst von dem F^oden, aus dem er erwachsen, seine Tage 
freudlos und nach der Uhr gemessenem Oange verbringen! 
Nein, von Kraft und Zuversicht neu belebt, als ein freier Mann, 
der den Hammer der Arbeit schwingt, wie er das Schwert für 
das Vaterland geschwungen, soll er sich, wieder vereint mit 
denen, die ihn lieben, ein neues Glück erschaffen mit eigener 
Hand! Aus „Neue Freie Presse". 

Musikalische Ausbildung der Kriegsblinden? 

Aus Gotha, 5. März d. J., wird uns geschrieben: „Von 
der Deutschen Gesellschaft für künstlerische Volkserziehung, 
Abteilung Kriegsblindenstiftung, erhalte ich heute eine Zu- 
schrift, betreffend die Erteilung von Musikunterricht an Kriegs- 
blinde, zugleich mit einem Sonderabdruck aus Nr. 17 Ihrer 
Zeitung über „Blinde Soldaten". Hierzu erlaube ich mir, 
folgendes zu bemerken: Der Gedanke, den Kriegsblinden durch 
musikalische Ausbildung das Leben zu verschönen, ihnen neue 
Lebensfreude zu verschaffen, klingt bestechend. Ich halte diese 
Fiestrebungen aber für fehlerhaft und für viele Blinde geradezu 
verhängnisvoll. Für jeden Blinden, mag er jung oder alt sein, 
kommt es in erster Linie darauf an, ihm eine gediegene 
allgemeine B 1 i n d e n e r z i e h u n g zu verschaffen, d. h, 
möglichst umfangreiche Kenntnisse auf dem Gesamtgebiet der 
Blindenbeschäftigung. Die musikalische Ausbildung ist nur für 
wirklich hierfür Begabte eins der zahllosen Spezialgebiete. Die 
Grundlage aber für jedes Spezialgebiet sind allgemeine Kennt- 
nisse und Erfahrungen, auf welchen sich jenes erst aufbaut. 
Gerade unsere unvergleichlichen Erfolge in diesem Kriege 
zeigen es der ganzen Welt, daß unsere gediegene, jedem Be- 
ruf zugrunde liegende Schulbildung der Nu r- Spezialaus- 
bildung — wie sie z. B. in England üblich ist — turmhoch über- 
legen ist. Würden wir unsere Kriegsblinden von vornherein 
auf Spezialgebieten möglichst gründlich ausbilden, so würde 
ganz bestimmt die allgemeine Blindenerziehung schwer dar- 
unter leiden. Die Betreffenden würden im Kampf ums Dasc 
der auch für sie nicht aufhören wird und nicht aufhören darf, 
sich als schlecht gerüstet erweisen. Es wäre sehr bedauerlich, 
wenn jeder halbbegabte Kriegsblinde sich auf irgendein Ohren- 
marterinstrument werfen würde; wir wlirden dann in kürzester 
Zeit eine unendliche Vermehrung der gefürchteten „Blinden- 
konzerte" erleben, die doch zumeist einen recht geringen künst- 
lerischen Wert haben. Jeder BImdgewordene gehört, ebenso 
wie der Blindgeborene, so schnell als möglich in eine gut- 
geleitete Blindenanstalt. Dort muß er eine, von den 
ersten Anfangsgründen an folgerichtig aufgebaute Schule und 
Lehre durchmachen. Dabei wird sich dann zeigen, für welchen 
Beruf er die besten Fähigkeiten besitzt und auf diesem Gebiet 
wird er dann seine Sonderstudien mit gutem Erfolge fortsetzen 



76 

können. Dies ist der beste und für weitaus die meisten Kriegs- 
blinden der einzig riclitige Weg zu dauernder innerer Be- 
friedigung, weil er sie wirtscliaftlicli unabhängig macht und sie 
dadurch wieder zu wertvollen niiedern unseres Volksganzen 
werden. Blinde ohne entsprechende Ausbildung, sind häufig 
eine schwere Last für ihre Familie oder ihre Gemeinde — nach 
gediegener Blindenerziehung wird dies bei unseren Kriegs- 
blinden, mögen sie reich oder arm sein, sicherlich niemals der 
Fall sein. — Zu begrüßen wäre es, wenn der Staat, vielleicht 
durch Gewährung einer liöheren Rente für die Dauer von fünf 
.Jahren, einen gewissen Zwang ausüben würde, dahin gehend, 
daß möglichst alle Kriegsblinden eine solche, etwa zweijährige, 
Lehre durchzumachen haben. Das hierfür aufgewandte Geld 
würde unendlichen Segen stiften. Dr. L u c a n u s, Augenarzt. 
(Aus der „Norddeutschen Allgcm. Zeitung.") 

Die Blindenanstalten und der Krieg 1914. 

(Fortsetzung ) 

Herr Dir. Lembcke-Neukloster i. M. schreibt : Ein 
mir bekannter, lieber Kollege, der nach seiner Kriegstrauung 
am 2. am 3. August als Leutnant auf den östlichen Kriegs- 
schauplatz ausrückte und dort am 2. Oktober schwer verwun- 
det wurde, schreibt an mich, um darzutun, daß auch an seiner 
Blindenanstalt der Unterricht^ auf die große Zeit gebührend 
Rücksicht nehme, u. a. Folgendes: 

Die Kinder werden angehalten, an mich fleißig Briefe zu 
schreiben. Sie zeigen dabei zu meinem Erstaunen, daß sie im- 
stande sind, in wenigen Worten sich klar auszudrücken, was 
ihnen gewöhnlich große Schwierigkeiten bereitet, wenn ihnen 
nicht die nötige Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit ge- 
lassen wird. In ihren Briefen baten sie mich wohl, ihnen einen 
lebenden Russen mitzubringen. Und nun bin ich mit leeren 
Händen zurückgekommen. Besonders bewegte mich jedesmal 
der den Kindern aus dem Herzen konnnende Wunsch, mein 
Zustand möge sich bessern, wobei manche allerdings im Aus- 
druck fehl griffen, indem sie wünschten, i c h solle mich bessern. 
Hoffen wir, daß beides gelingt. Kurz und gut, ich sah aus 
allen Briefen, daß mich die Kinder gerne haben, und das ist für 
mich ein erhebendes Gefühl. 

In dem letzten Brief erfuhr ich dann, daß die Mädchen 
fleißig stricken, für mich Lazarettstrümpfe arbeiten und dabei 
vergnügt ein zeitgemäßes Lied singen, das die Lehrerin sie 
gelehrt hat. Dies ist das Lied: 

Stricklied. 

Meloöle: Steh' ich in finst'rer Mitternacht. 

L Zum Dienst fürs liebe Vaterland 
Rührt fleißig sich die Frauenhand. 
Es wird gekocht, genäht, gepflegt. 
Weil Kriegszeit viele Wunden schlägt. 



77 

2. Das rnaclit uns Mädclicn auch mobil. 
Und leisten wir auch noch nicht viel. 
Zur Liebesarbeit sind wir hier. 
Soldatenstrünipfe stricken wir. 

3. Die Nadeln klappern in der Hand, 
Zwei rechts, zwei links, ein lan^^er Rand. 
Her Schaft dann Rlatt und nicht zu weit. 
Nun aber kommt die Schwierigkeit. 

4. Die Ferse ist das Schmerzenskind, 
Weil da so krumme Sachen sind. 

Die Nähtchen, Käppchen, ach wie schwer! 
Wenn man nur erst vorüber war! 

5. Dann aber geht es wieder trab. 
Rundum, rundum, klipp-klapp, klipp-klapp; 
Bis man den Fuß fein zugespitzt. 

Und hofft, daß tadellos er sitzt. 

6. Und wenn mal eines nicht recht glückt. 
Vielleicht gar Falten schlägt und drückt. 
Bedenkt, es ward von Kinderhand 
Euch aus der Ferne nachgesandt. 

7. Doch Strümpfe sind es nicht allein. 
Wir stricken gute Wünsche ein: 
Gott gebe euren Waffen Sieg, 
Daß bald beendet ist der Krieg. 

8. Drum stricken wir olin' Rast und Ruh, 
Und singen unser Lied dazu: 

Zur Liebesarbeit sind wir hier, 
Soldatenstrümpfe stricken wir. 

Nachträglich zu den Fahnen einberufen: 

Ernst N i e p e 1, Dir. der Stadt. Blinden-Anstalt in Berlin; 
Adresse: Landsturmmann Niepel, Landsturm-Infanterie-Ersatz- 
Bataillon, 1. Komp., z. Zt. Freienwalde a. O. 

Ernst M a r o 1 d und Arthur P e i s e r, Lehrer an der Bl.- 
Unterr.-Anst. in Königsberg i. Pr. 

Im Druck erschienen: 
Das Kyriale nach der Vatikanischen Ausgabe mit deutschen 
Anmerkungen. Preis gebunden Mk. 5, — . Das Graduale 
und Vesperale sind in Vorbereitung. 
Max Reger: Beiträge zur Modulationslehre Mk. 2,80, 
A. Carusa: Guitarreschule Mk. 2,70. 

Die Musikrundschau, Monatsschrift für Blinde, jährlich Mk. 5, — . 
Punktdruckverlag A. Reuß, Straßburg i. E. Stockfeld. 
« * * 

„Geistesleben der Blinden" (Sonderabdruck aus „Eos"). 
Psychologische Studien von Anton Jos. Kappawi, Fach- 
lehrer an der Landes-Blindenerziehungsanstalt in Brunn. 
Im Selbstverlag des Verfassers. 



78 

Geschichtstafel 
des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens. 

(Fortsetzung ) 

1810 

Es erschien das Biicli: Külinau, die blinden Ton- 
künstler. Berlin 1810. 

.1. W. Klein in Wien empfahl seiner Regierung in 
einem Promemoria, die Volksschule zu verpflichten 
auch blinde Kinder aufzunehmen. 

im k, k. Blindeninstitut zu Wien wurde das Qurten- 
schlagen als Handarbeit eingeführt. 

Professor A. Zeune führte in der Königl. Blindenan- 
stalt zu Berlin die Stachelschrift ein. 

In Dublin (Irland) wurde eine Blindenanstalt (Rich- 
mond National-Institution for the Instruction of the in- 
dustrious Blind) gegründet. 

1811 

Am k. k. Blinden-Erziehungsinstitut in Wien w^urde eine 
Stiftung errichtet, aus der ein Blinder als Lehrer am In- 
stitut erhalten werden soll. 

J. W. Klein in Wien wendete beim Blindendruck 
große Bleilettern an: erster deutscher Blindendruck. 

In Schaffhausen (Schweiz) wurde ein Verein zur 
Unterstützung blinder Personen gegründet, der sp-iter 
den Namen „Bürgerliche Blindenanstalt der Stadt Schaff- 
hausen" annahm. 

In Dänemark bildete sich die Gesellschaft „Kjaeden" 
(Kette), welche eine Blindenanstalt gründete, die 1857 
vom Staate als „Königliches Blindeninstitut" übernoTn- 
men wurde. 
1812 

Das k. k. Blinden-lnstitut in Wien druckte einen „ewigen 
Kalender" in erhabener Schrift. 

In Aberdeen (Schottland) wurde eine Blindenanstalt 
(Asylum for the Blind) gegründet. 

Per Aron Borg in Stockholm kaufte das Anwesen 
Manilla bei Stockholm, um daselbst eine Anstalt für 
Blinde und Taubstumme zu errichten. 
1813 

Die ersten Füllfedern zum Schreiben der Blinden mit 
Tinte wurden in Wien beim Schreibfederfabrikanten 
Müller konstruiert. Klein verwendete sie für die Flach- 
schrift bei seinen Zöglingen. 
1814 

Pfarrer Wilh. Fried. Daniel in Zuffenhausen bei Stuttgart 
stellte ein neues, willkürliches Alphabet für Blinde auf. 



79 

1814 

J. W. Klein in Wien stellte den zweiten deutschen 
Blindendruck her und verwendete dazu aus Holz ge- 
schnittene Typen. 

21.4. Dr. (juillie wurde zum Lehrer und Leiter des Na- 
tional-Blinden-lnstituts in Paris, welches bis 1816 als II. 
Klasse am Höpital des Quinze-Vingts bestand, ernannt. 
In der englischen Zeitschrift „Edinburgh transac- 
tions" erschien der Bericht des Dr. Wardrop über die 
Heilung eines 15jährigen Taub-Blinden. (In deutscher 
Uebersetzung in Zeune's „Belisar" 1833 IV. Auflage.) 

1815 

20.2. Die so lange im Höpital des Quinze-Vingts in Paris 
als deuxieme classe befindliche, einst von Val. Haüy ge- 
gründete Blindenanstalt wurde wieder als selbständige 
Blindenanstalt eingesetzt und in das Gebäude eines 
Klosters in Paris verlegt. 

1815—1840 Pierre Armand Dufau wirkte als Subdirektor 
des National-Blindeninstituts in Paris. 

Es erschien das Buch: Rotermund, Nachrichten von 
einigen Blindgeborenen. Bremen 1815. 

In Dublin (Irland) wurde eine Blindenanstalt (Na- 
tional-Institution and Molyneux Asylum for the Blind of 
Ireland) gegründet. 

1816 

J. W. Klein's Blindenanstalt in Wien wurde zur Staats- 
anstalt erhoben. 
1817 

Von Prof. Aug. Zeune in Berlin erschien die Schrift: 
„Ueber Blinde und Blindenanstalten. 

11.11. Joh. Knie (* 1794, t 24. 6. 1859) grihidete in Breslau 
einen Verein zur Verbesserung des Schicksals der 
Blinden, namentlich der in den Feldzügen 1813 — 15 er- 
blindeten Krieger. 

Val. Haüy kehrte aus Rußland nach Paris zurück. 

Dr. Ouillie in Paris ließ die Schrift erscheinen: 
„Notice historique sur ITnstitution royale des jeuiies 
aveugles". Paris 1817. (In Blindendruck.) 

Im Druck erschien: Dr. Ouillie, Essai sur l'Instruc- 
tion des aveugles. Paris 1817, 

Dr. Guillie in Paris ließ für den Blindendruck Typen 
mit den großen italienischen Buchstaben gießen. 

Das Blindeninstitut zu Warschau gegründet. 
1818 

Gründung der 5 Kriegsblindenanstalten in Preußen. 
16.2. Zu Königsberg (Preußen) wurde eine Kriegsblindenan- 
stalt unter dem Namen „Graf Bülow von Dennewitz'sche 
Blindenstiftung" eröffnet. 



80 

1818 

14. ll.Jüli. Knie gründete die schlesisclic Blinden-Unterriclits- 
anstalt in Breslau (Schlesien), welche zugleich Kriegsblin- 
denanstalt war. 

Kaufmann Schütze in Dresden (Sachsen) gründete 
eine Arbeitsanstalt für erwachsene Blinde. 

In Dresden (Sachsen) bildete sich ein Verein von 
400 Mitgliedern zur Unterstützung armer Blinden. 

König Ferdinand 1. errichtete in Neapel (Italien) ein 
Hospiz für heilbare Blinde. 

Erster Versuch Joh. Knie's in Breslau, Typen für die 
Stachelschrift anfertigen zu lassen. 

In dem National-Blindeninstitut zu Paris wurden die 
ersten Bücher in griechischer und lateinischer Sprache für 
die Hand der Blinden gedruckt. 
1819 

]. 2. Die Blindenanstalt zu Breslau (Schlesien) wurde von 
Joh. Knie mit zwei Zöglingen eröffnet. 

Es erschien J. W. Kleines Lehrbuch zum Unterricht 
der Blinden. Wien 1819. 

Barbier (* 1767, t 1841) in Paris erfand sein Punkt- 
schriftsystem für Blinde, im Pariser Blindeninstitut Ecri- 
ture nocturne, von ihm selbst Expeditive francaise ge- 
nannt, und druckte ein Buch in diesem System. 

Die Kaiserliche philantropische Gesellschaft in Ruß- 
land übernahm die Verwaltung des von Val. Haüy einge- 
richteten und 1817 verlassenen Blindeninstltuts für männ- 
liche Zöglinge. 

In Brüssel (Belgien) wurde das Blinden-Institut Wo- 
luwe St. Lambert gegründet. 

In London wurde eine Unterstützungsanstalt für 
arme Blinde jüdischen Glaubens (Institution for Relieving 
the indigent Blind of the .lewish Persuasion) gegründet. 

National Blind Relief Society in London gegründet. 

Es wurde die Gesellschaft zur Unterstützung blinder 
Israeliten in England („Jews Society") gegründet. 
1820 

Profesor A. Zeune, Direktor der Kgi. Blindenanstalt in 
Berlin, unternahm eine Rundreise durch Europa zum Be- 
suche der Blinden- und Taubstunnnenanstalten. 

Dr. Guillie in I^aris gründete einen Unterstützungs- 
fonds für Blinde, dem er den Erlös aus dem Verkauf einer 
Schrift zuwendete. 

Die Blindenanstalt in Barcelona (Spanien) gegründet. 
1821 

22.8. Das National-Blindeninstitut in Paris gab zu Ehren Val. 
Haüy's ein Konzert. 



81 

1821 

Dr. Pignicr (* 178v=i, t 1874) wurde zum I^irektor des 
Natioiial-Blindcninstituts in Paris ernannt. Dr. Ouillie 
schied aus dem Amt. 

Joh. Knie in Breslau gab die Schrift „Essai sur l'ln- 
_ struction des Aveugies" von Dr. Quiilie in deutscher 
Uebersetzung heraus. 

Die von Barbier erfundene Punktschrift (Expeditive 
francaise) wurde im National-Blindeninstitut zu Paris 
eingeführt. 

A. Zeune's Schrift „Belisar" erschien in 2. Auflage. 
Ignaz Thomas Scherr (* 15. 12. 1801, t 1874) war von 
1821—1825 als Lehrer an der Taubstummen- und Blinden- 
anstalt in Schwäbisch-Omünd tätig. 
1822 
18..^. starb Val. Haüy in Paris. 

Becke erfindet eine Schreibtafel für Blinde zur Her- 
stellung von Linienschrift. 
1823 

Pfarrer Jos. Engelmann in Linz (Oesterreich) ging nn't 
der Idee um, eine Punktschrift für Blinde aufzustellen. 

Mechaniker Müller-Wien erfand eine Schreibtafel für 
Blinde zur Herstellung von Linienschrift. 

Direktor Per Aron Borg-Stockholm wurde nach Lissa- 
bon (Portugal) berufen, um dort eine Anstalt für Taub- 
stumme und Blinde zu errichten. 

Die Blindenschule zu Amsterdam (Holland) erhielt ein 
eignes größeres Qebäude und wurde in ein Internat ver- 
wandelt. 
1824 

Die Blindenanstalt zu Linz (Oesterreich) gegründet. 

Direktor Dr. Pignier führte im Nationalinstitut für 
junge Blinde in Paris den höheren Unterricht im Klavier- 
spiel ein. 

Die erste Stiftung für Blinde in Steyermark (Oester- 
reich) — die Ritter von Ebenau'sche — begründet, durch 
welche 4 arme Blinde versorgt werden. 

M. W. F. Daniel, Pfarrer zu Dürrwangen und Zuffen- 
hausen in Württemberg schrieb ein Büchelchen: „Kann 
nicht jeder Taubstumme und Blinde seine Ausbildung 
erhalten, und zwar auch in seiner Familie und in seiner 
Ortsschule?" Stuttgart. — Metzler. 1824. 

1825 

Juli: Die von Im. Qottl. Flemming 1809 gegründete Blinden- 
anstalt zu Dresden wurde mit der von Schütze 1818 ge- 
gründeten Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde 
in Dresden vereinigt. 



82 

1825 

J. W, Klein mietete in Wien in der Nähe seiner 
Blinden-Erziehungsanstait eine Wolnnniji, in welchei er 
mehrere entlassene Zöglinge aufnahm, um sie zu beschäf- 
tigen und zu versorgen. 

Mechaniker Müller in Wien stellte die ersten Schreib- 
(Füll-) Federn für Blinde zur Herstellung der Masse- 
schrift her. 

Pfarrer Jos. Engelmann in Linz (Oesterreich) stellte 
ein Zellenlineal her, mit dessen Hilfe seine Blinden die 
großen lateinischen Buchstaben schrieben. 

Louis Braille in Paris stellte sein Punktschriftsystem 
fertig. 

(oder 1826) erschien die erste ausführliche ßesciirei- 
bung des von Barbier in Paris erfundenen Punktsjhrift- 
systems. 

Die Blindenanstalt zu Weimar (Sachsen) gegründet. 

Die Blindenanstalt zu Preßburg (Ungarn) gegründet. 

Die von der Gesellschaft „Die Kette" in Dänemark 
1811 gegründete Blindenanstalt zu Kopenhagen wurde 
durch Einrichtung einer Arbeits- und Versorgungsanstalt 
für Blinde erweitert. 

In den Jahren 1825/26 ließ Pfarrer W. F. Daniel in 
Zuffenhausen bei Stuttgart das Werk: „Allgemeine Taub- 
stummen- und Blindenbildung" erscheinen. 

J. Th. Scherr (vergl. 1821) verfaßte die Sclnift: „Nach- 
richten über die Entstehung und gegenwärtige Einrich- 
tung der kgl. württembergischen Taubstummen- und 
Blindenanstalt in Schwäbisch-Qmünd. 

J. Th. Scherr wirkte von 1825 — 1832 als Leiter der 
Blinden- und Taubstummenanstalt zu Zürich (Schweiz). 

1826 

22. 9. König Maximilian II. von Bayern gründete eine Staats- 
Blindenanstalt; sie wurde zunächst in Freising unterge- 
bracht, später (1837) als „Zentral-Blinden-Institut" nach 
München verlegt. 

J. W. Klein begründete einen Biintlen-Fürsorgeverein 
in Wien zur Schaffung einer Versorgungs- und Beschäf- 
tigungsanstalt für erwachsene Blinde. 

Die Bhndenanstalt zu Freiburg (Oroßherzogtum 
Baden), die anfangs im Kloster Marialiilf in Reidingen bei 
Donaueschingen untergebracht war, gegründet. Erster 
Lehrer und Leiter war Professor Franz Müller (t 1852). 

Die 1825 gegründete Blindenanstalt in Preßburg 
(Ungarn) wurde nach Budapest verlegt. 



63 

1826 

In dem von Pfarrer W. F. Daniel in Zuffenhausen bei 
Stuttgart herausgegebenen Werke „Allgemeine Taub- 
stummen- und I^Iindenbildung" (1825) erscliien der Ab- 
schnitt über die Blinden. 

Die Blindenanstalt zu Zürich (Schweiz) nahm, weil ihr 
blinde Zöglinge fehlten auch taubstunnne Kinder auf und 
nannte sich von da ab „Zürcherische Blinden- und Taub- 
stunnnen-Anstalt". 

{Direktor Dr. Pignier führte im National-Blinden-In- 
stitut das Orgelspiel als Lehrgegenstand ein. 

Die erste französische Zeitschrift für das Blinden- 
wesen erschien unter dem Titel : „Journal de ITnstruc- 
tion des sourds-muets et des aveugles", herausgegeben 
durch Bebian. — 1827 hörte sie auf zu erscheinen. 

Der K. K. Hofkammer-Archivdirektor Megerle von 
Mühlfeld in Wien bestimmte den Erlös seiner Denkschrift 
„Erinnerungstafel" zum Besten von Blindenanstalten in 
der Weise, daß jede Provinz den Betrag erhielt, den sie 
aufbrachte. So entstand m Illyrien der illyrische Blinden- 
fonds. 
1827 

Lehrer Wagner in Stuttgart (Württemberg) fing an. 
einen Blinden zu unterrichten; daraus entstand die Blin- 
denanstalt zu Stuttgart. 

Das erste Punktschriftbuch in Braille-Zeichen herge- 
gestellt, geschrieben von einem Blinden. 

Direktor Dr. Pignier führte am National-Blinden-In- 
stitut zu Paris das Studium des Contrapunktes als Lehr- 
gegenstand ein. 

J. W. Klein in Wien ließ im Druck erscheinen: „Lieder 
für Blinde und von Blinden." 

Joh. Stüber, der Leiter der Königl. bayerischen Blin- 
denanstalt in Freysing (später München) führte dortselbst 
den Gebrauch der Stacheltypen ein. 

Der erblindete Christian Beruh. Schlüter (* 7. 3. 1801 
t 4. 2. 1884) habilitierte sich als Dozent der Philosophie an 
der Akademie zu Münster (Westfalen). 

Von J. F. A. Krug, Direktor der Friedrich-August- 
Schule zu Dresden erschien das Buch: „Leben des blinden 
Zachariä." Dresden 1827, 

Die 1806 gegründete Blindenanstalt (Asylum for the 
Blind) in Glasgow (Schottland) wurde inkorporiert. 

In London wurde eine Unterstützungskasse für Blinde 
(Bird's William's and E. C. Johnson's Annuities) ge- 
gründet. 

In Manchester (England) wurde ein Asyl für alte, 
arbeitsunfähige Blinde (Heushaw's Blind Asylum) ge- 
gründet. 



84 

1827 

Von J. Tli. Sclierr erschien die Sclirift: „Zwei Abende 
unter den Zöglnigen der Blindenanstalt in Zürich im Früh- 
jahr 1826." 

1828 

22. 1. Die Blindenanstalt für das Oroßherzogtum Baden wurde 
aus dem Kloster Mariahilf in Reidingen (1826) nach Bruch- 
sal verlegt und vom Staate übernommen. 

1829 

Louis Braille in Paris ließ in erster Auflage eine Schrift 
über sein Punktschriftsystem erscheinen unter dem Titel: 
Premier Feuillet: Procede pour ecrire les Paroles, la 
Musique et le Plain-Chant au moyen des points. 

Deuxicme Feuillet: Procede pour ecrire les Paroles, 
la Musique et le Plain-Chant au moyen des points ä 
l'usage des aveugles et disposc pour eux par L. Braille, 
Repetiteur a l'Institution royale des jeunes aveugles. 
Paris 1829. (Das erste Blatt ist in römischen Lettern, day 
zweite in Relief gedruckt. — 1837 erschien die zweite 
Auflage davon. 

Es erschienen von dem blinden Alex, von Rodenbach 
(* 28. 9. 1786 t 17. 8. 1869) in Belgien folgende Schriften: 
Lettre sur les aveugles. (Als Gegenschrift zu Diderots 
„Lettre sur les aveugles etc.") Ferner: Coup d'oeil d'un 
aveugle sur les sourds-muets. 

Die Schrift von Professor Aug. Zeune „Belisar" er- 
schien in 3. Auflage. 

18. 12. Die Blindenanstalt zu Braunschweig durch Professor 
Lachmann (* 22. 11. 1795 t 2?>. 6. 1861) gegründet. 

2. 3. Inkorporation des American Asylum for the Blind in 
Boston (Nordamerika), eröffnet 1832. Im Jahre 1839 wurde 
der Name in „Perkins Institution and Massachusetts 
Asylum for the Blind" geändert. 

Josef Bezecny (* 21. 1. 18Ü3, t 21. 10. 1871) war von 
1829 — 1871 als Lehrer an dem Privat-Erziehungs- und 
Heilinstitut für arme blinde Kinder in Prag tätig. 

Der K. K. Hofkammer-Archivdirektor Megerle von 
Mühlfeld in Wien bestimmte den Erlös seines Werkes 
„Erinnerungsblättcr" ebenso, wie er es 1826 mit dem Erlös 
seiner „Erinnerungstafel" gemacht hatte, zum Besten der 
Blindenanstalten in den einzelnen Provinzen. 

1830 

Von J. W. Klein in Wien erschien der Bericht: „Nach- 
richt von dem k. k. Blinden-Institut und von der Ver- 
sorgungs- und Beschäftigungsanstalt für erwachsene 
Blinde in Wien." 

Die „Blindenanstalt von 1830" in Hamburg gegründet. 
Die 1809 gegründete Blindenanstalt zu Dresden wurde 
Staatsanstalt. 



85 

1830 

Die auf dem Staclieltypcn-System bcruliende Noten- 
sehreibniaseliine des Freysinger Blinden-Instituts wurde 
bekannt j?eji:eben. 

Von dem blinden Oberlehrer .loh. Friedr. Richard 
(* 7. 9. 1804 t 3. 2. 1886) in Hamburg erscliien eine Samm- 
lung Gedichte unter dem Titel: „Klänge durch die Nacht". 
Hamburg 1830. 

In Stuttgart (Württemberg) wurde eine Privat-Blin- 
denanstalt gegründet, welche später (1856) den Namen 
„Nikolauspflege" erhielt. 

Professor Lachmann führte in der Blindenanstalt zu 
Braunschweig die Stachelt\pen ein. 

Professor Lachmann in Braunschweig erfand eine 
Schreibtafel für Blinde zur Herstellung der Linienschrift. 

Direktor Dr. Pignier führte Braille's Punktschrift all- 
gemein als herrschendes Schriftsystem an dem National- 
Blindeninstitut in Paris ein. 

.Jacob Oall in Edinburg (Schottland) erfand einen 
Schreibapparat für Blinde zur Herstellung einer Linien- 
Flachschrift. 

1831 

4. 7. Die 1830 begründete „Blindenanstalt von 1830" in Ham- 
burg wurde mit 9 Schülern unter Leitung von Dr. Wolff 
und Professor Dr. Jülich er()ffnet. 

Das ISlindenasyl zu Schwäbisch-Qmünd (Württem- 
berg) durch Dr. Victor August Jäger gegründet. 

Durch das Statistische Büro in Berlin wurde eine 
Zählung aller Blinden in der preußischen Monarchie ver- 
anlaßt. 

Dr. Howe aus Boston (Nordamerika) besuchte die 
wichtigsten Blindenanstalten Europa's, um darnach eine 
Blindenanstalt in seiner Heimat einzurichten. 

Durch Dr. Ruß wurde die Blindenanstalt zu Newyork 
(Nordamerika) — „Institution for the Blind" — gegründet. 

In Belfast (Irland) eine Taubstummen- und Blinden- 
anstalt (Ulster Society for Promoting the Education of 
the deaf and dumb, and the blind) gegründet. 

Dr. Ruß in Newyork (Nordamerika) erfand das 
liegende Punktschriftsystem : : :, übergab es seinem 
Nachfolger in der Leitung der Newyorker Blindenanstalt 
Dr. Wait, welcher es durch seine Schüler prüfen ließ und 
dann allgemein in seiner Anstalt einführte. (Wait'sches 
oder Newyorker System.) 

Der erblindete Josef Proksch (* 4. 8. 1794 t 20. 12. 
1864), Zögling der Blindenanstalt zu Prag, eröffnete in 
Prag eine höhere Musikschule. 



86 

1831 

Ks erschien: Hr. V. A. Jäger, Ueber die Behandlung, 
weiche blinden und taubstummen Kindern hauptsäcliiich 
bis zu ihrem 8. Lebensjalire im Kreise ihrer Familien und 
an ihrem Wohnorte überhaupt zu teil werden sollte. 
Stuttgart 1831. 

1832 

2. 5. Dr. Karl August Georg] (=:= 1. 4. 1802, t 26. 4. 1867) wurde 
i'Jirektor der Königl. Sächsischen Blindenanstalt in Dres- 
den, welches Amt er bis zu seinem Tode verwaltete. 
I. 3. Von Dr. Alois Klar in Prag wurde ein Verein zur Ver- 
sorgung und Beschäftigung von erwachsenen Blinden in 
Böhmen gegründet. 
4. 10. Die Klar'sche Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt in 

Prag (Böhmen) wurde eröffnet. 
1. 1. Das 1831 gegründete Blinden-Asyl in Schwäbisch-Qmünd 
(Württemberg) wurde eröffnet. 

Von 1832—1892 wirkte Georg Schibel (* 4. 4. 1807) 
als Direktor der Blinden- und Taubstummenanstalt in 
Zürich (Schweiz). 

Julius R. Friedländer kam aus Furopa nach Philadel- 
phia (Nordamerika) und begann dort Blinde zu unter- 
richten, was 1833 zur Gründung einer Blindenanstalt in 
Philadelphia führte. 

Die 1793 in Bristol (England) gegründete Blinden- 
anstalt — Asylum or School of Industry for the Blind — 
wurde inkorporiert. 

Von 1832—1876. Dr. Sam. Gridlev Howe (* 10. 11. 
1801, t 9. 1. 1876) wirkte als Direktor der Blindenanstalt 
zu Boston (Nordamerika). 
März. Die 1831 gegrihidete Blindenanstalt zu New-York (Nord- 
amerika) wurde eröffnet. 
August. Die Blindenanstalt zu Boston (Nordamerika) eröffnet 
(seit 1839 genannt „Perkins Institution and Massachusetts 
Asylum for the Blind"). 

In Groß-Britannien wurde das erste biblische Buch 
für die Hand der Blinden gedruckt. 

Die „Schottische Gesellschaft der Künste" bot eine 
goldene Medaille für das beste Blindenalphabet aus. 

Im Kgl. Blindeninstitut zu Berlin wurde mit Stachel- 
tvpen gedruckt: Deutsches Sprachtum von Dr. A, Zeune. 
1833 

Durch den Kandidaten Krause wurde in Halle a. S. 
eine Privatblindenanstalt gegründet, die 1849 wieder 
einging. 

Das durch Pfarrer Jäger 1832 eröffnete Blindenasyl 
zu Schwäbisch-Gmünd (Württemberg) erhielt ein eigenes 
neues Heim. Fortsetzung folgt. 



87 

Verschiedenes. II 



Der Basler Vertreter der Tiiriner Stampa erhielt die Er- 
laubnis zu einem Besuch bei den invaliden französischen Kriegs- 
gefangenen, die des Heinitransports durch die Schweiz harrend, 
in Konstanz und Umgebung versammelt waren. I^er italienische 
Journalist teilt über seine Eindrücke von dem Besuch folgendes 
mit: 

In der Kaserne, die er in Begleitung eines französisch- 
sprechenden Offiziers besuchen durfte, waren etwa 2500 Fran- 
zosen untergebracht. Er hat mit einer Anzahl von ihnen ge- 
sprochen. Alle sprachen sich lobend über die Behandlung aus, 
die ihnen in den deutschen Lazaretten zu teil wurde. Ihre Ver- 
köstigung während der Rekonvaleszenz war gut und ge- 
nügend. Sehr viele sehen übrigens bereits wieder ganz gut erholt 
aus. Freilich ist der Anblick, den diese Regimenter von Krüp- 
peln bieten, immer noch ergreifend genug. Es ist dem Journa- 
listen die verhältnismäßig hohe Zahl von Erblindeten aufge- 
fallen. In allen Fällen rührt der Verlust des Augenlichts von 
einem Schläfenschuß her, der zwar leicht heilte, aber da der 
Sehnerv zerstört wurde, die schwere Folge der Erblindung 
zurückließ. Einer dieser Unglücklichen erzählte voller Dank- 
barkeit, wie sich die deutschen Aerzte bemühten, ihm das 
Augenlicht zu erhalten, so lange auch nur eine Spur von Hoff- 
nung bestand; man habe ihn zu verschiedenen Autoritäten in 
Spezialbehandlung gegeben, leider ohne den erhofften Erfolg. 

Am 12. Februar d. J. fand in Budapest im Palais des 
Ministerpräsidiums unter dem Vorsitze des Ministerpräsidenten 
Qrafen Stefan Tißa im Interesse der kriegserblindeten Soldaten 
eine Konferenz statt, in welcher der Vorsitzende einleitend be- 
tonte, daß der Zeitpunkt gekommen sei, im Interesse der Ver- 
sorgung der vom Kriege am schwersten betroffenen Opfer ent- 
sprechende Verfügungen zu treffen. Hieher gehören einerseits 
die Besprechung der dringendst notwendigen Aktionen, 
andererseits die Schaffung einer berufenen Organisation, die 
zur Wahrung der Interessen kriegserblindeter Soldaten be- 
rufen ist und mit der Leitung der Fürsorge der Kriegserblindeten 
betraut werden soll. Redner habe die heutige Konferenz ein- 
berufen, damit in den vorliegenden Fragen ein Übereinkommen 
erzielt werde, wodurch die Erledigung der Angelegenheiten der 
Kriegserblindeten auf einheitlicher Basis ermöglicht wird. Die 
Versorgung der erblindeten Soldaten ist im Wesen Aufgabe des 
Staates, Der Staat wird auch dieser Aufgabe vollkommen ge- 
recht werden; bis dahin sei jedoch die moralische und materielle 
Unterstützung durch die Gesellschaft notwendig. Die zu 
lösende Frage ist: für die Erblindeten so zu sorgen, daß sie den 
furchtbaren Schlag, mit dem sie das Schicksal heimgesucht hat, 
leichter ertragen. Die Mittel hiezu sind in erster Reihe die 
seelische Behandlung des erblindeten Soldaten, damit er sich 



mit den geänderten Verhältnissen abfinde und die Möglichkeit 
einsehe, daß er auch fernerhin in der Oesellschaft als nützliches 
Mitglied Platz nehmen könne; zweitens jenes Maß von Aus- 
bildung, das ihm seine Teilnahme an dem gesellschaftlichen 
Leben ermöglichen soll. 

Professor Emil v. Groß referierte dann über jene Schritte, 
die zugunsten der erblindeten Soldaten bereits unternommen 
wurden. So hat das Kriegsministerium auf Ersuchen des 
ßlinden-Unterstützungsvereins angeordnet, daß die Spitäler die 
ungarländischen Blinden beim Verein anmelden mögen. Diese 
Anmeldungen geschahen lückenhaft. Die nach üesterreich zu- 
ständigen Blinden werden beim Militärkommando angemeldet. 

Ein über alle Verhältnisse der Erblindeten Aufschluß geben- 
der Fragebogen wurde sämtlichen Spitälern der Monarchie, die 
mehr als fünfzig Kranke beherbergten, zugeschickt. Bisher 
kamen die Fragebogen von 47 erblindeten Soldaten zurück, von 
denen 33 ungarische Staatsbürger sind. Man kann darauf 
rechnen, daß diese Zahl sich beiläufig auf sechzig bis achtzig 
erhöhen wird. Die Kriegserblindeten können mit den übrigen 
Invaliden nicht gleich behandelt werden. Sie müssen schon 
im Spital aufgeklärt, aufgerichtet und in Instituten in solchen 
Qewerbezweigen unterwiesen werden, die ihnen beim Ver- 
lassen des Spitals im Leben nützlich werden können. Zu diesen 
gehören: Lesen und Schreiben, einzelne Erwerbszweige und 
Musik. Zur Erreichung all dieser Ziele ist die Vereinigung der 
gesellschaftlichen Kräfte und die Vorbereitung eines Defini- 
tivums notwendig. 

Sodann wurde beschlossen, in Budapest, Kolozsvar und 
Agram je ein Spital zu bezeichnen, in dem die erblindeten 
Soldaten nach ihrer Muttersprache gruppiert und wo sie außer 
der entsprechenden ärztlichen Behandlung unter Heranziehung 
der berufenen Elemente der Gesellschaft auch seelisch der 
nötigen Fürsorge teilhaftig werden sollen; ferner, daß mit dem 
Blindenunterstützungsverein eine Vereinbarung zwecks wei- 
terer Ausbildung der aus dem Spital entlassenen Soldaten ge- 
troffen werde, wobei sich die Kommission das Recht der 
Kontrolle vorbehält. Die Konnnission wurde ermächtigt, sich 
durch Heranziehung neuer Mitglieder nach Bedarf zu er- 
gänzen. 

Schließlich versicherte der Ministerpräsident die Kom- 
mission seines unwandelbaren warmen Interesses für die Sache 
der Kriegserblindeten, dankte den Anwesenden für das Er- 
scheinen und schloß die Sitzung. 

Bestbewährtü ^klÄInq^^ Nahrung für. 

gesunde yWjl^imS^I^^L. u°^'^v u 
und A^^HL ^n^^^^^ schwächliche. 



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magen- ^^^hIhMI^^^ zurückgebliebene 

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Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Organ der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbiidung. 

Gegründet und bis September 1898 herausgegeben von 

kgl. Sctiulrat Wilhelm Mecker t. 

Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukioster, 

Mell-Wien und Mohr-Hannover. 

Haaptleiter für 1915 ist Scbnlrat Brandstaeter-Königsberg Pr, Bahnstr. 30. 

Ars pietasque dabunt lucem 
caecique videbunt. 



Nr. 5. Düren, 15. Mai 1915. Jahrgang XXXV. 

Der Zahlenkreis 1—20. 

Burde-Breslau. 
(Ueber den Zahlenkreis 1—10 siehe Blindenfreund 1914 

Nr. 2 und 4.) 
Mit dem Ueberschreiten der 10 kommt im Rechenunterricht 
das Zehnersystem zum ersten Male praktisch zur Geltung. Es 
kommt zunächst wieder darauf an, den Kindern einen Begriff 
von der Größe der Zahlen 1 — 20 zu geben. Die Bildung der 
Zahlvorstellung in den Köpfen der Kinder ist von jetzt an 
grundverschieden von der Bildung der Zahlvorstellung 1 — 10. 
Bis zur 10 geschieht die Bildung der Zahlvorstellung auf durch- 
aus sinnlicher Grundlage. Jede um 1 größere Zahl wird durch 
einen Finger mehr dargestellt. Diese anschauliche Weise ist 
mit Ueberschreiten der 10 leider nicht mehr möglich. Die Bil- 
dung der Zahlvorstellung besteht von jetzt an in einem gedank- 
lichen Zusammenfassen schon kennen gelernter höherer und nie- 
derer Einheiten. Die Zahlen 11 — 20 kann sich das Kind nur 
„vorstellen", indem es sich als Grundstock die schon bekannten 
10 denkt und dazu die Zahlen 1 — 10 hinzufügt. Das ist nicht 
mehr rein sinnliche Anschauung, sondern Gedankenarbeit, und 
zwar für das blinde Kind in weit höherem Grade, als für das 
sehende. Es läßt sich hier nicht einwenden, daß ja auch blinde 
Kinder die Zahlen 11 — 20 an der russischen Rechenmaschine 
darstellen können und somit völlige Anschaulichkeit vorhanden 
sei. Bei sehenden Kindern mag das zutreffen. Wenn aber das 
blinde Kind an der russischen Rechenmaschine beispielsweise 
16 Kugeln vorgeschoben hat, so ist die Zahl 16 damit nicht 



% 

in demselben Grade auch für das blinde Kind veranschaulicht. 
Denn es fühlt ja nicht fortgesetzt diese 16 Kugeln, so wie das 
sehende Kind dieselben sieht. Das Vorschieben der 10 und 6 
Kugeln ist für das blinde Kind nur eine parallele handgreifliche 
Unterstützung der Gedankenarbeit, die es in demselben Augen- 
blick zu leisten hat, wo es sich die Zahl 16 aus 10 + 6 bestehend 
vorstellen soll. So sehr man sich hüten nmß, diese reale Unter- 
stützung des Gedankens zu überschätzen, so wenig ist das 
Hilfsmittel der russischen Rechenmachine bis zur Zahl 100 zu 
entbehren. Im Gegenteil: im Rechenunterricht bei blinden 
Kindern muß die russische Rechenmaschine noch mehr ver- 
wandt werden, als bei sehenden Kindern; denn sie ist das beste 
Mittel, um den Rest der Möglichkeit zur Veranschaulichung, 
der blinden Kindern verblieben ist, auszunützen. Dazu kommt, 
daß viele neu eintretende blinde Kinder falsche Zahlvorstel- 
lungen mitbringen; manche schwelgen geradezu im Herum- 
werfen mit großen Zahlen. Solche falsche Zahlvorstellungen 
sind aber schwer auszurotten; es ist nur möglich an der Hand 
der Rechenmaschine. Die Vermittelung der Zahlvorstellung 
an blinde Kinder ist eine schwierige, aber auch wichtige Auf- 
gabe des Rechenunterrichts. Manches spätere, dem Lehrer 
unbegreifliche Versagen der Kinder wird auf fehlerhafte Zahl- 
vorstellung zurückzuführen sein. 

Line merkwürdig scheinende Tatsache möge erwähnt 
werden. Blinde, die sehr ungeschickte Hände haben, sind zu- 
weilen nicht imstande, Zahlen und Rechenoperationen an der 
russischen Rechenmaschine darzustellen. Dieselbe verursacht 
ihnen überhaupt Unbehagen. Trotzdem überraschen solche 
Kinder durch richtige Antworten. Sind demnach die vorher- 
gegangenen Ausführungen falsch, kann die russische Rechen- 
maschine wegbleiben? Nein, denn die anfangs befriedigenden 
Leistungen jener Schüler halten nicht an. Im späteren Rechen- 
unterricht fallen sie gründlich und endgiltig ab. Wie ist das 
zu erklären? „Der beherrschende Sinn des Blinden ist das Ge- 
hör", dessen Wahrnehmungen zeitlich aufeinander folgen. Den 
durch das Gehör entwickelten Zeitsinn benützen insbesondere 
ungeschickte Blinde gern und mit einigem Erfolg zur Zahlen- 
bildung. Daher anfangs befriedigende Leistungen. Beim Ge- 
hrauch der Rechenmaschine sind solche Schüler daran zu er- 
kennen, daß sie, leisem Zählen entsprechend, die Kugeln einzeln, 
nicht gruppenweise vorschieben. Sie sind nicht imstande aus 
dem Kopfe Zahlen außer der Reihe zu nennen; geschieht es 
ausnahmsweise doch, so bewegen sie sich in aufsteigender 
Linie, so daß die Vermutung nahe liegt, die Schüler haben sich 
die ausgelassenen Zahlen wenigstens gedacht. Sie vermögen 
nicht, sich von der aufsteigenden Reihe frei zu machen, durch 
v/elche die Bildung der Zahlvorstellung bei ihnen erfolgte, ein 
Zeichen geistiger Minderwertigkeit. Zu verwundern ist, daß 
solche Kinder überhaupt eine gewisse Zeit rechnerische Lei- 
stungen noch aufzuweisen haben. Die Erklärung liegt wohl in 
der Tatsache, daß das anfängliche Rechnen keine besonders 



^1 

tiefgehende Tätigkeit des menschlichen Geistes ist. — Die Bil- 
dung der Zahlen über 10 durch bloßes Zählen führt aber nicht 
genügend in das Zehnersystem ein; darum der spätere Abfall. 
Der Neigung mancher ßiinden, die Zahlvorstellung durch ab- 
straktes Zählen zu bilden, muß daher durch die Anwendung 
greifbarer Veranschaulichungsmittel im Zehnersystem ent- 
gegengetreten werden. Am geeignetsten ist für diesen Zweck 
die russische Rechenmaschine. 

bn Zahlenkreise 1 — 20 benutzt man am besten eine Rechen- 
maschine mit nur 2 Stangen zu je 10 Kugeln. Die Kugeln 
müssen im Anschluß an das Fingerrechnen im Zahlenkreise 
1 — 10 zu 5 und 5 kenntlich gemaclit sein. In der Schlesischen 
Blinden-Unterrichts-Anstalt werden statt der Kugeln Scheiben 
verwendet, deren Ränder entv/eder ganz oder gezähnt sind. Im 
Zahlenkreise 1 — 20 sind auf 

die Bildung der Zahlvorstellung 

8 bis 9 Stunden zu verwenden. Die für diesen Zweck geeig- 
neten Uebungen mögen etwa folgende sein: 

1. Bildung der Reihe: 10 + 1 = 11; 10 + 2 = 12; 
10 + 3= 13; bis 10+ 10 = 20. 

2. Die Umkehrung des vorigen, nämlich die Reihe: 11 
besteht aus 10 + 1; 12 besteht aus 10 + 2; 13 besteht aus 
10 + 3; bis 20 besteht aus 10 + 10. 

3. Die Schüler sollen inne werden, daß über 10 hinaus jede 
Zahl auch nur um eins größer ist, als die vorige. Diesem 
Zwecke dienen folgende Reihen: 

a) 10 + 1 = 11; 11 + 1 = 12; 12 + 1 = 13; bis 19 + 1 = 20. 

b) 20 — 1 = 19; 19 — 1 = 18; 18 — 1 = 17; bis 11 — 1 = 10. 

Die unter Nr. 1 bis 3 aufgeführten Reihen müssen von den 
Schülern an der Hand der Rechenmaschine wie auch auswendig 
aufgesagt werden. Außerdem muß auch außer der Reihe ge- 
fragt werden. Die Schüler haben die Antwort wiederum 
unter Benützung der Rechenmaschine oder auswendig zu 
geben. 

4. Zählen von 1 — 20 vorwärts und rückwärts, an der 
Rechenmaschine und auswendig. Ebenso weiterzählen hinter 
einer genannten Zahl vorwärts und rückwärts; dasselbe hat 
gleichfalls an der Rechenmaschine und auswendig zu erfolgen. 

Das Ergebnis der Uebungen 1 — 4 soll die genaue Zahl- 
vorstellung sein. Daher erfolgt jetzt 

5. Darstellen der Zahlen 1 — 20 an der Rechenmaschine 
außer der Reihe. Man wird gut tun, öfters gleichliegende 
Zahlen darstellen zu lassen, also hinter der 2 die 12; hinter der 
14 die 4. 

Selbst wenn diese Uebungen gut zu sitzen scheinen und 
der Lehrer das Kapitel Zahlbildung verläßt, wird es geraten 
sein, in den nächsten Rechenstunden regelmäßig eine oder die 
andere der angegebenen Uebungen zu wiederholen, damit die 
Grundlage nicht verloren geht. Auch der fleißige weitere Ge- 
brauch der Rechenmaschine schützt davor. 



92 

Nach der Bildung der Zahlvorstellung folgt als leichteste 
Uebung das 

Zuzählen und Abziehen innerhalb desselben Zehners. 

Da die Resultate des Zuzählens und Abziehens aus dem 
Zahlenkreise 1 — 10 schwerlich von allen Kindern schon aus- 
wendig gewußt werden, verfährt man mit Vorteil folgender- 
maßen: der Lehrer läßt beispielsweise an den Fingern rechnen: 
6 -f- 3 = 9; im Anschluß hieran sprechen die Kinder: 16 + 3 
= 19. Damit letztere Antwort nicht zum bloßen Wortgeklingel 
wird, läßt der Lehrer in jeder Stunde einige Aufgaben an der 
Rechenmaschine darstellen. Beim Zuzählen und Abziehen der 
2 und 3 sind Reihenbildungen vorteilhaft. Man kann, da es sich 
um so kleine Zahlen handelt, unbedenklich auch schon die 10 
überschreiten; die Kinder kcmnen das ohne weiteres. Sie ge- 
langen dadurch fast unmerklich an zwei der wichtigsten und 
verhältnismäßig schwersten Aufgaben des gesamten Rechen- 
unterrichtes: 

Das Zuzählen und Abziehen mit Ueberschreiten der 10. 

Zu den vorbereitenden Uebungen hierfür gehört das 
„Zerlegen" der Zahlen 1 — 10. Das Zerlegen ist keine besondere 
Rechnungsart, sondern eine Form des Abziehens. Es wird da- 
her in der Hauptsache darauf ankommen, den Kindern den 
Begriff „Zerlegen" beizubringen. Dazu eignen sich aber die 
Finger weniger als die Rechenmaschine. Auch die Uebung im 
Zerlegen der Zahlen geschieht besser an der Rechenmaschine. 
— Im übrigen ist es nicht notwendig, an dieser Stelle genaueres 
über das Zuzählen und Abziehen mit Ueberschreiten der 10 zu 
sagen. Dasselbe gilt von der Vervielfältigung. Die sinn- 
gemäße Uebertragung aus der Methode für sehende Kinder 
ergibt sich hier von selbst. Nur darf nicht übersehen werden, 
daß blinde Kinder die Anschauung in höherem Qrade nötig 
haben, als sehende Kinder. Reichlich % der Zeit ist an der 
Hand von Anschauungsmitteln zu rechnen. Manche der ganz 
Schwachen sind derartig von der Rechenmaschine abhängig, 
daß sie es ohne dieselbe nur schwer zu der nötigen Aufmerk- 
samkeit bringen. Alles Verstehen und Merken hat auf sinn- 
licher Grundlage zu geschehen. Ueberlegungen, Erwägungen 
sind auf dieser Stufe noch nicht am Platze. Bei der Verviel- 
fältigung wäre es z. B. nicht angebracht, durch verschiedene 
Gruppierung der Kugeln an der Rechenmaschine folgern zu 
lassen, daß 9 mal 2 ebensoviel sein muß, wie 2 mal 9. Eine 
solche Umgruppierung der Kugeln, die das Kind doch in seinem 
Geiste vornehmen müßte, wäre auf dieser Stufe zu schwer. Der 
Lehrer kommt auch schneller vorwärts, wenn er alle überhaupt 
möglichen Vervielfältigungsaufgabcn anschaulich darstellen 
läßt. Ebensowenig ist es notwendig, die Kinder darauf auf- 
merksam zu machen, daß man auch die Summanden ver- 
tauschen darf, daß 2+9 ebensoviel ist wie 9+2. Es hat mehr 
Wert für die Kinder, wenn sie durch häufige Aufgaben später 



93 

selber darauf kommen. Außerdem brächte man sie um eine 
Rechenübung. 

Welciie Rechnungsarten sind nun im Zahleni^reise 1 — 20 
durchzunehmen? Die blinden Kinder treten jetzt mit 6 Jahren 
in die Anstalten ein. In diesem Alter sind bei ihnen die geistigen 
Kräfte noch schwach, schwächer als bei gleichalterigen sehen- 
den Kindern. Man darf deshalb die vier Grundrechnungsarten 
nicht zu rasch hintereinander einführen. Bis zur 10 genügt es, 
wenn die Kinder zuzählen und abziehen lernen. Im Zahlen- 
kreise 1 — 20 mag das Vervielfältigen hinzutreten und im 
Zahlenkreise 1 — 100 Enthaltensein und Teilen sowie die Anfänge 
der Bruchrechnung. Im ersten Schuljahre ist es bei wöchent- 
lich drei Rechenstunden nicht möglich, den Zahlenkreis 1 — 20 
ganz zu bewältigen. Da auf dieser Stufe nur im Kopfe gerech- 
net wird, können häusliche Aufgaben nicht gestellt werden. 
Eine pädagogische Sünde wäre es, den schlechten Rechnern 
unter den Kindern durch gute nachhelfen zu lassen. 



Das Arbeitsprinzip im Anschauungs- 
unterricht der Blindenschule. 

Die Bewegungen auf dem Gebiete der Arbeitsschule 
nehmen allmählich ruhigere, greifbare Formen an. Kann man 
auch nicht behaupten, daß bereits in der Sache völlige Klar- 
heit herrscht, so ist doch die Annahme richtig, daß die gefähr- 
lichsten Klippen, an denen der Arbeitsschulgedanke anfangs zu 
scheitern drohte, umgangen sind, und eine Bahn zur praktischen 
Weiterentwickelung gegeben ist. Ich folge daher einer vom 
Direktor der hiesigen Blindenanstalt gegebenen Anregung, 
wenn ich im folgenden einige Gedanken über das Arbeits- 
prinzip im Anschauungsunterricht unserer Blindenschule er- 
örtere und daran anschließend einige praktische Beispiele gebe, 
um zu zeigen, wie ich mir im Blindenunterricht die Anwendung 
des Arbeitsprinzips denke. 

Ich will aus all den Aufgaben, welche uns in der Schule für 
die Entwickelung unserer blinden Zöglinge gestellt sind, nur 
die eine herausgreifen: Die Ausrüstung mit denjenigen Vor- 
stellungen, welche dem Blinden ein Erkennen und Verstehen 
der ihn umgebenden Welt ermöglichen und eine selbständige 
Betätigung an dem Leben seiner nächsten Umgebung gestatten. 

Indem ich mir so das Ziel für den Anschauungsunterricht 
stecke, zwinge ich mich, zunächst ein Beobachtungsfeld zu 
schaffen, auf dem der Schüler mehr als eine bloße Formvor- 
stellung von den Dingen dieser Welt erhält, wo ihm Gelegen- 
heit gegeben wird, durch Umgang mit den Dingen Erfahrungen 
zu sammeln und durch dieselben in das eigentliche Wesen der 
Dinge einzudringen, um so die Beziehungen zwischen sich und 
der Außenwelt zu verstehen und für sich nutzbar zu machen. 



94 

Zum andern benötij^e ich ein Übungsfeld, um die durch den 
UmKanj{ mit den ninRcn erworbenen Erfahrungen zum zweck- 
mäßigen Handehi umzugestalten. 

Es ist ja im Blindenunterricht erster Grundsatz, daß der 
Veranschaulichung ein möglichst breites Feld gegeben wird; 
nnd in Sandkästen, Baukästen, Plastilina usw. liat man Mittel 
ersonnen, um eine Vertiefung der Anschauung durch die Dar- 
stellung zu gewinnen. Wer wollte auch wohl den Wert der 
plastischen Darstellung, besonders im Blindenunterricht be- 
streiten! Durch das Bestreben, Dinge oder Vorgänge nachzu- 
bilden, zwingen wir den Schüler, bei der Auffassung eines Ob- 
jektes durch die ihm zur Verfügung stehenden Sinnesorgane 
seine Aufmerksamkeit genauer einzustellen, beim Zergliedern 
und Aufbauen, beim Vergleichen und im sprachlichen Ausdruck 
sich selber zu kontrollieren. Aus diesem Qrunde möchte wohl 
niemand besonders das Formen in Ton im Blindenunterricht 
missen, auch aus dem Qrunde nicht, um dem vielfach inhalts- 
losen Wortgeklimper unserer Zöglinge entgegen zu arbeiten. 

Was wir aber auf diese Weise erreichen, ist lediglich eine 
deutlichere und vollständigere Vorstellung der Außenseite des 
Gegenstandes, seiner Form, mit der allein sich wenig oder gar- 
nichts anfangen läßt. Sollen die gewonnenen Vorstellungen von 
Bedeutung für den Ausbau des Geistes und von Einfluß für 
unser Handeln werden, sollen sie nicht als zierlich ausgeputzter 
aber toter Ballast auf dem Gehirn unserer Schüler ruhen, 
sondern als frisches Leben erweckender Same auf Geist, Herz 
und Gemüt gelegt werden, so ist nötig, daß wir unsere Zög- 
linge Erfahrungen an und mit den Dingen machen lassen. Es 
muß der Schüler mit dem Dinge ein Stück Leben entgegen- 
nehmen, das er aber nur erhält, wenn er mit den Dingen um- 
geht, ihren Bestimmungen nachgeht, ihren Wert prüft und 
Wechselbeziehungen zwischen sich und dem Dinge aufsucht. 
Nur dadurch gelangt man zu jenen Eindrücken, die erst das 
Wesen eines Dinges erschließen. Nur die so erworbenen 
Kenntnisse ermöglichen ein richtiges Urteil über die Dinge und 
veranlassen zu der rechten Stellungnahme den Dingen gegen- 
über. Wo der eigentliche Umgang mit den Dingen fehlt, wo 
man im Unterricht Leben durch Kombination ersetzt, da ent- 
steht so vielfach ein Phantasiegebilde, das bei der geringsten 
Kleinigkeit in sich zusammenfällt. Wie oft muß man bei 
Blinden erleben, daß sie mit Dingen nichts anzufangen wissen, 
in diesem Fall ist immer ein Mangel vorhanden, von einer 
richtigen Erkenntnis kann dann nicht mehr die Rede sein. 

Unter den Pädagogen ist mir als Blindenlehrer besonders 
Rousseau beachtenswert. Seine Forderungen über die natur- 
gemäße Pflege und Entwickelung der natürlichen Anlagen und 
Kräfte des Leibes und der Seele durch Anschauung und Ge- 
wöhnung, seine Ansichten über Bildung der Sinne durch Selbst- 
betätigung, seine Organisation der Umgebung des Kindes für 
anschaulichen, selbsttätigen Sachunterricht, Selbstbildung durch 
Erfahrung, Sinnenvernunft vor intellektueller Vernunft: das 



95 

sind die großen Wahrheiten, die mehr noch als im Volksschul- 
unterricht der Blindenpädajj:o2:e beherzigen soll. 

Wollen wir unsere Schüler vor dem gefährlichen Hin- 
briiten retten, so zwingen wir sie zur Selbstbetätigung, zur Be- 
schäftigung durch Spiel oder leichtere Fröbelarbeit. Wie wir 
in der Passivität des Schülers das größte Hindernis für einen 
erfolgreichen Unterricht erblicken, so müssen wir in der 
äußern und inneren Aktivität „die Quelle aller Erkenntnis, das 
Geheinmis der gesamten Entwlckelung des Kindes" erkennen. 

Jede Unterrichtsstunde Im Bllndenunterricht muß ein Stück 
Leben sein. Nicht die Schulstube ist unser Beobachtungsfeld, 
sondern überall da ist es, wo sich Leben abspielt, in Haus und 
Hof, in Feld und Garten, im Wald und am See, auf der Straße 
und in der Werkstätte. 

Modellieren und Werkstättenarbeit geben Gelegenheit, die 
gewonnenen Vorstellungen zu verschärfen; und durch ein- 
gehende, zusammenfassende Besprechung in der Klasse unter 
Heranziehung passender Sprachstücke und Lieder vertiefen 
wir den Inhalt und tragen so auch der Gemütsbildung Rechnung. 

Im Garten. 

L Per Frühling ist gekommen, die Kinder kehren aus den 
Osterferien in die Anstalt zurück. In den Gärten der Lehrer 
und Werkmeister wird gearbeitet. Bei einem Orientierungs- 
gange werden die Schüler darauf aufmerksam gemacht und 
an die Arbeitsstätte geführt. Eine gleichzeitige Betätigung 
unterlassen wir aus guten Gründen, dazu haben wir unser 
eigenes Arbeitsfeld. Das Geräusch des Grabens und Harkens 
ruft alte Erinnerungen bei den Kindern wach. Die Schüler 
erinnern sich, daß Vater und Mutter in den Ferien auch im 
Garten tätig gewesen sind; einige haben sich selbst darin ver- 
sucht. Wir benutzen die Gelegenheit, um die Anlage des Gar- 
tens zu studieren. Der Hauptsteig in der Mitte, am Steig 
Obstbäume und Beerengebüsch, zu beiden Seiten des Steiges 
Beete; die Laube, die Hecke, der Zaun, die Pforte. — Die 
Schüler werden darauf aufmerksam gemacht, daß wir in der 
nächsten Stunde selber unsern Garten bearbeiten wollen. 

2. Wir suchen Spaten und Harke und begeben uns auf 
unser Arbeitsfeld. Im Schulgarten hat jeder Schüler sein Beet. 
Als Uebungsfeld muß jedoch unser Sandberg heran. Hier 
haben andere Abteilungen Landschaftsgebiete dargestellt, 
Gräben und Wälle aufgeworfen, Hütten gebaut usw. Wir 
suchen uns einen geeigneten Platz und machen uns an die 
Arbeit. Die Gerätschaften werden dabei genauer studiert, ihre 
Form und ihre Teile festgestellt, woraus sie gemacht sind, wer 
sie gemacht hat, und wo sie zu kaufen sind. Das Arbeiten ist 
anfänglich eine umständliche Geschichte, doch wir haben Geduld 
und sind zunächst nicht so anspruchsvoll. Bei dieser Gelegen- 
heit wird auch über den Zweck des Grabens und des Harkens 
gesprochen. Jetzt ist ein genügend großer Teil bearbeitet. 
Mit Leine und Pflock treten wir Steige ab und bereiten die 



96 

Beete vor. Wir streuen Samen aus, legen Erbsen, Bohnen pp. 
und pflanzen Blumen und junge Baume. 

3. Der Garten nmß auch geschützt werden vor allerlei 
Getier und böswilligen Kindern. Unsere Anstaltsgärten sind 
mit Hecken umpflanzt, die Naciibarsgärten sind mit Zäunen 
umgeben. Dort ist ein Flcchtzaun, jener Garten hat eine 
Bretterwand, dieser ein Stakett. Zu einem Stück Zaun gehören 
immer 2 Pfähle und 2 oder 3 Riegel. Unser Garten soll auch 
mit einem Zaun eingefriedigt werden, die verschiedenen Zaun- 
arten sollen dabei Anwendung finden; die vierte Seite wollen 
wir mit einem Drahtzaun versehen. Die Pfähle werden VA 
Meter lang und ^2 Meter tief in die Erde gegraben. Nachdem 
die Riegel befestigt sind, wird das Einzäunen und Annageln ge- 
zeigt und die weitere Ausführung den Schülern für ihre Freizeit 
überlassen. 

4. Inzwischen finden wir auch Zeit, unsern Schulgarten 
wieder instand zu setzen. Jeder Schüler kann nach eigener 
Wahl sein Beet bepflanzen. 

5. Im Klassenzimmer wird die Arbeit noch einmal be- 
sprochen. Spaten, Harke, Hacke und Gießkanne werden aus 
Plastilina und kleinen Stäben geformt. Der Grundriß des 
Gartens wird dargestellt: die Umrisse des Gartens und der 
Beete durch Tonfäden, die Steige bleiben frei, die Beete füllen 
wir mit feinem Sand aus, die Bäume bezeichnen wir durch mit 
Ton befestigte Stäbchen. — Zur Vertiefung des Stoffes wird 
herangezogen: an Sprachstücken: „Jung Bäumchen war ge- 
klammert an einen Pfahl" (Fr, Gull). „Das Erdbeersträuch- 
lein" (Krummacher). An Liedern: „Puthäuneken, Puthäuneken, 
wat deist up minen Hof" (plattdeutsch) und „Ward ein Blüm- 
chen mir geschenket." (Hoffmann v. Fallersleben.) 

Puls-Neukloster i. M.) 



Die Blindenanstalten und der Krieg 1914. 

(Fortsetzung.) 
Ein Krieger-Blindenheim in Danzig-Königsthal. 

Dem am 23. und 24. März in Danzig zusammengetretenen 
Provinzial-Landtage der Provinz Westpreußen ging vom Pro- 
vinzial-Ausschuß eine Vorlage über den Bau eines Krieger- 
Blindenheims zu, in welcher es u. a. heißt: 

„Westpreußen hat als Grenzland besondere Veranlassung, 
sich der Kriegsverstümmelten anzunehmen. Danken wir es 
doch den heldenmütigen Kämpfen unserer tapferen Truppen, 
daß nicht größere Gebiete unserer Provinz von feindlichen 
Horden überschwemmt worden sind. . . Wir haben bereits 
einige verfügbare Räume in dem neuerbauten Heim für er- 
wachsene männliche Blinde der Militärverwaltung zur Auf- 
nahme erblindeter Kriegsteilnehmer zur Verfügung gestellt. 






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97 

Längere Zeit können aber die Räume ihrer Bestimmung nicht 
entzogen werden. Wenn die Provinz sich der erbhndeten 
Krieger in größerem Umfange annimmt, so erwirbt sie sich ein 
Verdienst um die miticidwcrtcsten Opfer des Krieges und setzt 
damit zugleich ihrer Anteihiahme an der einmütigen Erhebung 
unseres Volkes ein würdiges Denkmal. 

Sie müßte für diesen Zweck auf dem Grundstück der be- 
stehenden Blindenanstalt Danzig-Königsthal ein neues Gebäude 
aufführen. Ein geeigneter Bauplatz ist vorhanden. Allerdings 
erfordert seine Aufschließung die Anlegung einer neuen Zu- 
fahrtstraße über das Anstaltsgrundstück und im Zusammen- 
hang damit eine Abrundung des Anstaltsgcländes durch den 
Ankauf dreier Nachbargrundstücke. 

Da es sich nicht bloß darum handeln kann, den Kriegs- 
blinden ein Unterkommen zu verschaffen, sondern ihnen in der 
Königsthaler Anstalt auch zur Erlernung der für Blinde er- 
reichbaren Fertigkeiten Gelegenheit gegeben werden müßte, 
würde es zweckmäßig sein, daß gleichzeitig oder noch vor dem 
neuen Heim eine Seilerbahn gebaut wird, so daß neben die in 
der Anstalt bisher betriebene Korb- und Bürstenmacherei noch 
ein drittes Handwerk tritt. 

Das Heim würde nach unserm Plan für 40 Betten in 25 
Zimmern einzurichten sein — 15 Zimmer zu 2 Betten — und 
außerdem 1 Speisesaal, 2 Krankenzimmer, 2 Baderäume, Küche 
nebst Speisekammer, Keller, Wäscheraum, Zimmer für Wirt- 
schafterin und Dienstpersonal sowie die erforderlichen Neben- 
räume enthalten. 

Von den Bewohnern des Kriegsblindenheims würde ein 
angemessenes Pflegegeld zu erheben und zum Teil zur Ver- 
zinsung unserer Aufwendungen zu benutzen sein. 

In einer späteren Zukunft, wenn das Heim nicht mehr mit 
Kriegsblinden belegt ist, läßt es sich als Altenheim für unsere 
Anstalt verwerten. 

Die überschläglich ermittelten Kosten der vorgeschlagenen 
Aufwendungen stellen sich insgesamt auf 220 000 Mk." 

So weit die Vorlage. Der Provinzial-Landtag nahm sie 
einstimmig an. Der Abgeordnete von Oldenburg schlug vor, 
der neuen Zweiganstalt der westpreußischen Provinzial- 
Blindenanstalt den Namen „H i n d e n b u r g h a u s" zu geben, 
denn man ehre damit den Mann, der Westpreußen vor schwerer 
Prüfung bewahrt habe, und treffe dabei wohl auch die Stimmung 
derer, die unter seiner Führung kämpfen. Dieser Vorschlag 
wurde angenommen. 

Mit dem Bau soll sogleich begonnen werden. 

Das Hindenburghaus soll erblindeten Kriegern aus dem 
gesamten deutschen Reichsgebiet offen stehen. Zech. 



98 

Leipzig. Die Blindenanstalt hat ihren Schul- und Werk- 
stättenbetrieb seit Ausbruch des Krieges ungestört fortsetzen 
können, da zwar hiesige Volksschulen, nicht aber unsere kleine 
Anstalt für militärische Zwecke benötigt wurden. Der bald ein- 
tretende Arbeitsrnangel wurde etwas gehoben durch eine Auf- 
forderung des Bürgermeisters Dr. Weber in den Tageszeitun- 
gen, man möge unsern gewerbetreibenden Blinden gegenüber 
nicht mit Arbeitsaufträgen zurückhalten, sondern sie auch 
weiterhin in ihrem erschwerten Kampfe ums Dasein unter- 
stützen. Die Stuhlflechter hatten einigen Nutzen davon, die 
Bürstenmacher leider wenig. 

In der Anstalt strickten die erwachsenen blinden Mädchen 
eifrig Strümpfe, machten wohl auch kleine Gedichte dazu und 
erfreuten durch diese Liebesgaben unsere tapferen Soldaten im 
Felde. So mancher unbekannte Empfänger dankte mit einem 
Kartengruß und spornte dadurch unbewußt fleißige Hände zu 
noch emsigerer Tätigkeit an. Qanz durchdrungen vom Geiste 
der Zeit sind auch die Zöglinge der Schulabteilungen. Unver- 
geßlich bleibt ihnen das letzte Weihnachtsfest, da auf den Be- 
scherungstischen der Anstalt allerlei Kriegsausrüstung zu finden 
war, wie Helm und Tornister, Uniformbrustlatze mit Säbel und 
Patronentasche u. a. Es war ein Jubel ohne Ende. Tag für 
Tag marschierten die Knaben in der Freizeit strammen 
Schrittes durch den Saal und sangen begeistert die Lieder der 
oft vorbeiziehenden Soldaten, mit Vorliebe: „In der Heimat, in 
der Heimat, da gibts ein Wiedersehn!" 

Recht schwer sind durch den Krieg die blinden Klavier- 
stimmer in Leipzig heimgesucht, da fast alle Pianfortefabriken 
der Stadt geschlossen und ihre Arbeiter entlassen werden 
mußten. Sie werden wahrscheinlich am längsten mit Arbeits- 
losigkeit zu kämpfen haben. Bis jetzt sind auch die Hoff- 
nungen der blinden Massierer und Massiererinnen, in den Laza- 
retten reichliche Beschäftigung zu finden, noch unerfüllt ge- 
blieben. Aus den Kreisen der Bürgerschaft wird die Anstalts- 
leitung öfter um Auskunft ersucht, wie man das schreckliche 
Los erblindeter Krieger lindern helfen könne. Edeldenkende 
Frauen wollen den geistigen Bedürfnissen derselben dadurch 
entgegenkommen, daß sie ihnen vorlesen und beim Erlernen der 
Punktschrift behilflich sind. Sie finden bereitwilligst Rat und 
Unterstützung durch die in der Schriftfrage rühmlichst bekannte 
Frau Lomnitz. Zugunsten erblindeter Krieger hat am 21. d. M. 
die Leipziger Blindenvereinigung unter besonderer Anregung 
von Frau Keilberg, einer wohlbekannten Förderin unserer 
Blindenfürsorge, ein Konzert gegeben. Die Mitwirkenden boten 
ganz hervorragende Leistungen und haben der guten Sache 
auch einen klingenden Erfolg errungen. Ein Prolog, von der 
früherblindeten Dichterin Anna Pötsch mit tiefer Empfindung 
vorgetragen, gab der ganzen Veranstaltung die entsprechende 
Weihe. 

Dir. G. Görner. 



99 

Zur Klarstellung. 

Herr Direktor Lembcke beschäftigt sich in der März- 
niimmer dieses Blattes mit den seinerzeit in verschiedenen Zei- 
tungen bekannt gegebenen Bestrebungen des Reichsdeutschen 
Blindenverbandes, „die Organisation der privaten Kriegs- 
blindenfürsorge in die Hand nehmen zu wollen". Daß die 
Lösung dieser Aufgabe nicht von dem Reichsdeutschen 
BHndenverband allein übernommen werden konnte und durfte, 
sondern Sache des deutschen Volkes und in der Hauptsache 
Aufgabe der deutschen Blindenanstalten und -Einrichtungen 
sein muß und werden wird, diesen Standpunkt wird jeder teilen, 
der einigermaßen mit den bestehenden Einrichtungen des 
Blindenwesens im deutschen Vaterlande vertraut ist. Der 
Meinung sind auch heute, nachdem die Angelegenheit in einef 
Sitzung des Vorstandes vom Reichsdeutschen Blindenverbände 
Anfang April eingehend besprochen worden ist, die Mitglieder 
dieses Vorstandes. Sie freuen sich dessen, daß die Kriegs- 
blindenfürsorge nunmehr staatlich und privatim organisiert und 
eine Zersplitterung der verschiedenen, für diesen Zweck seiner- 
zeit geschaffenen Vereinigungen und der von diesen gesammel- 
ten Mittel nicht mehr zu befürchten ist, also das edle Ziel sicher 
erreicht werden wird. Es bleibt für die Mitglieder des Ver- 
bandes nur übrig, Anregungen über die Behandlung und Aus- 
bildung der Kriegsblinden aus eigener Erfahrung heraus zu 
geben und bei Ausübung der Fürsorge in bescheidenen Grenzen 
mitzuwirken. Dafür könnten wir ihnen m. E. nur dankbar sein. 

Nun teilt Herr Direktor Lembcke weiter mit, es sei vom 
Reichsdeutschen Blindenverband an die Anstalten die Aufforde- 
rung zur Hergabe von Geldmitteln gerichtet worden, damit 
dieser seine Aufgaben an den Kriegsblinden erfüllen könne. Wie 
mir Herr Direktor Lembcke auf meine Anfrage mitteilt, bezieht 
er sich bei seinen Ausführungen nur auf mein vor einiger Zeit 
im Interesse des Reichsdeutschen Blindenverbandes an sämt- 
liche Blindenanstalten gerichtetes Schreiben. Dazu muß ich 
bemerken, daß in demselben von Kriegsblinden nirgends diö 
Rede ist und die betreffende Bitte folgendermaßen lautet: „Der 
Reichsverband will seine damals durch den Aufruf beabsich- 
tigten Sammlungen vollständig einstellen, bittet aber die An- 
stalten und Hilfsvereine, ihm statt dessen zu seinen Arbeiten 
einen Beitrag aus ihren Kassen zufließen zu lassen. Ich stelle 
den Herren Kollegen anheim, an ihrer Stelle für einen solchen 
Zuschuß eintreten zu wollen." Demnach ist Herrn Direktor 
Lembckes Annahme eine irrtümliche, aber infolge des zeitlichen 
Zusammenfalls der Veröffentlichung des Artikels im „Rostocker 
Anzeiger" und des Eingangs meines Schreibens eine erklär- 
liche. Für den Zweck der Kriegsblindenunterstützung hat sich 
der Verein schon seit Monaten mit teilweise gutem Erfolge be- 
sondere Einnahmequellen erschlossen und wird die daraus 
hervorgehenden Mittel gern in den Dienst dieser edlen Sache 
stellen. Bauer. 



100 

Oeschichtstafel 
des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens. 

(Fortsetzung ) 

1833 

In 4, vermehrter Auflage erschien: „Belisar oder über 
BHnde und Blindenanstalten" von Aug. Zeune. Berlin 1833. 

Qucrault erfand eine Schreibtafel für Blinde zur Her- 
stellung von Linienschrift. 

In Philadelphia (Pennsylvania N. A.) eine Blinden- 
anstalt (Institution for the Instruction of the Blind) ge- 
gründet (vergl. 1832). 

In Philadelühia (Nordamerika) erschien das erste 
amerikanische Buch für Blinde in Hochdruck (Evang. 
Marcus). 

In York (England) eine Blindenanstalt (Yorkshire 
School for the Blind) gegründet zum Andenken an den 
Philanthropen William Wilberforce. Der erste Vorsteher 
dieser Anstalt war William Taylor, der Erfinder der nach 
ihm benannten Rechentafel. 
25.3. Der Gründer der Klar'schen Versorgungs- und Beschäfti- 
gungsanstalt in Prag, Dr. Aloys Klar, starb. Sein Sohn 
K. K. Kreisrat Paul Aloys Klar übernahm die Leitung 
der Anstalt (bis 1860). 

Anläßlich der Anwesenheit des Kaisers Franz I. und 
der Kaiserin Karolina in Brunn stifteten die schlesisch- 
mährischen Stände 20 000 fl. C. M. für das zu gründende 
Blindeninstitut in Brunn, (vergl. 1813). 

Die Blindenanstalt von 1830 in Hamburg bezog von 
einem Blinden in Braunschweig erhabene geometrische 
Figuren für den Unterricht. 
1834 

Einigen Lehrkräften, welche sich der Blindenanstalt 
von 1830 in Hamburg anfangs unentgeltlich zur Verfügung 
gestellt hatten, wurde von 1834 ab ein Gehalt bewilligt. 
Gleichzeitig beschloß der Vorstand der Anstalt, an arme 
alte blinde Leute Unterstützungsgelder zu zahlen. 

Die 1833 gegründete Blindenanstalt zu Philadelphia 
(Nordamerika) wuirde eröffnet. 

Die 1829 gegründete Blindenanstalt zu Braunschweig 
wurde als Landesanstalt anerkannt. 

Louis Braille in Paris erfand mit Hilfe Fourniers die 
Zwischenlinienschrift seiner Punktschrift. 

Der Blinde Claude Montal in Paris (* 1800 t 1865) 
gab eine Abhandlung über das Klavierstimmen heraus. 
(Tracte complet de l'accord de piano.) 

Dr. Howe in Boston (Nordamerika) begann Bücher 
für Blinde in erhabenem Liniendruck (dem sogenannten 
Boston-Druck) herzustellen. 



101 

1834 

In London wurde die Indigent Blind Visiting Society 
gegründet, ein Verein, der es sicli zur Aufgabe macht, die 
Blinden von Haus zu Haus durch Blinde besuchen zu lassen. 

In Limerik (Irland) wurde eine Blindenanstalt (Asylum 
for Blind Females) für protestantische blinde Mädchen 
gegründet. 

Der erblindete Edelmann Sir Charles Lowther brachte 
die tastbare Blindenschrift aus Paris nach England und 
richtete eine Druckerei für dieselbe in seinem Schlosse ein. 

In Edinburg (Schottland) wurden blinde Kinder ver- 
suchsweise in den Schulen der Sehenden unterrichtet, an- 
scheinend nicht ohne Erfolg. 

Von dem erblindeten Engländer James Holman 
erschien das Buch: „Reise um die Welt". London 1834. 
1835 

Der Blinde Joh. Knie, Direktor der Blindenanstalt in 
Breslau, machte seine pädagogische Reise durch Deutsch- 
land. 

Freiherr von Rothenburg in Berlin hinterließ der 
Königl. Blindenanstalt in Berlin ein größeres Kapital, wo- 
durch die Anstalt in die Lage kam, sich bedeutend zu 
erweitern. 
13.7. Dr. Wolf und Professor Dr. Jülich gaben ihre Tätig- 
keit an der Blindenanstalt von 1830 in Hamburg auf und 
gründeten eine eigene Blindenanstalt, eine Art Hochschule 
für Musik, Sprachen usw. 

Durch einen Schüler J. W. Klein's in Wien Namens 
Rafael Beitl wurde in Brunn (Mähren) eine Privat- 
Erziehungsanstalt für Blinde gegründet. 

Abbe Carton, Lehrer an der Blindenanstalt in Brügge 
Belgien) änderte die Punktschrift Braille's ab und ließ das 
geänderte System später in seiner Anstalt gebrauchen. 

Lucas, Lehrer an einer Stenographieschule in Bristol 
(England) machte den Versuch, die Stenographie der 
Sehenden auf die Schrift der Blinden anzuwenden; er ließ 
Bücher in dieser Schrift drucken und in der Blindenanstalt 
zu St. John ausgeben. 

Peter Westermayr war von 1835—1852 Leiter der 
Blindenanstalt in Linz (Oberösterreich). 

Der Blindenanstalt von 1830 in Hamburg kostete 
jedes blinde Kind jährlich 166 CourantMark (zu 1,20 Mk.) 
und 7 Schilling (zu 7V2 Pfg.). 

Der Vorstand der Blindenanstalt von 1830 in Hamburg 
mietete für die Anstalt ein anderes Lokal, was Dr. Wolf 
veranlaßte, aus dem Vorstande auszuscheiden, und Prof. 
Jülich bewog, den Unterricht abzubrechen; die Eltern der 
blinden Kinder erklärten, ihre Kinder unter der Aufsicht 
und Leitung von Dr. Wolf und Prof. Jülich lassen zu 
wollen. 



102 

1836 

Die Königl. Bayrische Blindenanstalt zu Frcisingf 
(später München) wurde durch eine Bescliäftigungsanstalt 
für Bünde erweitert. 

Die Oraf Bülow von Dennewitz'sche Blindenanstalt 
(Kriegsblindenanstalt) in Königsberg (Preußen) wurde auf- 
gelöst und in eine Unterstützungs-Anstalt umgewandelt. 

Die Privat-Blindenanstalt in Bern (Schweiz) ge- 
gründet. 

Das Blinden-Institut in Brügge (Belgien) gegründet. 

Frau Eugenie Niboyet in Paris ließ ihre preisgekrönte 
Schrift: „Ueber Blinde und deren Erziehung" in Druck 
erscheinen. (1839 von Joh. Knie-Breslau in deutscher 
Uebersetzung herausgegeben.) Fortsetzung folgt 



Fürsorge für Blinde. 



Am 7. Mai d. J. besuchte von 3 — 7 Uhr nachmittags die 
Frau Großherzogin Elisabeth von Oldenburg in Begleitung der 
Hofdame Fräulein von Baumgarten, die Qroßherzogliche 
Blindenanstalt zu Neukloster i. M., und besichtigte sie in allen 
ihren Einrichtungen, um Erfahrungen für das von Ihrer König- 
lichen Hoheit im Schloßgarten zu Schwerin i. M. gegründete 
Kriegsblindenheim zu sammeln. Die Qroßherzogin, empfangen 
vom Direktor, dessen Frau und der Hausmutter Schwester 
Anna, konferierte zunächst mit dem Direktor in dessen 
Wohnung, wo die hohe Frau später auch den Kaffee und einen 
Abendimbiß einzunehmen geruhte, besuchte dann die Schule 
und den gewerblichen Betrieb, besichtigte alle Räume und An- 
lagen der Anstalt und unterrichtete sich besonders über 
Schreibapparate und Spiele für Blinde und deren Beköstigung, 
machte im Verkaufsladen Einkäufe und Bestellungen und er- 
freute sich zwischendurch an den Turnspielen der Kinder und 
den Qesangvorträgen des gemischten Chors. Nachdem die 
Großherzogin noch den Direktor zu einem Besuch des Kriegs- 
blindenheims eingeladen hatte, verabschiedete sie sich unter 
den Klängen der mecklenburgischen Volkshymne: „Gott segne 
Friedrich Franz". 

Das Kriegsblindenheim will unter persönlicher Leitung der 
Großherzogin, zunächst während der Dauer des Krieges, 
Kriegsblinden einen sorgenlosen, gesunden, sonnigen, für Leib 
und Seele erquickenden Aufenthalt bieten, wo sie von körper- 
lichen Leiden genesen und im persönlichen Verkehr mit der 
hohen Frau nach den Schrecknissen des Krieges und dem Un- 
glück der Erblindung Seelenerhebung und Lebensermutigung 
wieder finden sollen. Zugleich will es seinen Insassen Gelegen- 
heit zur Beschäftigung und Unterhaltung, auch zum Erlernen 
des Lesens und Schreibens der Blindenschrift verschaffen. Zur 
Erreichung des letzten Zieles ist geplant, daß der Blindenlehrev 
Herr Hahn von der Neuklosterschen Anstalt in der Woche zwei- 



103 

mal im Kriegsblindcnheim unterriclitet und dabei zugleich einen 
intelligenten Blinden Schwerins in die Unterrichtsweise ein- 
führt, damit dieser baldigst die Unterweisung weiter über- 
nehmen kann. Das letzte y\bseiicn der Oroßlierzogin geht 
darauf, die KriegsbHnden im Kriegsblindcnheim dahin zu för- 
dern, daß sie sich entschließen, später in der Blindenanstalt ihre 
Rrwerbs f ä h i g k e i t und Erwerbs t ä t i g k e i t zu erstreben. 

Lembcke. 
(fi T) 



Verschiedenes. II 



&= 

— Unser früherer Bezirkspräsident, Prinz Alex, zu Hohen- 
lohe, Sohn des einstigen Statthalters und Reichskanzlers, er- 
sucht mich im Interesse der erblindeten Soldaten, um Angaben 
über vorhandene Blindenbücher. Ich bitte deshalb die Blinden- 
bibliotheken und Blindendruckereien um gefl. Uebersendung 
ihrer Kataloge. 

Illzach-Mülhausen, den 8. Mai 1915. M. Kunz. 

Krefeld, 31. März 1915. Nicht im festlichen Rahmen wie 
im Jahre 1910 sondern in würdiger, ernster Weise, wie es der 
Größe und Schwere der Jetztzeit entspricht, beging die Blinden- 
Vereinigung Krefeld gestern abend ihr 30. Wiegenfest und zu- 
gleich das 30]ährige Jubiläum des Rektors Pauß als Vor- 
sitzender der Vereinigung. Die Feier gestaltete sich unter 
zahlreicher Beteiligung zu einem Familienfeste herzlichster 
Art, das namentlich von größter Anhänglichkeit und Verehrung 
zum allbeliebten Blindenvater getragen war. Im Verlaufe dei 
Feier überreichte Herr Dechant Flecken dem Jubilar als An- 
erkennung seiner hervorragenden Verdienste als Lehrer und 
Blindenvater den päpstlichen Orden „pro ecclesia et pontifice". 

— Nach den Bestimmungen des preuß. Herrn Kultus- 
ministers beginnt die diesjährige Prüfung für Direktoren und 
Direktorinnen an Blindenanstalten Montag, den 29. November 
d. Js. in Steglitz, die für Lehrer und Lehrerinnen an Blinden- 
anstalten Montag, den 6. Dezember d. Js., vormittags 9 Uhi 
ebendaselbst. 

— Um den General Bülow von Dennewitz — den edlen 
Freund der Kriegsblinden aus den Freiheitskriegen — den 
Filinden in dankbare Erinnerung zu bringen, hat die Vorsitzende 
des Blindenvereins für Bielefeld und Umgegend, Fräulein 
Hedwig Brauns in Bielefeld, Qrabenstraße 10, im Jahre 1913 
unter dem Titel „Ein Kaffeestündchen im Heim eines Kriegs- 
blinden (Weihnacht 1817)" ein Festspiel verfaßt, das bei dei 
Weihnachtsfeier des Blindenvereins für Bielefeld und Umgegend 
Weihnacht 1913 von Blinden aufgeführt wurde. Das Festspiel 
ist von Velhagen u. Klasing in Bielefeld gedruckt und von der 
Verfasserin für den Preis von 30 Pfg. das Exemplar zu beziehen. 
Der Ertrag ist für die erblindeten Kämpfer des jetzigen Krieges 
bestimmt. 



104 

Im Druck erschienen: 

Bericht des Vereins „Jüdische Blindenanstalt für Deutsch- 
land" für die Geschäftsjahre 1913 und 1914. 

In der Punktdruckerei des Blindenheims zu Bromber^ 
sind neu erschienen: 

Kriegschronik. K. (Bisher für die Zeit vom 31. 7. 1914 

bis 31. 1. 1915). 
Deutsche Treue und andere Kriegsskizzen. K. Von Qrat 

Hans Bernstoff. 
Paul von Hindenburg. Lebensbild. K. Von Bernhard von 
Hindenburg. 
— 29. Jahresbericht über die Rettungs-, Unterrichts- und 
Erziehungs-Anstalt „St. Franziskus" für arme und ver- 
waiste Mädchen, sowie für taubstumme und blinde Kindei 
zu Heiligenbronn (O. A. Oberndorf) für 1914. 

Blinden -Lehrer -Kongreß 1916. 

Auf besondere Anfrage hat der Obmann des Ständigen 
Kongreß-Ausschusses von der Direktion der Provinzial- 
Blindenanstalt in Hannver die Mitteilung erhalten, daß des 
Krieges wegen irgend welche Vorbereitungen für den 1916 
dortselbst in Aussicht genommenen Blindenlehrerkongreß noch 
nicht getroffen worden sind; der Ortsausschuß ist noch nicht in 
Tätigkeit getreten. Die Direktion schlägt deshalb vor, als Zeit 
für die Abhaltung des XV. Blindenlehrerkongresses das Jahr 
1917 in Aussicht zu nehmen. 

Bekanntmachung. 

An der Ostpreußischen Bllnden-Unterrichts-Anstalt zu 
Königsberg i. Fr. ist zum 1. Juni d. J. die Stelle einer 

2. technischen Lehrerin 

zu besetzen. Damen, welche Neigung haben, sich dem Blinden- 
unterricht und dem Erzieherberuf in einer Anstalt zu widmen 
und die Prüfung für Turnen und Handarbeit abgelegt haben, 
wollen ihr Bewerbungsgesuch unter Beifügung eines Lebens- 
laufes und der Zeugnisse sogleich an den Vorstand der Ost- 
preußischen Blinden-Unterrichts-Anstalt richten. 

Die Einstellung ist zunächst eine probeweise mit 3 monat- 
licher Kündigungsfrist bei einer monatlichen Vergütung von 
75 Mark. Bei Bewährung erfolgt endgiltige Anstellung. 
Der Vorstand der Ostpreußischen Blinden-Unterrichts-Anstalt. 
Paul Lemmel. 

7l1 hfkuif^n CTPGlirhf werden die Geschiclitsbücber des 
M^U ivaui^ll ^CSUCIll alten Testaments von Josoa an 
in erbabener lateiniscber Blindenschrift. — Ai.gebote mit 
Preisangabe FliCüKAih Qni4'7at- Arnswalde i. Neumark, 
zu richten an I-«liaaUClII iJJill^Cr, — Klosterstrasse Nr. 13. — 

Druck und Verlag der Hamel'schen Buchdruckerei u. Papierhandlung, Düren. 




Abonnementspreis N. \\ «/ y^ Erscheint )ährli<h 12 mal 

pro Jahr M. 5; öurA öle -v^XvW \ // einen Bogen starlc. 

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Auslanöe 6 M. ■//// AvvV^^ berechnet. 



<i|||i-' 'Uji» ^ \^ 



Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Organ der Bündenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbildung. 

Gegründet und bis September 1898 herausgegeben von 

kgl. Schulrat Wilhelm Meciter t. 

Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster, 

Mell-Wien und Zech-Königsthal. 
Hauptleiter für 1916 ist Direktor Lembcke in Neukloster i. M. 

Ars pietasque dabunt lucem 
caecique videbunt. 



Nr. 6. D ü r e n « 15. Juni 1915. Jahrgang XXXV. 

Was ist schon für die deutschen Kriegs- 
blinden geschehen, und was soll und 
kann noch für sie getan werden? 

(Matthies - Steglitz.) 

Diese Frage ist wiederholt an mich gerichtet worden; und 
von verschiedenen Seiten, nicht zum wenigsten von der Leitung 
unseres Fachblattes gedrängt, will ich sie, wenn auch mit 
Zögern und Zweifeln, zu beantworten suchen, so gut oder 
schlecht es geht, obwohl der „Blindenfreund" bereits mehrfach 
etwas darüber geboten hat und auch die gegenwärtige Nummer 
nicht nur Zeitungsausschnitte, sondern wieder aus der bekann- 
ten berufenen Feder des Herrn Direktors Lembcke einen wert- 
vollen Beitrag dazu darbietet, auf den ich hiermit ausdrücklich 
verweise. 

„Den Blinden die Lieb e", so steht oder stand 
über dem Eingang einer deutschen Blindenanstalt geschrie- 
ben ; aber „den Kr iegsj blinden die doppelte 
Liebe, die dankbarste Liebe", so steht jetzt 
in allen deutschen Herzen geschrieben. Was der grau- 
sige Krieg auch an schrecklichen Verstümmelungen und 
Schädigungen der besten Söhne und Väter unseres zu jedem 
Opfer bereiten Volkes zeitigen mag, kaum ein Geschick redet 
so eindringHch und erschütternd, wie die erloschenen Augen 
des Kriegsblinden mit ihrer stummen Mahnung: „Das tat ich 



' 106 

für dich! Was tust du für mich?" — Es darf daher nicht 
wunder nehmen, daß viele, die sonst kaum nach den BHnden 
gefragt liaben, den Kriegsblinden um der besonderen Erblin- 
dungsursache willen die mitleidsvollste und werktätigste Teil- 
nahme erzeigen, daß namentlich Frauen und Jungfrauen sie in den 
Lazaretten besuchen und mit Liebesgaben und tröstlichem 
Zuspruch überschütten, ihnen vorlesen, sie einladen und aus- 
führen in die frische Luft, ins Konzert, ins Theater, und selbst 
die Punktschrift erlernen, um Bücher zur Unterhaltung für die 
erblindeten Krieger zu übertragen. Wer aber persönlich nichts 
für sie tun kann oder nichts tun zu können glaubt, gibt wenig- 
stens sein Scherflein zu einer oder mehreren der vielen zum 
Besten der Kriegsblinden veranstalteten Sammlungen, die 
eine immer weitere Ausdehnung und Ausgestaltung erfahren, 
und daher wohl eine nähere Beleuchtung verdienen. 

Gewiß ist es rührend und erhebend, zu verfolgen, wie alt 
und jung, reich und arm nicht allein in der Heimat, sondern auch 
auf dem Kriegsschauplatz, sogar im Schützengraben ihre Dank- 
opfer und Liebesgaben für die lichtberaubten Kämpfer dar- 
bringen. Hat doch eine solche Sammlung ausschließlich bei 
dem 18. Armeekorps erst kürzlich über 41 000 Mark gebracht. 
Auf ein solches Ergebnis kann das ganze deutsche Heer und 
Volk an sich stolz sein. Und ich habe nichts dagegen, wenn 
an den verschiedensten Stellen in allen Kreisen in würdiger 
Weise für die so schwer getroffenen Kriegsblinden Sammlungen 
ins Werk gesetzt werden. 

Was ich aber sehr bedauern und bekämpfen muß, ist der 
Ton und dieBegründung der Aufrufe und die 
Art ihrer Empfehlung in den Zeitungen, wie die 
Sonderzwecke und die damit zusammenhängende Zer- 
splitterung dieser Sammlungen. Die Aufrufe klingen 
meistens so, als seien die heldenhaften Kriegsblinden zu nichts 
weiter nütze, als unbegrenzt bedauert und unterstützt zu 
werden. Das gilt auch von dem jüngst im März d. J. in den 
Zeitungen veröffentlichten und in dieser Nunmier des „Blinden- 
freund" abgedruckten „Aufruf zur Sammlung eines 
Kapitals zur Unterstützung erblindeter Krie- 
g e r", der an erster Stelle von keinem Geringeren als dem hoch- 
verdienten Oberbefehlshaber in den Marken, Exzellenz 
von Kessel, unterzeichnet ist und zu dessen Mitunterzeich- 
nern auch der gerade den Kriegsblinden unermüdlich dienende 
beikannte BerHner Augenarzt Geheimrat Prof. Dr. Silex gehört. 
Die hocherfreuliche Tatsache, daß dieser Aufruf bis Ende April 
schon mehr als 420 000 Mark gebracht hat, ändert an meinem 
Urteil nichts. Aber noch weit niederdrückender, peinlicher und 
betrübender muß auf die Kriegsblinden und alle Kenner der 
Blinden und Blindenbildung ein mir aus den „Frankfurter Nach- 
richten" vom 29. April bekannter Aufruf wirken, den im Namen 
Ihrer Exzellenz Frau von Schenk, der Gemahlin des komman- 
dierenden Generals des 18. Armeekorps, in Frankfurt a. M. der 
Adjutant Major von Poschinger „an die Kameraden im 



107 

Felide" gerichtet liat. Darin heißt es wörtüch: Für Verwun- 
dete und Verstünmielte wird bereits weitgeliend gesorgt; füi 
Blinde, die Unglückliclisten unter den Un- 
glücklichen, ist fast noch nichts geschehen. 
Und gerade diese sind nicht mehr in der Lage, 
irgend einem Berufe nachzugehen, und fremder 
Warte und Pflege bedürftig. Ihre Zahl ist groß. Es 
soll versucht werden, ihnen eine sorgenfreie Zukunft zu 
bereiten und dadurch ihr trauriges Los etwas leichter zu ge- 
stalten." Kommt ein solcher Aufruf trotz der edlen Absicht, 
von der er eingegeben ist, nicht fast einer neuen Verwun- 
dung der Kriegsblinden gleich, die damit für wirtschaft- 
lich u n d g e se 1 1 s ch a f t.l i c h tot erklärt werden? Wäre 
es angesichts derartiger Aeußerungen, die die kulturwidrigsten 
Vorstellungen im In- und Auslande zu nähren geeignet sind, 
nicht ein Glück oder eine Notwendigkeit, wenn die Aufrufe 
zum Besten der Kriegsblinden einer besonderen Zensur 
unterlägen? Daß die militärische unzulänglich ist, zeigen 
vorstehende Beispiele ja in schlagender Weise. Das erstreckt 
sich auch auf die Behauptung, für erblindete Krieger sei in 
Deutschland „bisjetztnoch nichts geschehe n". Wer 
solche Anklagen gegen die deutsche Opferfreudigkeit und Ge- 
setzgebung erhebt, weiß öder würdigt nicht, daß schon im 
vorigen Sommer eine einzelne Dame in Berlin unaufgefordert 
100 000 Mark für Kriegsblinde gestiftet hat, daß viele Deutsche 
schon vor Monaten gleichfalls ungebeten und ungemeldet dem 
Kriegsministerium, den Lazaretten, einzelnen Blindenanstalten 
und Blindenvereinen große und kleine Spenden für die Kriegs- 
blinden anvertraut und daß andere ihre Häuser als Wohn- und 
Lehrstätten für Kriegsblinde unentgeltHch angeboten haben. 
Aber mehr noch! Mit obiger Behauptung wird der falschen 
gefährlichen Meinung, die deutschen Kriegsblinden seien haupt- 
sächlich auf Almosen und freiwillige Ehrengaben angewiesen, 
Vorschub geleistet, während das reine Gegenteil der Fall ist. 

Nämlich nach den Reichs gesetzen vom 31. Mai 
190 6 (Mannschaftsversorgungsgesetz und Offizierpensions- 
gesetz), die die erblindeten Kriegsteilnehmer zu den Verstüm- 
melten rechnen, erhält der gewöhnliche erblindete 
Krieger eine lebenslängliche Kriegsrente, die ein- 
schließlich Kriegs- und Verstümmelungszulage jährlich 
13 68 Mark beträgt und sich für Unteroffiziere um 60 Mark, 
für Sergeanten um 180 Mark, für Feldwebel um 360 Mark 
erhöht. Die Kriegspension eines erblindeten Offiziers 
aber beläuft sich schon bei einem Friedensgehalt von 3000 Mark 
auf wenigstens 4000 Mark, 

Was das im Vergleich zu anderen Staaten bedeutet, erhellt 
aus der Tatsache, daß selbst in dem uns treu verbündeten 
Oesterreich-Ungarn der erblindete Soldat ohne Dienst- 
grad in Ungarn 365 Kronen, in Oesterreich staatlicherseits 
jährlich nur 352 Kronen =^ rund 300 Mark (72 Kronen Invaliden- 
pension und 280 Kronen Verwundungszulage) bezieht, jedoch 



108 

statt der äußerst geringen Invalidenpension von 12 Kronen dert 
weit günstigeren, aber andere Nacliteile in sich bergenden An- 
spruch auf die Versorgung in einem MiHtärinvaHdenhause hat, 
wo ihm Wohnung, Kost, Kleidung und die Löhnung nacli seinem 
Dienstgrad gewährt wird und auch die Verwundungszulage in 
voller Höhe. Wenn daher am Schlüsse des von Kesseischen 
Autrufs auf die bekannte österreichische Qebefreudigkeit als 
Vorbild hingewiesen wird, so darf nicht verkannt werden, daß 
nach dem Gesagten die Mithülfe der öffentlichen Wohltätig- 
keit dort auf vorliegendem Gebiet in viel höherem Maße als in 
Deutschland erforderlich ist. 

Ferner ist zu beachten, daß deutsche Kriegsblinde, die vor 
ihrem Eintritt in das Heer eine v-e rsicherungspflich- 
tige Beschäftigung getrieben und in dieser einschließ- 
lich ihrer militärischen Dienstzeit wenigstens 4 Jahre gestanden 
und die entsprechenden Invalidenmarken geklebt haben, als 
Versicherte auch Anspruch auf die gesetzliche Invaliden- 
rente besitzein, deren Jalircsbetrag man Im Durchschnitt 
wenigstens mit 150 Mark veranschlagen darf, sich in manchen 
Fällen aber auf 250 bis 300 Mark steigern mag. 

Aus alledem folgt, daß namentlich jüngere Kriegsblinde, die 
als Arbeiter oder Gesellen auf dem Lande bei niedrigen Löhnen 
tätig waren, sich wirtschaftlich vielleicht besser als früher 
stehen, hingegen ältere verheiratete und den gebildeten 
Ständen und 'höheren Berufen angehörige unter Umständen 
eine empfindliche Einbuße ihres bisherigen Einkommens zu ver- 
zeichnen haben. Denn das Mannschaftsversorgungsgesetz be- 
mißt, solange es nicht die in dem Haushaltsausschuß des 
Reichstags angeregte Aenderung erfährt, die Rente der Kriegs- 
beschädigten ausschließlic'h nach dem Dienstgrad und der Art 
der Beschädigung des Kriegers und läßt sein etwaiges vor- 
heriges Zivileinkommen, die gesellschaftHche Stellung, die 
Familienverhältnisse und sein Lebensalter unberücksichtigt. 

Hier haben wir somit das Gebiet vor uns, auf welchem die 
gesammelten Gelder, d. h. zunächst nur die Zinsen der be- 
treffenden Kapitalien, bei rechter Verwaltung eine sehr wohl- 
tätige und segensreiche Verwendung für Beseitigung oder 
Milderung hervortretender Härten, Mißverhältnisse und Nöte 
finden könnten. 

Allerdings halten wir es für selbstverständlich, daß die 
große Mehrzahl der Kriegsblinden über kurz oder lang wieder 
in das Erwerbsleben eintreten und sich wieder eines Ausgleich 
schaffenden Arbeitseinkommens erfreuen wird. Aber das mag 
in manchen Fällen nicht so leicht und schnell gehen, und das 
Umlernen und Hinzulernen wird oft erhebliche Kosten verur- 
sachen. Diese Ausbiidungskosten übernimmt in der nach einem 
mir von zuständiger Stelle gewordenen Bescheide auf Antrag 
wenigstens für die Mannschaften die Heeresverwaltung, so daß 
für diesen Zweck die durch Sammlungen entstandenen „Kriegs- 
blindenstiftungen" nur ausnahmsweise und hülfsweise in Tätig- 
keit zu treten brauchen. 



109 

Aus den angeführten Orüiiden und vom vaterländischen 
Standpunkt aus halte ich alle Zersplitterung der SammeltätiR- 
keit für unsere Kriegsblinden, d. h. alle Sammlungen, die örtlich 
oder sachlich einen Sonderzweck verfolgen, z. B. nur für 
BerHner oder sächsische oder musikalische Kriegsblinde be- 
stimmt sind, für verwirrend und verderblich und wünsche drin- 
gend, alle Sammelausschüsse und Sammelleiter möchten unter 
Hintanstellung ihrer Sonderabsichten die eingegangenen Gelder 
an einer Stelle zusammentun und sie etwa dem Zentral- 
komitee des Roten Kreuzes zur Verwaltung und 
bestimmungsmäßigen Verwendung übergeben. Das Komitee 
würde gewiß gerne für diese allgemeine „Kriegsblinden- 
Stiftung" einen besonderen Unterausschuß unter Hinzu- 
ziehung von Sachverständigen bilden und die denkbar besten 
Bi'irgschaften für eine allen gerechten Anforderungen ent- 
sprechende Verwaltung bei den geringsten Unkosten bieten. 

Das führt mich noch besonders auf die am frühesten, stärk- 
sten und unermüdlichsten in den Zeitungen hervorgetretene, 
weiterreichende, eigenartige Krieg sblindenstiftung 
der deutschenOesellschaft fürkünstlerische 
Volkserziehung (Vorsitzender Exzellenz Graf Bolke von 
Hochberg; Geschäftsstelle: Berlin-Wilmersdorf, Emserstr. 3), 
deren Schöpfer und Hauptvorkämpfer offenbar der mir als 
„künstlerischer Leiter" des Arbeitsausschusses der Gesellschaft 
bekannte Herr Johannes Velden, ein musikalisch und wissen- 
schaftlich gebildeter Mann, ist. 

Die Sache begann, irre ich nicht, im Dezember vor. Js. 
unter Hinweis auf das Weihnachtsfest mit der Zeitungsbitte der 
Gesellschaft um Musikinstrumente jeder Art und Geldspenden 
zur Erteilung von Musikunterricht an die Kriegsblinden, die als 
„die a 1 1 e r u n g 1 ü c k 1 i c h s t e n Dulder" bezeichnet 
wurden mit dem Zusatz: „Und doch gibt es eine Gabe, mit der 
man fast allen ein gnädiges Licht in ihr Dunkel tragen darf, den 
Klang; s i e a 1 1 e f a s t a u s n a h m s 1 o s, die in i'hrem Jammer 
noch die Kraft zu einem Wunsche haben, bitten um ein 
Musikinstrumen t." Und dann schildert Herr Velden in 
einem Anfang Januar durch die Zeitungen gehenden Bericht, 
wie er von dem Leiter einer bekannten Klinik in Berlin (gemeint 
ist Geheimrat Prof. Silex) gebeten worden, festzustellen, wer 
von seinen 14 Kriegsblinden musikalisch sei, wie er bei der 
Begrüßung dieser Blinden, die bisher mehr oder weniger 
schon in die Punktsdirift eingeführt waren, „eine Traurigkeit 
ohnegleichen auf den blassen Gesichtern" gefunden, wie aber 
die Prüfung ergeben habe, daß „al'e ohne Ausnahme, wenn auch 
sehr verschieden, musikalisch veranlagt waren" und daher alle 
ein Musikinstrument als Geschenk erhielten, und fährt in seinem 
Bericht wörtlich fort: ,.Es war erschütternd und beglückend 
zugleich, wie auf ihren verlorenen Gesichtern die Hoffnung und 
der Wille aufglommen, Schönheit zu erobern in ihr dunkles, 
stilles Dasein usw." Den Schluß bildet folgender Nachtrag: 

„Wer könnte sich beim Lesen dieser Zeilen der aufsteigen- 



110 

den Tränen erwehren? In unserer Stadt haben wir von dem 
Sammeln für die Kriegsblindenstiftung noch nichts gehört; doch 
ist noch Zeit, das Versäumte nachzuholen. Wir richten deshalb 
an alle die herzliche Bitte: Qebt den Kriegsblinden! Ihr Wohl- 
habenden, öffnet noch einmal die Hand für diese Unglück- 
lichen! Ihr Olücklichen alle, die Ihr Freude habt an der Musik 
in jeglicher Gestalt, seid dankbar dafür und noch mehr dafür, 
daß Ihr sehenden Auges dies Olück genießen dürft! Und auch 
Ihr weniger Bemittelten, tragt Euer Scherflein bei! Viele 
Wenig machen ein Viel! Wir leiten hiermit eine Sammlung für 
diesen Zwxck ein und werden die Gaben veröffentHchen. 
Spenden nimmt unsere Expedition entgegen." 

Als ich das gelesen, dachte ich: „Unheil, du bist im Zuge", 
und „Gott bewahr' das Haus!" und sprach mich bei jeder Ge- 
legenheit gegen eine solche Art von Kriegsblindenfürsorge 
aus, wie es u. a. auch der Augenarzt Dr. Lucanus-Gotha unter 
der Ueberschrift „Musikalische Ausbildung der Kriegsblin- 
den?" getan hat. (Vgl. Aprilnummer des Blindenfreund!) Muß 
ich noch sagen, wieviel Selbsttäuschung hier vorHegt, wieviel 
Irreleitung der gebenden Liebe hier droht, und daß Herr Vel- 
den, dessen gewandte Feder eine große Gefahr in sich birgt, 
den Blinden und dem Musikunterricht der Blinden bisher 
fremd gegenübergestanden hat? — Als man nun merkte, daß 
doch eine gewisse Vorsicht und Kenntnis der Verhältnisse ge- 
boten sei, erwählte Herr Velden den als Musikkritiker tätigen 
bhnden Herrn Dr. phil. Hohenemser in Berlin-Halensee als Beirat, 
und damit war die fachmännische Deckung für alle Fälle ge- 
wonnen, und es wurde alsbald eine Einschränkung und zu- 
gleich Erweiterung der Ziele dieser Kriegsblindenstiftung fest- 
gesetzt. Nach der mir vorliegenden Satzung, in welcher 
Neujahr 1915 als Gründungszeitpunkt der Stiftung angegeben 
ist, verfolgt sie § la, den besonderen Zweck, durch Gewäh- 
rung von Instrumenten und durch unentgeltliche Erteilung eines 
gründhchen von künstlerischen Prinzipien geleiteten Musik- 
unterrichtes den im Kriege erblindeten Soldaten eine edle Un- 
terhaltung und damit Trost und neue Lebensfreude zu ver- 
schaffen. Nur ausnahmsweise, d. h. wenn sich hervorragende 
musikalische Veranlagung zeigt und es auch die sonstigen Ver- 
hältnisse des Betreffenden wünschenswert erscheinen lassen, 
sollen die Mittel für eine Ausbildung zum Musiker bezw. 
K 1 a V i e r s t i m m e r b e r u f gewährt werden ; b) den wei- 
teren Zweck, die erblindeten Krieger mit den für sie geeig- 
neten Ausbildungs- und Fürsorgeeinrichtungen des Blinden- 
wesens in Verbindung zu bringen, damit ihnen die Ausbildung 
zu einem neuen Beruf, hezw. zur Aufnahme ihres früheren Be- 
rufes ermöglicht werde, c) Sie soll ihren Schützlingen von 
Fall zu Fall wirtschaftliche Beihülfen gewähren. 

§ 2. Das Vermögen der Kriegsblindenstiftung wird von 
einem Kuratorium verwaltet, in welchem der Vorstand der 
deutschen Gesellschaft für künstlerische Volksbildung ver- 
treten ist. 



111 

§3. Die Gesellschaft behält sich das Be- 
stimmungsrecht über die musikalischen Er- 
ziehungsmaßnahmen an den erblindeten Sol- 
daten V o r." 

Dabei ist aber die Gesellschaft nicht stehen geblieben. 
Abgesehen davon, daß sie auffallenderweise namentlich seit Er- 
scheinen des von Kesseischen Aufrufs Ende März eine erstaun- 
liche Werbetätigkeit und Zeitungsreklame entfaltet hat, offen- 
bart sie zugleich bezüglich i+irer Ziele eine überraschende An- 
passungs- und Erweiterungsfä'higkeit. Dafür sprechen folgende 
in allen Zeitungen erschienenen Mitteilungen, die erste aus dem 
April, die zweite Anfang Mai. Sie lauten also: 

Dem Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Volks- 
erziehung, Grafen Bolko v. Hochberg, ist von der Kaiserin 
folgendes Handschreiben zugegangen: ^ 

Sehr geehrter Graf Hochberg! 

Mit lebhafter Genugtuung habe ich aus Ihren 
Mitteilungen erse'hen, daß Sie die Absicht haben, eine Stiftung 
ins Leben zu rufen, die den Zweck verfolgt, musikalisch ver- 
anlagten Kriegern, die vor dem Feind ihr Augenlicht verloren 
haben, durch Schenkung von Musikinstrumenten und 
Erteilung unentgeltlichen Musikunterrichts Trost zu 
bringen. Sie können meines wärmsten Interesses 
für Ihre Bestrebungen zur Linderung des Schicksals dieser be- 
sonders schwer heimgesuchten Krieger versichert sein und 
stets auf meine Unterstützung rechnen. Ich habe 
mein Kabinett angewiesen, Ihnen einen Beitrag zur För- 
derung Ihres segensreichen Unternehmens zukommen zu lassen. 

Schloß Bellevue, 10. April 1915. 

AugusteViktoria, I. R. 
Ferner: „Die Kriegsblindenstiftung der Deutschen Gesellschaft 
für künstlerische Volkserziehung veröffentlicht einen Aufruf, der 
unterzeichnet ist von dem PrinzenundderPrinzessin 
August Wilhelm, dem Grafen Bolko von Hochberg, Frau 
von I'hne, dem Staatsminister Dr. v. Studt und einer weiteren 
Anzahl hochangesehener Persönlichkeiten, die auf dem Gebiet 
der Krüppelfürsorge Autoritäten sind. Die Stiftung stellt 
sich die Aufgabe, sofort, d. h. so lange nicht die Er- 
haltungspflicht des Staates in Kraft treten kann, den Bedauerns- 
wertesten unter unseren Kriegsinvaliden, den Erblindeten, eine 
nutzbringende Beschäftigung zu verschaffen, die sie 
gleichzeitig vor den Gefahren bewahrt, die das Grübeln über 
das Schicksal für die Aermsten mit sich bringt. Die Leute 
sollen unter gleichzeitiger Erlernung der Blindenschrift 
zu Telephonisten, Schreibmaschinisten, Mas- 
seuren ausgebildet werden, soweit nicht die üblichen Blinden- 
berufe in Frage kommen. Gleichzeitig sollen sie — und 
das ist ein sehr schöner Gedanke — durdh eine strenge 
musikalische Erziehung sich einen dauernden Trost 
erwerben, der ihnen ihre Mußestunden erhellt. Eine beruf- 



112 

liehe Ausbildung zur Musik soll nur ganz ausnahmsweise 
bei genialer Begabung erfolgen. 

Das kHngende Echo dieser Kraftanstrengung ist nicht aus- 
geblieben. Denn während idi noch im Winter von der Qe- 
schäftsstelle wegen Un zulänglichkeit ihrer Mittel 
gebeten wurde, einem rheinischen KriegsbHnden, der sich auf 
die Zeitungsankündigung bei der „Kriegsblindenstiftung" ge- 
meldet, aus der der Kgl. Blindenanstalt zugehörigen Prinzeß- 
Feodora-Stiftung zur Förderung der Berufs- 
tätigkeit der Blinden Deutschlands (gebildet 
durch Umwandlung des Zentralhilfsvereins 1913) eine Bei- 
hülfe zur Anschaffung einer Sc'hreibmaschine 
zu gewähren, betrug das Sammelergebnis der Kriegsblinden- 
stiftung Mitte März schon etwa 30 000 M^k., ist aber bis Ende 
April dem Vernehmen nach auf über 160 000 Mk. gestiegen. 
Wieviel Musikinstrumente außerdem gestiftet sind, ist 
mir leider nicht bekannt, wäre aber sehr lehrreich, zu erfahren. 
Ich hörte nur, ein Kriegsbhnder sei mit sedhs verschiedenen In- 
strumenten beglückt worden. Von einem anderen, einem 28- 
jährigen früheren Straßenarbeiter, weiß ich bestimmt, daß eine 
Dame, deren Hände gelähmt, ihm mit einem rührenden Begleit- 
schreiben ihr schönes Pianino geschenkt hat. Das mag genügen! 
Ml habe mich über diese „Kriegsblindenstiftung" etwas aus- 
führlicher äußern zu sollen geglaubt, weil ihr Auftreten viel zu 
denken gibt, man nicht voraussehen kann, welche Rolle sie auf 
dem Gebiet der „Kriegsblindenfürsorge" künftig noch spielen 
wird, und ich Qrund zu der Befürchtung habe, daß die Stiftung 
ihre Selbständigkeit nicht aufgeben und ihre reichen Mittel dem 
allgemeinen Zweck der Kriegsblindenfürsorge nicht dauernd 
dienstbar machen wird. Bis jetzt kann ich die Notwendigkeit 
und Nützlichkeit einer solchen Sonderstiftung noch nicht ein- 
sehen und die geschilderte unaufhörliche Beeinflussung und An- 
spornung des Wohltätigkeits- und Opfersinnes der weitesten 
Kreise zu diesem Zweck nicht billigen. 

Was die Stiftung nach ihren wechselnden Ankündigungen 
will, geschieht, soweit es überhaupt ausführbar, zweckmäßig 
und ratsam ist, nach meinem Dafürhalten besser und geräusch- 
loser ohne sie und ihre Mittel unter Förderung der Heeres- 
verwaltung durch die Lazarette und die Blindenanstalten. 

Doch „man weiß nicht, was noch werden mag. das Blühen 
will nicht enden!" Soeben lese ich in der Zeitung, daß der von 
dem Schriftsteller Herrn Q. Kessemeier geleitete Fichte- 
bund (Geschäftsstelle der Landesgruppe Provinz Branden- 
burg in Berlin S. W. Großbeerenstraße 15) zum Besten der 
Kriegsblinden eine „großzügige Organisation ge- 
schaffen hat, die ihre edlen Bestrebungen im ga n z e n 
Reiche geltend machen wird". Wie das gemeint und ge- 
dacht ist, ahne ich augenblicklich noch nicht, weil ich nähere 
Kunde erst erwarte. Fürwahr, wir leben nicht nur in einer 
schweren, sondern auch in einer merkwürdig schöpferischen 
Zeit. Seien wir auf. alles gefaßt und hoffen wir das Beste! 



113 

Unbedingt zu unterschreiben ist -aber, was Universitäts- 
professor Dr. V. Groß-Budapest am Schlüsse seines das Schick- 
sal der Kriegserblindeten beireiienden Berichtes sagt: „Jeder, 
der das Reich der Blinden betreten will, um dort zu helfen, lege 
das üewand der Neugier und der Eitelkeit ab!" Ein Unglück und 
ein Verhängnis bedeutet es, wenn Leute mit einem von Sach- 
und Fachkenntnis freien Geiste und dem unwiderstehlichen 
Drang, etwas Neues zu leisten und zu schaffen, auf den Plan 
treten, um die Kriegsblhidenfürsorge in den Sattel zu heben. 

Aber auch darüber hinaus kann es nur verwirrend und be- 
unruhigend wirken, wenn Stellen, wie der Reichsdeut- 
sche Blindenverband, dem an und für sich beson- 
deres Interesse und Verständnis für die Sache nicht abzu- 
sprechen ist, mit einem Aufruf und der Ankündigung, daß er die 
Organisierung der privaten Kriegsblinden- 
fürsorge für ganz Deutschland durch Gründung 
eines entsprechenden Zentralausschusses in die Hand 
genommen, in der Presse hervortritt, ohne sich bei den für die 
Kriegsblindenfürsorge entscheidenden Stellen über den Stand 
der Frage erkundigt zu haben. Darauf hat mit Recht bereits 
Herr Direktor Lembcke in der Märznummer des „Blinden- 
freundes" bei Besprechung der unter der Losung „Freunde 
unserer erblindeten Krieger, schließt euch 
zusammen" in vielen Zeitungen wenn auch mit Kürzungen, 
erschienenen Aufrufs des Verbandes hingewiesen. Man tut aber 
gut, diesen von dem erblindeten Prediger Reiner-Berlin unter- 
zeichneten Aufruf in ungekürzter Form, wie ihn die Märznummer 
der „B 1 i n d e n w e 1 1" und u. a. auch die „Hamburger Nach- 
richten" vom 21. März gebracht haben, zu lesen. Meines 
Erachtens ist der Verband garnicht dazu berufen und entbehrt 
auch der Mittel und Kräfte, eine solche Aufgabe auf sich zu 
nöhmen. Wohl beruft er sich dabei wieder auf seine „Z e n - 
trale des Blind enwesens" mit dem Sitz in Hamburg 
und betont, daß ihr der nur aus Blinden bestehende 
V e r w a 1 1 u n g s r a t des Verbandes und ein Vertreter 
der Blindenlehrerschaft (Direktor Bauer-Halle a. S.) 
angehören. Aber trotzdem kann ich mir bei diesem so kühn 
klingenden Namen einer Zentrale des Blindenwesens, offen 
gestanden, noch immer nichts Rechtes vorstellen und vermag 
auch ein Bedürfnis dazu nicht anzuerkennen, sondern bin der 
Ansicht, daß jode rechte Blindenanstalt eine solche Zentrale 
bildet, wo naturgemäß die nötige Sachkenntnis und Erfahrung 
und der erforderliche Ueberblick vorhanden sind, um allen Su- 
chenden nach Möglichkeit mit Auskunft, Rat und Hilfe zu dienen. 

Eine besondere Blindenlehrmittel zentrale soll 
ja nach dem bei Gelegenheit des Blindenle'hrerkongresses in 
Düsseldorf 1913 gefaßten Beschlüsse der Verein zur Förderunß 
der Blindenbiidung sein oder schaffen, der übrigens, wie er in 
den Zeitungen ausdrücklich bekannt gemacht hat, seine Hülfs- 
mittel (Schreibtafeln, Bücher und Landkarten) den Kriegs- 
blinden unentgeltlich anbietet und i'hnen mit seinem Rate gern 



114 

zur Seite steht. (Vorsitzender: Direktor Geiger; Geschäfts- 
führer: Inspektor Hecke, Blindenanstalt Hannover-Kleefeld.) 

Der reichsdeutsche Blindenverband wird bei seinem Plane 
vermutlich auch von dem durchaus begreiflichen Wunsche ge- 
leitet, die Kriegsblinden baldigst zu seinen Mitgliedern zu 
machen und durch Zuführung von „Kriegerblut" und „silbernen 
Kugeln" die Stärke, den Einfluß und die Leistungsfähigkeit des 
Verbandes zu erhöhen. Uns aber, glaube ich, interessieren die 
Kriegsblinden weniger als angehende Verbandsmitglieder, 
sondern mehr als erblindete Vaterlandsverteidiger, die, wie sie 
auf blutgetränkter Wählstatt, im Schützengraben und Untersee- 
boot, dem Tode ins Auge geschaut, auch in der Blindheit allen 
feindlichen Gewalten die Stirn bieten und alte und neue 
Arbeitsplätze erobern und damit zugleich den Friedens'blinden 
als Pioniere Bahn machen werden. 

Die Kriegsblinden dazu auszurüsten oder ausrüsten zu 
lassen, bleibt in erster Reihe Sache der deutschen Heeres- 
V e r w a 1 1 u n g , die sich dieser Ehrenpflicht vollauf bewußt ist. 

Daneben hat auch das Zentralkomitee der deut- 
schen Vereine vom Roten Kreuz, dessen Arbeits- 
räume sich während des Krieges im Herrenhause zu Berlin, 
Leipziger Straße, befinden, von Anfang an ein hervorragendes 
Interesse an der Kriegsblindenfürsorge bekundet und ihr zuerst 
in Abteilung 9 (Bäderfürsorge), nachher in Abteilung 8 (Inva- 
lidenfürsorge) unter Vorsitz der Exzellenzen Generalleutnant 
Bartels und Admiral Büc'hsel seine ernste Aufmerksamkeit zu- 
gewandt und mich ohne mein Zutun schon im November v. J. 
zu den darauf bezüglichen Beratungen zugezogen. Ich sprach 
mich gegen eine weitgehende Zentralisierung aus und empfahl, 
jeden Förderung suchenden Kriegsblinden an die Blindenanstalt 
seiner Provinz oder seines Landes zu weisen. 

Weiter geklärt wurde die Frage dann im Rahmen der 
Kriegskrüppelfürsorge diirc'h die Versammlung des 
preußischen Krüppelfürsorgevereins (im Dezember) unter Vor- 
sitz des Prof. Dr. Biesalski und mehr noch in der bedeutsamen 
außerordentlichen Tagung der „deutschenVereinigung 
für K r ü p p e I f ü r s o r g e" am 8. Februar im Reichstags- 
gebäude unter Vorsitz des Wirkl. Geh. Ober-Regierungsrates 
Prof. Dr. Dietrich, Vortrag. Rates im preußischen Ministerium 
des Innern. Letztere Versammlung wurde durch die Gegen- 
wart Ihrer Majestät der Kaiserin ausgezeichnet, von der zu 
allererst eine warme v/egweisende Kundgebung ausgegangen 
war. In beiden sehr zahlreich besuchten Sitzungen, an denen 
ich auch teilnehmen durfte, wurde ausschließlich über die F ü r - 
sorgefürdieKriegsbesc'häd igten, zu denen selbst- 
redend auch die Kriegsblinden gehören, verhandelt, und zwar 
unter bemerkenswerter Beteiligung des Chefs der Medizinal- 
abteiiung des preußischen Kriegsministeriums (zuletzt General- 
arzt Dr. Schnitzen) und der Vertreter des süddeutschen Militär- 
Sanitätswesens. Wurde dabei die besondere Kriegsblindcn- 
fürsorge auch nur gestreift, so ließen die abgegebenen Er- 



115 

klärungen doch keinen Zweifel darüber, daß der eigentliche 
iräger der gesamten Kriegsverletzten- 
f ü r s r g e , die sich auf mogiiciiste Heilung und aui Wieder- 
erlangung der Erwerbsfälligkeit und Erwerbstätigkeit zu er- 
strecken habe, hinsichtlich der Kostendeckung schließlich 
nur das Reich sein könne; das Reich besitze aber die zur 
Durchführung solcher Fürsorge namentlich bezüglich der Be- 
rufsausbildung nötigen Einrichtungen nicht unmittelbar. Daher 
würde 'die Heeresverwaltung es mit Dank begrüßen, wenn 
diese Aufgabe in den größeren Bundesstaaten, wie namentlich 
Preußen, die F r o v i n z i a 1 v e r w a 1 1 u n g e n , in den 
kleineren die von den Landesverwaltungen zu bildenden 
Ausschü, S)Se für Kriegsverletzte nfürsorge 
übernehmen. 

Den gleichen Standpunkt hat auch das preußische A b- 
geordnetenhaus in seinen Kommissionsverhandlungen 
eingenommen. Die Provinz Brandenburg aber hat als 
erste den Gedanken in die Tat umgesetzt und die Sache schon 
im März d. J. angegriffen. Die anderen Provinzen sind bald 
gefolgt. 

Die verhältnismäßig langsame Entwicklung der Frage der 
besonderen Kriegsblindenfürsorge erklärt sich mit aus der 
anfänglichen amtlichen Meinung über die anscheinend geringe 
Zahl völliger Erblindungen, die im Dezember noch 
für Deutschland mit nur 17 angegeben wurde, eine Zahl, die 
nach meiner damaligen Kenntnis unmöglich richtig sein konnte. 
Inzwischen hat das preußische Kriegsministerium eine allge- 
meine Erhebung angestellt. Danach darf die Zahl der Kriegs- 
blinden (Mannschaften und Offiziere) in Deutschland ohne 
Sachsen, Württemberg und Bayern bis Mitte April d. J. auf 
höchstens 300 angenommen werden. Nimmt man für die vor- 
genannten Bundesstaaten entsprechend den sonstigen Er- 
fahrungen M^ hinzu, so ergibt sich für das Deutsche Reich 
gegenwärtig die Zahl von etwa 400, so daß wir, auch wenn der 
grausige Krieg bald aufhören sollte, immerhin wie in den 
Freiheitskriegen 1815 mit im ganzen 500 deutschen Kriegs- 
blinden rechnen müssen. 

Wie viele von den in Kriegsgefangenschaft 
geratenen deutschen Soldaten erblindet sind, werden wir 
wohl erst nach Friedensschluß erfahren. Wissen wir doch 
nicht einmal, wie groß die Menge der feindlichen 
Blinden in den deutschen Gefangenenlagern ist. Einer von 
ihnen, ein Engländer, wollte sogar in die Steglitzer Kgl. 
Blindenanstalt aufgenommen werden, was natürlich abgelehnt 
werden mußte. Aber wertvoll wäre es für uns, zu hören, ob 
und wie sie in den deutschen Lagern und Lazaretten beschäftigt 
werden, und dringend erwünscht, daß sie durch Austausch vor 
allem gegen unsere armen gefangenen Kriegsblinden, deren 
trauriges Los uns am tiefsten zu Herzen geht, baldigst in ihren 
Staat zurückkämen. Damit käme vielleicht auch mehr Licht 
in die Frage der Erblindung durch feindliche 



Grausamkeit, die in der ersten Zeit des Krieges Gegen- 
stand der ungeheuerliciisten Gerüchte war. Wurde mir gegen- 
über docii vor längerer Zeit allen Ernstes behauptet, in einem 
Berliner Lazarett lägen SO Kriegsblinde, denen die Augen aus- 
gestochen seien, dann in Aachen 30 und wieder 80. Alles 
erwies sich als völlig unwahr; kaum einer war darunter. Erst 
im Frühjahr erfuhr ich sicher von einem 19jä'hrigen erblin- 
deten ^Kriegsfreiwilligen in einem Schöneberger Keserve- 
lazarett, der aus französischer Gefangenschaft durch Aus- 
tausch befreit, berichtete, daß er nach einer leichten Ver- 
wundung auf dem Schlachtfelde durch das Messer eines 
Turkos sein Augenlicht verloren und dann gefangen genommen 
worden sei. 

Hoffentlich erfolgt in nicht zu ferner Zeit eine amtliche 
Veröffentlichung, die auch Auskunft über Heimat, Alter, Dienst- 
grad, Beruf, Familienstand, Erblindungsursache (ob Verwun- 
dung, Unfall, Krankheit, feindliche Grausamkeit) und sonstige 
Verletzung der deutschen Kriegsblinden g'ibt. 

Obige Zahl von 300 bis 400 schwebte mir schon vor fünf 
Monaten vor, als ich zuerst dem Zentralkomitee vom Roten 
Kreuz einige VorschlägezurRegelungderKriegs- 
blindenfürsorge machen durfte, die ich infolge besonderer 
Aufforderung jüngst in erweiterter Form dem Kgl. Kriegs- 
ministerium unterbreitet habe und die daher nun auch hier mit 
meiner Meinungsäußerung und etlichen naheHegenden Ein- 
schaltungen eine Stätte finden mögen. 

DasZiel istmöglich steHeilung undKräfti- 
gung, gründliche allgemeine und gewerbliche 
Ausbildung und lohnende berufliche Betäti- 
gung d e r K r i e g s b 1 i n d e n. Es handelt sich also um die 
Lösung einer ärztHchen, einer unterrichtlichen und einer wirt- 
schaftlichen Aufgabe. 

Diese Fürsorge darf sich aber nicht auf die gänzlich Er- 
blindeten beschränken, sondern muß alle berücksichtigen, deren 
Sehkraft so verringert ist, daß sie auCh mit Hülfe von Augen- 
gläsern die gewöhnliche Schrift nicht mehr lesen und schreiben 
und einem Berufe nicht mehr ohne weiteres nachgehen können. 

Die ärztliche Aufgabe findet ihre Lösung in den Lazaretten, 
Bädern und Erholungsheimen. Soll dort' auch kein Kriegs- 
blinder länger weilen, als sein Gesundheitszustand verlangt, so 
empfiehlt es sich doch aus seeüschen und praktischen Rück- 
sichten dringend, daß die unterrichtliche und erziehliche Be- 
einflussung schon im Lazarett beginne, sobald und soweit das 
Befinden des Kriegers es erlaubt. 

Der Unterricht erstrecke sidi vor allem auf die Anfänge 
des Schreibens und Lesens der Braille'schen Punktschrift 
und auf Uebungen im Schreiben der den Soldaten geläufigen 
gewöhnlichen Schrift mit Hülfe einer entsprechenden 
Tafel. Das Schreiben und noch mehr das Lesen der Punkt- 
schrift wird jedoch solchen Soldaten, die nur an grobe Hand- 
arbeit gewöhnt sind und eine mangelhafte Schulbildung be- 



117 

sitzen, große Schwierigkeiten bereiten und von einigen iiber- 
iiaupt nicht erlernt werden. Dagegen können gebildete und 
geschickte Kriegsblinde im Lazarett noch mit der Handhabung 
einer dem Verkehr mit Sehenden dienenden Schreib- 
m a s c "h i n e vertraut gemacht werden. Ferner ist bei längerem 
Lazarettaufenthalt sehr ratsam, namentlich dem Handwerker- 
und Arbeiterstande angehörende Kriegsblinde zu leichten 
Handarbeiten wie Stulilflechten, Netz- und Hängematten- 
stricken und dergl. anzuleiten. Allen aber wird mit den für 
Blinde eingerichteten Beschäftigungs- und Unter- 
hai t u n g s s p i e'l e n, wie sie u. a. die Lehrmittelanstalt der 
Oebr. Höpfel in Berlin liefert, eine rechte Wohltat erwiesen. 

Anders verhält es sich mit der Erteilung von Musik- 
u n t e r r i c h t an Kriegsblinde im Lazarett. Das sollte man mit 
Ausnahme von besonders günstigen Fällen grundsätzlich ab- 
lehnen und sich darauf beschränken, denen, die schon Musik ge- 
trieben haben, das Musizieren weiter zu ihrer Freude und 
Unter'haltung zu ermöglichen. Denn man darf nicht außer acht 
lassen, daß es sich um Erwachsene handelt, denen auch bei guter 
musikalischer Auffassungskraft die Fingerübungen sehr sauer 
werden, daß der Aufenthalt eines Kriegsblinden im Lazarett 
im Durchschnitt etwa ^'li Jatir dauern mag. Das ist aber selbst 
für den miusikalisch begabten Blinden eine viel zu kurze Zeit, 
um auch nur eine sichere Grundlage zu gewinnen. Wissen wir 
doch, daß eine genügende musikalische Ausbildung ohne Be- 
herrschung der sehr schwierigen Brailleschen Musikschrift, di« 
die Kenntnis der allgemeinen Punktschrift voraussetzt, und 
ohne sonstiges musiktheoretisches Wissen nicht zu erreichen ist. 
Besonders bedenklich aber wäre es. Kriegsblinde im Lazarett 
zum Musikbetrieb zu überreden und zu drängen, wie es tatsäch- 
lich schon vorgekommen ist. und dadurch Erwartungen und 
Meinungen in ihnen zu wecken, die sie von dem Wege ernster 
Berufsbi'dung ablenken und mit einer herben Enttäuschung 
enden oder der musikalischen Stümperei und dem Bettel- 
musikantentum Vorschub leisten und damit zugleich auch das 
Ansehen der wirklich tüchtigen blinden Musiker, die ohnehin 
es nicht leicht haben, empfindlich schädigen können. Deshalb 
erscheint es geraten, die musikalische Ausbildung geeigneter 
Kriegsblinden in der Regel erst nach der Entlassung aus dem 
Lazarett zu begünstigen, wenn ein baldiger Wechsel ihrer 
äußeren Verhältnisse nicht mehr bevorsteht. 

Aus all diesen Gründen bringe die Heeresverwaltung die 
erblindeten Krieger tunlichst früh nach Möglichkeit gruppen- 
weise in Lazaretten solcher Ortschaften unter, wo eine 
Blindenunterrichtsanstalt oder ein Blindenarbeitsheim liegt 
oder wo wenigstens einzelne Persönlichkeiten — sehende oder 
blinde — , die mit der Blindenschrift und Blindenbildung hin- 
reichend vertraut sind, zur Verfügung stehen, aber Unkundige 
und LTnbefugte ferngehalten werden können. Es unterliegt 
keinem Zw^eifel. daß jede Blindenanstalt auf Ersuchen dann 
freudig bereit sein wird, die gewünschte Unterweisung und Be- 



118 

raturi'g der Kriegsblinden im Lazarett zu ü'bernehmen. Dem- 
gemäß habe ich dem Kriegsniinisterium 41 deutsche Ortschaften 
genannt, wo die beregte Voraussetzung zweifellos zutrifft. 

Nach vorstehenden Gesichtspunkten ist an einigen Stellen, 
wie z. B. in Berlin, Dresden, Chemnitz, München. Hamburg 
u. a. O., schon seit längerer Zeit verfahren. In Berlin liegen 
sämtliche Kriegsblinden — z. Z. 30 — in der als Lazarett 
dienen'den St. Maria-Viktoria-Heilanstalt (Karl- 
straße 29). Die augenärztliche Behandlung un'd zugleich die 
Ueberwachung des Unterrichts geschieht durc'h Geh. Medizinal- 
rat Prof. Silex. Den Unterricht erteilt schon seit November v.J. 
ein durch Erfahrung und Tüchtigkeit ausgezeichneter ehe- 
m'aliger Zögling der Steglitzer Kgl. Blindenanstalt, die Spracli- 
lehrerin Frl. Betty Hirsch, die, vom Kriegsausbruch in England 
überrascht, erst Mitte September wohlbehalten heimkebrte, 
sich aus eigenem Antrie'b sofort den Berliner Lazaretten als 
Lehrerin der Kriegsblinden zur Verfügung stellte und ihnen mm 
schon seit 7 Monaten, in letzter Zeit mit Hülfe zweier andern 
Damen, in selbstlosester Weise und mit vorzüglichem Erfolge 
dient, wovon auc'h I. M. die Kaiserin sich bei einem Besuche in 
echt landesmütterlicher Art zu überzeugen geru'hte. — Am 
21. Februar hntte die K g 1. B 1 i n d e n a n s t a 1 1 die unvergeß- 
liche Ehre und Freude, 23 der Tapferen, infolge meiner Ein- 
ladung und Vermittelung im Kraftomnibus kommend, als Gäste 
feierlich zu empfangen. Mit kräftigem Hurra von den kleinen 
Vorschulzöglingen am Eingang willkommen geheißen, geleiteten 
wir sie in 'den Pestsaal, wo sie von der gesamten Anstalts- 
<emeinde mit 'den unvergänglichen Trost- und Trutzklängen 
„Befiehl 'du deine Wege" und „Wobl dir, du Kind der Treue'' 
begrüßt wurden und auch Herr Generalarzt Dr. Scbultzen, der 
mit dem Referenten Oberstabsarzt Prof. Dr. Schwiening vom 
Kgl. Kriegsministerium erschienen war, ein kameradschaft- 
liches Wort der Anerkennung un'd Ermutigung an sie richtete. 
Nachdem einer von ihnen, ein Feldwebel, ein tapferes Wort 
des Dankes und der Hoffnung erwidert und sich alle von den 
Leistungen der Zöglinge in Schnle und Werkstatt überzeugt 
hatten, vereinicrten wir uns mit ibnen noch zu einem Plauder- 
stündctien am Kaffeetisch, bei dem auch eine leidliche Zigarre 
nic'ht fehlte, und ü'berreichten ledern zum Andenken schließlich 
eine ßlindenarbeit in Gestalt einer niedlichen Taschenkleider- 
bürste, deren borstiger Teil die preußischen und deutschen 
Farben aufwies. Nach fast vierstündigem Besuche brachen sie 
fröhlich und getrost auf mit der Lieberzeugung: ..Gott verläßt 
keinen Deutschen!" Bevor sie aber das Haus verließen, mußten 
sie noch einzelne Zöglinge zu einer gründlichen ..Besichtigung" 
und 'besonders zu einer fast andächtigen Betrachtung des 
Eisernen Kreuzes standhalten. Unter Hurrarufen imd dem Ab- 
scbiedsgruße „Auf Wiederseh'n" rollte dann der Wagen davon. 

Dieser Besuch verschwindet aber gegen den kürzlichen 
Empfang der 3 Kriegsblinden durch L M. die 



119 

Kaiserin i m S c h 1 o s s e ß e 1 1 e v u e, worüber an anderer 
Stelle unseres Blattes sich ein Zeitungsbericht findet. 

l>as Berliner Kriegsblinden-Lazarett, in dem übrigens 
iiauptsächlicli Soldaten mit Augenverletzungen liegen, hat sich 
zu einer Mustereinrichtung entwickelt, die vielfach besichtigt 
wird. Nicht genug, daß durch Lehrkräfte der Berliner städti- 
schen Blindenanstalt jetzt dort auch Unterricht in leichten 
Handarbeiten erteilt wird, fehlt es nicht an Spiel und Sport, 
Sang und Klang. Einige werden auf ihren Wunsch sogar schon 
in der Massage ausgebildet. Geldmittel zur Befriedigung aller 
Unterrichts- und Erholungsbedlirfnisse sind dank der Spenden 
freundlicher Besucher in Fülle vorhanden und freie Plätze zur 
Aufnahme von Schicksalsgenossen noch 30. 

Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, daR 
selbst meiner Bitte an das Sanitätsamt des Oardekorps, im 
Hinblick auf die Lage der Kgl. Blindenanstalt tunlichst auch 
dem geräumigen Steglitzer Reservelazarett eine Anzahl Kriegs- 
bliniden überweisen zu wollen, unter Hinweis auf die voll- 
kommenen Einrichtungen und Erfolge des Berliner Lazaretts 
und seiner noch verfügbaren Räume eine danklose Ablehnung 
zuteil geworden ist. 

Aber eine drohende Wolke darf, abgesehen von der 
Gefahr der Verwöhnung, die ein längerer Lazarett- 
aufenthalt gerade für die Kriegsblinden in sich birgt, nicht 
unterschätzt werden. Die Kriegsblinden sind im Schlachten- 
donner gereifte freie deutsche Männer und können und sollen 
zu nichts gezwungen werden. Die schwerste und für ihre Zu- 
kunft entscheidende Zeit beginnt für viele aber erst nach der 
Entlassung aus dem Lazarett. Dann kommt auch der nicht 
immer günstige Einfluß ihrer heimischen Umgebung mehr zur 
Geltung, gegen den sie gewappnet sein müssen. Was sie viel- 
fach mit hemmenderSorge erfüllt und in ihrem Entschluß 
zu einer gründlichen gewerblichen Ausbildung und Betätigung 
wankend macht, ist die grundlose Befürchtung, daß 
sie die Entziehung oder Kürzung ihrer Kriegsrente zu ge- 
wärtigen hätten, sobald sie wieder etwas Rechtes lernen, leisten 
und erwerben. Ein Reichstagsabgeordneter, der über die herr- 
schende Unkenntnis hinsichtlich des für Kriegsteilnehmer und 
Kriegsverletzte geltenden Rechtes sprach, führte sogar als Tat- 
sache an, daß ein erblindeter Krieger, „um seiner Familie nicht 
zur Last zu fallen", schon versucht habe, sich das Leben zu 
nehmen. Mag der Fall in Wahrheit auch anders liegen, so wäre 
es doch sehr dankenswert, wenn die Heeresverwaltung noch 
im Lazarett ein in Schwarzdruck und Punktdruck hergestelltes 
amtliches Merkblatt über die Höhe und Unantastbarkeit ihrer 
Rente und über ihre Berufsaussichten zugehen ließe. 
In letzterer Beziehung würde ja der Hinweis genügen, daß sie 
ihre weitere allgemeine und berufliche Ausbildung und Be- 
ratung, sofern es solcher überhaupt noch bedarf, am sichersten 
in oder durch Vermittelung der Blindenanstalt ihres Heimat- 
bezirkes erlangen, und zwar auf Antrag bei der betreffenden 



120 

Landes- bezw. Provinzialverwaltung und Ortsbehörde, die 
auch für die Ausbii'dung^skosten eintreten. Daneben würde auch 
die Verbreitung des der vorigen Nummier mitgegebenen so 
warmen „Freundeswortes an unsere lieben er- 
blindeten Kämpfer" mit der Losung :„Arbeitenund 
nicht verzweifeln!" den Kriegsblinden und ihren An- 
gehörigen das Herz stärken und den Kornpaß richten. 

Damit sind bereits die weiteren Mittel und Wege 
der Kriegsblindenfürsorge angedeutet. 

Besondere Kriegs blinden an stalten zur lebens- 
länglichen Unterbringung erblindeter Krieger oder eine 
Zentralaus'bildungsanstalt für sie von Reichs- 
und Staatswegen zu schaffen, halte ich um so weniger 
für nötig und nützlich, als die Provinz Westpreußen schon ein 
Krieger^blindenheim mit 40 Plätzen in D a n zi g-L an gf u h r 
aufführt und ein Privatmann nach Zeitungsnachrichten ein 
solches m.it 20 Freiplätzen in Dresden gestiftet hat. Auch 
hat der Oroßherzo'g von Mecklenburg-Schwerin im Schloß- 
garten zu S c "h w e r i n ein Kriegsblindenheim als Erholungs- 
und Durchgangsstätte eingerichtet. 

Obgleich man nach meiner o'bigen Schätzung mit etwa 500 
deutschen Kriegsblinden rechnen muß, kommen viele von ihnen 
für eine längere Ausbildung in einer Blindenanstalt voraussicht- 
lich kaum in Betracht. Zunächst sind höchstens die. welche ein 
sogen. Blinden h and werk (Korbmacherei, Bürsten- 
madierei. Seilerei) erlernen oder Berufsmusiker und 
Klavierstimmer werden wollen, auf einen ungefähr vierjährigen 
Besuch der Blindenanstalt angewiesen. Doch werden auch von 
diesen die verheirateten nur ausnahmsweise geneigt 
sein, sich jahrelang von ihrer Familie deshal^b zu trennen. Für 
solche müßte, wenn sie nicht zufällig an dem Orte der Blinden- 
anstalt wo'hnen, durch deren Vermittel'ung tüchtige blinde 
Handwerker, die in dem Wohnorte des Kriegsblinden 
ansässig sind oder sich dort niederlassen, als Lehrmeister 
gewonnen werden, natürlich unter Ueberwadhung seitens der 
zuständigen Blindenanstalt und gegen eine vom Reiche zu 
bewilligende angemessene Vergütung. 

Ferner scheiden für den Aufenthalt in der Blindenanstalt 
meines Frachtens wahrscheinlich die meisten Kriegsblinden 
aus. welche gelernte tüchtige Schuhmacher, Tischler. 
Tapezierer, Buchbinder. Landv/irte, Gärtner 
sind, weil sie. ob auch in beschränktem Umfange, teils in 
eigener Selbständigkeit, teils unter einem wohlwollenden vater- 
ländisch gesinnten Betriebsleiter oder Meister, der ihnen Zeit 
zum Llm'ernen läßt, den frü'heren Beruf vermutlich weiter aus- 
zulitoen vermögen. 

Die Ausbildung als Masseur. Sprachlehrer und 
Dolmetscher, die für Kriegsblinde sich in einzelnen 
Fällen durcTiaus emnfiehlt, kann im wesentlichen privatim 
außerhalib der Blindenanstalt, wenn auch am besten unter ihrem 
Beirat erlangt werden. 



121 

Erblindete Beamte aber sollten doch, sobald sie eine ge- 
wöhnliche Schreibmaschine beherrschen, wieder in jeder 
größeren Behörde oder einem kaufmännischen Betriebe selbst- 
ständig und nach Diktat schriftlich zu ar'beiten und wieder als 
Beamte zu wirken imstande sein. Sie wollen ja nicht feste 
Anstellung, sondern nur eine ihrer Bildung und Erfahrung an- 
gepaßte Tätigkeit gegen angemessene Entschädigung. Das 
müßte ihnen, vor der Hand versuchsweise, unbedingt ermög- 
licht werden! 

Aehnlich liegen die Verhältnisse bei erblindeten Lehrern 
und Predigern, die auch auf ihre Bitte in dem alten Berufe 
und nach Möglichkeit in den alten Verhältnissen wenigstens 
Versuchs- und hülfsweise beschäftigt werden müßten. Selbst- 
verständlich wird dabei die Persönlichkeit und bei den Lehrern 
auch die Art und Stufe der Schule eine wichtige Rolle spielen. 

Kaufleute, namentlich verheiratete, können mit Hilfe 
ihrer Angehörigen unschwer ein Ladengeschäft unterhalten. 
Nötigenfalls gibt eine „Kriegsblindenstiftung" etwas Betriebs- 
kapital dazu her. 

Und junge Kriegsfreiwillige, die als Schüler 
dem Vaterland ihr Augenlicht geopfert haben und nun sich 
noch auf die Reifeprüfung an einer hö'heren Lehranstalt vor- 
bereiten oder sich dem Universitätsstudium widmen möchten, 
bedürfen nur der Kenntnis der Punktschrift und der Fertigkeit 
des Maschinenschreibens, um ihr Ziel verfolgen zu können. 
Für Schriftsteller, Journalisten, Gelehrte gift 
dasselbe. 

Demnach dürfte die Zahl der Kriegsblinden, für welche der 
längere Aufenthalt in einer Blindenanstalt zu Ausbildungs- 
zwecken unerläßlich erscheint, allerhöchstens 250 betragen. 

Wo sollen diese unterkommen? Zunächst in den 
beiden erwähnten Kriegsblindenheimen mit im ganzen 60 
Plätzen. Außerdem trifft Düren, wie ich höre, Vorkehrung, für 
30 vorü'bergehend Platz zu schaffen. Dann trat mir neuerdings 
die Behauptung entgegen : „Die Männerblinden'heime sind ja 
großenteils leer, weil die Blinden nicht hinein wollen." Ich 
vermochte dem nach meiner Kenntnis der Verhältnisse nicht 
zuzustimmen, habe ab^^r, um sicher zu gehen, soeben eine Um- 
frage bei allen deutschen Anstalten gehalten und aus d'en bis 
jetzt empfangenen Antworten ersehen, daß an verschiedenen 
Hauptorten wie in Steglitz alles besetzt ist, an anderen nur 
wenige Plätze frei sind. Trotzdem bin ich der Meinung, daß 
wir nicht in Verlegenheit geraten werden. Kommen doch für 
die Unterbringung blinder Männer 40 deutsche Anstalten in 
Frage, darunter im vorliegenden Fall mit obenan das Blinden- 
heim in Königswusterhausen. An den meisten Stellen aber, 
wo alle Plätze besetzt sein sollten, dürften sich mietweise 
geeignete Wohnräume in der Nähe der Anstalten mit Arbeits- 
und Beköstigungsmöglichkeit in letzteren beschaffen lassen, 
zumal die Kostendeckung keine Schwierigkeiten bereitet. Diese 
freiere Form der Unterbringung würde den Kriegs'blinden 



122 

vielleicTit auch am meisten zusagen. !m übrigen bin ich keines- 
wegs für eine Trennung der Kriegsblinden von den Friedens- 
blinden, glaube vielmehr, daß beide Gruppen voneinander lernen 
und durch einander erstarken können. 

Weit geringer aber wird voraussichthch das Bedürfnis 
dauernder Unterbringung ausgebildeter Kriegsblinden 
in den Blindenarbeitsheimen sein. Können sie sich doch selbst 
bei geringerer Leistungsfähigkeit mit Hülfe ihrer Rente draußen 
im Leben viel freier bewegen und leichter behaupten als mittel- 
lose bürgerliche Blinde und werden sich in i'hrer eigenen oder 
einer befreundeten FamiHe am wohlsten fühlen. Dabei setze 
ich jedoch voraus, daß auch sie in der Regel mit ihrer 
Blindenanstalt und deren Fürsorgeverein in 
Verbindung bleiben und daß die von dort sicher ausgehenden 
Bitten um Arbeitszuweisung bei den Staats- und 
Oemeindebehörden, in erster Linie aber bei der deutschen 
Heeres- und Flottenverwaltung die gebührende 
Berücksichtigung finden zum Heile der Kriegs- und auch der 
Friedensblinden. 

Im übrigen mü^ssen wir, die wir unser Leben den Licht- 
beraubten gewidmet haben, um unseres Volkes und Vater- 
landes willen selbstverständlich keine Gelegenheit versäumen, 
auch als Vorkämpfer und Fürsprecher der nicht 
durch unsere Anstalten gehenden Kriegs- 
blinden bei den Behörden und Betrieben aufzutreten, damit 
ihnen geeignete Arbeitsplätze eingeräumt werden, sei es einst- 
weilen auch nur versuchsweise. Dann werden die meisten 
von ihnen die beim Eintreten für ein hohes, heiliges Ziel in der 
Vollkraft des Lebens durch ein jähes Geschick zu lebensläng- 
licher Fesselung verurteilt schienen, sich nic'ht nur als Be- 
freier, sondern auch als wieder befreite und friedlich schaffende 
Glieder ihres aus schwerster Bedrängnis siegreich empor- 
gestiegenen Volkes fü'hlen und den Troist und Segen der Arbeit 
in ihrem äußeren und inneren Leben täglich spüren und auf ihre 
Umgebung beglückend ausstrahlen. 

Allerdings wird ein kleiner Bruchteil der tapferen Kriegs- 
blinden, namentlich die. welche noch andere Verletzungen 
f^rlitten haben, vielleicht dauerndem Siechtum verfallen und 
''ür das Erwei^bsleben nicht mehr ins Gewicht fallen. Diesen 
'■•ioten, wo geeignete Familienpflec^e fehlt, die vorhandenen 
Feierabend häuserundAlters'heimefürBlindc 
z. B. in Königswusterhausen. Rehbrücke. K'cl, Königswarth?) 
(Sachsen) und Hambur'?, würdi??e Zufluchts- und Gemein- 
schaftsstätten, so daß auch von der Errichtung besonderer 
Versorgungshäuser für Kriegsblinde bis auf weiteres Abstand 
genommen werden darf. 

Ich bin zu Ende, und jeder Leser hat nach dem alten 
Philosophen Erdmann das Recht, zu sagen : Also endlich! 
Wer aber trotzdem noch mehr wissen und mich außerdem auf 
die Lücken und Unklarheiten und Fehler meiner Darstellung 
aufmerksam machen möchte, richte freundlichst bestimmte 



123 

Fragen an mich und gebe mir die nötigen Fingerzeige, Dann 
will ich gern verraten, was icli noch weiß, und dankbar lernen, 
was ich v^erfehlt und versäumt habe. 

(j'ott der Herr aber, dem wir unsere schwergeprüften 
Kriegsblinden und unsere bescheidene Ar'beit an i'hnen und für 
sie befehlen, gebe in Gnaden, daß über unserem herrlichen 
heißgeliebten Vaterlande bald die Sonne eines sicheren, sieg- 
reichen Friedens aufgehe, und lasse aus der unermeßlichen 
I31ut- und Tränensaat auch für die, welche zurückkeliren, ohne 
ihre Lieben und ihre Heimat jemals wiederzuschauen, Früchte 
unvergänglichen Segens reifen! 

Bad Oevnhausen, den 12. Mai 1915. 



Wie können die Blinden -Anstalten 
den Kriegsblinden nutzbar werden? 

(Eni Niederschlag aus mehreren Gutachten von Direktor 
Lembcke-Neuklo'Ster). 

Die Ausbildung der Kriegsblinden verfolgt den Zweck, 
diese erwer'bsfähig und erwerbstätig zu machen, 
damit sie dadurch zur Aussöhnung mit ihrer Lage kommen. 

Um ein Urteil über die Handreichungen zu gewinnen, die 
die Blindenanstalten hierbei leisten können, sind besonders ins 
Auge zu fassen: 

I. Handwerker und Arbeiter. 

L Oib und wieweit diese in ihren bisherigen Berufen 
wieder erwerbs fähig und erwerbs tätig gemacht werden 
können, muß erst die Erfahrung lehren. Jedenfalls sind Ver- 
suche hierauf anzustellen, die aber in der Blindenanstalt, 
nur hinsichtlich der sogenannten Blindenberufe: Korb- 
macherei, Seilerei, Bürstenmacherei, Flecht- und Strick- 
ai'beiten, Klavierstimmen gemacht werden können. Für 
andere Berufe sind die Versuche in Betrieben Sehender zu 
machen, deren Iniliaber durch humanitäre Gesinnung bekannt 
und zu solchem Dienste 'bereit sind. Diese sind hierzu durch 
„die organisierte Fürsorge für Kriegsbeschäd*igte" mobil zu 
machen. 

2. Die Kriegsblinden, die vor ihrer Erblindung in den soge- 
nannten Blindenberufen tätig waren, können in der Blinden- 
anstalt in ganz kurzer Zeit wieder erwerbs fähig gemacht 
und dann in ihrer Erwerbs t ä t i g k e i t durch die Fürsorge der 
IMindenanstalten für Entlassene gefördert werden. 

3. Auch alle anderen normal begabten Handwerker und 
Arbeiter können durch die Blindenanstalten in 3 — 4 
Jahren in den Blindenberufen wieder erwerbsfähig 
und mit Hilfe der Blindenfürsorge erwerbstätig werden. 



124 

4. Handelt es sich bei diesen und bei Minderbegabten nur 
um Erwerbung von Beschäftigungsmöglichkeit, so 
läßt sich dies durch die Blindenanstalt in den Fertig- 
keiten des Mattenflechtens, Netzstrickens, Rohrstuhl- 
beziehens und der Tucheckenverarbeitung zu Schuhen und 
Decken, wie auch in allerlei Handfertigkeiten: Holz-, 
Metall- und Papparbeiten in V-t bis zu e^nem Ja'hr erreichen. 

5. Die Unverheirateten nehmen gegen das vor- 
schriftsmäßige Kostgeld, das aus ihrer Reichsunter- 
stützung oder aus dem Fonds „der organisierten 
Fürsorge" aufzubringen ist, während der Lehrzeit Auf- 
enthalt in der Blindenanstalt oder in den damit verbundenen 
Heimen, und zwar in den Abteilungen für Späterblindete, so 
daß sie nach Möglichkeit zunächst für sich wohnen, schlafen, 
speisen und arbeiten, bis sie sich eingelebt und selbst das Ver- 
langen nach Gemeinschaft mit den anderen erwachsenen Spät- 
erblindeten oder Heimbewohnern haben. 

6. Die Verheirateten mögen, wenn sie sich nicht von 
der Familie trennen und wie die Unverheirateten in der Blinden- 
anstalt Aufenthalt nehmen wollen, tunlichst mit ihren Familien 
in dem Orte der Blindenanstalt wohnen und von dort die Werk- 
stätten der Anstalt besuchen. 

7. Alle müssen während der Lehrzeit die für die S p ä t - 
erblindeten geltenden Haus- und Betriebsordnungen inne 
halten, wobei iihnen im Ra'hmen derselben das möglichst 
humanste Entgegenkommen zu erweisen ^'st, 

8. Dagegen nehmen alle nach freiem Ermessen an den Ver- 
anstaltungen der Anstalt zur Ausbildung in Gesang, Musik, 
Lesen und Schreiben der Blindenschriften und zu Spiel- 
beschäftigun<gen und Handfertigkeiten, am Fortbildungs- und 
Turnunterricht und an den Bewegungen im Freien und den 
damit verbundenen Orientierungsübungen teil. In gleicher 
Weise ist ihnen die Beteiligung an den Gelegenheiten, die die 
Anstalt zu religiöser Erbauung, zur Unterhaltung und zu Fest- 
feiern 'bietet, frei zu stellen. 

9. Nach erlan'gter Erwerbs f ä h i g k e i t kommt für die 
voll ausgebildeten die Zeit der Erwerbs t ä t i g k e i t. Diese 
kann gesucht werden: 

a) in unmittelbarem Zusammenhang mit der 
Blindenanstalt in den damit verbundenen Heimen und 
Arbeitsstätten oder indem der Ausgebildete allein oder, 
wenn er verheiratet ist, mit seiner Familie an dem Orte der 
Blindenanstalt verblei'bt und von da aus Beschäftigung in den 
Werkstätten des Heimes sucht, sei es. daß er dort auch arbeitet 
oder dies im eigenen Hause tut. — Für den Fall, daß der Aus- 
gebildete in der Heim-Werkstätte arbeitet oder voll Heim- 
bewohner wird, hat er sich der Haus- und Betriebsordnung des 
Heims zu unterwerfen, die aber weit größere Bewegungsfreiheit 
als die Lehranstalt zu gestatten hat. — Die Lohnfrage 



regelt sich für diese Fälle nach den Grundsätzen, die darüber 
an der Anstalt bestehen. 

b) S e 1 b s t ä n d i g im öffentlichen Leben unter dem Bei- 
stande der nach bestimmten Grundsätzen ausgestalteten Für- 
sorge der Blindenanstalt für Entlassene. — 
niese Form der Erwerbstätigkeit muß das anzustrebende 
Ideal bleiben. — ^ H e i m f ü r s o r g e gilt als Notbehelf. 

11. Musiker. 

1. Sofern es sich um Berufsmusiker handelt, werden 
die meisten auch nach ihrer Erblindung ihren Beruf ohne 
weiteres fortsetzen können. Jedenfalls aber wird auch ihnen, 
falls sie nicht künstlerische Ziele verfolgen, ein kurzer 
Aufenthalt in der Blindenanstalt sehr förderlich sein, zumal, 
wenn S'ie die Notenschrift für Blinde erlernen und 
sich dadurch den Schlüssel zu der reichhaltigen Musikliteratur 
verschaffen, die in dieser Schrift niedergelegt ist. 

2. Auch musikalisch Begabte, die vorher es nicht waren, 
können sich als B e r u f s m u s i k e r in der Blindenanstalt 
ausbilden. Es wird sich aber empfehlen, daß sie nebenher ein 
Blindenhandwerk oder wenigstens die Fertigkeiten 
erlernen, wozu die Blindenanstalt Gelegenheit bietet, damit sie 
in einer der beiden Berufsformen Gelegenheit zu einem 
Nebenerwerb haben. Es müssen das aber sittlich ge- 
festigte Leute sein, damit sie als Berufsmusiker nicht der 
Gefahr dieses Berufes verfallen. 

111. Telephonisten. 

L Die es vor der Erblindung waren, werden es auch nach 
der Erblindung in kleineren öffentlichen und privaten Betrieben 
bleiben können, allenthalben wohl dort, wo die Anregung zum 
Aus- und Einschalten (Verbinden und Unterbrechen) nicht 
durch Zeichen gegeben werden, die das Auge vermitteln muß, 
und wo die Niederschrift empfangener Gespräche durch die 
Schreibmaschine möglich ist, deren Verwendung der Be- 
treffende allerdings vorher in der Blindenanstalt erlernen muß. 

2. Auch andere Kriegsblinde, die vorher nicht Berufs- 
Telephonisten waren, können in der Blindenanstalt für kleinere 
Privatbetriebe hierzu ausgebildet werden. 

IV. Subalternbeamte in Schreiberdiensten. 

1. Die dies vor der Erblindung gewesen sind, können es in 
begrenztem Umfange nach der Erblindung wieder werden, 
wenn sie in der Blindenanstalt das Schreiben auf Schreib- 
maschinen für gewöhnliche Schrift erlernen. Sie vermögen bei 
humaner Berücksichtigung in den Bureaus der Kaufleute, 
Rechtsanwälte, Aerzte usw\ als Schreiber und Korre- 
spondenten Verwendung zu finden, falls dort diktiert oder 
mit Verwendung von Sprechapparaten gearbeitet wird. 

2. Auch andere gewandte und mit genügender 
Bildung ausgerüstete Kriegsblinde können in dieser Richtung 



126 

die Grundlage für ihre Erwerbstätigkeit in der Blindenanstalt 
vielleicht erwerben. 

Falls die unter 11 — IV Berücksichtigten während .ihrer 
Ausbildung Aufenthalt in der Blindenanstalt 
nehmen, gelten dort für sie die unter I, 7. u. 8 berührten Ver- 
pflichtungen und Freiheiten. 

V. Lehrer und Organisten. 

Sie müssen wie die übrigen Kriegsblinden sich Lesen und 
Schreiben der Blindenschrift aneignen. 

Die Lehrer finden am besten Verwendung in Blinden- 
anstalten oder als Privatlehrer. 

Die Organisten finden in Mecklenburg wohl Aus- 
bildung, aber kaum Anstellung, weil hier b'is auf die Städte 
Rostock und Wismar das Organistenamt mit dem Lehramt ver- 
bunden ist. 

■Ueberhaupt werden hier landestümliche Verhältnisse sehr 
mitsprechen. 

VL Gebildete und Glieder des Gelehrtenstandes. 

Für diese Kriegsblinden kann die Blindenanstalt nur nutz- 
bar werden, indem sie dort erlernen: 

L das Lesen und Schreiben der Blinden- 
schriftarten, vor allem die Fertigkeit des Schreibens auf 
den verschiedenartigen Blinden - S c h r e i b ma s ch i n e n , 
damit sie dadurch zur Korrespondenz befähigt werden 
und den Schlüssel für die reiche in Blindenschrift 
niedergelegte Literatur erwerben ; 

2. Handfertigkeiten zur Beschäftigung, Unter- 
haltung, Zerstreuung und Beglückung anderer; 

3. Blindenspiele zur Unterhaltung; 

4. Gesang und Musik für den Hausbedarf als Vehikel 
der Geselligkeit; 

5. durch Bewegung im Freien, Turnen und Bewegungsspiel 
ihre Orientierungsvermögen vervollkommnen, sich Gesundheit 
und Lebensfrische erhalten und stärken. 

Wenn diese Erblindete zur Erwerbsf ä h i g k e i t und 
Erwerbs t ä t i gk e i t durch die Blindenanstalt kommen sollen, 
so setzt das bei ihnen eine große Selbstentäußerung und einen 
eisernen Willen und jene ideale Auffassung der Arbeit voraus, 
die auch die Handarbeit geadelt weiß, wenn sie aus sitt- 
lichen Gesichtspunkten gewertet wird, und sich von der antiken 
Auffassung lossagt, die in der Handarbeit etwas des freien 
Mannes Unwürdiges siebt — oder die Betreffenden müssen 
die amerikanische Auffassung der Arbeit teilen. 

Unterkunft während der Ausbildung in der 
Blindenanstalt finden diese Kriegsblinden am zweck- 
mäßigsten bei den Leitern und Lehrern der Blindenanstalt und 
in anderen Pensionen, wo Verständnis für ihr Los. ihr Streben 
und ihre bisberige Lebensstellung und -iialtung vorhanden ist. 



127 

Schwierigkeiten werden sich den Blindenanstalten bei 
Lösung ihrer Aufgabe an den Kriegsblinden vielfach im Hin- 
blick auf die R a u m f r a g e entgegenstellen. Gegen Er- 
weiterungs- und Neubauten wird vielfach das Bedenken auf- 
kommen, daß die Ausbildung der Kriegsblinden in der Blinden- 
anstalt eine vorübergehende, in wenigen Jahren erledigte Auf- 
ga'be der Blindenanstalten sein wird, so daß dann die Frage ent- 
stehen kann: Wozu sollen die für diesen Zweck hergerichteten 
Baulic'hkeiten weiter dienen? -- Für Preußen, wo das Gesetz 
zur „Beschulung blinder Kinder" erst kürzlich wirksam ge- 
worden ist, und wo aus dieser Veranlassung umfangreiche Neu- 
und Erweiterungsbauten nötig geworden sind, die in den nächsten 
Jahren noch nicht völlig besetzt sein werden, möchten diese 
Bedenken sich von selbst dahin beantworten, daß die zunächst 
für Kriegsblinde verwandten Räume später für Mehraufnahmen 
schulpflichtiger Minder Kinder verwandt werden können. 

Diese Ueberlegung wird auch in den Ländern über dieselben 
Bedenken hinweghelfen, die den Anstaltszwang für blinde Kinder 
noch nicht eingeführt haben, weil sie sich dieser gesetzHchen 
Maßnahme doch nicht lange mehr werden erwehren können. 
Dazu kommt für alle Fälle, daß durch die Fürsorge für Kriegs- 
blinde das Bedürfnis der Unterbringung in Blindenheimen viel 
größer als bisher werden wird, so daß die zu ihrer Ausbildung 
erforderlichen Neu- und Erweiterungsbauten später jedenfalls 
für Heimzwecke und Arbeitsstätten Verwendung finden können 
und werden. — In manchen Staaten werden vielleicht, wie in 
Mecklenburg-Schwerin, infolge der für Ausbildung der Kriegs- 
blinden aktuell gew^ordenen baulichen Bedürfnisse andere er- 
wünschte, aber aus finanziellen oder anderen Gründen zunächst 
zurückgestellte Bauprojekte jetzt so gefördert werden, daß da- 
mit zugleich die Gelegenheiten zur Aufnahme von Kriegsblinden 
geschaffen werden. — In allen anderen Fällen aber dürfen 
m. E. Bedenken dieser Art nicht ausschlaggebend werden, wo 
es sich um Opfer für teure, treue Krieger handelt, die ihr Alles 
für uns eingesetzt und mit dem Augenlichte das geopfert haben, 
was in erster Linie das diesseitige Leben verklärt und verschönt 
und oberste Voraussetzung äußerlichen Lebensglücks ist. 



Geschichtstafel 
des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens. 

(Fortsetzung.) 

1836 

Von Direktor Anton Dolezalek in Budapest (Ungarn) 
erschien die Schrift: „Nachricht von der Verfassung des 
Blinden-Instituts in Pest. 

Von J. W. Klein in Wien erschien: „Anleitung zur 
zweckmäßigen Behandlung blinder Kinder von der 
frühesten Jugend an in dem Kreise ihrer Familien und in 
den Schulen ihrer Wohnorte". 

Es erschien das Werk von Dr. K. A. Qeorgi in 
Dresden: „Geschichte der Königlich Sächsischen Blinden- 
anstalt". Dresden, Carl Wagner 1836. 

Aus dem Vermögen des Stiefelwichsfabrikanten Day 
in England wurde eine Unterstützungskasse für Blinde 
(Day üharity for t'he Blind or Blind Man's Friend) 
gegründet. 

In London wurde eine Gesellschaft zur Förderung der 
allgemeinen Wohlfahrt besonders invalider und kranker 
blinder Personen (Working Men's Christian Association) 
gegründet. 

In für Blinde tastbarem Druck erschien das Werk: 
Josef Treutsensky, Neueste Erfindung zur Erzeugung von 
Schriften en hautrelief für Blinde. Wien, Treutsensky 1836. 

1837 

Die Blindenanstalt für das Großherzogtum Baden 
wurde von Bruchsal nach Freiburg verlegt, (vergl. 1828.) 

18. 5. Von der Gesellschaft zur Förderung der nützlichen Künste 
und deren Hilfswissenschaften (der polytechnischen Ge- 
sellschaft) in Frankfurt a. M. wurde dortselbst die Unter- 
richtsanstalt für blinde Kinder gegründet. 

Mai. Die 1826 in Freysing (Bayern) gegründete Blindenanstalt 
wurde unter der Benennung „Königliches Central-Blinden- 
institut" nach München in das neue Gebäude in der 
Ludwigstraße verlegt. 

31. 5. Dr. Ery erhielt für das von ihm erfundene Schriftsystem 
die 1832 von der „Schottischen Gesellschaft der Künste" 
für das beste Alphabet zum Gebrauch der Blinden ge- 
stiftete goldene Medaille. 

4. 7. In Columbus (Ohio N. A.) wurde ein Blindeninstitut 
unter dem Namen: Institution for the Education of the 
Blind gegründet. 

4.10. Die tauibstumm-blinde Laura Bridgman (* 21. 12. 1829 
t 24. 5. 1889) kam zur Erziehung in die Blindenanstalt 
zu Boston. (N. A.) 



129 

1837 

In Paris wurde die klösterliche Stiftung zur Erziehung 
blinder Mädchen „L'oeuvre des soeurs aveugles de St. 
Paul" ins Leben gerufen. 

Von P. A. Dufau in Paris (vergl. 1815) erschien das 
Werk: „Essai sur l'etat physique, moral et intellectuel 
des aveugles nes", welches von der französischen Aka- 
demie durch Zuerkennung des großen Preises von 
6000 Eres, ausgezeichnet wurde. (1859 von J. Knie in 
deutscher Übersetzung herausgegeben.) 

Freisauff von Neuegg in Wien ließ die Abhandlung 
„Bktypographie" erscheinen, in welcher er sein Verfahren 
beschreibt, Schriftzüge tastbar herzustellen. 

Es erschien das Buch: J. W. Klein. Geschichte des 
Blindenunterrichtes und der den Blinden gewidmeten 
Anstalten in Deutschland. 

Es erschien in Paris als erstes Buch in Braille's 
Punktschrift eine Geschichte von Frankreich. 

In Paris erschien die 1829 in erster Auflage heraus- 
gegebene Darstellung von L. Braille's Punktschriftsystem 
in 2. Auflage, vermehrt durch das Musikschriftsystem. 

Die von J. W. Klein gegründete Versorgungs- und 
Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien 
erhielt ein eigenes Haus, zunäc'hst nur für die männlichen 
Zöglinge. 

Seit 1837 besteht in dem K. K. Blinden-Crziehungs- 
Institut in Wien ein Museum für das Blindenwesen. 

In Belgien erschien, herausgegeben von Abbe Carton, 
eine Zeitschrift für das Taubstummen- und Blindenwesen 
in französischer Sprache, betitelt: Le sourd-muet et 
l'aveugle. 

In Lüttich (Belgien) wurde ein Blindeninstitut ge- 
gründet und mit dem 1819 errichteten Taubstummen- 
institut vereinigt. 

Die 1831 eröffnete Blindenanstalt in Hamburg (vergl. 
1830, 1835) erhielt durch ein Dekret des Senates vom 
14. 7. 1837 die Benennung „Blindenanstalt von 1830", und 
wurde am 23. 6. 1837 in der Neustadt, Neustraße Nr. 16, 
unter der Leitung des Herrn Stoltenberg wieder eröffnet. 

Auf Antrag des Herrn Kosel, Begründers und Leiters 
der Taubstummenanstalt in Frankfurt a. M., wurde von 
dem Vorstande der dortselbst zu gründenden Blinden- 
anstalt beschlossen, die Blinden am Unterricht der 
Sehenden in der Mittelschule teilnehmen zu lassen, ihnen 
daneben aber besonderen Unterricht zur Vorbereitung 
und Nachhülfe für die Schulstunden, zu Übungen in tech- 
nischen Fertigkeiten und zur Unterweisung in der Musik 
zu gewähren. 



130 

1837 

In den „Frankfurter Jahrbüchern" wurde ein Bericht 
des Tauffastunimenanstalts-Direktors Kosel über BHnden- 
Unterriclit und —Versorgung veröffenthcht. 

12.5. Vier bhnde Knaben, ZögHnge der BHndenanstalt zu 
Frankfurt a. M., wurden als Schüler in die städtische 
Mittelschule aufgenommen. Lehrer Jost übernahm und 
begann mit ihnen den täglichen besonderen Unterricht in 
den Räumen der polytechnischen Gesellschaft. 

1838 

Es erschien die Schrift von J. W. Klein in Wien: Das 
Haus der Blinden. 

Von 1838 — 1857 hatte die in Darmstadt erscheinende 
„Allgemeine Schulzeitung" ein Beiblatt unter dem Titel: 
„Blätter für das Taubstummen- und Blindenwesen" ge- 
leitet von Dr. L. Chr. Matthias, Direktor der Taub- 
stummenanstalt in Friedberg in Hessen. 

Die Gebäude der Blindenanstalt zu Budapest (Un- 
garn) wurden durch eine Ueberschwemmung vollständig 
zerstört, 1841/42 a'ber an derselben Stelle wieder auf- 
gebaut. 

Direktor Schibel fü'hrte im Unterricht der Blinden- 
anstalt zu Zürich die Stachelschrift ein. 

Die Blindenanstalt zu Zürich (Schweiz) wurde aus 
dem sogenannten „Brunnenturm" in der Altstadt nach dem 
Zürichberg verlegt. 

Durch Szczygiels'ki, Rektor der Taubstummen- und 
Blindenanstalt in Warschau wurde ein Haus nebst Garten 
zur Unterl^ringungder Blinden angeschafft. 

L. Braille in Paris erfand einen Blinden-Schreib- 
apparat zur Herstellung von farbiger FlaChschrift. 

Es wurde der Bau eines neuen eigenen Gebäudes für 
das National-Blinden-Institut in Paris angeordnet, das 
1843 fertig gestellt wurde. 

J. H. Frere in England machte den Versuch auf pho- 
netischer Grundlage eine tastbare Schrift für Blinde, die 
zugleich stenographisch war, zu erfinden. 

Abbate Luigi Configliacchi errichtete in Padua 
(Italien) eine Blindenanstalt für arme blinde Männer. 

In London wurde unter dem Namen „Society for 
Teaching the Blind to read" ein Verein gegründet, der es 
sich zur Aufgabe machte, dahin zu wirken, daß die 
Blinden lesen lernten, anfangs unter Benutzung des 
Schriftsystems von Lucas. 

Die Blindenanstalt in Exeter (England) wurde unter 
dem Namen „West of England Institution for the blind" 
gegründet. 



131 

1838 

üriindunk^ der Blindenanstalt — Royal Victoria 
School for t\\c BWuil — in Newcastle-upon-Tyne (Eng- 
land). 

In Staunton (Virginien N. A.) wurde eine Taub- 
stummenanstalt gegründet, der später eine Blinden- 
abteilung angefügt wurde. 

1839 

Her blinde Foucault in Paris (* 1797 t 1871) erfand 
seinen Blinden-Schreibapparat „Raphigraph" zur Her- 
stellung farbiger Flachsclirift in lateinischen Groß- und 
Kleinbuchstaben. 

Louis Braille in Paris erfand einen Blinden-Schreib- 
apparat zur Herstellung der gewöhnlichen Schrift der 
Sehenden in tastbaren Punkten, die zugleich farbig waren, 
so daß Blinde wie Sehende diese Schrift lesen konnten. 

In der Kgl. Blindenanstalt zu Dresden wurden Spinn- 
räder angeschafft, und die blinden Mädchen angeleitet, 
Werg und Flachs zu spinnen. 

Es erschien: J. G. Knie „Anleitung zur zweckmäßigen 
Behandlung blinder Kinder für deren erste Jugend, 
Bildung und Erzieliung in ihren Familien, in öffentlichen 
Volksschulen und durch zu erteilenden Privatunter- 
weisung. 3. Auflage. Berlin 1839. 

Im Druck erschien: Anton Dolezalek. Anweisung, 
blinde Kinder von der frühesten Jugend an zweckmäßig 
zu behandeln. Ofen 1839. 

Von Jo'h. Knie in Breslau erschienen: 

1. die von ihm ins Deutsche übertragenen Werke: Dufau, 
Versuch über den leiblichen, sittlichen und geistigen Zu- 
stand der Blindgeborenen. Berlin 1839. Niboyet, Ueber 
Blinde und ihre Erziehung. Berlin 1839. 

2. Erinnerungen einer Blindgeborenen nebst Bildungs- 
gesohichte der 'beiden Taubstummblinden Laura Bridg- 
man und Eduard Meyster. Nach dem Französischen. 
Breslau 1839. 

William Moon in Brighton (England) (* 18. 12. 1818, 
t 10. 10. 1894) erblindete, setzte seine Studien aber fort 
und erwarb den Grad eines Doktors der Rechte. 

In tastbarer Linienschrift wurde gedruckt: J. B. 
Stüber, Leseschule der Zöglinge des Königl. Blinden- 
instituts in München. München 1839. 

Im Druck erschien: C. Carton (vergl. 1835), Notice 
sur l'aveugle sourde-muette, eleve de l'Institut des 
Sourds-muets et des Aveugles de Bruges. (Betrifft die 
taubblinde Temmermann. (* 1818, t 26. 9. 1859.) 

1839—1875 Ossian Edmund Borg (* 6. 8. 1812, t 1892) 
als Nachfolger seines Vaters, Direktor der Taubstummen- 
und Blindenanstalt zu Manilla bei Stockholm. 



132 

1839 

Blinden-Institut für Mädchen in Brüssel (Belgien) 
rue Rempart des Moines gegründet. 

In Manchester (England) wurde „Heushaw's Blind 
Asylum" gegründet als Zufluchtsstätte für bejahrte und 
arbeitsunfähige Blinde. 

In den Jahren 1839—1851 druckte J. H. Frere in Eng- 
land in der von i'hrn erfundenen und nach ihm benannten 
Blindenschrift die ganze Bibel in 15 Foliobänden. Preis 
90 Mar'k. (Fortsetzung folgt.) 



Erklärung. 

Erfreulicherweise erheben sich jetzt allerorten Stimmen, 
die erblindeten Kriegern durch wohlgemeinte Ratschläge und 
sogar durch die Tat dienen wollen. Ganz abgesehen von ge- 
wissen geschäftlichen Spekulationen, die alles andere eher, als 
das Interesse der Blinden im Auge haben, müssen wir leider 
feststellen, daß manche der in bester Absicht erfolgten Ver- 
öffentlichungen offenbar von Laien herrühren und völlig un- 
zweckmäßig sind. Oder erhält ein Blinder etwa dadurch 
musikalische Begabung, daß man ihm ein Musikinstrument 
schenkt? Ebensowenig, wie ein anderer ohne Befähigung und 
sachgemäßen Unterricht zum Handwerker wird, wenn man 
ihm nur das nötige Werkzeug beschafft. Der unterzeichnete 
Verein hält es für seine Pflicht, vor vielen derartigen Angeboten 
dringend zu warnen, weil mehr Unheil als wirkliche Hilfe für 
die Blindenwelt daraus entspringen kann. Bei den Sehenden 
gilt der Blinde im allgemeinen immer noch als Wohltätigkeits- 
objekt, und wird aus falschem Mitleid oft zu einem Lebens- 
beruf für unfähig gebalten und dadurch zum Almosenempfänger 
erniedrigt, oder er wird aus Mangel an Verständnis und Sach- 
kenntnis in einen ungeeigneten Beruf gedrängt. Es liegt 
im Interesse des einzelnen wie der Allgemeinheit der Blinden, 
daß hier keine Fehlgriffe getan werden; denn daraus, daß ein 
Blinder einen Beruf wählt, zu dem er nicht befähigt ist, wird 
erfahrungsgemäß in der Oeffentlichkeit auf die Leistungs- 
unfähigkeit der Blinden überhaupt geschlossen. Vernünf- 
tige Wohltätigkeit besteht hier — wie überall — darin: 
solchen, die sich ums Vaterland verdient machten, auf rich- 
tigem Wege nach Möglichkeit zu einer selbständigen Lebens- 
steMung zu verhelfen, in der sie sich weiterhin als nützliche 
Glieder unseres Volkes betätigen und füblen können. Da es 
sich im vorliegenden Falle um erwachsene Leute handelt, 
deren Ausbildun'g keinen Zeitverlust zu allerhand Versuchen 
verträgt, so wende man sich gegebenenfalls an die berufenen 
Stellen: das dürften in erster Linie die öffentlichen Blinden- 
anstalten sein, wo langjährige Erfahrung und ernstes Studium 
eine richtige Schulung und Führung gewährleisten. Ferner 



133 



stütze und nütze man die meist daran angeschlossenen, be- 
währten „Blinden-Fürsorge vereine". 

Der „Allgemeine Blindenverein" in Berlin, der 120 Mit- 
glieder (erwerbsfähige Blinde: Bürstenmacher, Korbmacher, 
Handarbeiterinnen, Klavierstimmer, Oelegenheitsmusiker, 
Musiklehrer, Organisten usw.) zählt, ist gern bereit, und auf 
Grund seiner 40jährigen praktischen Tätigkeit geeignet, bezüg- 
liche Auskunft zu erteilen, und will der guten Sache auch 
sonst nach Kräften mit Rat und Tat dienen, um gleichzeitig 
damit eine Dankespflicht dem Vaterlande gegenüber zu erfüllen, 
nr bezweckt geistige und sittliche Interessen seiner Mitglieder 
zu fördern und basiert auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit. 
Gegenwärtig sammelt er Mittel, um erblindeten Kriegern den 
Weg zu nützlicher und befriedigender Tätigkeit ebnen zu 
helfen. — Schriftliche oder mündliche Anfragen sind an die 
unterzeichneten Vorstandsmitglieder zu richten. 

Der Allgemeine Blindenverein (E. V.)- 

Hermann Wichmann Wiegand von Gersdorf 

Vorsitzenöer, Organist an St. Elisabeth, Schriftführer, Organist an Der französischen 

Berlin N, Strelifzer Straße 62. Hospitaiktirche, Berlin O, Kopernikusstr. 31. 

Franz Tiebadi 

Organist unö Choröirigent an St. Simeon 
Berlin SW, Tempelhoferufer 19. 





M 


Verschiedenes. 


^ 


pfi) 



Kriegsbeschädigtenfürsorge in Mecklenburg-Schwerin. 

Der am 17. März d. Js. unter Leitung der Regierung ge- 
bildete „Landesausschuß für Kriegsbeschädigte in Mecklen- 
burg-Schwerin" hat die Fürsorge für alle in den Lazaretten des 
Landes befindlichen infolge von Verwundung oder sonstiger 
Qesundheitsschädigung in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträch- 
tigten Kriegsteilnehmer übernommen ohne Rücksicht darauf, 
ob sie in Mecklenburg-Schwerin oder in einem anderen 
Bundesstaate zu Hause sind. Die Fürsorge soll sich auch er- 
strecken auf alle bereits als dauernd dienstuntauglich mit Ver- 
sorgung aus dem Heeresdienst entlassenen im Lande befind- 
lichen Kriegsteilnehmer sowie auf die Alecklenburgischen Kriegs- 
beschädigten in auswärtigen Lazaretten, die selbst oder durch 
Vermittelung der Kriegsbeschädigtenfürsorge an ihrem Aufent- 
haltsorte die Hilfe des Landesausschusses in Anspruch nehmen. 

Wegen Unterbringung blinder Krieger und ihrer Aus- 
bildung in einem Beruf ist der geschäftsführende Ausschuß in 
Verhandlung mit dem Kuratorium der Blindenanstalt Neu- 
kloster dem Reichsdeutschen Blindenverband getreten. 

Herr Regierungsrat Alex. Meli hielt über ausdrücklichen 
Befehl Sr. K. u. K. Hoheit des Erzherzogs Karl Stefan 
Donnerstag, den 29. April d. Js. in der Urania einen Vortrag 
über „Kriegsblinde". 



1B4 

Aufruf zur Sammlung eines Kapitals zur Unterstützung; 
erblindeter Krieger. 

An alle diejenigen, die daheim geblieben sind und die nicht 
crmessen können, was es bedeutet, im Qranatfeuer zu stehen; 
an alle diejenigen, die im glücklichen Besitz ihres Augenlichtes 
sind, wird die Bitte gerichtet, mitzuhelfen an der Sammlung 
eines Kapitals für ganz erblindete Krieger des Landheeres und 
der Flotte. Diesen Unglücklichsten unter den Verwundeten, die 
mit ihrem Leben das Vaterland verteidigt und hierbei ihr 
Augenlicht auf dem Altar des Vaterlandes geopfert haben, eine 
dauernde Unterstützung, sei es aus den Zinsen des zusammen- 
kommenden Kapitals oder durch dessen Verteidigung zu er- 
möglichen, wird beabsichtigt. Die Zahl der erblindeten Kriegs- 
teilnehmer ist groß! Diese tief Bedauernswerten werden das 
Erwachen des deutschen Frühlings niemals wieder schauen. 
Es soll versucht werden, ihnen eine sorgenfreie Zukunft zu be- 
reiten und i'hren dunklen Lebensweg durch eine möglichst reiche 
Liöbesgaibe zu erhellen! In Oesterreich sind bereits erhebliche 
Summen, etwa 250 000 Kronen, für den gleichen Zweck ge- 
sammelt worden. 

von Kessel, von Loewenfeld 

General-Oberst, Generalaöjutant Seiner General öcr Infant rie, Generalaöjutant 

Majestät öes Kaisers unö Königs, Sr. Majestät öes Kaisers unö Königs, 

Oberbefehlshaber in öen Marken unö Stellvertretenöer kommanöierenö. General 

Gouverneur von Berlin. öes Garöekorps. 

Albert Prinz v. Sdilesw.- Holst. Erbmarschall 

Oberstleutnant, Graf von Plettenberg- Heeren, 

zugeteilt öem stellveriretenöen Genoral- z. Zt. Aöjutant 

kommanöo bes Garöekorps bei öem Oberkommanöo in öen Marken. 

Dr. von Schwabadi Geh. Medizinalrat Prof. Dr. P. 

i. Fa. Bleichrööer, Rittmeister ö. Res. Silex, Berlin. 

Alexander Graf von Gersdorff 

Rittmeister, z. Zt. kommanöiert zur Ersatz-Eskadron öes 
I. Garöe-Dragoner-Regiments in Berlin als Schriftführer. 

Unter dem Titel „Licht und Arbeit den Blinden" hat Herr 

Blindenlehrer Anton Josef Rapawi in Brunn im Verlage der 
Buchhandlung M. Trill in Brunn soeben ein lieft erscheinen 
lassen, das nach einem Lichtbildervortrag bearbeitet, zugleich 
ein Trostbüchlein und freundlicher Ratgeber für die im Kriege 
erblindeten Soldaten sein will. Es ist mit 20 Abbildungen aus- 
gestattet und kostet 1 Krone. Ein Fünftel des Betrages 
kommen dem österreichischen Kriegsfürsorgeamte zugute. 

Arger Mißbrauch der Kriegswohltätigkeit. Seit Beginn des 
Krieges wurden sowohl in Privat- als auch in Qast- und 'Kaffee- 
häusern sowie in Hotels in den Nachmittags- und Abendstunden 
von jungen Frauenspersonen Kuverts, die je fünf Ansichts- 
karten enthielten, zum Preise von einer Krone abgesetzt. Der 
Erlös sollte laut einem auf dem Kuvert ersichtlichen Aufdruck 
dem „Ersten österreichischen Blindenverein", Josefstadt, 
Florianigasse Nr. 41, zur Unterstützung und zur Ausbildung der 
hu Kriege erblindeten Soldaten zugewendet werden. Die von 
der Wiener Polizeidirektion eingeleiteten Erhebungen zeitigten 



135 

das überraschende Ergebnis, daß dem Verein aus dem Erlöse 
dieser Karten anfänglich bloß 2() Prozent und später auch nur 
21 Prozent des Reingewinnes zugeflossen sind, während 35 
bis 40 Prozent als Provision nicht nur für die in Wien, sondern 
auch für die in der Provinz agentierendcn Verkäuferinnen auf- 
gewendet wurden. Der Rest fiel dem Unternehmer, dem 
40jä'hrigen August Beyer, Kaufmann, zuletzt Fünfhaus, Alberich- 
gasse 3 wohnbaft, zu. Eine bei Beyer am 21. d. M. vorge- 
noimnene polizeiliche Untersuchung förderte zutage, daß er seit 
dem Herbst vorigen Jahres bis jetzt durch diesen Mißbrauch 
der öffenthchen Wohltätigkeit ungefähr 60 000 Kronen aus dem 
Verkaufe dieser Karten eingenommen und einen Reingewinn 
von mindestens 15 000 Kronen für die eigenen Taschen aus dem 
„Wohltätigkeitsunternehmen" gezogen hat. Von der Brutto- 
einnahme von 60 000 Kronen sind dem Verein bloß 1 1 000 
Kronen für die Ausbildung und Unterstützung im Kriege Er- 
blindeter zugeflossen. Dieses Geld will der Verein für das von 
ihm zu errichtende Heim verwenden. August Beyer wurde im 
Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft verhaftet und dem 
Landesgerichte eingeliefert, weil sein Vorgehen die Merkmale 
des Betruges aufweist. Der Verein sowie die Agentinnen werden 
überdies dem Magistrate zur Bestrafung wegen unbefugter 
Sammeltätigkeit angezeigt. (Aus der Wiener „Reichspost".) 

— Empfang kriegsblinder Soldaten durch die Kaiserin. 

Eine große Anzahl unserer im Kriege ganz oder teilweise er- 
blindeter Soldaten ist, wie wir vor einiger Zeit schilderten, in 
einer Klinik Berlins untergebracht. Die Kaiserin, die von An- 
fang an die wärmste Teilnahme für die so schwer Betroffenen 
bekundete, stattete bereits vor kurzem dem Institut, das unter 
der Leitung des Professors Silex steht, einen Besuch ab. Nun 
machte die hohe Frau zum zweitenmal den Helden die Freude, 
mit ihr zusammen sein zu dürfen. Lebhafte Freude löste es bei 
allen aus, als sie erfuhren: Heute nachmittag gehts zur 
Kaiserin! Diese hatte etwa 30 Soldaten zum Kaffee nach 
Schloß Bellevue geladen, und der Anforderung wurde mit 
militärischer Pünktlichkeit Folge geleistet. In dem pracht- 
vollen Schloßpark waren mehrere Tafeln für die Gäste gedeckt, 
und bald erschien die Kaiserin in Begleitung ihres Kammerherrn 
Exzellenz von Trotha zur Begrüßung. Jedem einzelnen Soldaten 
reichte sie die Hand, für jeden hatte sie ein freundliches Wort, 
einzelne zog sie in ein längeres Gespräch und führte sie dann 
zur weißgedeckten Tafel. Das war eine Freude für unsere 
Helden, von denen mehr als die Hälfte das Eiserne Kreuz trug. 
Bald entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch zwischen den 
Gästen und der Kaiserin, die von ungemeiner Liebenswürdigkeit 
war. Während von draußen Militärmusik durch die frühlings- 
warme Luft klang, wanderte die Monarchin mit den Soldaten 
plaudernd umher und steckte jedem ein Sträußchen Flieder an 
die Brust. Nach fast zweistündigem Beisammensein verab- 
^.chiedete sich die hohe Frau von ihren Gästen. 



1^6 

— Nach der „Bündenwelt" Nr. 3 d. Js. will der „Reichs- 
deutsche Blindenverband" die private Kriegsblinden-Fürsorge 
organisieren, und zwar durch die „Zentrale für das Blinden- 
wesen" mit Sitz in Hamburg, welche dem Verbände ange- 
gliedert ist. Die Verwaltung dieser Zentrale, welcher der nur 
aus Blinden bestehende Verwaltungsrat des Verbandes und 
ein Vertreter der Blindenlehrer angehören, wird die erforder- 
lichen Schritte tun und 'hat bereits mit den Vorarbeiten be- 
gonnen. Zunächst ist ein „Zentralausschuß für private Kriegs- 
blinden-Fürsorge" gebildet worden. Nach Nr. 5 derselben 
Zeitschrift berichtet der „Reichsdeutsche Blindenverband" 
weiter, daß er eine Anzahl interessierter, hervorragender Per- 
sönlichkeiten gebeten hat, sich ihm als „Ehrenausschuß" des 
Reichsdeutschen Blindenverbandes für Kriegsblindenhilfe" zur 
Seite zu stellen, und daß er beschlossen hat, den erblindeten 
Kriegern nach ihrer Entlassung aus dem Lazarett die Möglich- 
keit einer Erholung zu verschaffen. Geplant ist, die einzelnen 
Kriegsblinden für 4 — 6 Wochen in geeigneten Pensionen, zu 
kleineren Gruppen vereint, mit einzelnen im Blindenwesen 
erfahrenen Blinden zusammenzubringen. Die Aufgabe der 
letzteren soll es sein, das seelische Gleichgewicht in den blinden 
Kriegern wiederherzustellen, damit sie dann mit frischem Mut 
in der ihrem Heimatsort zunächst gelegenen Blindenanstalt 
oder an einem sonst geeigneten Platze sich der Erlernung 
eines neuen Berufes widmen. 

Im „HamiDurger Fremdenblatt" wird unter Darlegung 
dieser Bestrebungen von dem Reichsdeutschen Blindenverband 
bereits um Ueberlassung geeigneter Räume für den Erholungs- 
aufenthalt der Kriegsblinden und um Einsendung von Geld- 
beiträgen für diesen Zweck gebeten. 

Im Druck erschienen: 
— Jahres'bericht der Pennsylvania Institution for the Instruction 

of the blind Over'brook-Philadelphia. 1914. 

Kriegsblinden - Fürsorge. 

Die vorliegende Nummer des „Bündenfreund" ist als 

Kriegsblinden- Fürsorge-Nummer 

ersdiienen. Einzel-Nummern sind zu 50 Pfg. zu haben 

Hamersche Buchdruckerei und Papierhandlung 
Düren -Rhid., Marktplatz 15. 

Druck und Verlag der Hamel'sdien ßudidrud<erei u. Papierhandlung, Düren. 



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Erstheini 
jährlich 12 mal, einen 

Bogen stark. 
Bei Anzeigen wirö bie 
gespaltene Petitzeile 
oöer öeren Raum mit 

15 1^ berechnet. 



Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Organ der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbildung. 

Gegründet und bis September 1898 herausgegeben von 

kgl. Schulrat Wilhelm Meciter t. 

Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster, 

Mell-Wien und Mohr-Hannover. 

Haaptleiter für 1915 ist Scbulrat Brandstaeter-Königsberg Pr., Batanstr. 30. 

Ars pietasque dabunt lucein 
caecique videbunt. 



Nr. 7 



Düren, 15 Juli 1915. 



Jahrgang XXXV. 



Ein Kriegsbericht — aus der Blindenanstalt. 

Am 4. April d. Js. erhielt ich eine Feldpostkarte folgenden 
Inhalts: „Fröhliche Ostern! sendet Ihnen Ihr ehemaliger Zög- 
ling Franz Maier aus Bozen. Auch herzliche Grüße an Ihren 
werten Papa und Geschwister." Als Absender war der 
Kaiserjäger Franz Maier dei 12. Kompagnie des k. u. k. 
2. Regimentes der Tiroler Kaiserjäger angegeben. Keine der 
vielen Feldpostkarten, die an unsere Adresse kamen, erregte 
so großes Aufsehen wie diese. Ein ehemaliger Zögling eines 
Blindeninstitutes an der Front! Ich antwortete Maier natür- 
lich sofort mit der Bitte, uns zu berichten, wie alles zugegangen 
sei, wo er stehe, wie es ihm gehe, und ob er nicht irgend etwas 
brauche. 

Maier war vor acht Jahren als ausgebildeter Korb- 
flechter aus dem k. k. Blindeninstitut in Wien ausgetreten und 
in seine Vaterstadt Bozen zurückgekehrt, um sich dort selb- 
ständig zu machen. Er gehörte schon bei seiner Aufnahme zu 
den Zöglingen, die wir als Halbblinde bezeichnen. Seine Seh- 
kraft hatte sich während seiner Biidungszeit derart gebessert, 
daß man ihn bei seiner Entlassung als Sehenden betrachten 
konnte. Ein tüchtiger Arbeiter war er immer gewesen, dabei 
aber ein wenig leichtsinnig und stets zu dummen Streichen 
bereit, die ihm manchen Verweis eintrugen. Wirklich böse 
konnte man ihm aber nicht sein, da das offene Wesen, mit 
dem er seine Verfehlung freimütig eingestand, entwaffnete. 
Ich schätzte es immer an ihm, daß er nicht log. Er ist sich 



13^ 

treu geblieben und beschönigt auch jetzt nicht die Fehler, die 
er in der ersten Zeit seiner Selbständigkeit beging. Maier 
hatte in Bozen ein kleines Geschäft angefangen, das gut ging 
und ihm gestattete, Gehilfen einzustellen. Leider verleiteten 
ihn seine guten Einnahmen zu leichtsinnigem Leben, das ihn 
schließlich zugrunde richtete. Die Zeit der Arbeitslosigkeit, 
die nun folgte, öffnete ihm die Augen. Der Müßiggang wurde 
ihm bald unerträglich und die Scham darüber, andere arbeiten 
zu sehen und selbst seinem Vater auf der Tasche zu liegen, 
half ihm, alle Schwierigkeiten zu überwinden und ein neues 
Leben zu beginnen. Mit Hilfe eines Obsthändlers, der ihm das 
nötige Geld vorstreckte, und ihm Aufträge gab, richtete er 
seine Werkstatt wieder ein. Der Rückkehr zu einem ordent- 
lichen Leben fehlte der Segen Gottes nicht. Bald hatte er seine 
Schuld abgetragen und sich Dank seinem rührigen Wesen eine 
Reihe von Kunden erworben, die es ihm ermöglichten, zwei 
Gehilfen und einen Tapezierer zu beschäftigen. Maier erzeugte 
hauptsächlich die in Südtirol stark begehrten Obstkörbe. In 
diesen Jahren hatte er die drei Assentierungen mitgemacht, 
ohne für den Militärdienst tauglich befunden zu werden, da 
der Defekt seiner Augen zwar nicht groß, aber doch deutlich 
erkennbar war. 

Als im August 1914 der Krieg ausbrach und der Export 
der hauptsächlich nach Rußland und dem Balkan ging, voll- 
ständig aufhörte, mußte Maier seine Werkstatt schließen. 
Alles, was ich hier erzähle, weiß ich von Maier selbst, der seit 
dem 18. Mai d. Js. wieder bei uns ist, diesmal aber als Rekon- 
valeszent. Meine Karte hatte er nicht bekommen, und so 
wartete ich umsonst auf eine Erwiderung. Erst auf Umwegen 
erfuhren wir um den 25. April, daß Maier in Wien im Allge- 
meinen Krankenhause liege, es gelang uns aber nicht. Näheres 
über ihn zu erfahren, da er mit Htägigem Anbau-Urlaub nach 
Bozen gefahren war. Vor der Reise war er ein paarmal am 
Institute vorüber gegangen, hatte sich aber nicht hinein- 
gewagt, da, wie er sagte, seine Montur zu sehr mitgenommen 
war. Als er von seinem Urlaub zurückkehrte, unternahmen 
wir die nötigen Schritte zu seiner Uebergabe in unser in der 
Blindenanstalt befindliches Spital. So ist er nun wieder in dem 
Haus, das lange Zeit seine Heimat gewesen ist, und an das 
er immer dankbar und anhänglich zurückgedacht hat. 

Gleich nach Kriegsbeginn war Maier, wie alle militär- 
freien Tiroler, bei den Standschützen eingetreten, die eine Art 
Landsturm bilden, aber nur zur Verteidigung ihres engeren 
Vaterlandes herangezogen werden, also erst bei einem Krieg 
gegen Italien in Aktion treten. Seine Augen waren in so gün- 
stigem Zustand, daß er bald zu den guten Schützen zählte. 
Als im November 1914 der ungediente Landsturm zur Muste- 
rung kam, mußte auch Maier, der jetzt 26 Jahre alt ist, sich 
stellen. Tauglich befunden, meldete er sich zu sofortigem 
Dienstantritt. Er wurde mit drei anderen jungen Tirolern, mit 



139 

denen ihn innige opferfreudige Freundschaft verband, in das 
2. Regiment der Kaiserjäger, das in Brixen Hegt, eingereiht. 
Nach erfolgter Ausbildung kam Mitte Februar der Befehl zum 
Abmarsch. Maier spricht mit aufrichtigster Bewunderung und 
tiefster Ergebenheit von seinem Hauptmann, dem Grafen 
Walterskirchen, der seinerseits auch den jungen Jäger lieb ge- 
wann. Weniger gut stand er sich mit seinem Oberjäger, 
einem Tschechen, der die deutschen Jäger — das Regiment 
wird heute bereits durch Tschechen, Polen und Ungarn er- 
gänzt — nicht gut behandelte. Maier ließ sich einmal hin- 
reißen, ihm seine ganze Verachtung ins Gesicht zu schleudern. 
Die Folge war natürlich, daß er sich beim Rapport melden 
mußte. Der Hauptmann ver'irteüte Maier zu zweistündigem 
Anbinden täglich und zu sechs Monaten Garnisonsarrest nach 
dem Krieg. Die Strafe erteilen mußte aber der Zugführer, ein 
Tiroler, der es wohl nach der Absicht seines Kommandanteri 
sehr milde machte. Der Oberjäger aber konnte es sich nicht 
versagen, den Abgestraften und Wehrlosen zu verhöhnen; die 
Antwort Maiers: „ J rat dir, halt dei Maul! Im Feld draußen 
wer'n wir abrechnen!" mag ihm aber doch Unbehagen be- 
reitet haben. Zum Glück für ihn wurden sie an der Front ge- 
trennt. Die Strafe, die wohl nur der Form wegen gegeben 
worden war, hob der Hauptmann am nächsten Tage auf, nach- 
dem Maier versprochen hatte, sich fortan tadellos zu halten. 

In langsamer, zweitägiger Fahrt kamen die Kaiserjäger nach 
Krakau. Dort wurden sie umwaggoniert und mit starken 
Rationen von Brot, Wurst, Käse und Tee versehen. Der 
Schluß, den sie daraus zogen, war richtig: nach mehrstün- 
diger, äußerst rascher und ununterbrochener Fahrt wurden sie 
in der Nähe von Tarnow auswaggoniert und erhielten den 
Befehl, sofort vorzugehen, da unsere Truppen dringend Ver- 
stärkung brauchten. 

Von dem Augenblick an war Maier nahezu ununterbrochen 
im Gefecht. In allem, was er von dieser Zeit erzählt, zeigt er 
sich als echter Tiroler, als Oesterreicher vom besten Kern, 
als Soldat, wie sie alle sein sollten. Er klagt mit keinem Wort 
über die Strapazen, die er mitmachen mußte, er findet es selbst- 
verständlich, daß er mit seinem Tornister und seinem Gewehr 
auch noch den Brotsack seines Fähnrichs, eines Polen und aus- 
gezeichneten Offiziers, trug. Im dritten Gefecht fiel der Fähn- 
rich und der Brotsack gehörte nach seiner Anordnung Maier, 
der, wie er uns erzählt, die Schokolade allein aufaß, alles andere 
aber redlich mit seinen Kameraden teilte. Nach seiner Aussage 
war die Verpflegung immer ausreichend und gut und „Wer vor 
mir über unsere Armee schimpft, dem hau i eine abi," sagte er. 
Mit seinen drei Freunden machte er die harte Zeit schwerer Ge- 
fechte durch. Heil und gesund fanden sie sich nach sieben 
Sturmangriffen wieder. Er hatte aber auch Kameraden, auf 
die er nicht gut zu sprechen ist: die Welschtiroler. Er erzählt, 
daß sie sich beim Vorgehen einfach niederwarfen, als seien sie 



140 

verwundet; wurde aber zum Sammeln geblasen, so waren sie 
auf einmal wieder da. „Man kann ihnen nur nix nachweisen," 
sagt Maier, „sonscht hätten wir sie erschlagen!" Mit Ver- 
achtung und Wut spricht er von den Kosaken. Sie seien feig 
und grausam und griffen nur an, wenn sie in erdrückender 
Mehrheit seien, und selbst dann gelänge es ihnen nur selten zu 
siegen. Aber gefangen nimmt ein Kaiserjäger keinen Russen 
trotz des Befehls; die Erbitterung über die schweren Verluste, 
die die Tiroler erlitten, ist zu groß. „In Tirol schaut's schiach 
aus," sagt Maier, „es ischt koa Mann mehr da." 

Der achte Sturm, (am 6. April), den Maier mitmachte, 
wurde verhängnisvoll für ihn. Seite an Seite mit einem seiner 
Freunde ging er mit gefälltem Bajonett vor. Diesmal hatten 
die Kaiserjäger das Bajonett aufgepflanzt, als sie aus dem 
Schützengraben sprangen; für gewöhnlich schlugen sie lieber 
mit dem Kolben drein. Der Zusammenstoß mit den Russen ist 
furchtbar. Da hebt auch schon einer den Kolben, um ihn auf 
Maiers Kopf niedersausen zu lassen. Aber sein Freund rennt 
dem Russen das Bajonett in den Rücken, sodaß die Spitze vorn 
herausdringt. Der Schlag trifft Maier nur über die Brust. Er 
taumelt, rafft sich aber wieder auf und hört seinen Freund rufen: 
„Franz!" Als er sich zu ihm wendet, sieht er ihn zusammen- 
brechen und hört nur noch sein letztes Wort: „Franz, ich muaß 
geh'n!" Ein Kolbenschlag hat ihm den Schädel zerschmettert. 
Mit furchtbarer Befriedigung fügt Maier hinzu : „Ich hab ihn aber 
gerächt!" Als die Höhe genommen ist und zum Sammeln ge- 
blasen wird, da fehlen auch die andern beiden des Vierblatts. 
Sofort macht sich Maier auf, die zwei und den toten Freund zu 
suchen. Als er mit Kameraden das Qefechtsfeld abgeht, findet 
er auch die beiden andern tot. „Und da ham wir sie halt ein- 
graben und a einfachs Kreuz hingstellt, wo sie liegen. Mir 
wärsch gleich gwen, wenn's mi gtroffen hätt und i hin 
gwen war." 

Maier spürte die Folgen des Kolbenschlags erst zwei Tage 
später, früher aber schon die Erlahmung seiner Sehkraft. Fast 
blind und unfähig, sich zu bewegen, so sehr schmerzte die 
Brust bei jedem Atemzug und jeder Bewegung, meldete er sich 
krank. Sein Hauptmann, der selbst nach schwerer Verwundung 
schon zum zweiten Male im Felde steht, entließ ihn mit den 
Worten: „Und wenn Sie wieder gesund sind, kommen Sie 
wieder zu mir, lieber Maier; und damit Sie's wissen: ich habe 
Sie vorgemerkt! Leben Sie wohl!" Auf diese Worte des Gra- 
fen Walterskirchen ist Maier sehr stolz und wohl mit Recht. 

Im Hinterland erholte er sich verhältnismäßig rasch; von 
dem Kolbenhieb spürt er gar nichts mehr, und auch seine Seh- 
kraft hat sich wieder gebessert. Der Augenarzt in Bozen gab 
ihm aber trotzdem ein Zeugnis mit, auf Grund dessen er super- 
arbitriert werden könnte. Da nun aber jede Superarbitrierung 
bei uns vorläufig eingestellt ist, müßte Maier in Rekonvaleszen- 
tenheimen bis zum Ende des Krieges bleiben. Das will er aber 



14t 

auf keinen Fall. Eine Befreiunjr vom Militärdienst hätte ihn 
wieder in die Reihen der Standscliützen geführt, denen alle 
Tiroler im Alter von 17 bis 60 Jahren angehören. Da das nun 
ausgeschlossen ist, will Maier so bald als möglich zum Regiment 
zurück. „Aber net zum Kaserndienscht," sagt er, „denn Hof- 
kehren, Stiefelputzen und Erdäpfelschälen mag i nett, i will glei 
wieder naus, am beschten gegen die Italiener, die Saubanda. 
Und wenn i auch net gnua siech zum Schießen, zum Drein- 
schlagen mit'm Kolben langt's no. Und wann i nur a paar von 
die Kerl umbracht hab, nacher macht's mir nix, wann i a hin 
wer." Und der Wunsch Maiers, an der Südgrenze seines heiß- 
geliebten Vaterlandes gegen das Volk, das er am meisten haßt, 
zu kämpfen, wird wohl in Erfüllung gehen. Man hat kaum eine 
Vorstellung, wie tief die Empörung über die Treulosigkeit 
Italiens in das Volk Tirols eingedrungen ist. Ein Volkskrieg 
wird es; denn auch die Weiber wollen mitgehen und die Stand- 
schützen, 80 000 an der Zahl, tragen heute schon die Uniform 
und die volle Ausrüstung unserer Truppen. Es wird den Ita- 
lienern schwer werden, diesen Menschen, die für ihr Heiligstes 
kämpfen, eine Niederlage zu bereiten. Und eine Auslieferung 
deutscher Gegenden an die „Welschen" hätte die Revolution in 
Tirol zur Folge gehabt. Maier sagt mit überzeugender Sicher- 
heit: „Und wenn ins die Welschen zehn Mal niedergeworfen 
hätten, wir stünden ein elftes Mal auf wider sie." So stark wie 
sein Haß gegen den tückischen Nachbarn ist sein Vertrauen auf 
die Kraft unserer Armee und die durch heilige Liebe zum Vater- 
land begeisterten Tiroler. 

Maier wird noch einige Zeit bei uns bleiben, um sich zu er- 
holen; aber lange werden wir ihn nicht halten können und wol- 
len es auch nicht. Ich bin überzeugt, daß alle, die diese Zeilen 
lesen werden, mit uns unserem ehemaligen Zögling, dem tapfe- 
ren Tiroler Kaiserjäger, das Beste für seine Zukunft wünschen. 
Möge er unter siegreicher Fahne zu arbeitsamem Leben in seine 
Vaterstadt, unser deutsches Bozen, heimkehren! 

Mathilde Meli. 

Untersuchungen über die Lesbarkeit 
der Braille'schen Punktschriftzeichen. 

Von Lehrer O. Wanecek, Purkersdorf. 
Direktor Bürklen hat mit den im Blindenfreund 1913 mit- 
geteilten Versuchsergebnissen hauptsächlich die Bedeutung 
klargestellt, die der Punktzahl für die Lesbarkeit der einzelnen 
Zeichen zukommt. Aus der damals aufgestellten Lesbarkeits- 
reihe war unzweifelhaft ersichtlich, daß die bessere Tastbar- 
keit nicht mit der verminderten Punktzahl gegeben ist. Die für 
das Tastlesen noch in Betraciit kommenden, wesentlicheren 
Momente — Form, Lage und Ausdehnung des Zeichens — 
wurden als solche erkannt, in allgemeiner Weise betrachtet. 



142 



ohne daß ein zahlenmäßiges Abwägen dieser Faktoren ver- 
sucht wurde, wie ein solches nur aus experimentellen Ergeb- 
nissen erfließen kann. Das sollte Gegenstand fernerer Versuche 
sein. Galt es doch vorher das Gewonnene nachzuprüfen und 
zu vervollständigen. 

Das Sechspunktzeichen, dessen Uebersehen sich bei den 
Schlußfolgerungen aus den Ergebnissen bei aller logischen 
Voraussicht doch unangenehm fühlbar machte, mußte nachge- 
tragen werden. Dieses Zeichen wurde unter 300 Lesungen 176 
mal erkannt. Es reiht sich somit unter die gut tastbaren 
Zeichen über der mittleren Tastgrenze — 161 — ein. Damit ist 
nun diese Reihe folgendermaßen vervollständigt: 



• • • • 



• • 



• • • • • • • • « 

•• «. *. «. «. «. «. .« 

225, 220, 220, 217, 216, 215, 208, 200, 199, 190, 189, 187, 185, 179, 



• • 



• • 



• • 



176, 173, 170, 169, 168, 167, 166, 164, 164* 163, 163, 163, 155, 155. 



• • • • 

• • • • 



154, 152, 148, 148, 148, 147, 146, 142, 135, 129, 113. 

Sowohl dieser Nachtrag wie auch die Nachprüfungslesung 
wurden mit denselben Zöglingen vorgenommen, die schon 
früher teilgenommen hatten. Nur in zwei Fällen — Austritt 
und Krankheit — wurde möglichst vollwertiger Ersatz heran- 
gezogen. Waren soweit die gleichen Vorbedingungen gegeben, 
so wurde, um die Tastmöglichkeit noch weiter herabzudrücken, 
mit dem Mittelfinger der rechten Hand gelesen. Die zehn 
Versuchsarten blieben die gleichen. Es wurden nun 



beim erkannt 

1. Versuch: Lesetäfelchen aus Holz, Aufdrücken 

des bloßen Mittelfingeis 627 

2. Versuch: Buchstaben gewöhnlicher Größe au 

Papier, Aufdrücken des bloßen Mittelfingeis 272 

3. Versuch: Buchstaben wie vorher, Gleiten vo n 

links nach rechts, bloßer Mittelfineer . . . 636 

4. Versuch: Buchstaben wie vorher, Abwärts- 

gleiten, bloßer Mitteltinger . 716 

5. Versuch: Buchst wie vorher, Gleiten von links 

nach rechts, Mittelfinger mit 3 Gummikappen 207 

6. Versuch: Buchstaben wie vorher, Abwärtsglei- 

ten, Mittelfinger mit 2 Gummikappen . . 320 

7. Versuch: Buchstaben wie vorher, Aufdrücken, 

Mittelfinger mit einer Gummikappe . . . 258 

S.Versuch: Buchstaben auf Blech, Gleiten von 
links nach rechts mit dem Mittelfinger, 
3 Gummikappen 411 

9. Buchstaben wie vorher, Abwäitsgleiten des 

Mittelfingers, 2 Gummikappen 518 

10. Versuch : Buchstaben wie vorher, Aufwärts- 
gleiten des Mittelfingers, eine Oummikappe 617 



nicht 
erkannt 

543 
898 
534 



454 



1)63 



850 



912 



759 



652 



553 



143 

Bei der Feststellung der Gesamtergebnisse in den einzelnen 
Tastrichtungen ergab sich eine Abweichung von den seinerzeit 
vorgenommenen Versuchen, Während nämlich dort die Lese- 
richtung von links nach rechts als günstigste erkannt wurde, 
scheint dem lesenden Mittelfinger das Gleiten von oben nach 

unten am meisten zuzusagen. 

erkannt nicht erkannt 
Im Gleiten von links nach rechts wurden . . . 1254 2256 

Dagegen beim Abwärtsgleiten ...... 1554 1956 

Diese Tatsache brachte mich dazu, unsere Zöglinge beim 
Lesen zu beobachten. Ich glaube auch, eine annehmbare Ur- 
sache dieser Abweichung gefunden zu haben. Die meisten 
Zöglinge verwenden beim Lesen die beiden Zeigefinger. Ein 
nicht unbeträchtlicher Teil verwendet aber drei und mehr 
Finger dazu. Der eigentlich lesende Finger ist bei den ver- 
schiedenen Lesern verschieden. Werden die beiden Zeige- 
finger genommen, so liest entweder der erste faktisch und der 
zweite kontrolliert das Gelesene oder — und das ist das Häu- 
figere — es sieht der erste vor und der zweite liest tatsächlich. 
Anders gestaltet es sich aber, w^enn drei und mehr Finger 
lesen. In diesen Fällen teilen sich die Finger — meist Zeige- 
finger und Mittelfinger rechts und Zeigefinger links — die Lese- 
arbeit wahrscheinlich so, daß der erste — rechter Mittelfinger 
— Vorschau hält, der zweite — rechter Zeigefinger — faktisch 
liest, und der dritte — linker Zeigefinger — die Rolle des Nach- 
prüfers übernimmt. Läßt der Leser noch mehr Finger über 
die Lesezeile gleiten,so dürften diese kaum eine andere Funktion 
im Vorgange des Lesens haben wie der Mittelfinger, nämlich 
ein vorbereitendes, klassenmäßiges Erkennen des Zeichens. 
Erst der wirklich lesende Finger erkennt das Zeichen als dieses 
oder jenes aus der einen oder der anderen- Gruppe von Zeichen, 
die der vorschauende Finger bereits geahnt hat. Vielleicht 
ist zum Gruppieren der Zeichen in Erkennungsklassen, wie 
solche wohl unbewußt, aber sicherlich geschaffen werden, die 
Form das Ausschlaggebende. Vielleicht ist diese Gruppierung 
etwas durchaus Individuelles. Es war mir nicht möglich, das 
festzustellen. Uebrigens fiel es auch weit über den Rahmen 
meiner Aufgabe hinaus. Dieses vorbereitende Ueberschauen 
durch den Mittelfinger äußert sich nun in einem von oben nach, 
unten gerichteten Druck in der Zeichenrichtung beim wage- 
rechten Uebergleiten. Der Mittelfinger ist nämlich länger als 
der Zeigefinger. Da nun mit der vorderen Kuppe des Fingers 
gelesen wird, muß der Mittelfinger, um mit dem Zeigefinger 
in der gleichen Zeile zu bleiben, etwas gekrümmt werden, 
zum mindesten stärker gekrümmt werden als der Zeigefinger, 
der in den meisten Fällen überhaupt gestreckt bleibt. Dieses 
Beugen bedingt aber eine, wenn auch geringe Drucktendenz. 
Der Mittelfinger eines großen Teiles unserer Leser ist also auf 
einen von oben nach unten sich äußernden Druck trainiert. 
Daher also das Ueberwiegen der Erkennungen in der Tast- 
richtung des Abwärtsgleitens. 



144 

Nun zu den Lesungen. Die neu aufgefundene Lesbarkeits- 
reihe entsprach vollkommen den Erwartungen. Unter je 300 
Lesungen wurden erkannt: 
•• •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• ■• •• 

200, 1*9*8, 188, 186, 173, 162, 149, 142, 128, 127, 125, 125, 123, 122, 

•* •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• ■• 

•• •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• 

1*21, 120, 120, 119, 118, 109, 109, 107, 106, 103, 101, 100, 98, 97, 

•• •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• 

'• •• •• •• •• •• •• •• •• •• 

•• •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• 

96, 95, 94, 92, 91, 80, 78, 77, 75, 74, 69. 

Mit Einrechnung der zwar erkannten, aber in ihrer Lage 
symmetrisch verwechselten Zeichen stellt sich die Reihe fol- 
gendermaßen dar: 



200, 1*9*8, 188, 186, 173, 169, 162, 162, 156, 149, 147* 144, 144, 137, 



136, 135, 133, 132, 125, 122, 122, 121, 120, 120, 120* 120* 117* 115, 

•• ■• •• •• •• •• •• •• •• •• •• 

•• •• •• •• •• •• •• •• •• •• 

115, 1*14, 111, 108, 106 104, 101, 93, 78* 75* 7*4* 

Die mittlere Tastgrenze liegt bei 137. Die neue Reihe zeigt 
unter den lesbarsten Zeichen A, X, C, L, U, M usw., die gleichen, 
die Direktor Biirklen als solche gefunden hat. Ebenso stehen 
hier wie dort unter den tastungünstigsten Zeichen Y, ST, Z, Ä, 
QU usw. am Schlüsse. Daß kleine Varianten die damals gefol- 
gerten Schlüsse nicht ins Wanken bringen können, geht schon 
aus dem geringen Unterschiede der Erkennungszahlen hervor, 
durch die sie zustande kommen. 

Auffallend ist, daß die ungünstigen Tastverhältnisse auf die 
Erkennbarkeit der Flächenformen A, X, Q keinen so nach- 
teiligen Einfluß nehmen können wie auf manche andere Zeichen. 
Während das M in der zweiten Reihe um 51 Erkennungen 
weniger zählte als in der ersten, verlor das A nur 25. Andere 
gut tastbare Zeichen wie das U und ^^ verloren 58, beziehungs- 
weise 59 Erkennungen, die regelmäßigen Formen des X und des 
G nur 23, beziehungsweise 30. Diese Zeichen müssen also 
unbedingt unter die charakteristischsten gezählt werden. 

Besonders klar wird ihre Stellung im Braillesystem 
illustriert, wenn man die beiden Reihen zu einer einzigen ver- 
einigt. Dann rücken sie an die ersten drei Stellen. Diese End- 
reihe, das Ergebnis von mehr als 25 000 Lesungen, 600 Lesungen 
für jedes Zeichen, bürgt wohl für die Sicherheit der Folge- 
rungen : 



145 



425, 41*1, 402, 389, 387, 382, 381, 371, 347, 335, 334, 324, 323, 311, 



310, 302, 301, 299, 299, 298, 296, 289, 289, 288, 285, 284, 276, 265, 

•• •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• 

•• •• •• •• •• •• •• •••• •• 

263, 262, 262, 257, 256, 254, 230, 228, 214, 214, 203. 

Es steht wohl unzweifelhaft fest, daß bei Beurteilung der 
Brailleschrift als Leseschrift die Punktzahl nur gering gewertet 
werden darf. Anders mögen die Verhältnisse freihch liegen, 
wenn wir sie als Schreibschrift betrachten. Erst in jüngster 
Zeit hat sich im Blindenfreund eine Stimme erhoben, die eine 
Reform der Brailleschrift fordert. Die Vorschläge an dieser 
Stelle müssen aber als gänzlich unzweckmäßig Bedenken er- 
regen, da sie die Leseverhältnisse ganz und gar außer acht 
lassen. Mit einer schreibgerechten, aber lesehindernden 
Schrift wäre ebensowenig gedient wie umgekehrt. Nur aus 
einer Beachtung beider Zwecke der Brailleschrift — Lese- und 
Schreibschrift — kann eine nützliche Vereinfachung erfließen. 
Die Brailleschrift nach dem Prinzip der Häufigkeit ummodeln, 
hieße eine große Einseitigkeit begehen. Vielleicht löst sich die 
Frage einer nützlichen Reform mit der Entscheidung, ob das 
Braillesystem als Schreib- oder als Leseschrift wichtiger ist. 
Vielleicht wird sich einmal die Schaffung getrennter Schreib- 
und Leseschriften als notwendig erweisen. Wer kann etwas 
voraussagen? Ein Ding der Zukunft ist's, eine Reformschrift 
zu schaffen. Uns ist es aufgegeben, rüstig vorwärts zu 
schreiten und das experimentell zu durchleuchten, was dunkel 
und verworren sich vor uns als Arbeitsfeld dehnt. 

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Fl 



146 

Einladung zu friedlicher Arbeit 

Wie so viele Arbeiten zum Besten der Allgemeinheit auf 
der ganzen Erde durch den jetzigen Weltkrieg unterbrochen 
worden sind, so ist auch die friedliche Arbeit der Musikschrift- 
kommision unserer Blindenlehrer-Kongresse, welche sich um 
die weitere Ausgestaltung unserer internationalen Punkt- 
Notenschrift bemüht, infolge des Krieges ins Stocken geraten. 
Um die der Kommission vorliegenden verschiedenen Aende- 
rungsvorschläge zum System in ihrer Wirkung auf die schrift- 
liche Darstellung der Musikalien in Punktschrift zu zeigen, hat 
sich der Obmann der Musikschrift-Kommission, Königl. Musik- 
direktor Meyer in Steglitz, unterstützt durch die Direktion der 
dortigen Königl. Blindenanstalt, der Mühe unterzogen, 13 ver- 
schiedene Musikwerke so in Punktschrift zu übertragen, daß 
jeder Vorschlag wenigstens in einem dieser Musikstücke zur 
Darstellung kommt. Dadurch ist es jedem Benutzer der Punkt- 
Notenschrift möglich gemacht, die Leistungsfähigkeit und 
Brauchbarkeit der verschiedenen Vorschläge zu prüfen und sich 
für Annahme oder Ablehnung derselben zu entscheiden. 
Während des Krieges können die Verhandlungen innerhalb 
der international gestalteten Musikschrift-Kommission leider 
nicht fortgeführt werden. Die Arbeit der einzelnen auf diesem 
Gebiete dürfte deshalb aber nicht ruhen. Es ergeht darum 
nicht nur an alle deutschen Mitglieder der Musikschrift- 
Kommission, sondern auch an alle Musiklehrer der Blinden- 
anstalten und an alle selbständigen blinden Musiker die Bitte, 
sich die 13 zur Probe gedruckten Musikstücke aus StegHtz 
kommen zu lassen und sie zu prüfen. Wünschenswert wäre es, 
wenn jeder Anstalts-Musiklehrer, jeder blinde Musiker das 
Ergebnis dieser Prüfung, gleichviel ob es zustimmend oder 
ablehnend ausfällt, dem für seinen Bezirk zuständigen Mit- 
gliede der Musikschriftkommission mitteilen wollte, damit die 
Kommissionsmitglieder ihr Urteil auf der breitesten Grund- 
lage aufbauen können. 

Dadurch, daß jedem dieser 13 Musikübertragungen eine 
Erläuterung der in dem einzelnen Hefte neu eingeführten 
Zeichen und Regeln vorgedruckt ist, ist das Studium der Noten 
sehr erleichtert. Zu diesen Probe-Uebertragungen hat Herr 
Musikdirektor Meyer durchweg v/ertvolle ältere und neuere 
Kompositionen gewählt, so daß jeder, der sich dem Studium 
derselben unterzieht, eine angenehme Bereicherung seines 
Musikschatzes erfährt. 

Brandstaeter. 



147 

Geschichtstafel 
des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens. 

(Fortsetzung.) 

1840 

Pierre Armand Dufau (* 15. 2. 1795, t 22. 10. 1877), 
welcher seit 1815 Lehrer und Subdirektor an dem 
Nationai-Bhnden-Institut in Paris war, wurde am 28. Mai 
1840 zum Direktor des Instituts ernannt und wirkte als 
solcher von 1840 bis 1855. 

Johann Quadet (* 1795, t 10. 7. 1880) war von 1840 
bis 1855 als Lehrer an dem National-Biinden-Institut in 
Paris tätig. 

In den Jahren 1840 — 1847 wurden in Paris die ersten 
geographischen Karten für Blinde mechanisch hergestellt. 

Im Druck erschienen: 

J. W. Klein, Die Anstalten für Blinde in Wien. Wien 1840. 
A. Dolezalek, Ansichten über die Erziehung der Zöglinge 
einer Blindenanstalt. Pest 1840. 

Im K. K. Blinden-Erziehungsinstitut in Wien wurde das 
Ueberflechten von Reitgerten als Erwerbszweig der 
Blinden eingeführt. 

Josef Bezecny (vergl. 1829) Leiter des Privat- 
Erziehungs- und Heilinstituts für arme blinde Kinder in 
Prag auf dem Hradschin fertigte eine große zerlegbare 
Landkarte an. 

Die 1837 gegründete Blindenanstalt zu Frankfurt 
a. M., deren Zöglinge so lange in den Räumen der poly- 
technischen Gesellschaft ihren Sonderunterricht erhalten 
hatten, mietete für diesen Zweck zwei Zimmer. 

Der ehemalige Sekretär der württembergischen Bibel- 
anstalt in Stuttgart, Qundert, machte den ersten Versuch, 
die Bibel in dem sogenannten Stuttgarter Perldruck her- 
zustellen, indem er das Evangelium Lucä selbst setzte und 
drucken ließ. Die Bibelanstalt gab außerdem noch so- 
gleich die Apostelgeschichte, den Römerbrief, den Psalter 
und die Calwer biblische Geschichte in diesem Druck 
heraus. 

4. 8. Die Kommission zur Errichtung einer Blindenanstalt in 
Hannover erließ einen „Aufruf an alle Freunde der 
Menschheit und des gemeinsamen Vaterlandes" mit der 
Bitte um Spenden für dieses Unternehmen. 

Im Blindenasyl zu Schwab. Gmünd (Württemberg) 
wurde um 1840 versucht, die Anfertigung von Drahtstiften 
als Beschäftigung für Blinde einzuführen. 



US 

1840 

Der 1838 in London gegründete Verein zur Unter- 
weisung der Blinden im Lesen — Society for teaching 
the blind to read — erweiterte den Umfang seines Unter- 
richtes, indem er ihn auf Musik und industrielle Arbeiten 
ausdehnte. 

In St. Medard les Soissons (Frankreich) wurde die 
Taubstummen- und Blindenanstalt (für männliche Blinde) 
gegründet. 

Mich. Barozzi errichtete in Mailand (Italien) eine 
Blindenanstalt. 

Gründung der Taubstummen- und Blindenanstalt in 
Maeseyk (Belgien). 

In Cork (Irland) wurde eine Blindenanstalt — Asylum 
for the industrious Blind — errichtet. 
1841 

Direktor Dufau in Paris (vergl. 1840) gründete da- 
selbst einen Unterstützungsverein für Blinde — Soci^te de 
patronage et de secours pour tous les aveugles de france 

— der auch eine Werkstätte für blinde Arbeiter eröffnete. 

Pierre Victor Laas-d'Aguen (* 29. 8. 1823, t 18. 2. 
1887), ehemals Zögling des National-Blinden-Instituts in 
Paris, wurde an dieser Anstalt als Correpetitor und 
Studienaufseher bestellt und machte sich mit L. Braille 
und dessen Schülern um die Erfindung und Verbesserung 
von Blindenlehrmitteln verdient. 

Die Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für er- 
wachsene Blinde in Wien veröffentlichte zum ersten Male 
ein umfangreiches Preisverzeichnis über die in der Anstalt 
erzeugten Waren. 

Professor Lachmann in Braunschweig erfand eine 
Rechentafel für Blinde, die er in seinem Werke: „Die 
Blindentafel" (Braunschweig 1841) beschrieb. 

Es erschien: Dr. Qeorgi, „Henriette Funk in der 
Blindenanstalt in Dresden." Lebensskizze. Gärtner 1841. 

Der frühere Zögling der Dresdener Blindenanstalt, 
Huth, erbot sich, den Zöglingen der Blindenanstalt zu 
Frankfurt a. M. Arbeitsunterricht zu erteilen und wurde 
daraufhin als Arbeitslehrer eingestellt. 
17.5. Der blinde Johann Friedrich Richard (* 7. 9. 1804, t 3. 2. 
1886) wurde zum Oberlehrer und Leiter der Blindenanstali 
von 1830 in Hamburg ernannt, welche Stelle er bis 1871 
inne hatte. 

Gründung der Blindenanstalt für katholische Blinde 

— Catholic Blind Asylum — in Liverpool (England). 

In London wurde Harley's Charity gegründet, eine 
Anstalt für blinde Personen und Witwen aus dem Stande 
der englischen und irischen Kirche. 



U9 

1S42 

J. W. Klein trat von der Verwaltung der Versorgungs- 
und Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde in Wien 
zurück. 

Gabriel von Hertelendy (* Dez. 1800, t 12. 10. 1844) 
aus Pest (Ungarn), ein Schüler J. W. Kleins in Wien, 
machte Klein's Stachelschrift in Paris bekannt. 

Claude Montal (* 1800, t 1865), ein ehemaliger Zög- 
ling des National-Blinden-Instituts in Paris, nahm ein 
Patent auf zwei Verbesserungen der Klaviermechanik, 
erhielt dafür den Orden der Ehrenlegion und wurde aul 
der Weltausstellung zu London durch Verleihung einer 
goldenen Medaille ausgezeichnet. 

Fräulein Pauline von Mallinckrodt eröffnete mit zwei 
blinden Mädchen eine Anstalt für weibliche Blinde in 
Paderborn (Westfalen), welche 1847 in die Verwaltung 
der Provinz Westfalen überging. 

Konsistorialrat Dr. Jacob in Posen überwies der dor- 
tigen Königlichen Regierung ein Vermächtnis von 2000 
Gulden in polnischen Pfandbriefen zur Gründung einer 
Blindenanstalt in der Provinz Posen. 

Die Taubstummenanstalt in Warschau erhielt eine 
Abteilung für Blinde. 

Der Taubstummenanstalt in Madrid (Spanien) wurde 
eine Abteilung für Blinde zugefügt. 

Gründung einer Blinden-Unterrichtsanstalt — Asylum 
for the Instruction of the Blind — in Brighton (England). 

In Louisville (N. A.) wurde eine Blindenanstalt — 
Kentucky Institution for the Blind — gegründet. 

1843 

Das National-Blinden-Institut in Paris bezog das 
neu errichtete Gebäude. (Vergl. 1838.) 

Im k. k. Blinden-Erziehungs-Institut in Wien wurde 
für Blinde gedruckt: 1. Kurze Erinnerungen an nützliche 
Gegenstände für die Zöglinge des k. k. Blinden-Erzie- 
hungs-Instituts in Wien. 2 Teile. 2. Das Leben Jesu. 
3. Lesebuch für die größeren Zöglinge des k. k. Blinden- 
Erziehungs-Instituts in Wien. 

Im Druck erschien: J. W. Klein, Anleitung, blinden 
Kindern, ohne sie in einem Blindeninstitut unterzubringen, 
die nötige Bildung in den Schulen ihres Wohnortes und in 
dem Kreise ihrer Familie zu verschaffen. Wien 1843. 

3. 5. In Hannover wurde in einem gemieteten Hause eint 
Blindenanstalt eröffnet (vergl. 1840), welche 1845 in ein 
eigenes neues Gebäude verlegt wurde. 

Als erster Direktor der neu gegründeten Blinden- 
anstalt in Hannover wirkte C. Friedrich E. Flemming 
(* 8. 8. 1814, t Nov. 1891) von 1843—1876. 



150 

1843 

Qeorgi, Direktor der sächs. Landesblindenanstalt in 
Dresden, gründete einen Fonds für Entlassene. 

Von Professor Lachmann erschien das Buch: „Uebei 
die Notwendigkeit einer zweckmäßigen Einrichtung und 
Verwaltung von Blinden-Unterrichtsanstalten." Braun- 
schweig 1843. 

Mit der 1837 gegründeten Blinden-Unterrichtsanstalt 
in Frankfurt a. M. wurde eine Beschäftigungsanstalt für 
erwachsene Blinde verbunden. Die Gründung wurde 
dadurch notwendig, daß mehrere der Anstaltszöglinge dei 
Schule entwachsen waren und nun gewerblich ausgebildet 
werden sollten. Den Unterricht übernahm zunächst der 
Blinde Huth aus Dresden (vergl. 1841). Die Anstalt wurde 
am 21. 11. 1843 eröffnet. 

Da es sich als unzweckmäßig erwies, einen Blinden 
als Arbeitslehrer zu haben, entließ der Vorstand der 
Blindenanstalt zu Frankfurt a. M. den Blinden Huth aus 
r3resden und stellte Ende November 1843 einen Sehenden 

— den Tapezierer Barthel — als Arbeitslehrer und Haus- 
vater der Blinden an. 

Joseph Stumpf übernahm die Leitung des Zentral- 
Blinden-Instituts in München. 

21 10. Die mährisch-schlesische Landesstelle erteilte die Be- 
willigung zur Aufführung eines Blindenanstalts-Qebäudes 
für Mähren und Schlesien in Brunn, welches in den Jahren 
1844^ — 1846 errichtet wurde und zur Aufnahme der 1835 
eröffneten Privat-Blindenanstalt bestimmt war. 

Neben der 1808 gegründeten Blinden-Unterrichts- 
anstalt in Amsterdam wurde eine Anstalt für erwachsene 
Blinde errichtet mit der Aufgabe, allen nicht ganz selbst- 
ständigen Blinden unterstützend und fördernd beizustehen. 

Der Blinde Hughes in Manchester (England) stellte 
eine Stenographie für Blinde auf und gab sie unter dem 
Namen „Punctiuncula Stenographie System of Embossing" 
heraus. 

In Nottingham (England) wurde eine Blindenanstalt 

— Midland Institution for the Blind — gegründet. 

Gründung der Blindenanstalt — Institution for the 
Education of the Blind — in Jackson (Mississippi N. A.). 

1844 

Im k. k. Blinden-Institut in Wien wurde in tastbarer 
Linienschrift für Blinde gedruckt: „Biblische Sprüche." 

In den Jahren 1844 — 1850 erschien in Schwarzdruck 
die französische Zeitschrift für das Taubstummen- und 
Blindenwesen: „Annales de l'education des sourds-muets 
et des aveugles," herausgegeben von Eduard Morel. 



151 

1S44 

20. 11. Unter dem Namen „Asile des aveugles" wurde in Lau- 
sanne (Schweiz) eine Anstalt gegründet, welche sowohl 
Erziehungsanstalt für Blinde als Augen-Heilanstalt sein 
sollte; zum Leiter der ersteren wurde H. Hirzel, zum 
Leiter der letzteren Dr. Recordon berufen. 

Heinrich Hirzel (* 31. 10. 1815), war von 1844 bis 
1886 Direktor des Asile des aveugles in Lausanne. 

Der taubstumm-blinde Eduard Meyster (* 1826) 
wurde mit 18 Jahren zur Ausbildung in die Blindenanstalt 
zu Lausanne aufgenommen und von Direktor Hirzel aus- 
gebildet. 

Der 1839 erblindete W. Moon in Brighton (England) 
erfand die nach ihm benannte Moon'sche Blindenschrift. 

In der Kgl. Blindenanstalt zu Dresden wurde italieni- 
scher Hanf angekauft zur Herstellung feiner Seil- und 
Flechtarbeiten, wie Pferdenetze, Jagdtaschen. 
1845 

Es erschien: J. W. Klein, Anleitung, blinden Kindern 
die nötige Bildung in den Schulen ihres Wohnortes und in 
dem Kreise ihrer Familien zu verschaffen. Wien 1845. 

Im k. k. Blinden-Institut in Wien wurde für Blinde 
in Antiqua gedruckt: 

Geographie und Geschichte von Europa. Kurzer Abriß. 
Kleiner Katechismus. 
Naturgeschichte: Das Mineralreich. 

Von J. Guadet-Paris erschien im Druck: Les aveugles 
mecaniciens Paris 1845. 

13.3. Die Stände des westfälischen Landtages zu Münster be- 
schlossen die Errichtung einer Blinden-Anstalt, die zum 
Andenken an den verewigten Oberpräsidenten der Pro- 
vinz Westfalen Freiherrn von Vincke den Namen „von 
Vincke'sche Provinzial-Blindenanstalt" tragen sollte. 

27.5. Das neu errichtete Anstaltsgebäude der bereits 1843 er- 
öffneten Blindenanstalt zu Hannover wurde eingeweiht 
und bezogen. 

Die von der polytechnischen Gesellschaft In Frank- 
furt a. M. unterhaltenen Anstalten für Blinde: die 1837 
eröffnete Unterrichtsanstalt und die 1843 errichtete Be- 
schäftigungsanstalt wurden vereinigt und Blindenanstalt 
genannt. Erster Direktor war der frühere Lehrer an der 
Königl. Blindenanstalt zu Berlin, Bartholdi. 

13. 11. In Düren (Rheinland) wurde eine Blindenanstalt eröffnet; 
sie wurde 1862 Provinzialanstalt. 

Professor Lachmann führte Braille's Punktschrift im 
Blindeninstitut zu Braunschweig ein und schlug vor, die 
in der deutschen Schrift nicht gebrauchten Zeichen des 
Systems zu Kürzungen zu verwenden. 



152 



Verschiedenes. 



— Ausschreibung. Ueber Anregung des Herrn Professors 
Emil V. Qroß schreibt die Redaktion des „Pester Lloyd" hiermit 
einen Preis von zweihundert Kronen für die beste Arbeit über 
die zweckmäßigste Fürsorge für die Kriegserblindeten aus. 
Maximalumfang der Preisarbeit ist ein halber Druckbogen. 
Die Preisarbeiten sind bis spätestens 15. August an den Chef- 
redakteur des „Pester Lloyd" einzusenden. Die preisgekrönte 
Arbeit wird seinerzeit im „Pester Lloyd" vollinhaltlich abge- 
druckt werden. 

— In Krefeld weilen in den Lazaretten und in der Augen- 
anstalt des Herrn Dr. Reindorf junge Krieger, die im fernen 
Westen im Kriege das Augenlicht verloren. In fürsorglicher 
Weise setzte sich Herr Dr. Reindorf mit dem Vorsteher der 
Blindenvereinigung in Verbindung und Rektor Pauß beschaffte 
sogleich das nötige Lehrmaterial, und betraute eine mit dem 
Blindenwesen vertraute Lehrerin, die früher in Frankreich als 
Lehrerin tätig war, und durch den Krieg ihre Existenz verlor, 
damit, ihm in der Ausbildung dieser braven Soldaten bei- 
zustehen. Die blinden Soldaten lernen mit Lust und 
Liebe, und machen erfreuliche Fortschritte. Ihr Schicksal 
ertragen sie mit bewundernswerter Ergebung, und sie geben 
ein herrliches Beispiel deutschen Heldentumes. Die Haupt- 
sache wird es nun sein, die blinden Krieger für einen Beruf 
zu gewinnen und vorzubereiten, damit sie bei der Arbeit Zer- 
streuung finden, und sich mehr und mehr mit ihrem Schicksal 
aussöhnen. 

^ Die „Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen 
bringt in ihren Nummern für Mai und Juni d. Js. unter anderem 
folgende Aufsätze: Die Frau des Blinden. — Der Magnitiseur 
Dr. Mesmer und das blinde Frl. M. Th. von Paradis. — Oester- 
reichs Anteil an der deutschen Fachliteratur des Blinden- 
wesens. 1802 — 1914. — Ueber Lehrmittel im tierkundlichen 
Unterricht. 

Im Druck erschienen: 

— „Kriegsblind". Von Anton Josef Rappawi, Fachlehrer 
an der Mährischen Landesblinden-Erziehungsanstalt in Brunn. 
Sonderabdruck. Verlag des Verfassers. 

Üer Herr ist mein Licht! 

Kath. Gebetbuch für Blinöe uon Pfarrer Ferö. Theoö. Linöemann. 

In Braille f*"-^ Punktschrift 

in handlichem Taschenformat: gebunden in Calico 4 J(, 
la. Schatleder 4.75 J6, in echt Chagrin 5.25 c/^, mit Scliloss 
50 ^ mehr, — Prospeicte gratis und franko durch die 

Hamersche Biichdruckerei jindjaplerjandlung, Düren (Rhidj 

Drucl\ und Verlag der Hamerschen Buchdruclterei u. Papierhandlung, Düren. 



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pro]ahr^5; öurch öie . ^^\\ \ 1 // , l^hrli* 12 mal, einert 



Bogen stark. 

Bei Anzeigen wirö iMe 

gespaltene Petitzeile 

im Inlanöe .* 5.50; ' ^ ^/AX^S^^ oöer Deren Raum mit 



nach öem Auslanöe 6 .# // \ V 15 4 berechnet 



Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Organ der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbildung. 

Gegründet und bis September 1898 herausgegeben von 

kgl. Schulrat Wilhelm Mecker t. 

Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster, 

Mell-Wien und Mohr-Hannover. 

Haupdeiter für 1915 ist Schulrat Brandstaeter-Königsberg Pr- Babastr. 30. 

Ars pie'.dsque dabunt lucem 
caecique videbunt. 



Nr. 8. D ü r e n , 15. August 1915. Jahrgang XXXV. 

Der Weltkrieg und die Blinden-Erziehung. 

(Lembcke-Neukloster i. M.) 
Die Geschichte der Pädagogik lehrt für alle Zeitalter und 
Gcschiclitsperloden eine durchgehende Abhängigkeit der Ent- 
wicklung des Bildungs- und Erziehungswesens von der allge- 
meinen politischen, sozialen und geistesgeschichtlichen Ent- 
wicklung. Es gilt dies, sobald im Laufe der geschichtlichen 
Entwicklung von einer Volksschulbildung und -Erziehung ge- 
redet worden kann, auch von der Volksschulpädagogik, und 
zwar je länger je mehr von allen dabei in Betracht kommenden 
Gesichtspunkten: von ihrem Ziel, Inhalt und Umfange, von 
ihrer Methode und ihren Organen. Es ist besonders ein Ver- 
dienst Dr. Paul Barths, dies in seinem grundlegenden Werke: 
„Die Geschichte der Erziehung in soziologischer Beziehung" 
mit wissenschaftlichem Weitblick nachgewiesen zu haben. — 
Dasselbe gilt auch für das Blindenwesen. Erst die „Aufklärung" 
des 18. Jahrhunderts in Verbindung mit den Bestrebungen des 
in ihr wurzelnden Philanthropinisnms dieser Zeit vermochte in 
Valentin Hauy den Gedanken der Blindenbildung zu erwecken. 
Aber es bleibt, entsprechend der intellektualistischen Natur 
dieser Geistesrichtungen und Bildungsbestrebungen bei einer 
„Belehrung" der Blinden. Als dann aber in der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts immer mehr die Pestalozzische Päda- 
gogik mit ihrem Prinzip der „Selbsttätigkeit" und vor allem ihr 
sozial-ethischer Gehalt in der öffentlichen Erziehung zur Gel- 
tung kam, als zugleich der volkswirtschaftliche Gedanke immer 



154 

mehr Einfluß auf sie gewann, da wurden die Losungsworte 
„Erwerbsfähigl^eit" und „Erwerbstätigkeit" für die Blinden- 
bildung leitend und gestaltend. Die sozialpolitische Gesetz- 
gebung aber, dies großartige Werk staatliclier Fürsorge für die 
wirtschaftlich Schwachen im letzten Viertel des vorigen Jahr- 
hunderts, bewirkte die Ausgestaltung der B 1 i n d e n f ü r s o r - 
g e in ihren mannigfaltigen Formen. Daneben zeigte die um 
die Wende des Jahrhunderts aufkommende voluntaristische 
Pädagogik mit dem aus ihr hergeleiteten „Arbeitsprinzip" einen 
unverkennbaren Einfluß auf die Umgestaltung der Methode des 
ßlindenunterrichts bis auf die Gegenwart. Wie sollte nach 
solchen historischen Erfahrungen nicht eine Beeinflussung des 
Bildungs- und Erziehungswesens durch den gegenwärtigen 
Weltkrieg zu erwarten sein? Wenn Sven Hendin, der schwe- 
dische Freund unseres Volkes, in seinem Buch: „Ein Volk in 
Waffen" dem Weltkriege eine epochemachende Bedeutung für 
die politische Entwicklung der Zukunft in den Worten zu- 
schreibt: „Dieser Krieg muß von grundlegender Bedeutung 
werden für die politische Entwicklung der nächsten fünfzig, 
hundert, vielleicht noch mehr Jahre. — Wie der Krieg auch 
endet, müssen große, denkwürdige Ereignisse aus ihm hervor- 
gehen," so gilt das nicht weniger in Hinsicht auf seine Bedeu- 
tung für das ganze Bildungswesen unseres Volkes. Das haben 
auch bereits die Staatsregierungen in Deutschland in zahl- 
reichen bezüglichen wegweisenden Erlassen anerkannt, und 
davon zeugt eine wahre Hochflut von Artikeln in pädago- 
gischen Zeitschriften und von Einzelwerken der pädagogischen 
Literatur, auf die wohl am vollständigsten die bedeutendste 
Schrift dieser Art: „Der Weltkrieg im Unterricht" (Gotha, 
F. Perthes. 2,80 Mk.), für das höhere Schulwesen unter 
Mitwirkung hervorragender Vertreter desselben von Dr. Karl 
Hönn herausgegeben, hinweist. 

Auch ich habe bereits in mehreren Artikeln dieses Blattes 
versucht, einige Hinweise — mehr sollten die Arbeiten nicht 
bedeuten — darauf zu geben, wie auch der Blindenunter- 
rieht der Bedeutung des Weltkrieges Rechnung tragen kann 
und soll. Mit gegenwärtigen Darlegungen möchte ich nun die 
sich aufdrängenden Einwirkungen des Weltkries'es auf die 
Blindenerziehung verfolgen, wiederum nicht mit der 
Meinung und Absicht, Erschöpfendes bieten zu können und zu 
wollen, sondern zur Anregung selbständigen Nachdenkens und 
Vorgehens. — Ich sehe dabei ab von all den fruchtbaren Be- 
ziehungen und umfassenden Vorschlägen, die sich aus dem 
Weltkriege für die Erziehung im allgemeinen, sei es für die 
häusliche, sei es für die öffentliche, sei es für die von der Volks- 
schule, sei es für die vom höheren Schulwesen ausgehende, und 
darum auch für die Blindenerziehung m i t ergeben. 

Wer darüber belehrt sein will, mag sich an die von mir be- 
zeichnete Literatur halten. Diese Darlegungen wollen nur die 
Werte herausstellen, die der Weltkrieg speziell für die 
Blindenerziehung darbietet, die ihrem Wesen ent- 



155 

sprcclicii uiiU ihrer Aufgabe förderlich und dienstlich gemacht 
w irdcii können. 

i51indencrzieiiung will aus dem Unglück der Blindheit er- 
heben. Wenn wir Biindenerzleher an die Analyse dieses Un- 
ghicks herantreten, werden wir als wesentliches und ursprüng- 
iiches Moment desselben jene Einkerkerung der Seele erkennen, 
die den ßhnden von der äußeren Welt, von Natur und Um- 
gebung, soweit abschließt, als Beziehung und Verkehr mit 
diesen durch den Sinn vermittelt wird, der den Menschen 
ursprihiglich am weitreichendsten, wohltuendsten und förder- 
lichsten mit jenen verbindet: durch das Auge. Damit ist der 
Blinde von Eintritt seines Unglücks an einerseits mehr oder 
weniger in eine isolierte Lage, auf sich selbst gewiesen. Es 
fehlen ihm für seine innere und äußere Entwicklung die wesent- 
lichsten und wichtigsten Faktoren zur Anregung der Selbst- 
tätigkit; es sind ihm insonderheit die Umwelt und das ganze 
holde Spiel der Formen und der Farben in Natur und Leben und 
in und mit dem allen die reinsten und reichsten Ouellen edelster 
Lebensfreude und sittlicher und ästhetischer Bildung ver- 
schlossen, die sich dem Sehenden von Geburt an un mitte 1- 
b a r gleichsam aufdrängen. Soweit Anregungen und Förde- 
rungen in diesen Beziehungen und Richtungen ihm überhaupt 
zugeführt werden sollen, ist er auf andere angewiesen. Hieraus 
ergibt sich anderseits ein Zustand und ein Gefühl der Ab- 
hängigkit. In beiden, in dieser Isoliertheit und Abhängigkeit 
von anderen, möchten die Ursachen genannt sein, in denen das 
ganze Unglück der Blindheit ursprünglich wurzelt und aus 
denen es sich weiter entwickelt. Denn was mag den Menschen, 
dessen ureigenstes Wesen sich als Spontaneität, Selbst- 
bestimnmng und Selbsttätigkeit, und Receptivität, Empfänglich- 
keit für die Eindrücke der Außenwelt und damit als Angelegt- 
sein auf Gemeinschaft, Natur- und Lebensfreude und auf Be- 
herrschung der Kräfte und Erscheinungen der Umwelt, bekun- 
det, in seiner Lebensäußerung und Entwicklung mehr hemmen 
und erschüttern als dieser Zustand und dies Gefühl der Ab- 
hängigkeit und diese Isoliertheit des Daseins. Und je mehr der 
Blinde sich bei fortschreitender äußerer und innerer Entwick- 
lung dieser Fessel seines Geistes und Lebens bewußt wird, 
desto größer ist die Gefahr, daß er darin das Unglück seines 
Daseins erkennt und empfindet, ein Schicksal, das nur zu sehr 
geeignet ist, ihn an Gott und seiner Güte und Gerechtigkeit 
irre werden zu lassen, wenn er sich nicht zu der Erkenntnis, 
zu der Lebens- und Weltanschauung emporringt, daß das Glück 
des Herzens und Lebens letzten Endes nicht in den äußeren 
Dingen dieser Welt liegt, sondern seine Bodenständigkeit dort 
hat, wohin das Wort der Wahrheit es verweist: „Was hülfe es 
dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nehme 
doch Schaden an seiner Seele?" 

Hier, an diesem Punkte, ist es, wo der Weltkrieg zunächst 
und zu Oberst eine erziehliche Macht von höchstem Wert und 
höchster Bedeutung für den Blinden werden kann. 



156 

Denn darin tritt der Krieg, und gerade dieser Weltl<rieg, wie 
er alle Schrccivnisse des Lebens ins Ungeuiessene steigert, ein 
Krieg, wie es einen solchen so grausig und so lange die Erde 
steht, noch niemals gegeben hat, ein Krieg, der als l'riumph 
des Bösen selbst und als eine Baukerotterklärung aller Kultur, 
aller Menschlichkeit, Sittlichkeit und Christlichkeit erscheint, 
dem Unglück der Blindheit zur Seite, daß er wie diese uns 
Menschen das Rätsel aufgibt und bei uns die zweifelnde Frage 
erregt: Wie verträgt sich das alles, die Blindheit wie das unge- 
heuerliche, grausenhafte Erlebnis dieses Krieges, mit der Oüte 
und Gerechtigkeit, mit der Liebe und Treue eines alhvaltenden 
Gottvaters? 

Das ist aber nun das erziehlich Bedeutende dieses Welt- 
krieges für die Blindenpädagogik, daß hinsichtlich seiner 
bereits die Lösung dieses Rätsels gefunden ist. Sie liegt in der 
offensichtlichen Tatsache, daß unser Volk unter den Schreck- 
nissen des Krieges seinen Gott wiedergefunden hat. Gott 
selbst ist wieder Tatsache, unwidersprechliche Wirklichkeit in 
der Seele unseres Volkes geworden. Unser Volk weiß wieder: 
Es gibt einen Gott der Liebe und der Gerechtigkeit; es gibt eine 
sittliche Weltordnung; es gibt eine Macht des Guten, der Liebe 
und der Gerechtigkeit, die trotz Lug und Trug, Falschheit und 
Tücke unserer Feinde, trotz aller Schrecken und Greuel, trotz 
alles Wehes und aller Wunden im Gefolge des Krieges die 
Ueberzeugung wieder fest hat wurzeln lassen in der Seele 
unseres Volkes: Recht muß doch Recht bleiben! Der Krieg 
hat unser Volk frömmer und besser gemacht in der durch ihn 
wiadererweckten Ueberzeugung: „Weil Gott unser Volk lieb 
hatte, darum sandte er uns den Krieg, um uns wieder zu sich 
zu ziehen!" 

Wenn wir uns nun die Frage beantworten: Wie war es 
möglich, daß dieser Krieg solche Früchte zeitigen, solche 
Rätsel lösen konnte, so erhalten \v\r in der Antw^ort zugleich die 
Anweisung über den Weg, den die Blindenerziehung gehen 
muß, um über das Unglück der Blindheit und das von ihm auf- 
gegebene Rätsel zu erheben, und damit Aufschluß über die Be- 
deutung dieses Krieges für die Blindenerzieher der Gegen- 
wart und Zukunft. 

Eins steht jedem klaren Beobachter und nüchternen Nach- 
denken von vornherein fest : E s w a r e n n i c h t d i e E r f o 1 g e 
un s e r e r W af f en , die jenen Umschwung in der Volks- 
seele, jenen Umschwung unseres Volkslebens bewirkten. Denn 
erstens waren beide schon zu Anfang des Krieges, vor allen 
Erfolgen unserer Waffen da, und zweitens können wir bei all 
unserer Zuversicht auf den endlichen Sieg, bei unserem ent- 
schlossenen Willen zum Siege und bei unserer unumstößlichen 
Ueberzeugung, daß wir siegen müssen, auch jetzt noch nicht 
mit Bestimmtheit sagen, daß wir wirklich siegen werden. 
Wenn trotzdem eine Wiedererneuerung unseres Volkslebens 
in dem Sinne nicht zu verkennen ist, daß trotz aller Leiden 



157 

und Wunden, Opfer und Schrecknisse des Krieges der Glaube 
an Gottes Gereclitigkeit, Liebe und Güte in der Seele unseres 
Volkes mehr denn je aufgerichtet ist und sich kräftig be- 
zeugt, so muß sie unabhängig von Sieg und Erfolg und von 
der Aussicht auf einen gewinnbringenden Frieden einen 
tieferen Grund haben. Und in der Tat: wer wollte ver- 
kennen, daß dieser Grund religiöser Natur ist und, wenn 
wir weiter nachdenken, nirgends tiefere und lebenskräftigere 
Wurzel hat, als in dem Leiden und Sterben, kurz, in dem 
Kreuze Jesu von Nazareth, auf das die Heimsuchungen des 
Krieges wieder mehr als sonst Blick und Gemüt, Glauben und 
Hoffnung unseres Volkes gerichtet haben. 

Wo in aller Welt, wo in Wissenschaft und Kunst, in Leben 
und Geschichte, haben wir einen durchschlagenderen Beweis 
von solcher Einzigartigkeit für die Tatsache, daß sich tiefste 
Leiden und schwerste Heimsuchungen und Prüfungen mit der 
Gerechtigkeit, Güte und Liebe Gottes vereinigen lassen, als das 
schrecklichste Leiden des Todes, womit der Vater im Himmel 
seinen eingeborenen Sohn, den. einzigen Gerechten, der über 
die Erde gegangen, den, der von sich sagen konnte: „Ich bin 
der Weg, die Wahrheit und das Leben." — „Ich bin das Licht 
der Welt", nicht verschont hat. Offenbart sich darin einer- 
seits an dem Sohne selbst als ein Geheimnis der Wege Gottes, 
als ein Reichsgottesgesetz die Weise göttlicher Führung: 
Durch Nacht zum Licht! Durch Tod zum Leben! Durch Unter- 
gang zum Sieg! und zugleich der furchtbare Ernst der Straf- 
gerechtigkeit Gottes, der den Stellvertreter der sündigen 
Menschheit zunächst die ganze Wucht des Zornes eines heiligen 
Gottes über die Sünde büßen läßt, bevor er den in Leiden Be- 
währten erhöht, verklärt und zur Herrlichkeit eingehen läßt, so 
anderseits die Güte und Liebe Gottes, der gerade durch das 
stellvertetende Leiden seines Sohnes uns Leben und Frieden 
und damit das einzige, wahre Lebensglück begründet hat. 

Weil nun unser Volk in Anlaß des Krieges dieses Geheim- 
nis des Kreuzes Jesu von Nazareth wieder allgemeiner und 
tiefer erfaßt und sich als Lebensmacht zu eigen gemacht hat, 
darum hat sich ihm auch das Rätsel dieses Weltkrieges mit all 
seinen Leiden und Schrecken gelöst. Es erkennt darin die 
Hand des lebendigen Gottes: einerseits die heilsame Züchti- 
gimg dieses gerechten Gottes für seine Schuld, anderseits den 
Segen des Gottes der Liebe und Güte, der dadurch unser Volk 
aus der Gefahr sittlichen Verfalls gerettet und vor dem dro- 
henden Zusammenbruch bewahrt und so nach dem typischen 
Vorbilde des Kreuzes Jesu von Nazareth ihm zu Heil und 
Frieden geholfen hat. 

In diesem großen, gesegneten Erlebnis aber, daß der Welt- 
krieg für unser Volk gezeitigt hat, liegt nun auch für den. 
Blinden der Hinweis auf die höchste Bedeutung beschlossen, 
die der Weltkrieg für die Lösung des Rätsels seines Lebens er- 
langen kann. 



158 

Was imstande war, auf den Trümmern einer Welt von 
Lebensglüciv und Lebenshoffnungen in unserem Volke den 
Qottesglauben und Herzensfrieden und damit inneres, wahres 
Lebensglück wieder aufzurichten, das wird auch den Blinden 
über die Gefahr hinweghelfen, womit seine Blindheit sein 
Lebensglück bedroht: ihn erkennen lassen, daß auch über 
seinem Leben und Leid das Vaterauge eines gerechten und 
gütigen Gottes waltet, daß das Glück des Lebens, der Zweck 
des Daseins nicht die äußeren Güter sind, über welche seine 
Blindheit ihm Nacht und Dunkel gebreitet hat, daß wir über- 
haupt nicht geschaffen sind und leben, um glücklich zu sein. 
Läge die Sache so, dann müßte allerdings besonders dem 
Blinden das Leben und sein Schicksal als sinn- und zwecklos, 
ja zweckwidrig erscheinen, und er müßte an Gottes Welt- 
ordnung und Dasein selbst irre werden. Nein! Das vielmehr 
ist die im Weltkri3ge neu bewährte und aus ihm zu den 
Blinden redende bedeutsame und heilsame Predigt des Kreuzes 
Jesu von Nazareth: Es gibt einen Gott, und dieser Gott beweist 
seine Gerechtigkeit und Güte gerade dadurch, daß er die Seinen 
nach seinem Rate: „Durch Nacht zum Licht!" führt, „Durch 
Opfer gewinnen, durch Sterben leben!" läßt, auf daß ihre Seele 
gerettet und ihr inneres Leben reif werde und sie die höchste 
Pflicht an sich selber erfüllen, die in dem Shakespeareschen 
Worte als Ziel des Lebens gefaßt ist: ,Reif sein ist alles!" 

Ist das aber die höchste Bedeutung des Weltkrieges für den 
Blinden, so liegt darin die Anweisung für die Blinde n- 
pädagogik, den Kreuzesweg Jesu, die Leidens- 
geschichte des Heilandes, wieder mehr wie 
bisher in den Mittelpunkt d e r B 1 i n de n e r z i e- 
hung zu stellen, zuerst dadurch, daß sie die ihr 
gebührende zentrale Stellung im Religions- 
unterrichtderBlindenanstalt mit derTendenz 
einnehme, daß sie dem Zöglinge eine Apolo- 
getik des Glaubens an den lebendigen, gerech- 
ten und gütigen Gott werde und als Frucht 
dieses Glaubens, als versöhnende und er- 
hebende Lebensmacht das Opfer in den Brenn- 
punkt seines Bewußtseins rücke und zum 
Ankergrund seiner Lebens- und Weltanschau- 
ung mache; dann dadurch, daß sich das ganze 
Leben in der Blindenanstalt unter dem Licht 
und in der Kraft solcher Weltanschauung bei 
Lehrern und Erziehern wie bei den Zöglingen 
gestalte. 

Nichts anderes vermag in Stunden der Anfechtung und auf 
die Dauer und unter allen Umständen den Blinden wirklich 
über das Unglück seines Schicksals zu erheben, als die durch 
eine solche Lebens- und Weltanschauung begründete innere 
Gewißheit und Herzensstärke. Nicht „Ethische Kultur", die 
jüngst noch so hoch gepriesene, die jetzt im Krieg so furcht- 
bar bankerott gemacht hat; nicht die I^hilosophie vom „tätigen 



159 

Leben", nicht der Fatalismus der Stoa noch der Stolz des 
Sclfinadmaii: „Selbst ist der Mann!" Am allerwenigsten der 
Materialismus und der Epikureisnms der „freien Liebe" und 
der „Emanzipation des Fleisches", wie sie vor einigen Jahren 
auch von blinden Literaten in ihren Qeisteswerken vertreten 
sind; noch sonst eine der modernen materialistischen oder 
idealistischen Weltanschauungen. Diese Welt- und Lebens- 
anschauungen alle nähren sich von Erde und sind von unten 
her; sie stützen sich auf die eigene Kraft und Kunst und ruhen 
deshalb auf zerbrechlichen und verderblichen Stützen. Unseren 
Blinden kann nur Licht und Kraft aus himmlischen Höhen 
kommen: das Licht, das vom Kreuze her leuchtet als „das 
Licht der Welt," die Kraft, die sich im Verzicht auf das eigene 
Selbst als Üpferwilligkeit betätigt und allein den Frieden des 
Herzens und Lebens begründen und auch der Umwelt zum Heil 
dienen kann. 

Das muß der oberste Leitsatz der Blindenerziehung sein, 
bleiben und werden, wo ers noch nicht ist, wie es das Erlebnis 
der deutschen Volksseele in diesem Weltkriege wieder ge- 
worden ist: der WillezumOpter in der Blinden- 
anstalt muß geklärt und befestigt werden. 

Welche Grund- und Leitsätze ergeben sich nun für diese 
Pädagogik des Opfers aus dem Weltkriege? Das 
lehrt uns wieder die Haltung und Betätigung der deutschen 
Volksseele, die in diesem Kriege von Anbeginn bis heute in 
einer heiligen Opferflamme glühte und loderte. Es handelt sich 
hier nur darum, daß speziell für die Blindenerziehung Vorbild- 
liche und Wertvolle aus der Betätigung des Opfersinnes unseres 
Volkes herauszuschälen. Zu diesem Zwecke ist zu erwägen, 
daß sich die Blindenerziehung als Anstalts-, 
I n t er nats er z ieh ung , also als Erziehung in 
einer größeren Gemeinschaft vollzieht, nicht 
Einzel-, sondern Massenerziehung ist. Welches 
sind nun für diese Erziehungsform die sich aus der Opfertätig- 
keit unseres Volkes im Weltkriege ergebenden und maß- 
gebenden Momente von blindenpädagogischem Werte? Frag- 
los alle die, in denen sich ein Opfer des Volksganzen darstellt, 
die darum auch wieder für die erziehliche Belebung des Ge- 
meinsinns verwertet werden können, die imstande sind, durch 
den Anblick der Gesamtleistung den einzelnen aus Egoismus 
und Isolierung herauszureißen und zum Aufgehen im Ganzen 
zu begeistern. Welche sind das? Unverkennbar folgende: 
die militärische Organisation, wie sie in der über- 
raschend schnellen Mobilisierung beim Beginn des Krieges und 
dann in den glänzenden, glorreichen Waffentaten unseres 
Heeres und seiner ganzen Haltung während des nun fast ein 
Jahr lang dauernden Krieges hervortraten. — 2, Die volks- 
wirtschaftliche Organisation, wie sie zur Abwehr 
des englischen Aushungerungsplanes für unsere Volksernährung 
durchgeführt wurde. — 3. Die finanzielle Organi- 
sation, welche die Mittel zur Deckung der Kriegskosten 



160 

bereit stellte. — 4. Die politische Organisation, 
welche in der Kininütigkeit aller Parteien alle Sonderinteressen 
zurückstellte und dasKaiserwort besiegelte: „Ich kenne keine 
Parteien; ich kenne nur Deutsche!" — Oder vielmehr alle 
vier, wie sie wie eine einzige, allgemeine, unüberwindliche 
Kriegsmaschine zur Rettung des Vaterlandes und zur 
Abwehr einer Welt voll Feinden zusammen wirkten. — Und 
daneben nicht zu vergessen die Organisation der 
Liebestätigkeit, wie sie sich in der Arbeit des „Roten 
Kreuzes", in der Fürsorge für Kriegsbeschädigte, in den 
„Liebesgaben" und: — wer will sie aufzählen — in all den 
Veranstaltungen betätigte, die für die Linderung des Kriegs- 
leids und der Erleichterung der Kriegsbeschwerden ins Leben 
getreten sind. 

Hierin liegt das Anschauungsmaterial für die Ableitung der 
ethischen Ideale und Forderungen vor, die dem Kriege seine 
vorbildliche, zielsetzende Bedeutung auch für die Blinden- 
erziehung geben. 

Wir brauchen, um diese aus dem gewaltigen Anschauungs- 
material herauszulesen, nur auf die geistigen Trieb- 
kräfte zu achten, die solche Leistungen und Erfolge möglich 
machten und zeitigten. 

Sie drängen sich dem staunenden Beobachter von selbst 
auf. Es sind: die eiserne Disziplin, das Opfer des 
Willens, der jeder Eigenwille als töricht, jede Nachlässigkeit 
als verhängnisvoll erscheint, die in den Tugenden des unbe- 
dingten Gehorsams, der peinlichsten Pünktlichkeit, der hin- 
gebendsten Aufmerksamkeit, im Zusammenraffen und Betätigen 
der letzten Kraft und in unermüdlicher Arbeit das eherne Gesetz 
der Pflichterfüllung sieht; — die Selbstverleugnung, 
die in hartem Entbehren, in stillem, heiligem Entsagen alles 
Eigene, Out und Blut, Lebens- und Familienglück, jedes Be- 
hagen am Dasein und jeden Vorzug an Rang und Stand für das 
große Ganze opfert und so der zuchtvollen Ein- und Unter- 
ordnung des Einzelnen unter das Ganze, der eisernen Disziplin 
den Charakter willenloser Fügsamkeit nimmt und ihr das Ge- 
präge des willigen Opfers im heiligen Schmuck begeisterter 
Vaterlandsliebe gibt ; — das Anpassungsver m <) gen, 
wie es im Anfange und im ganzen Verlaufe des Krieges gleich 
der Mechanik eines Uhrwerks in dem Zusammenwirken von 
Heer, Eisenbahn, Post, Gesetzgebung, Volks- und Geldwirt- 
schaft, Sanitätswesen und Liebesorganisation hervortrat, den 
Kaiser wie den einfachen Wehrmann, den Generalstab wie den 
Lokomotivführer und Heizer beseelte, jede Anmaßlichkeit 
der Einzelpersönlichkcit ausschloß und aus der Pflichterfüllung 
aller jene Willigkeit und Verständigkeit hervorleuchten ließ, die 
nur an die siegreiche, ehrenvolle Vollendung des Kriegswerkes 
dachte, auf die mehr oder weniger klar die Sehnsucht und der 
Wille jedes einzelnen gerichtet war. 

Damit sind die sittlichen Triebkräfte der deutschen Volks- 
erhebung in diesem Weltkriege, denen diese ihren Gehalt und 



161 

liirfoljc verdankt, aber auch die Ideale und ^-ordcrunj^en ver- 
/eicluiel, d;c die BliiideiierzielimiK in ihr Pro^raiiiin aufnehmen 
und zu Leitsternen erwählen niuL^, wenn sie des Segens des 
Weltkrici^es teilliafti^ werden will. 

ist es schon an sicii selbstverständlich, daß eine Oemein- 
scliaft ohne Disziplin, Zucht und Ordnung, die den einzelnen 
an das Oanze bindet und von ihm Unterordnung, Gehorsam, 
Pünktlichkeit, Aufmerksamkeit und Hingabe fordert, nicht be- 
stehen und gedeihen kann, so hat dieser Weltkrieg durch den 
unvergleichlichen Krfolg deutscher Heerestüchtigkeit wieder 
einmal so recht handgreiflich gezeigt, was dabei an Gewinn für 
die Gemeinscliaft und den einzelnen selbst herauskommt, für 
alles, was ihm hoch und heilig ist: Sieg und Ruhm, Rettung, 
Schutz und Schirm des Vaterlandes und eigenen Heims und 
derer, die ihm das Liebste und Teuerste darstellen. — Wir 
Leiter und Lehrer an f31indenanstalten haben darin den Finger- 
zeig, uns wieder einmal ernstlich auf das Moment der Zucht 
und Unterordnung des einzelnen im Dienste des Ganzen bei 
der Erziehung unserer Zöglinge und bei der Regierung der In- 
sassen unserer Heime zu besinnen, ob es nicht geboten ist, 
diese Momente wieder etwas mehr, wie es nach meinen Ein- 
drücken in den letzten Zeiten der Fall war, in unserer Erzie- 
hungs- und Verwaltungstätigkeit zu betonen und zur Geltung 
zu bringen. Wir fingen m. E. an, in der Handhabung der Zucht, 
ni der Geltendmachung unserer Autorität in unseren Erzie- 
hungsanstalten und Heimen etwas zage und lau zu werden. 
„Seibstregierung" wurde dem gegenüber die immer häufiger 
und lauter erhobene Losung in unseren Kreisen. Ich selber 
spreche mich hiervon nicht frei. Wir wurden etwas scheu, 
das einfache, unbedingte: „Du sollst!" wie in früheren Zeiten 
als Lebensregel und Führungsgesetz in unseren Anstalten 
durchzusetzen, und fingen an, uns immer mehr für eine Be- 
teiligung unserer Zöglinge und Heiminsassen an der Fest- 
setzung und Durchführung der Hausordnungen nach dem 
demokratischen Prinzip der Selbstverwaltung und Selbst- 
regierung zu begeistern. Es war mir in dieser Hinsicht schon 
innner ein ungemütliches Gefühl, daß wir damit Ideen und einer 
iVaxis folgten, die mehr oder weniger aus Amerika importiert 
und von den Engländern entlehnt waren, aus jenem Land des 
Dollar, dessen Bewohner uns jetzt durch ihren kalten Ge- 
schäftsgeist und durch ihre skrupellose Gewinnsucht den Sieg 
so erschweren, von jenen Engländern, deren Krämergeist uns 
diesen Krieg unter dem heuchlerischen Stichwort „Militaris- 
mus" auf den Hals geladen hat, und die der eigentliche Feind 
deutscher Größe und Weltwirtschaft sind. Jetzt, nachdem sich 
dieser sogenannte „Militarismus" durch seine eiserne Disziplin 
in herrlichen Waffentaten und Kampferfolgen als das Heil und 
die Rettung des Vaterlandes bewährt, kann mich selbst die 
Tatsache, daß so vortreffliche und ausgezeichnete Männer wie 
F. W. Förster und Dr. Kerschensteiner diese Importierung 
einst in besseren Zeiten besorgt haben und zu den hervor- 



162 

ragendsten Vertretern der Idee der „Selbstregierung" gewor- 
den sind, nicht über den Eindrucl< erheben, daß es jetzt an der 
Zeit ist, die Forderung der „Selbstregierung" einer Revision zu 
unterziehen an der Hand der Frage: Ist die Jugend unserer 
Blindenanstalten, sind die Insassen unserer Heimstätten nicht 
besser daran, ist vor allem das Gedeihen dieser Anstalten nicht 
besser gesichert, weim wir die Zügel wieder straffer ziehen 
und an Stelle des Kautschuk wieder mehr Eisen und Stahl in 
unser Blindenerziehungswesen und in unsere Anstaltsverwal- 
tungen aufnehmen? 

Zur Bejahung dieser Fragen nötigen mich mannigfache 
Vorkommnisse während der Kriegszeit im Kreise der Jugend 
der von mir geleiteten Blindenanstalt, die mir zugleich Anlaß 
wurden, zu erfahren, welche heilsame erziehliche Wirkung 
schon der gelegentliche Hinweis auf die in unserm siegreichen 
Heer herrschende und betätigte und mit stolzem Waffenerfolg 
gekrönte Disziplin hat. 

Die Umstände, daß gleich zu Beginn des Krieges der hie- 
sige Lehrmeister der Korbmacherei zur Fahne gerufen wurde, 
der eine Zeitlang nur von dem früheren invaliden Lehrmeister 
vertreten werden konnte, dessen Kraft dazu nicht mehr aus- 
reichte, und nun dieser Betrieb von dem Lehrmeister der 
Seilerei so gut wie möglich mit verwaltet werden muß, führten 
bald zu einer Lockerung der Disziplin bei den Lehrlingen dieses 
Betriebes, die sich in unpünktlichem Beginn und Aufhören mit 
der Arbeit, in lautem Wesen und Nachlässigkeit bei Ausführung 
der Arbeit und bei einzelnen in Zuchtlosigkeit der ganzen Hal- 
tung offenbarte. Das veranlaßte mich zu strengen disziplina- 
rischen Vorschriften und zu unnachsichtlicher Handhabung der- 
selben, die aber ihre beste Wirkung und eine besonders ein- 
drucksvolle Kraft und Weihe dadurch bekamen, daß ich sie mit 
dem Hinweis auf die eiserne Disziplin begründete und illu- 
strierte, worin unsere teuren, tapferen Krieger in Not und Tod 
das Opfer ihres Willens bringen, und wodurch sie ihre herr- 
lichen Waffentaten vollbracht haben: durch den Hinweis auf 
die militärischen Tugenden des Kriegers: der Pünktlichkeit, der 
unermüdlich stillen Pflichterfüllung im Zusammenraffen und 
Betätigen aller ihrer Kräfte und des unbedingten Gehorsams. 
Besonderen Ein-druck machte dabei der Hinweis auf die Tat- 
sache, daß, v/enn im Feld der Führer fällt, der ihm im Range 
zunächst Stehende für ihn eintreten und die anderen unbedingt 
dessen Führung folgen müssen, ja, schließlich eine führerlose 
Schar sich selbst helfen und dadurch dem Untergange zu ent- 
gehen und den Erfolg sicherzustellen suchen muß. 

Ich erinnere weiter noch ganz genau, wie, als ich 
bald nach meiner Berufung in meine gegenwärtige Stellung 
mich durch Besuch und Besichtigung anderer Anstalten über 
meine neue Aufgabe gründlicher orientieren wollte, ein ange- 
sehener Fachmann mich über die Verwaltung der Heime dahin 
belehrte: „Die ganze Hausordnung meiner Heime ist durch 
einige Sätze geregelt. Wer die Wohltaten des Heims erkennt 



163 

und genießen will, wird sich schon von selbst ordentlich halten; 
wer sich nicht ordentlich führt, nuiß eben wieder j^ehen." Das 
war der Standpunkt eines Idealisten und zugleich der des 
manchesterlichen Liberalismus der 70er und 80er Jahre des 
vorigen Jahrhunderts. Mir erschien derselbe trotz seines 
menschenfreundlichen Klanges, wie er auch ganz der edlen 
Fersönlichkeit des durch und durch humanen und liebens- 
würdigen Mannes, der ihn vertrat, entsprach, doch im Grunde 
hart und lieblos. Denn ich sah schon damals, durch lang- 
jährige Wirksamkeit an einem großen Lehrerseminar mit 
Internat in der Ordnung, der genau, stramm und bestimmt fest- 
gesetzten, die „heilige Himmelstochter, die das Gleiche leicht 
und freudig bindet," und hatte es nur schon zu oft erfahren, daß 
die dem einzelnen Gliede einer großen Gemeinschaft gewährte 
Freiheit oft eine große Gefahr, Schädigung, Vergiftung und Ver- 
wüstung für das Ganze mit sich brachte und darum sich in 
ihren Folgen als eine große Lieblosigkeit herausstellte, und 
nicht bloß im Hinblick auf das Ganze, sondern auch in bezug auf 
den einzelnen, dessen Verderben sie wurde. Die Geschichte 
unserer Blindenheime bisher hat mir das bestätigt, sonderlich 
auch die Erfahrungen in meiner eigenen Praxis. Und wenn 
das alles nicht der Fall wäre, so könnte doch eben gerade dieser 
Weltkrieg mit seinen durch harte Disziplin errungenen Erfolgen 
uns den Segen und die Frucht der Ordnung, Zucht und Diszi- 
plin, wie sie eine weise, auf Menschenkenntnis und Erfahrung 
gegründete und mit Ernst und Konsequenz gehandhabte Haus- 
ordnung auch in unseren Heimen verbürgt, vor Augen stellen. 
Es bleibt eben dabei, daß, wo eine Gemeinschaft ist, auch eine 
Ordnung sein muß, und deren Erfolg und Segen für das Ganze 
um so größer sein wird, je pünktlicher und gewissenhafter, je 
konsequenter und strenger sie durchgeführt wird. 

Das ist der erste Fingerzeig, den wir für unsere Blinden- 
erziehung — diese in weiterem Sinne genommen — aus dem 
Weltkriege entnehmen können. (Fortsetzung folgt.) 



Erfreuliche Aussicht für blinde Musiker. 

Seit dem 6. Juni 1912 besteht für Preußen eine staatliche 
Prüfungsordnung für Organisten und Chordirigenten. Die 
Prüfung wird vor einer Kommission in Berlin abgelegt. Ihre 
Forderungen sind durchaus billig und gewährleisten eine rechte 
musikalische und theoretische Vorbildung künftiger Kirchen- 
musiker. Kirche und Musiker haben allen Grund, für diese 
sicherlich segensreiche Neuerung dankbar zu sein. 

Vorläufig sind freilich weder die Gemeinden, noch die Be- 
werber um Organisten- und Chordirigentenstellen gesetzlich 
verpflichtet, die bestandene Prüfung als unerläßliche Vorbe- 
dingung für die Anstellung zu erachten; gleichwohl steht zu 
erwarten, daß die staatlich geprüften Bewerber bei Besetzung 



164 

der genannten Kirchenämter je länger desto mehr bevorzugt 
werden. Diese Entwicklung ist, nachdem die oben bezeich- 
nete Prüfungsordnung einmal in Kraft getreten ist, trotz 
mancher Bedenken nicht zu hemmen und in gewissen Hin- 
sichten r.nch wünschenswert: sie gibt den Studierenden klare 
Ziele und hebt den Stand; auch die Oemeinden haben gewisse 
Sicherheiten und bessere Anhalte bei der Wahl. 

Wie aber stehen die Blinden zu dieser Neuerung? Sie be- 
grüßen zunächst mit Freude, daß bei Besetzung von Orga- 
nisten- und Chordirigentenstellen das fachliche Wissen und 
Können der Bewerber mehr in den Vordergrund gerückt wird; 
denn hierdurch eröffnet sich ihnen die Möglichkeit, bei einem 
gerechten Wahlverfahren die Konkurrenz bestehen zu können. 
Es war oft schmerzlich für sie, erleben zu müssen, wie sehende 
Charlatane ernste Arbeit und meisterliches Können der 
Blinden beiseite drücken durften. Hierin wird durch allmäh- 
liche Einbürgerung der Forderung, daß jeder Bewerber die 
vorgeschriebene Prüfung abgelegt habe, denn doch einige 
Besserung zu erhoffen sein. Vorbedingung ist natürlich, daß 
der Blinde die Prüfung machen kann und darf. Ueber diesen 
wichtigen Punkt bestanden berechtigte Zweifel, und zwar 
nicht etwa wegen der verlangten Kenntnisse und Fertigkeiten, 
sondern lediglich deswegen, weil die ganze Prüfung auf dem 
Lesen von Schwarzdruck basiert. Wie wir uns nun überzeugt 
liaben, liegt die Absicht, Blinde von der Prüfung auszuschalten, 
durchaus nicht vor; sie sind bei Aufstellung der Prüfungs- 
bedingungen nur versehentlich vergessen worden, was ihnen 
leider oft begegnet. 

Nach Bekanntgabe der Prüfungsordnung für Organisten 
und Chordirigenten wurden blinde Berliner Organisten — hier 
sind z. Z. 12 im Kirchendienste tätig, 4 von ihnen auch als 
Chordirigenten — bei den Behörden vorstellig, um die ent- 
sprechende Aenderung der Prüfungsordnung zu erbitten. Sie 
fanden durchaus wohlwollendes Entgegenkommen. Eine aus- 
drückliche Aenderung ist zwar nach der Antwort des Herrn 
Kultusministers nicht zu erreichen; doch sagt der herzvoll ge- 
faßte Bescheid des Kgl. Konsistoriums dazu: 

„Die Antw^ort des Herrn Ministers geht, wie uns mitge- 
teilt worden ist, dahin, daß zwar von einer Aenderung der 
Prüfungsordnung mit Rücksicht auf blinde Musiker abgesehen 
werden müsse. 

Es sei aber nicht etwa beabsichtigt, blinden Bewerbern 
die Zulassung zur Prüfung oder deren Ablegung zu erschwe- 
ren, vielmehr sollen für blinde Bewerber von Fall zu Fall die 
im übrigen geltenden Prüfungsbestim.mungen unter Berück- 
sichtigung der besonderen Verhältnisse Blinder entsprechend 
angewendet werden, wobei wohlwollende Beurteilung seitens 
aller beteiligten Stellen zu erwarten sein werde." 

Erfreulicherweise ist also den Blinden die Zulassung zur 
Prüfung nicht versagt, auch setzen die obersten Behörden bei 



_ tÜ5 

den Mitgliedern der i^rüfungskommission wolilwollende Hand- 
liabiing der Ik^stiniimingeii der Prüfiingsordiiiiiig voraus, wenn 
I^iinde in die l^rüfung eintreten. Mit warnieni Dank sei diese 
erfreuliche Mitteilung an dieser Stelle zur allgemeinen Kenntnis 
gebracht. 

Es ist eine eigene Fügung, daß schwere Kriegszeiten den 
Blinden oftmals vorwcärts helfen mußten: Als eine Folge der 
Kreuzzüge entstand 126Ü die erste Versorgungs-Anstalt für 
Blinde in Paris. 1791, also in der Zeit der französischen Revo- 
lution, wurde Valentin Häuy's Blindenanstalt in Paris ver- 
staatlicht. Das dunkle Jahr 1806 zeitigte die Kgl. Blinden- 
anstalt zu Berlin — jetzt Steglitz. Nach den Freiheitskriegen 
gründete man allein in Preußen 5 Kriegsblinden-Anstalten. 

In dem gegenwärtigen Kriege, wo wieder zahlreiche 
Männer erblindet aus dem Felde zurückkehren, fühlt die Allge- 
meinheit die Pflicht, diese Helden nicht bloß vom Wohlwollen 
ihrer Mitmenschen abhängen zu lassen, sondern sie mit Rechten 
auszustatten. Hoffen wir, daß die Behörden auch aus dem 
gleichen Beweggrunde sich der blinden Musiker annehmen und 
bald die erbetene Rechtsgrundlage schaffen werden, von 
Vv'elcher aus die Blinden in die Staatsprüfung für Organisten 
und Chordirigenten eintreten dürfen. 

In ihrem ohnehin schweren Leben hängen die Blinden tat- 
sächlich schon reichlich von dem „Wohlwollen" ihrer Mit- 
menschen ab und leiden hierbei oft genug unter taktloser 
Uebung der Barmherzigkeit. Es ist daher wohl verständlich, 
daß sie es mit aufrichtigem Dank begrüßen, wenn ihnen den 
zu übernehmenden Pflichten entsprechend auch entsprechend 
gleiche Rechte mit den Sehenden, — nicht Vorrechte — 
gewährt werden. 

Berlin, im Juni 1915. Franz Tiebach. 



Eröffnung eines Berliner Blindenheims. 

Für die Aermsten der Armen, die Bedauernswertesten 
unter den Opfern des Weltkrieges, für die blinden Krieger, 
ist im stillen ein Werk der Fürsorge und des tatkräftigen Mit- 
leids geschaffen worden, ein Blindenheim, das Dienstag nach- 
mittag mit einer bescheidenen Einweihungsfeier seiner Be- 
stimmung übergeben wurde. Ganz aus privater Initiative ist 
dieses Blindenheim entstanden: ein Komitee werktätiger 
Damen, deren Ehrenvorsitzende Prinzessin August Wilhelm 
und deren mit nimmer ermüdendem Eifer arbeitende Leiterin 
Frau V. Ihne ist, hat die große Liebesarbeit geleistet, und in dem 
reichen Kranze wohltätiger Institute der Reichshauptstadt wird 
dieses Heim einen hervorragenden Platz einnehmen. 

Das neue Blindenheim befindet sich an der Bellevue- 
straße. Ein ganzes Haus, Herrn v. Winterfeld gehörig, ist für 
das Liebeswerk zur Verfügung gestellt worden. In drei Stock- 



166 

werken sind zahlreiche Räume verteilt, alle neu hergerichtet, 
neu tapeziert, neu gestrichen, die Fußböden mit Linoleum und 
Teppichen belegt, alle Zimmer behaglich eingerichtet und mit 
allen Bequemlichkeiten ausgestattet. Die gesamte Einrichtung 
wurde ausschließlich durch Liebesgaben beschafft. Und die 
unerschöpfliche Opferwilligkeit der Berliner Bevölkerung er- 
wies sich auch hier wieder in zahlreichen rührenden Beispielen. 
So brachte ein armes Mütterchen einen bequemen Lehnstuhl — 
ihr Mann hatte ihn bis zu seiner Sterbestunde benutzt, er war 
das Kostbarste, das sie besaß. Eine andere brachte ein Pfund 
Kaffee und entschuldigte sich, daß sie nicht reichere Qabe ver- 
möchte. So kam mit großen und kleinen Qaben eine wirklich 
reichliche Einrichtung zustande. Besonders stark vertreten 
sind Musikinstrumente aller Art; denn die Blinden sollen so viel 
als möglich musizieren, und Frau v. Ihne hofft, mit der Zeit 
ein vollständiges Orchester aus ihren Schutzbefohlenen bilden 
zu können. Neben mehreren Klavieren, Flügeln und Pianinos, 
sind Geigen, Cellos, Flöten, Oboen und Klarinetten, und was es 
sonst noch gibt, vorhanden, und die Blinden können wählen, 
welches Instrument sie erlernen wollen. Schon ist auch für die 
nötigen Lehrkräfte Sorge getragen. Außerdem können die 
Blinden auch Handfertigkeiten anderer Art erlernen, aus denen 
sich ein neuer Lebensberuf zimmern läßt — Maschinen- 
schreiben zum Beispiel oder Massieren, Korbflechten und 
Bürstenbinden und anderes mehr. An alles ist gedacht, alle 
Möglichkeiten in Erwägung gezogen, für alles vorgesorgt 
worden. 

Zwischen den Arbeits- und Lehrstunden, vor- und nachher, 
nimmt ein prächtiger, von alten Tchattenbäumen überdachter 
Garten die Pfleglinge auf. Hier sind Sitz- und Ruhegelegen- 
heiten aller Art, hier werden den Blinden Erfrischungen kre- 
denzt und hier können sie auch mit ihren Familien, mit Frau 
und Kindern zusammen sein. Völlig zwanglos soll es hier zu- 
gehen, jeder kann das Leben leben, wie es ihm behagt, und die 
Stunden der Erholung nach eigenem Gefallen auskosten. Das 
will uns als ein besonderer Vorzug dieses Heims bedünken, daß 
den wackeren Kriegern, die ihr Kostbarstes dem Vaterlande 
geopfert, Gelegenheit geboten ist, ihre Frauen und Kinder neben 
sich zu wissen. Ein Kraftomnibus und Autos des Roten Kreuzes 
bringen die Blinden nach der Bellevuestraße und holen sie dort 
wieder ab. Rote Kreuz-Schwestern unter Leitung einer Ober- 
schwester sorgen in sachgemäßer Weise für die Pfleglinge, be- 
wachen jeden ihrer Schritte, reichen ihnen den erquickenden 
Trank, führen und unterrichten sie. 

Zur Einweihung war Prinzessin August Wilhelm ge- 
kommen. Von Frau v. Ihne enn^fangen, weilte die Prinzessin 
längere Zeit im Kreise der Blinden, sprach mit jedem Einzelnen 
und beschenkte jeden mit Blumen. Musikalische Vorträge 
rahmten die bescheidene Feier ein. 

(Aus öer „Königsberger Hartung'schen Zeitung" vom 8. 7. 1915.) 



167 

Oeschichtstafel 
des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens. 

(Fortsetzung.) 

1845 

Gründuii^ des mälirisch-schlesischen Blinden-Insti- 
tuts in Brunn. 

In der ]S25 gegründeten Blindenanstalt zu Pest 
(Budapest-Ungarn), in der so lange die Unterrichtssprache 
die deutsche und die ungarische gewesen waren, wurde 
von 1845 ab ausschließlich die ungarische Sprache als 
Lehrsprache zugelassen. Es wurde deshalb der deutsche 
Lehrer und Leiter der Anstalt, Dolezalek, entlassen und 
der Ordenspriester Joh. Halvanyi mit der Leitung der 
Anstalt betraut, der das Amt bis zu seinem Tode, 1864 
verwaltete. 

Das 1824 gegründete Blindeninstitut in Linz (Ober- 
österreich) schaffte die bisher verwendeten sehenden 
Lehrkräfte ab und bediente sich seit 1845 nur blinder 
Fachlehrer. 

Direktor Hirzel in Lausanne (vergl. 1844) erfand 
eine Schreibmaschine zur Erzeugung von Hochdruck. 

1. 5. In Raleigh (North Carolina N. A.) wurde eine Anstalt für 
Taubstumme und Blmde — Institution for the Deaf and 
Dumb and the Blind — gegründet. 

Auf Anregung des preußischen Kultusministeriums 
wurde in der Provinz Pommern durch Anfragen bei den 
geistlichen Herren festgestellt, daß im Regierungsbezirk 
Stettin 21 blinde Kinder vorhanden waren, darunter 19 
bildungsfähige. Von diesen besuchten 17 mit — in den Be- 
richten fast durchgängig gerühmtem — Erfolg die Volks- 
schule, eines besuchte das Gymnasium und eines wurde 
von den Eltern unterrichtet. Von den pommerschen Be- 
hörden wurde deshalb das Bedürfnis für die Gründung 
einer Blindenanstalt in der Provinz nicht anerkannt. 

Der Zweck der Beschäftigungsanstalt neben de\ 
B'iinden-Unterrichtsanstalt in Frankfurt a. M. war, den 
Blinden durch Arbeit ihre Existenz zu sichern, sie geistig 
fortzubilden und ältere Blinde zu beschäftigen. Gelehrt 
wurden: Verfertigung von Salband- (Eggen-)schuhen, 
Weiden-, Stroh-, Rohr-, Leder- und Drahtgeflechten und 
weibliche Handarbeiten. Während der Arbeit sollten zur 
Belehrung und Erheiterung passende Schriften vorgelesen 
werden. Für Wohnung, Kost, Kleidung und sonstige Be- 
dürfnisse mußten die Zöglinge der Beschäftigungsanstall 
oder ihre Eltern selbst sorgen. Der Arbeitsverdienst 
wurde nach Abzug der Materialkosten den Blinden in 
ganzer Höhe gut geschrieben. 



168 
1846 

Von J. Ouadet in Paris erscliicn: Les aveugles mu- 
siciens. Paris 1846. 

In dem k. 1\. ßlindeii-Institut in Wien wurde für Blinde 
in Antiqua gedruckt: Evangelien. 4 Teile. 
Naturgeschichte: Das Tierreich, 

Das Pflanzen- oder Ciewächsreicli. 

Der 1844 begonnene Neubau für die niährisch-schlesi- 
sche Blindenanstalt in Brunn wurde vollendet und be- 
zogen, aber erst am 18. 10. 1847 eröffnet. Zum Vorstehei 
derselben wurde der (jründer der dortigen Privat-Blinden- 
anstalt, der Blinde Rapliael Beitl (vergl. 18,IS) ernannt, 
der die Stelle aber 1852 aufgab und nach Wien über- 
siedelte. 

Die 1824 gegründete Blindenanstalt in Linz (Ober- 
österreicb) konnte Dank den Bemühungen seines Leiters, 
des Domvikar Peter Westermayr, ein größeres Gebäude 
erwerben und beziehen. 

In Oesterreich wurde ein Gesetz erlassen, nach 
welchem blinde Kinder, die nicht in einem besonderen 
Erziehungs-Institut untergebracht sind, den Kommunal- 
Elementarschulen überwiesen werden sollen. 

Gustav Reinhard (* 6. 10. 1822 t 13. 9. 1879) wurde 
als Lehrer an die Blindenanstalt in Dresden berufen. 

In Freiburg (Großherzogtum Baden) wurde ein Ver- 
ein zur Errichtung einer Beschäftigungs- und Ver- 
sorgungsanstalt für erwachsene Blinde gegründet, 
welchem sich die dortige Blindenanstalt nicht anschloß. 

C. F. E. Flemming, Direktor der Blindenanstalt in 
Hannover, gründete zur Unterstützung der aus der dor- 
tigen Anstalt entlassenen Blinden einen „Fonds der Ent- 
lassenen". 
28. 2. In Königsberg (Provinz Preußen) bildet sich der „Preu- 
ßische Provinzial-Verein für Blindenunterricht" mit dem 
Zweck, dortselbst eine Blinden-Unterrichtsanstalt zu 
gründen und zu unterhalten. Die äußere Anregung zu 
dieser Gründung gab der blinde Flötenvirtuose Friebe, 
der aus Breslau nach Königsberg gekommen war. 

6. 4. Die 1835 gegründete höhere Blindenanstalt von Dr. Wolff 

und Dr. Jülich in Hamburg wurde mit der dortigen 
„Blindenanstalt von 1830" verschmolzen. 
20. 5. Die „Blindenanstalt von 1830" in Hamburg erhielt in der 
Minenstraße St. Georg ein neues eigenes Heim. 

7. 10. Der Preußische Provinzialverein für Blindenunterricht 

eröffnete in Königsberg in Preußen eine Blinden-Unter- 
richtsanstalt mit 18 Freistellen. 

Als erster Lehrer an der Blindenanstalt in Königsberg 
(Preußen) war 1846 — 1847 der blinde Musiklehrer .1. G. 
Friebe, ehemaliger Zögling der Blindenanstalt zu Breslau 
tätig. 



169 

1S46 

In der 1807 von P. A. [Borg .ojegründeten Anstalt in 
Manilla bei Stocl\liolni wurde die Blindenabteilung von 
der 'raubstuninienabteiiung getrennt und erliieit ein 
eigenes Haus. 

Gründung des IBIinden-Institutes in Birmingham 
(England). 

Der gewerbb'chc Unterricht in der Biinden-Unter- 
richtsanstalt zu Königsberg i. Pr. umfaßte 

für männhche Zöglinge: Stroh- und Binsenarbeiten 
(Matten, Fußdecken, Bienenkörbe); Fußdecken und 
Feuerlöscheinier aus Tauwerk; Ausflcchtcn von Rohr- 
stuhlsitzen; Fußdecken und Schuhe aus Kggen (Tuch- 
leisten); Drahtarbeiten; Anfertigung von Holzpantof- 
feln; Knüpfen von Taschen aus Bindfaden; Korbmacherei 
Für weibliche Zöglinge: Spinnen, Stricken, Knüpfen und 
Nähen. 
Den gewerblichen Lehrlingen wurde ein Teil des Ar- 
beitsverdienstes der von ihnen geleisteten Arbeit be- 
rechnet und für sie bis zu ihrem Ausscheiden aus der An- 
stalt auf der Sparkasse zinsbar angelegt. 
1847 

Es erschien die Schrift von J. W. Klein in Wien: 
Gymnastik für Blinde. Wien 1847. 

Im k. k. Blinden-Institut in Wien wurde für Blinde in 
Antiqua gedruckt: Naturgeschichte des Menschen. 

In für Blinde tastbarer Schrift erschien: A. J. Dole- 
zalek. Immerwährender Kalender für Blinde. Wien, k. k. 
Hof- und Staatsdruckerei. 1847. 

Der Arzt Dr. Alex. Ludw. Paul Blanchet (* 1819 
t 1867) gründete in Paris einen Verein zur Hilfeleistung, 
Unterstützung und Belehrung der Taubstummen und 
Blinden in Frankreich. 

Von dem ehemaligen Schüler Zeune's, dem blinden 
Gustav Freudenberg, der als Privatlehrer in Berlin lebte, 
erschien die Schrift: Zur Klärung des Urteils über Blinde. 

Joh. Gottfried Hientzsch (* 4. 8. 1787 t 1. 7. 1856) 
wirkte von 1847 — 1856 als Direktor der Königl. Blinden- 
anstalt in Berlin, als Nachfolger Professor Zeune's. 

Saintard in Frankreich erfand eine Blinden-Schreib- 
maschine zur Herstellung farbiger Flachschrift. 

15. 3. Eröffnung der von Vincke'schen Provinzial-Blinden- 
anstalt zu Soest (Westfalen). Dem Beschlüsse der Pro- 
vinzialstände vom 13. 3. 1845 gemäß wurde in Soest eine 
Anstalt für evangelische Blinde eingerichtet, während die 
seit 1842 als Privatanstalt in Paderborn bestehende Blin- 
denanstalt als katholische Abteilung von der Provinzial- 
verwaltung übernommen wurde. 



170 

1847 

Dr. Wilmers war von 1847 — 1857 als Lehrer und 
Direktor der neu gegründeten Provinzial-Blindenanstalt 
in Soest (Westfalen) tätig. 

Lehrer Born (t 30. 7. 1872) wirkte von 1847—1872 
als Leiter der Blinden-Unterrichtsanstalt in Königsberg 
(Preußen). 

Direktor Hirzel-Lausanne veröffentlichte die Schrift: 
Notice sur deux jeunes aveugles sourds-muets. (Laura 
Bridgnian und Eduard Meyster.) 
1. 5. Der blinde Thomas Zakreis (* 7. 11. 1816 t 1870), ehe- 
maliger Zögling des k. k. Blinden-Instituts in Wien, trat 
aus der Versorgungs- und Bescliäftigungsanstalt in Wien 
aus und bildete mit 14 seiner blinden Genossen eine Musik- 
kapelle, mit der er konzertierte. 

W. Moon in Brighton (England) gab eine „Monats- 
schrift für Blinde" heraus, die in der von ihm 1844 er- 
fundenen Schrift gedruckt war. 

In Brighton (England) wurde eine Gesellschaft zum 
Druck und zur Verbreitung der heiligen Schrift und 
anderer nützlicher Bücher in der Moon'schen Schrift 
unter dem Namen „Moon Society" gegründet. 

Gründung einer Blindenanstalt — Institute for the 
Education of the Blind — in Indianapolis (Indiana N. A.) 

Ehemalige Zöglinge der Kgl. Blindenanstalt zu 
Dresden erwarben das Meisterrecht in der Seilerei. 

1848 

12.5. starb J. W. Klein, der Gründer und Leiter des k. k. Blin- 
den-Institutes in Wien. 

Matthias Fohleutner (* 1796 t 16. 4. 1861), seit 1822 
Lehrer am k. k. Blinden - Erziehungs - Institut in Wien, 
wurde nach dem Tode J. W. Klein's zum Direktor der 
Anstalt ernannt, die er bis zu seinem Tode (1861) leitete. 

Im k. k. Blinden-Institut in Wien wurde für Blinde 
gedruckt: Namenbuch und erstes Lesebuch für blinde 
Kinder. Wien k. k. Schulbücherverlag 1848. 

Von dem blinden Privatlehrer Gustav Freudenberg 
in Berlin erschien die Schrift: Gründliche Hilfe für Blinde. 

7. 5. Die Blindenanstalt zu Freiburg (Großherzogtum Baden) 
eröffnete ein Asyl mit 8 Blinden. 

W. Moon in Brighton (England) fing an, mit Stereo- 
typplatten zu drucken und stellte in der Zeit von 1848 — 
1858 alle Teile der Bibel für Blinde her. 

In Montpellier (Frankreich) wurde eine Blindenan- 
stalt gegründet. 

Die 1846 als Privatanstalt gegründete Blindenanstalt 
in Birmingham (England) wurde als öffentliches Institut 
anerkannt. 



171 

1S48 

Per Blinde Samuel Bacon, ehemaliger Schüler des 
Ohio-Institutes, gründete in Jacksonville (Illinois N. A.) 
eine Privat-Blindenanstalt. 

Der Blinde Chr. Bernli. Schlüter, welcher seit 1827 
an der Akademie zu Münster habilitierte, wurde zum 
Extraordinarius ernannt. 

Die Dresdener Seilcrinnung verlangte, daß der 
dortigen Kgl. Blindenanstalt die Anfertigung und der Ver- 
kauf jeglicher Seilerware untersagt werde. 
1849 

Die Lehrer am National - Blinden - Institut in Paris 
gründeten einen Unterstützungsverein für die entlassenen 
Zöglinge unter dem Namen: „Oeuvre de Placernent et de 
Secours en faveur des eleves sortis de l'Institution des 
jeunes aveugles," 

Von .1. Quadet in Paris erschien die Schrift: L'institut 
des jeunes aveugles de Paris. Son histoire et ses procedes 
d'enseignement. Paris 1849. 

Der Blinde Foucault in Paris (vergl. 1839) erhielt einen 
Preis für die Erfindung eines sogenannten Schreib- 
(Buchdruck-) Klaviers. 

Laas d'Aguen in Paris (vergl. 1844) wandte die 
Stereotypie auf Braille's Punktdruck an. 

Der 1841 in Paris gegründete Unterstützungsverein 
für Blinde — Societe de Patronage et de Secours pour 
tous les aveugles de france — der seit 1846 in seiner Ent- 
wicklung zurückging, erholte sich unter der Direktion 
Morel. 

Im k. k. Blinden-Institut in Wien erschien in tastbarem 
Druck für Blinde: Wörterbuch gleich- und ähnlich lau- 
tender Wörter. 

J. Q. liientzsch, der 1847 zum Direktor der Königl. 
Blindenanstalt in Berlin ernannt war, trat sein Amt Ostern 
1849 an. 

Die im Jahre 1833 in Halle a. Saale gegründete 
Privat-Blindenanstalt wurde wegen vielfacher Mängel in 
ihrer Organisation aufgelöst. 

Job. Peter Schäfer (* 8. 5. 1813 t 26. 12. 1902) in 
Friedberg in Hessen faßte den Plan, dortselbst eine 
Blindenanstalt zu errichten, erließ einen Aufruf zur Mit- 
hilfe dabei und nahm nach Eingang der ersten Spenden 
am 8. 4. 1849 den ersten Blinden zur Erziehung auf. 

Es erschien: J. F. Richard, Qedenkblätter für die 
Freunde und Wohltäter der Blindenanstalt von 1830 in 
Hamburg. 

In Jacksonville (Illinois N. A.) wurde die 1848 von 
dem Blinden Samuel Bacon ins Leben gerufene Privat- 
Blindenanstalt unter dem Namen „Institution for the 
Education of the Blind" verstaatlicht. 



17^ 

1849 

Der Blinde Moritz Oröplcr, bisher Lehrer an det 
Privat-BHndenansalt in Halle a. S. wurde, als er sich 
dem preußischen Kultusministerium zur Verfügung stellte, 
angewiesen, sich in Stettin einen Wirkungskreis zu suchen, 
(vergl. 1845, 1850.) 

In der Blindenanstalt zu Frankfurt a. M. übernahm 
der Lehrer Jost, der so lange nur den Nachhilfe- und 
Sonderunterricht in einigen Stunden des Tages erteilt 
hatte (vergl. 1837), die Leitung der ganzen Anstalt, der 
Unterrichts- wie der Beschäftigungsabteilung. 
1850 

Direktor Dufau führte Braille's Punktschrift endgültig 
als Unterrichtsschrift im Nationalinstitut für junge Blinde 
in Paris ein und gab die Benutzung des Liniendruckes auf. 

Direktor Dufau in Paris ließ erscheinen: 
Des aveugles. (Preisgekrönte Abhandlung.) Paris 1850. 
Souvenirs et impressions d'une jeune aveugle-nee. 
Paris 1850. 

J. Quadet-Paris ließ im Druck erscheinen: L'institut 
des jeunes aveugles de Paris. Paris 1850. 

In den Jahren 1850 — 1855 wurden im k. k. Blinden- 
institut in Wien Versuche mit Schreibmasse für tastbare 
Blindenschrift gemacht und damit Bücher geschrieben. 

Im k. k. Blindeninstitut in Wien wurde in tastbarer 
Schrift für Blinde gedruckt: „Erklärung verschiedener 
Wörter nach ihren vielseitigen Bedeuiungen." 

Der Blinde Thomas Zakreis (vergl. 1847) unternahm 
mit seiner Kapelle von blinden Musikern eine Konzert- 
reise, die sich bis München erstreckte. 

Auf den schriftlichen Antrag des Oberlehrnvs 
Makowski aus Lemberg (Qalizien), der auf einer Infor- 
mationsreise die Taubstummen- und Blindenanstalt in 
Warschau besuchte, wurde die Blindenabteilung daselbst 
von der Taubstummenabteilung getrennt und eine selbst- 
ständige Blindenschule eingerichtet. 

Markus Makowski (* 14. 4. 1828 t 23. 1. 1893) begann, 
nachdem er sich auf den Blindenlehrerberuf vorbereitet 
hatte, mit der Ausführung des Planes, in Lemberg in 
Oalizien eine Blindenanstalt einzurichten. 

8. 4. Joh. Pet. Schäfer gründete seinem 1849 gefaßten Plane 
gemäß in Friedberg in Hessen eine Blindenanstalt und 
leitete sie bis 1894. 

Ernst Eduard Hebold (* 4. 3. 1819 t 11. 10. 1871) war 
von 1850—1858 als Lehrer an der Königl. Blindenanstalt 
in Berlin tätig. 

In der Provinzial-Blindenanstalt zu Düren (Rhein- 
provinz) wurde seit 1850 regelmäßig Turnunterricht 
erteilt. 



173 

1850 

Rob. Foulis beschrieb und empfahl in The practical 
mechanics Journal ein von ihm hergestelltes Rechenkissen 
für Blinde. 

Der Blinde HuRhes (vergl. IS4.^) in Manchester 
(Kn^land) erfand eine Schreibmaschine für Blinde, mit 
deren Hilfe farbige Flachschrift hergestellt werden kann. 

In Bath (England) wurde eine Schule für BHnde und 
Taubstumme gegründet. 

Gründung einer Blindenschule — School for the 
Blind — in Janesville (Wisconsin N. A.). 

18. 11. Her Blinde Anton Moritz Oröpler (* 3. 6 1818 t 14.1.1875) 
gründete, nachdem es ihm in einer Besprechung am 
11. 9. 1850 gelungen war, neun angesehene Bürger 
Stettins zu bewegen, den Vorstand seines Unternehmens 
zu bilden, in Stettin (Ponnnern) mit einem Gjährigen blin- 
den Knaben eine Blindenanstalt. 

1851 

Victor Narcisse Ballu (* 30. 7. 1829), Lehrer am 
National-Blindeninstitut in Paris, ließ die erste Platten- 
druckmaschine für Punktschrift herstellen. 

Claude Montal (vergl. 1834), ehemaliger Zögling des 
National-Blinden-Instituts in Paris, beschickte als Klavier- 
fabrikant die Weltausstellung in London unr^ wurde mit 
einem Preise gekrönt. 

J. Q. Hientzsch, Direktor an der Kgl. Blindenanstalt 
in Berlin, bemühte sich seit 1851 um die Gründung einer 
Beschäftigungs- und Versorgungsanstalt für erwachsene 
Männer. Er veröffentlichte die Schrift: „Ueber die Er- 
ziehung und den Unterricht der Blinden'', deren Ertrag 
er für die geplante Anstalt bestimmte. 

Von Dr. K. A. Georgi in Dresden erschien die Schrift: 
„Die Versorgung der Blinden im Königreich Sachsen." 
Dresden, R. Kuntze. 1851. 

J. F. Richard in Hamburg ließ erscheinen: „Gedenk- 
blätter für die Freunde und Wohltäter der Blindenanstalt 
von 1830 in Hamburg." 2. Auflage. Hamburg 1851. 
(Die 1. Auflage erschien 1849.) 

Die in den Jahren 1851/52 als interimistische Provin- 
zialvertretung berufenen Stände der preußischen Provinz 
Sachsen beantragten die Errichtung einer Provinzial- 
Blindenanstalt. 

30. 10. Die von J. P. Schäfer in Friedberg in Hessen 1850 ge- 
gründete Bhndenanstalt erhielt ein neues eigenes Haus 
und nahm es in Benutzung. 

1. 6. Gründung der Blindenanstalt zu Lemberg in Galizien. 

Markus Makowski (vergl. 1850) wirkte als Leiter der 
Blindenanstalt zu Lemberg in Galizien von 1851—1893. 



174 

1851 

W. Moon in Brighton (RiiRiaiid) vollendete den nruck 
des neuen Testamentes in seiner Sclirift. 

In Kngiand fand eine amtliclie Volkszählung statt, in 
der zum ersten Male die BHnaen gezählt wurden. 

Mademoiselle Jalicon (=^ 1820 t 1896), ehemals Zög- 
ling des National-Blindeninstituts in Paris, gründete in 
Clerrnont-Ferrand ein Blindeninstitut, das jetzt unter der 
Leitung der Schwestern vom hl. Yincenz de Paul steht. 

Gründung der Blindenschule — School for the Blind — 
in St. Louis (Missouri N. A.). 
1. 4. Die von dem Blinden A. M. Gröpler 1850 in Stettin er 
öffnete Blindenanstalt wurde in die Vorstadt Neutorncy 
bei Stettin verlegt; an ihr wurde ein sehender Hilfslehrer 
angestellt. 
1852 
6. 1. Louis Braille starb in Paris. 

Kanonikus Juge gründete eine religiöse Verbindung 
von blinden und sehenden weiblichen Personen — Soeurs 
aveugles de Saint Paul rue Denfert Rochereau in Paris, 
welche sich die Erziehung und den Unterricht blinder 
Mädchen zur Aufgabe machte. 

Gründung einer Blindenanstalt in Nancy (Frankreich). 

1. 10. Die von Direktor Hientzsch in Berlin seit 1851 geplante 
Beschäftigungs- und Versorgungsanstalt für erwachsene 
blinde Männer wurde in Berlin, Wilhelmstraße Nr. 4, 
eröffnet. 

Schwestern aus dem Diakonissenhause zu Kaisers- 
werth übernahmen die Oekonomie und den weiblichen 
Handarbeitsunterricht in der Blindenanstalt zu Soest 
(Westfalen). 



(?= 



■■^ 



Verschiedenes. 



J 



Kg. Herr Blindenlehrer Müller-Halle a. S., der als Unter- 
offizier (5. Kompagnie, 2. Bataillon, Res.-Ersatz-Regiment Nr. 2, 
?>3. Inf.-Division, 16. Armeekorps, 5. Armee, Frankreich) an den 
Kämpfen in den Argonnen, zuletzt bei der vielumstrittenen 
Vauquoi-Höhe, teilgenommen hat, wurde in den ersten Tagen 
des Juli durch das „Eiserne Kreuz 2. Klasse" ausgezeichnet. 
„Heil und Sieg" dem tapferen Kollegen! 

— „Die Blindenwelt", das Organ des „Reichsdeutschen 
Blindenverbandes", teilt in ihrer Juninummer mit, daß es dem 
Verwaltungsrat gelungen ist, in drei Orten geeignete Räumlich- 
keiten als Erholungsstätten für Kriegsblinde zu schaffen, und 
zwar in Sachsa im Harz, in Binz auf Rügen und auf Trems- 
büttel in Hostein. Die Erholungsstätte in Binz ist bereits am 
5. Juni mit 6 Kriegsblinden eröffnet worden. 



175 

— Die „Deutse Medizinische Wochenschrift" im Verlage 
von Georg TIiicmc-Leipzig, bringt in Nr. 25 ff. einen lesens- 
werten Aufsatz „über Kriegsblindenfürsorge" von Prof. Dr. 
Krückuiann, Direktor der Universitäts-Augenklinik in Berlin. 

— Aus Ostpreußen. Obwcjlil die Fürsorge für die Kriegs- 
beschädigten Sache des Reiches ist und auch von Reichs wegen 
ausgeübt werden wird, zunächst durch Heilung und dann durch 
(iewährung von Renten auf Grund des Reichsgesetzes vom 
31. Mai 19Ü6, wird es bei einem Teil der Kriegsbeschädigten 
doch noch einer besonderen Fürsorgetätigkeit bedürfen, um die 
Krwerbsfähigkeit wiederherzustellen oder zu bessern und Er- 
vverbsmöglichkeit zu verschaffen. Diese besondere^ ergän- 
zende Fürsorge für die Kriegsbeschädigten hat der Provinziai- 
Ausschuß der Provinz Ostpreußen durch seinen Beschluß vom 
19. Mai 1915, dem Vorgehen anderer Provinzen folgend, auf 
den Provinzialverband übernommen. Zu dieser ergänzenden 
Fürsorge gehören: gesundheitliche Maßnahmen, so weit die 
lieeres-Sanitätsverwaltung noch etwas zu tun übrig lassen 
sollte, Berufsberatung, Berufsausbildung und Arbeitsvermitte- 
lung. Zur Bewältigung dieser Aufgaben hat sich in Königsberg 
ein „Beratungsausschuß für Kriegsbeschädigten-Fürsorge in 
der Provinz Ostpreußen" gebildet, der durch seinen Arbeits- 
ausschuß die weiteren Organisationen schaffen und die erfor- 
derlichen Maßnahmen und Entscheidungen treffen wird. 

— Aus Krefeld. Unsere Mitbürgerin, das fast erblindete 
Fräulein H a n i k a, das jüngst in Wien das Examen als Kinder- 
gärtnerin ablegte, aber noch ohne Stellung ist, ließ sich die 
Bitte unseres Kronprinzen, seiner Armee durch Zuwendung 
nützlicher Wollsachen zu gedenken, nicht entgehen, helfend 
einzugreifen. Sie rief ihre Leidensgefährtinnen zusammen und 
strickte mit ihnen Pulswärmer, Stauchen, Binden und Spitzen. 
Im Kronprinzlichen Lager wurden diese Sachen dankbar auf- 
genommen und die Spender empfingen herzlichen Dank. Als 
erblindete Krieger nach Krefeld kamen, bot sie den blinden 
Soldaten mit ihren Genossen freundlichst die Hand und führte 
sie in die Blindenzirkel ein, wo sie Lesen und Schreiben, 
Musik und Arbeit erlernen. In ihren Mußestunden fand die 
Blinde noch Gelegenheit, sich in ihrer Dichtkunst zu üben. Sie 
sammelte ihre Gedichte über die Kriegsereignisse in einem 
Werkchen, das sie durch Vermittlung des Blindenvorstehers 
Rektors H. P a u ß dem Kronprinzen zusandte. Dieser ließ ihr 
^ür die Vorlage bestens danken. 

— Die Schleslsche Blinden-Unterrichtsanstalt in Breslau 
macht in ihrem Jahresbericht für 1914 ausführliche Mitteilungen 
über die Einwirkung des Krieges auf das Leben und den Betrieb 
in der Anstalt. Indem wir auf diese Mitteilungen des Berich- 
tes, der allen Blindenanstalten zugänglich ist, besonders auf- 
merksam machen, berichten wir hier kurz, daß von den Be- 
amten der Anstalten 8 Lehrer, 4 Werkmeister, der Anstaltsarzt, 
der Verwaltungssekretär und Rendant, der Bürogehülfe und 4 
Wärter zum Heeres- und Frontdienst einberufen sind. Das 



176 

neue Schuljahr konnte des Krieges wegen am 17. August 1914, 
wie ursprünglich festgesetzt, nicht beginnen; erst am 13. Okt. 
wurde der gesamte Betrieb, so gut es die fehlenden Lehrkräfte 
gestatteten, wieder aufgenommen. Die Werkstätten wurden 
von der Heeresverwaltung reichlich mit Aufträgen bedacht: 
die Beschaffung der erforderlichen Arbeits-Rohstoffe gestal- 
tete sich, wie überall, manchmal schwierig. Einzelne Räume 
der Anstalt mußten für Militärzwecke und zur Benutzung für 
eine städtische Volksschule abgegeben werden. Am 1. Juni 
d. Js. wurden die ersten beiden Kriegsblinden in die Anstalt 
eingeliefert, nachdem festgestellt worden war, daß die Anstalt 
30 und mehr Plätze für diesen Zweck zur Benutzung herrichten 
kann. Die Anstalt hat sich dem Ausschuß, der sich für die 
Provinz Schlesien in Breslau zum Zweck der Kriegsverletzten- 
Fürsorge gebildet hat, angeschlossen und ist in den Arbeits- 
ausschuß zur Durchführung dieser Fürsorge eingetreten. 

— Der Qroßherzog und die Frau Oroßherzogin von 
Mecklenburg-Schwerin luden vor einiger Zeit sämtliche Kriegs- 
verletzte der Schweriner Lazarette, die nicht ans Bett gefesselt 
waren, in das „Kriegerblindenheim der Oroß- 
herzogin von Oldenburg im Schloßgarten zu 
Schwerin" zu einer festlichen Kaffeetafel mit den Kriegs- 
blinden. Auch wurden die Kriegsblinden wiederholt allein und 
mit anderen Kriegsbeschädigten zusammen von der verwit- 
weten Oroßherzogin Marie und der Oroßherzogin von Olden- 
burg zu gleicher Feier nach dem Schlosse Rabensteinfeld bei 
Schwerin, dem Sommersitze der hohen Frauen, geladen. — Es 
haben bisher 4 Kriegsblinde Aufnahme in dem genannten 
„Kriegerblindenheim" gesucht und gefunden. 

— Allerhöchste Spende. Seine Königliche Hoheit der 
Oroßherzog hat dem Blindenheim Ihrer Königlichen Hoheit der 
Frau Oroßherzogin von Oldenburg in Schwerin die Summe 
von 20 000 Mark zugehen lassen, die Allerhöchstihm von dem 
Herrn Reichskanzler zur Verwendung für das genannte 
Blindenheim aus von Auslandsdeutschen für Kriegswohltätig- 
keitszwecke gesammelten Mitteln zur Verfügung gestellt 
worden ist. (Aus den „Mecklenburger Nachrichten".) 

Im Druck erschienen: 

34. Jahresbericht der Odilien-Blindenanstalt in Oraz für 1914, 
Bericht über die Wirksamkeit des Vereins zur Ausbildung von 

später Erblindeten in Wien im Jahre 1914. 
Rapport annuel pour l'annee 1914. Asile des aveugles ä 

Lausanne. 
90. Jahresbericht über die Wirksamkeit der Schlesischen 

Blinden-Unterrichtsanstalt in Breslau für 1914. 

Bericht des Ostschweizerischen Blinden-Fürsorge-Vereines 
über das Vereinsjahr 1914. 

Jahresbericht der niedcrösterr. Landes-Blindenanstalt in 
Purkersdorf bei Wien, für 1914/15^ 

Druck und Verlag der Hamel'schen Buchdruckerei u. Papierhandlung, Düren 



Abonnementspreis 
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Post bezoijen Mk. 5.60, 
öirekt unter Kreuzbanö im 
In'anöe Mk. 5.50, na* öe;n 
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Erscheint jährlidi 12mal, 

einen Dogen stark. 

Bei Anzeigen wirö öie 

gespaltene Petitzeile oöer 

Deren Raum mit 15 Pfg. 

berechnet. 



Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Oruan der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbildung. 

Gek'riindet und bis September 1898 herausgegeben von 
Itgl. Schulrat Wilhelm Mecker t. 
Furty;efiilirt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster, 
Mell-\\ ien und Zech-KöniKstlial. 
Hauptleiter für 1915 ist Schulrat Brandstaeter-Königsberg Pr., Bahnstr. 30. 

Ars pie'.dsque dabunt lucem 
caecique vicJebunt. 



Nr. 9. 



Düren, 15. September 1915. Jahrgang XXXV. 



Der Weltkrieg und die Blinden-Erziehung. 

(Lembcke-Neukloster i. M.) 

(Fortsetzung und Schluß.) 
Freilich einen inneren, einen sittlichen Wert erhält diese Dis- 
ziplin trotz aller äußeren Erfolge und Sicherheiten, die sie 
schafft, auch für die Blindenerziehung erst, wenn sie sich, wie 
sie es im Weltkriege aus begeisterter Vaterlandsliebe getan 
hat, darstellt als freie Selbstverleugnung, als ein Opfer des 
Willens aus Liebe zur Gemeinschaft, aus Hingebung an die 
Interessen des Ganzen. Gerade hierzu aber kann in unseren 
Anstalten der Weltkrieg wieder die wirksamsten und ergrei- 
fendsten Anregungen geben. 

Zum Erweise dessen will ich nur auf eins hinweisen, da 
wie kaum etwas anderes den Zöglingen unserer Anstalt, den 
Insassen unserer Heime Gelegenheit bot, die Kriegsarbeit der 
Selbstverleugnung, der freien Hingabe des Willens an sich 
selber darzustellen. Das ist die Brotkarte als die Waffe 
und Wehr, mit der jeder, auch die kriegsuntauglichen Blinden, 
groß und klein, wehrfähig und wehrtätig werden konnten, um 
das Vaterland vor dem Aushungerungsplan der bösen Eng- 
länder zu retten, um im harten Entbehren und stillen, heiligen 
Entsagen bis zum endlichen Siege das Durchhalten zu ermög- 
lichen. Wer da weiß, welch eine Rolle in Anstalten über- 
haupt, sonderlich in Blindenanstalten, die Beköstigung 
spielt, wie daran so oft zum größten Teil die Zufriedenheit 
der Zöglinge und der Heiminsassen, und zwar ganz erklärlich. 



17^ 

hängt — denn weil die Blindheit dem Blinden so viele Quellen 
sinnlicher Freuden verschlieiit, so ist es ganz natürlich, daß er 
doppelt zäh an den verbliebenen hängt — der kann auch er- 
messen, welch ein Opfer und ein Entsagen unseren Pflege- 
befohlenen die Brotkarte auflegt. Das zeigte sich be- 
sonders auch in der meiner Leitung unterstehenden Anstalt und 
ihren Heimen, als die vorher keinem Appetit eine Grenze zie- 
henden abendlichen Brotmengen und die beim ersten Früh- 
stück und beim Nachmittagskaffee gereichten Sennnein ganz 
fortfielen und die Mengen des dafür verabreicliten Brotes 
unter dem bisher gewohnten Maß blieben, als auch infolge 
der Schwierigkeiten, die sich dem Bezüge der Kartoffeln in 
einigen Wochen um den 1. April d. J. entgegenstellten, diese 
sorglich zugemessen werden muß, als dies alles sich nicht 
ausgleichen ließ, obwohl trotz der stetig steigenden Preise 
des Fettes und des Fleisches und anderer Lebensmittel diese 
unverkürzt gereicht, der Milchverbrauch erhöht und für Ersatz 
und größere Mannigfaltigkeit der Nahrungsmitteln durch Ver- 
bindungen mit der Zentral-Einkaufsgesellschaft zu Berlin und 
anderen auswärtigen Lieferanten gesorgt wurde und als in- 
folge dessen Gewicht und Kräfte vieler abnahmen, zumal der 
gewerbliche Betrieb zugleich in einigen Abteilungen und zeit- 
weise erhöhte Anforderungen an Kraft und Fleiß stellte. 
Es führten diese Heimsuchungen des Krieges denn auch 
im Kreise unserer Zöglinge und hisassen in der Tat 
zu allerlei Versuchungen zur Unzufriedenheit, zur zeit- 
weisen Herabstimmung der Freudigkeit des Lebens und 
Schaffens und zu Versuchen, sich durch Beurlaubungen, durch 
Gesuche um Verlängerung von Ferien usw. diesen Heim- 
suchungen zu entziehen. Ich hörte auch von anderen Blinden- 
anstalten her Klagen über Unwilligkeit und Mangel an Freudig- 
keit unter Zöglingen und Heiminsassen, diese Lasten des 
Krieges auf sich zu nehmen. 

Was wären die Leiter und Lehrer der Blindenanstalien 
diesen Notständen gegenüber wohl gewesen, wie hätten wir 
ihnen gegenüber immer wieder unsere Pflegebefohlenen zu 
Geduld und Stille, zu willigem Entsagen und heiliger Opfer- 
freudigkeit emporheben sollen, wenn nicht der Weltkrieg selber 
uns als der große Erzieher zur Seite getreten und uns die 
Exempel und Beispiele heiliger und stillei Entsagung und uner- 
schütterlicher Pflichterfüllung bei Iiartem Entbehren bis in Not 
und l\)d in den Reihen unserer opfermutigen, todestreuen 
Krieger an die Hand gegeben hätte, so daß wir nur darnach zu 
greifen und sie als leuchtende und ergreifende Vorbilder 
unseren Pflegebefohlenen vorzustellen brauchten. 

Ich habe diesen Weg der Läuterung und Stärkung stets 
probat erfunden, und es hat mich öfters bewegt, wie wenigstens 
die guten Elemente auf ihm sich immer wieder zu opfer- 
freudiger Selbstentsagung und williger Beugung unter die Last 
der Zeit zurückfanden und um so widerstandsfähiger gegen die 
Anfechtungen wurden, die von der Brotkarte als dem 



179 

Symbol der Wehrpfliv:lit unseres gesamten Volkes im wirt- 
schaftlichen Weitkrie^cc ausRingen, als sie sich der vaterlän- 
dischen Ikdeiitudg dieses Opfers immer mehr bewußt wurden 
und sich im Bewußtsein gegenwärtig hielten, das äußere Muß 
müsse zu einem freudigen Opfer selbstverleugnender Hingabe 
werden und damit zu einem Akt der eigenartigen Wehrpflicht, 
die das Vaterland gerade von ihnen fordert. Schließlich hat 
sich außerdem überdies gezeigt, daß die Ausübung dieser Wehr- 
pflicht auch gesundheitlich den Anstaltsinsassen doch gut bc- 
konmien ist, wenn es ihnen auch einige Pfunde Fleisch gekostet 
hat. Erst kürzlich erklärte mir der Anstaltsarzt, daß, wie all- 
gemein unserem Volke, so auch die Brotkarte unseren Zög- 
lingen gesundheitlich gut bekommen sei. Der Gesundheits- 
zustand sei durchgchends während dieser Kriegszeit hier wie 
dort ein vorzüglicher gewesen: ein Beweis mehr für die Wahr- 
fieit, daß des Leibes Wohlbefinden nicht allein bedingt ist durch 
das, was und wieviel er ißt, sondern zum mindesten ebenso 
seiir durch die Qemütsstimmung, die Essen und Trinken beglei- 
tet. Was kann diese aber mehr durchleuchten und erheben als 
die großen Gedanken des Gemeinsinns und der Vaterlands- 
liebe und der weihevolle Entschluß dazu, wenn es sein muß, 
allem zu entsagen und alles zu opfern. Das ist der Sonnen- 
schein geistig-sittlichen Lebens, so notwendig zu Gesundheit 
und Gedeihen des Leibes, wie die Sonne des Himmels für 
lachende Fluren und fruchttragende Felder. 

Und nun das in unvergleichlich großartigen Zügen im 
Zusammenwirken aller Institutionen unseres Volkslebens bei 
der Mobilisation und dem weiteren Gange des Krieges sich 
offenbarende Anpassungsvermögen und Zurücktreten 
je ier egoistischen A n m a ß 1 i c h k e i t und Sonderinter- 
esse nw i r t s c h a f t : welchen Wert haben sie für die Be- 
fruchtung und Zielsetzung der Blindenerziehung? Auch zur 
Beantwortung dieser Frage mögen Andeutungen genügen. 

Als der Krieg in den ersten Monaten einerseits den Ab- 
satz im gewerblichen Betriebe, hier besonders in der Bürsten- 
macherei und Korbmacherei, herabdrückte, und als er dann 
anderseits neue Aufgaben an diesen stellte, sei es mit Aufträgen 
in Geschoßkörben oder in Pferdestrohsohlen oder in Half- 
tern und anderen Seilereiartikeln, oder durch den eintreten- 
den Mangel an bisher verarbeitetem Material (Hanf, Rohr, 
I^ürstenmaterialien) dem Betriebe veränderte Richtungen und 
Aufgaben stellte, da hieß es für die Arbeiter und Lehrlinge, 
sich immer wieder neuen Arbeitsbedingungen, Methoden und 
Aufgaben anzupassen. Das trat hier besonders ein, als im 
Winter große Aufträge an Pferdesohlen vorlagen, als dann 
später der Hanf, sowohl der russische wie der italienische, 
immer mehr ausging und der Kolonialhanf sich zur Anferti- 
gung der erforderlichen Arbeiten als ungeeignet erwies und 
es nun galt, altes und neues Bindegarn zu verarbeiten, als end- 
lich die Korbmacherei meisterlos w^urde und die Anfänger dort 
der Lehranweisung entbehrten. Da mußten die meisten Ar- 



180 

heiter und Lehrlinge aller Betriebe, männliche und weibliche, 
monatelang, und noch in Ueberstunden, Pferdestrohsohlen 
herstellen, sämtliche Flechter und die der Anweisung in der 
Korbmacherei entbehrenden Lehrlinge sich der Vor- und Zu- 
bereitung alten Bindegarns widmen, das zu Strängen, Ernte- 
bindern und Qartenieinen verarbeitet weraen sollte, und man- 
cher üeselle der Seilerei mußte das Spinnen aufgeben und sich 
im Anscheren und Zusammenschlagen alten und neuen Ma- 
nilagarns üben. Da galt es immer und niciit bloß bei diesen 
Kriegsarbeiten, sondern auch bei Fortsetzung des gewohnten 
Betriebes, wie z. B. in der Bürstenmacherei beim Verarbeiten 
von allerlei Ersatzmaterial für das ausgegangene, gewohnte, 
erwählte, geläufig und lieb gewordene Arbeiten und deren 
Methoden aufzugeben und sich in neue Arbeitsaufgaben und 
-weisen hineinzufinden, Schwierigkeiten zu überwinden und 
Ungewohntes zu ertragen, was alles um so größere Willigkeit 
zum Anpassen und um so schwereren Verzicht auf Neigung 
und Vorliebe forderte, als damit nicht selten, wenigstens zu- 
nächst, solange durch neu zu erwerbende Uebung noch nicht 
die erforderliche Fertigkeit in den neuen Arbeiten gewonnen 
war, ein Rückgang im Verdienst verbunden war, ein Uebel- 
stand, dessen Ueberwindung erfahrungsmäßig bei unsern Ar- 
beitern und Arbeiterinnen besondere Selbstverleugnung und 
Anpassungswilligkeit zu fordern pflegt. Was Wunder, wenn 
man dann und wann ein Wort des Unmuts bei der ungewohn- 
ten Arbeit hörte, wie ich kürzlich aus dem Munde einer Sei- 
lerin, die mit der ungewohnten Arbeit des Anscherens von 
Manilagarn nicht gleich zurecht kommen konnte: „Hätte ich 
die alten Engländer hier, wahrlich, ich wollte sie ordentlich 
durchhauen!" Man kann und nmß das schon verstehen und ent- 
schuldigen, zumal wenn es so, mit einem guten Teil gesunden 
grimmigen Humors gewürzt, in der Erregung des Augenblicks 
herausgestoßen wird. Aber innnerhin muß alles, was die 
Kriegsnot auflegt, unsere Kinder auf eine höhere Stufe sitt- 
licher Lebensbetrachtung und Arbeitswertung führen auf jene 
Höhe der Anpassung und zu jenem Verzicht auf alles, was 
als persönliche Anmaßung erscheinen kann, die uns die 
deutsche Volkserhebung, die oben geschilderte, im Aufgeben 
aller Sonderinteressen und in der gemeinsamen Hingebung 
an die Forderungen einer entschlossenen, siegreichen Kriegs- 
führung beim Beginn und der Weiterführung des Krieges bis 
zu diesem Tage als selbstverständlich zeigte. Und es ist mir 
noch immer gelungen, mit dem Hinweise darauf, alle Unfreu- 
digkeit und alle Schwierigkeiten und Bedenken, die wohl bei 
der Ueberweisung ungewohnter, aber kriegsnötiger Aufgaben 
auftauchten, im Kreise unserer Zöglinge zu beseitigen, sodaß 
sie mit stiller und ernster Entschlossenheit und oft auch mit 
unverkennbarer Freudigkeit auch an das gingen, was die 
Kriegslage Ungewohntes und als Opfer gebot. 

Das so einige Beispiele und Fingerzeige, wie unsere Zög- 
linge und Heiminsassen durch unsere angemessene Behand- 



181 

liiiiii des Weltkrieges erzieherisch beeinflußt und zu dem inne- 
ren (lewinn, der darin liegt, gebracht werden können. Es 
konnnt aber für unsere Crziehertätigkeit darauf an, daß die so 
gelegentlich in der Kriegszeit geweckten ernsten und empfäng- 
lichen Seelenstinnnungen tiefer eindringende Einwirkungen 
auf Charakter und (leiniitsleben unserer Anstaltsinsassen 
zurücklassen, die auch auf die Dauer in der Zeit nach dem 
Kriege sich noch segensreich in deren Erziehung auswirken. 

Hazu hat F. W. Förster in seiner tiefgründigen Arbeit: 
„Neue Erzieherpflichten für unsere Zeit", die als erster grund- 
legender Teil in dem genannten Sammelwerke: „Der Welt- 
krieg im Unterrichte" erschienen ist, einen auch für uns be- 
achtenswerten Weg gezeigt. Er weist mit dem Tiefblick des 
Lebens- und Menschenkenners darauf hin, daß die große, 
sieghafte Disziplin unseres Volkes in Waffen nicht mit Gewalt 
\'on oben und auf Kasernenhöfen allein geschaffen ist. Nein, daß 
darin vielmehr die im Verborgenen mit vollkommener Zuver- 
lässigkeit geleistete, treue, ganze Arbeit der deutschen Volks- 
erziehung ans Licht getreten ist. Sorgen wir darum dafür, daß 
auch fürder wie bisher unsere Blindenerziehung ihren Anteil 
daran habe, indem wir immer wieder unseren Blinden die An- 
staltsordnungen lUid die disziplinarischen Forderungen an sie 
vom großen Gesichtskreis des Krieges aus beleuchten, ihnen 
klar machen, wie auch jede Selbstzucht in ihren Reihen ein 
Beitrag zur weltüberwindenden Stärke unseres Volkes ist und 
iede Treue im Kleinen, von ihnen in lane^jährieer Ausübung 
betätigt, auch sie einreiht in die unüberwindliche Armee unserer 
Vaterlandsverteidiger. 

Nun sind noch einige Eigenarten des Blinden und die Form, 
unter der sich seine Erziehung in der Anstalt vollzieht, zu be- 
rücksichtieen. v.-enn die erzieherische Bedeutnner des Welt- 
krieges für das BÜndenw^esen noch etwTiS vollständige' dar- 
gestellt werden soll. 

Es ist uns eine geläufige nicht abzuweisende Erfahrungs- 
tatsache, die sich auch psyt^holoe'isch erklären läßt, daß der 
Blinde in hervortretendem Maße Phantasie mensch ist, 
Hieraus können bei einer gedankenlosen oder unvorsichtigen 
Behandlune und Vermittlung der Kriegs nach* 
richten an ihn Gefahren entstehen. Auf die Notwendigkeit 
und den Weg, diese zu vermeiden, soll hier noch hingewn'esen 
werden. 

Ist es schon überhauot schwer, der Jugend ein richtiges 
Bild vom Krieg*?leben zu vermitteln, so daß sie den Krieg in 
seiner w^ahren Gestalt miterlebt, so ist es dopnelt schwer 
bei Blinden. Bei der lebhaften Phantasietätigkeit dieser 
drohen hierbei die Gefahren zweier Abw^eee. — Teilt man nur 
die Erfolge, den Sieeeslauf unserer Waffen, die Lichtseiten des 
Krieges mit. so entsteht durch die Lebhaftiekeit der Phantasie 
erfahrunc^smnßicr leiVbf ein Kriecrs- und Erfole-Enthusiasmus, 
der sich in einem leichtfertic^en Ffinweejubeln über das namen- 
lose Elend des Krieges Luft zu machen pflegt und die Gefahr 



182 

in sich birgt, Qedankeii- und Herzlosigkeit groß zu ziehen, die 
sich in Geringschätzung und Verachtung des Feindes zeigen. 
Legt man dagegen bei den Kriegsbericliten den Ton auf die 
Nachtseiten des Krieges, auf die Schilderung der Vorgänge auf 
dem Schlachtfelde: des gegenseitigen Mordens, der Bajonett- 
angriffe, der Massentötungen durch Explosivstoffe und der 
zerstörten Städte und Dörfer und verwüsteten Felder und 
Fluren der besetzten Gebiete des feindlichen Landes, so droht 
um so mehr, weil eben zugleich die Korrektur durch das Fr- 
leben der Wirklichkeit fehlt, die Gefahr, daß in der regen 
Phantasie des Blinden ein grauenvolles Kehrbild des Krieges 
entsteht, das leicht zu krankhaften seelischen Bedrückungen 
und Beklemmungen oder — was noch schlimmer ist -- zu 
jener abschreckenden Psychose führen kann, die eine Art 
Wollust in der Beschäftigung mit den grauenhaften Vorgängen 
des Schlachtfeldes und der Kriegsereignisse findet. — Wer je 
Geschichtsunterricht an Blinden erteilt hat, der wird erfahren 
haben, wie nichts mehr ihre Gemüter entzündet, ihr Interesse 
fesselt, ihre Begeisterung entflammet als die eingehende Dar- 
stellung der furienhaften Natur des Krieges. Je mehr Feinde 
umkommen, je blutiger sich das Kriegshandwerk vollzieht, je 
schauerlicher die Kriegsgreuel auftreten, je größer ist die 
Spannung, mit um so leidenschaftlicherer Ausdauer hängen 
die Hörer am Munde des Lehrers, um so größer aber ist auch 
die Gefahr einer Störung der seelischen Gesundheit und einer 
Verwirrung des sittlichen Urteils. 

Es handelt sich also bei der Uebermittlung der Kriegsnach- 
richten an unsere Blinden darum, beide Wege zu vermeiden. 

Dies geschieht nach meiner Erfahrung am geeignetsten 
dadurch, daß man bei den Siegesmeldungen nicht vergißt, 
durch Hinweis auf die Wunden, die auch der glänzendste Sieg 
schlägt, den Jubelton der Freude zu dämnfen und einen Ton 
weichen, warmen Mitempfindens, auch mit dem. ge- 
schlagenen Feinde, in die stolze Siegesfreude zu tragen; auch 
dadurch, daß Mißerfolge nicht verschwiegen werden und so 
die ganze Berichterstattung auf eine sachliche, ethisch ver- 
antwortliche Grundlage gestellt und somit bei aller Berück- 
sichtigung und Pflege patriotisch-deutschen Empfindens doch 
der pädagogische Gehalt der Berichterstattung gewahrt bleibt 
Am sichersten wird eine Verfehlung in dieser Richtung ver- 
mieden werden, wenn mitgeteilte Kriegsberichte nach dem 
Absingen patriotischer Lieder in religiöse Lobgesänge und 
Dankgebete ausklingen und damit etwas wie Weihnachts- 
stimmung in die Sieeesfreude getragen wird. 

Einen weiteren Fingerzeig für die Auswertung des W^elt- 
krieges in blindenpädagogischer Richtung gibt uns die Ueber- 
legung. daß sich die Erziehung der Blinden 
meist in der Form der Gemeinschaft vollzieht. 
Hierin ist eine weitere Gefahr bei der Ueberlieferung von 
Siegesnachrichten für die Erziehung unserer Zöglinge ge- 
geben, auf die wir hingelenkt werden, weil wir uns der Wahr- 



183 

licit des Wortes niclit entziehen können, das aus früherer 
Lektüre irgendwo bei mir haften ^ehlieben ist: „Wenn Men- 
schen in zahlreicher Men^e beisammen sind, so werden sie 
weit leichter und eher gerührt." Wo wäre das mehr der Fall 
als in Ansprachen bei Siegesfeiern? Wo hätte der Redner 
mehr die Seelen seiner Hörer in seiner Hand und Gewalt als 
hierbei? Wo wäre darum aber auch die Versuchung gr()Ber 
und wirksamer, den Stolz und die Ueberhebung des Siegers 
triunu^hierend in die wie Wachs empfängliciien, unter der Be- 
geisterung der Stunde und unter der Suggestion der Masse 
stehenden Gemüter zu tragen? Das ist doch offenbar die 
große Gefahr solcher Siegesfeiern in größeren Gemeinschaften, 
daß sie die an sich berechtigten Gefühle edlen Stolzes und 
dankbarer Freude beim Sieger leicht in Aeußerungen des 
Hasses, der Ueberhebung und Schadenfreude am Unglück des 
Feindes ausarten lassen. Wer besonders in den ersten Sturm- 
wochen unvergleichlicher Siegeserfolge unserer Waffen in 
diesem Kriege Siegesfeiern in großen Gemeinschaften mitge- 
macht hat, der wird selbst dort, wo sie den Charakter kirch- 
licher Feier tragen sollten, es erlebt haben, daß Ausbrüche von 
Zornmütigkeit und Feindesverachtung, wie: „Jedem Ruß ein 
Schuß! — 'sdem Franzos ein Stoß! — jedem. Britt ein Tritt!", 
die bei dem Mami in Wehr und Waffen, der im Begriff und 
entschlossen war, sich selbst ganz und gar dafür einzusetzen, 
noch verständlich waren, in die Massen geschleudert wurden, 
wo sie nichts anderes als das Gegenteil von dem bewirken 
konnten, was durch die Feier erreicht werden sollte: Weihe, 
Läuterung und Erhebung der Siegesstimmung zu Dank gegen 
Gott und die Helden unseres Volkes und zu Entschlüssen 
heiliger O.pferwilligkeit, Vv^o die herrlichsten Sturmlieder 
natriotischer Begeisterung, wie „Deutschland, Deutschland 
über alles", „Es braust ein Ruf w^'e Donnerhall" u. a. schließ- 
lich durch immerwährende Wiederholung wie abgedroschen 
klangen und dadurch um ihre Kraft und Wirkung kamen. 

Welch einen ergreifenden Eindruck macht es dem gegen- 
über, welche WegwTisung für rechte Siegesfeiern liegt darin, 
wenn der Patriarch auf dem Thron, König Wilhelm L, der 
Siegreiche, nach dem Kriege von 1866 schrieb: „Der Feld- 
zug war kurz, aber glorreich, so wie niemand es zu hoffen 
gewagt. Das war nicht unser Verdienst, sondern Gottes Bei- 
stand. Darum nicht Uebermut und Ueberhebung, sondern 
Demut. Sein w^ar das Werk, ihm sei die Ehre!" oder der Patri- 
arch unter den Geistesfürsten der Gegenwart, Dr. Peter Ro- 
segger, im „Daheim" „Des Sieges sicher" schreibt: „Mir ist 
auch nicht behaglich, wenn Einzelsiege allzu übermütig ausge- 
schrion w^erden. „Das Schicksal hats nicht gern, wenn man ihm 
den Jubel vorweg nimmt." „Das Schicksal hats nicht gern!" 
Das war auch das Gefühl, das schon die Seele der klassischen 
Völker mit der Gewalt religiösen Empfindens als tiefe Scheu 
vor Siegesjubel und Triumtihgesängen erfüllte: „Mir grauet 
vor der Götter Neide!". Das Christentum hat dies Gefühl 



184 

eines auf Sie^csiiberliebun^ ruliendcn verborgenen Fluches 
noch \'ertieft durch die der Schriftlehre und christlichen 
Lebenserfahrung]: entsprechende Ahnung, daß weltlicher Erfolg 
oft eher eine Heimsuchung als ein Segen Gottes bedeutet. 

Damit ist jeder Siegesfeier, der der pädagogische Qehalt 
gewahrt werden soll, vor allem auch der Siegesfeier im Ge- 
meinschaftsleben einer Blindenanstalt der Weg und die Weise 
gewiesen. 

Sie muß sich in jener Bescheidenheit und Stille im Reden 
und im Handeln vollziehen, der man etwas anmerkt von 
der heiligen Ehrfurcht vor dem unerforschlichen Ratschlüsse 
Gottes wie vor dem Unglück des Feindes, mit jener Rück- 
sichtnahme und Schonung, die auch im freudigstolzen Be- 
wußtsein des Erfolges das soziale Empfinden mit der Not des 
Besiegten nicht untergehen läßt, als eine Siegesfeier, in der 
wir Gottes Stunde schlagen hören, die uns mahnen will, wie 
zum Danke gegen den Himmel und zum begeisterten Ver- 
künden vorbildlicher Züge aus dem Heroismus des Kriegs- 
lebens, so zu ernster Selbstprüfung und zu bescheidenem Ver- 
zicht auf nationales Selbstlob, zu ritterlicher Großmut gegen- 
über dem Besiegten und in und mit dem allen zu der richtigen 
sittlichen Stellung zum Erfolge, daß die Siegesfeier nicht zu 
einem schnell verfliegenden Siegesrausche, sondern zu einem 
Akt der Anstalts-Erziehung von bleibendem Werte werde. 

Wir gedenken dann weiter daran, üais die ßlinden- 
erziehung ihrem Ursprünge und ihrer Idee nach in der 
Humanität wurzelt, charitativen Charakters ist und 
in der Bekämpfung eines schweren Leidens einem hohen 
Kulturinteresse dient. Hierin berührt sie sich mit der 
Aufgabe, die letzten Endes jeder Krieg den kämpfenden Par- 
teien stellt, den Siegern wie den Besiegten: Die Leidenschaft, 
die in der Stunde des Krieges regiert, beim Friedensschluß 
zum Schweigen zu bringen, wo es sich um die große Aufgabe 
handelt. Todwunden, die der Krieg geschlagen, wieder zu 
heilen, Kulturgemeinschaften, vitale gemeinsame Lebens- 
interessen der Völker wieder anzuknüpfen, der Kultur die 
Bahn wieder frei zu machen und jene Wiedervereinigung der 
Völker auch innerlich vorzubereiten, worauf die Weltentwick- 
lung lossteuern muß, wenn sie das ersehnte Ziel erreichen soll, 
wonach wir alle dursten: es muß doch wieder Friede werden! 

Diese Tendenz auf Frieden, dies aufrichtige Trachten nach 
Frieden entspricht wie nichts anderes dem Geiste des Ge- 
meinschaftslebens, das auch während der Kriegszeit in einer 
Blindenanstalt herrschen muß, herrschen muß bei aller Teil- 
nahme an der Opferwilligkeit, an der Entschlossenheit im 
Durchhalten bis zum letzten Atemzuge, die unser ganzes Volk 
beseelen, als die Unterströmung, die das ganze sonstige Ge- 
meinempfinden während des Krieges trägt, beseelt und ver- 
klärt. Stimmungen des Hasses, wie sie z. B., — wenn bei 
aller Bosheit, die das brandstiftende Albion an uns verbrochen 
hat, auch verständlich und entschuldbar, — in dem Vorschlage 



185 

zum Ausdrucke kommen, den Gruß: „Gott strafe England!" 
zum beständigen Mahner an Rache bei Begegnungen unserer 
Volksgenossen zu machen, gehören nicht in eine Blinden- 
anstalt, die alles. Entstehen und Bestehen des Blindenwesens, 
dem liumanitäts- und Kulturgedanken verdankt, ganz abge- 
sehen von der christlichen Barmherzigkeit, die der Lebens- 
odem unserer Liebesarbeit sein soll. Wenn hiermit der Welt- 
krieg der Blindenerziehung ihr höchstes Ziel stellt, so liegen 
darin für sie Forderungen, — um nur einzelnes zu nennen, — 
wie: Lasset uns unsere uns anvertraute Jugend üben im 
Frieden halten und Frieden stiften, daß sie es lerne, sich bei 
entgegenstehenden Interessen und Ansprüchen zu verstän- 
digen, indem sich jeder bemüht, sich in die Lage des anderen 
hineinzudenken, ihm nach Möglichkeit ritterlich entgegen zu 
kommen und den guten Willen zum Ausgleich zu zeigen, da- 
mit so auch im unvermeidlichen Kampfe jeder das gute Ge- 
wissen empfinde, das allein die Aufrichtigkeit erschöpfend be- 
wiesener Friedfertigkeit gewährt. Wir haben es gerade bei 
diesem pädagogischen Bemühen leicht. Erstens, weil uns der 
Weltkrieg selber die w^egweisenden und anreizenden Vor- 
bilder dafür liefert. Wir brauchen nur auf das herrliche Bei- 
spiel Kaiser Wilhelms vor der Kriegserklärung zu verweisen, 
der kein Mittel unversucht ließ, den Frieden zu erhalten, den 
Feinden selbst den Vorsprung der Mobilmachung ließ, um seine 
Friedensliebe zu beweisen. Zweitens, weil uns die Friedens- 
liebe unserer Kinder selbst dabei entgegenkommt. Denn als 
den schönsten Schmuck und edelsten Zug im Charakterbilde 
unserer Anstaltsgemeinschaften habe ich immer den empfun- 
den und erfahren, daß in einem Maße, wie man es sonst selten 
findet, der Geist des Friedens unter unseren Pflegebefohlenen 
wohnt und wirkt. Das ist wiederum aber von nicht zu unter- 
schätzender Bedeutung auch für den Weltfrieden. Wenn es 
schon im allgemeinen mit Recht heißt: „Werdet besser, so 
wirds besser," wie soll dann Frieden werden in der großen 
Welt, wxnn wir uns nicht bemühen, ihn zuerst in unseren Ge- 
meinschaften zu üben, zu stiften und zu erhalten? 

Endlich erinnere ich daran, daß auch die uns anvertraute 
Jugend vielerseits dadurch mit dem Weltkriege, seinen Ehren, 
Freuden und Leiden verknüpft ist, daß sie Angehörige: Väter. 
Brüder und andere Verwandte bei der Fahne hat. Dadurch 
besteht eine Blutsgemeinschaft zwischen beiden, und alle 
Schicksalsschläge des Kriegslebens, herzerhebende und herz- 
brechende, berühren auch das Gemeinschaftsleben in unseren 
Anstalten. Wie die Wogen gemeinsamer Freude hoch gehen, 
wenn die Botschaften von der Verleihung kriegerischer Ehren- 
zeichen an die Angehörigen eintreffen, so durchzittert gemein- 
samer Schmerz alle Herzen, wenn sie Wunden und Tod 
melden. Wo mehr als hier bestätigt dann die Erfahrung die 
Wahrheit des Wortes: „Geteilte Freude ist doppelte Freude; 
geteilter Schmerz ist halber Schmerz." In solchen Stunden 
werden die äußerlich Verbundenen auch innerlich zusammen- 



186 

geschweißt, und es begründet sich jene ConsoHdarität des 
Empfindens und gegenseitigen Hebens und Tragens, welcher 
der Mutterboden der edelsten und wertesten- Lebensgüter ist. 
— Wie oft bietet sich uns Blindenerziehern dann auch die Ge- 
legenheit unter vier Augen oder in den gemeinsamen An- 
dachten durch ein Wort der Teilnahme und der Aufrichtung 
erzieherisch hebend und fördernd auf den einzelnen und die 
Gemeinschaft einzuwirken. Sei es, daß wir bei Auszeich- 
nungen eines Vaters auf den Segen Gottes verweisen, der 
selbslose Vaterlandsliebe und aufopferungsfreudige Tapferkeit 
nicht unbelohnt läßt und dem Kinde zugleich darin eine Wert- 
erhöhung des Vaters aufweisen, die zu verdoppelter kindlicher 
Liebe und Dankbarkeit verpflichtet, oder, daß wir, die Auf- 
merksamkeit der Gemeinschaft darauf lenken, um sie bei der 
Ehre zu fassen, daß sie sich solche Erfahrungen zu einem 
Sporn zu gleicher Selbstverleugnung und Opferfreudigkeit in 
tapferem Tun und Leiden werden lasse. Sei es, daß wir in 
Anlaß von Wunden und Tod schmerzstillend darauf hinweisen, 
daß keine Wunden ehrenvoller als die auf dem Schlachtfelde 
im Kampfe für das Vaterland geholten sind und kern Tod mehr 
unter dem Segen des Gotteswortes steht: „Das Andenken des 
Gerechten bleibet in Segen!" als der Tod fürs Vaterland. So 
bietet gerade diese Verknüpfung unserer Anstaltsjugend mit 
dem Weltkriege reiche Gelegenheit zu ethischer und religiöser 
Förderung und Erhebung derselben. Dieser ihr erziehlicher 
Gehalt wird noch dadurch erhöht, daß in der Anteilnahme aller 
Anstaltsgenossen an den die einzelnen treffenden Kriegsheim- 
suchungen das Band der Gemeinschaft gestärkt und die brüder- 
liche Liebe vertieft und damit das Band des Friedens noch 
fester umschlungen wird, in dessen geheimnisvoller Kraft und 
Wirkung wir eben ein Unterpfand für die Hoffnung auf den er- 
sehnten Weltfrieden finden. 

Das sind so einzelne der Gesichtspunkte, die sich mir in 
stillen Stunden aufdrängten, wo ich über das Rätsel dieses 
Weltkrieges nachdachte und als Blindenpädagoge auf eine 
Deutung dieses Rätsels sann und um seine Lösung rang. Er- 
schien mir anfangs der Weltkrieg als der große Zermalmer 
und Zertrümmerer aller Werte, als ein Feind aller Kultur und 
damit auch der Erziehung als der Nährmutter und Pflegerin 
der Kultur und darum auch als ein Feind meiner Lebensauf- 
gabe, so sehe ich jetzt in ihm das große Erlebnis an einem 
Wendepunkt der Zeiten, wodurch Ziel und Sinn aller Erziehung 
mit der Gewalt eines elementaren Ereignisses schöpferisch be- 
fruchtet und umgestaltet wird, — auch die Blindenerziehung. 
Ich teile hierin den Ausspruch, den der freisinnige Pädagoge 
(Tews), der in der pädagogischen Zeitschrift „Die deutsche 
Schule" auf der Warte steht, vor 2 Monaten tat: „Keine 
Bildungsstätte des Friedens kann geben, was diese Schule des 
Krieges uns gegeben hat, wo 70 Millionen nun schon 9 Monate 
lang vor ihrem Schicksal stehen." 



187 



Zur Erwiderung. 



In seinem Artikel „Was ist für die Kriegsblinden schon jje- 
tan" und „was soll und kann noch für sie getan werden?" in 
der Juni-Nummer des „Blindenfreund" wendet sich Herr 
Sciiulrat Matthies u. a. auch gegen die einschlägigen Be- 
strebungen des Reichsdeutschen Blinden-Verbands. Zum Teil 
wiederholt er nur die Vorwürfe, die Herr Direktor Lembcke 
in der März-Nummer erhob und bezieht sich auch auf diese, 
z. T. aber geht er in seinen Angriffen noch über jene Ausfüh- 
rungen weit hinaus. 

Wir haben, abgeselien von einer Richtigstellung durch 
Herrn Direktor Bauer, zu Herrn Direktor Lembckes Dar- 
legungen geschwiegen; nicht etwa, weil wir sie als berechtigt 
anerkannten, sondern einmal, weil die oben erw^ähnte Richtig- 
stellung wenigstens die weitgehendsten Behauptungen wider- 
legte, und dann, weil wenigstens wir alles vermeiden wollten, 
was die Erreichung zweier Ziele aufhalten konnte, welche 
sich die Verbandsleitung gesteckt. Das eine dieser Ziele heißt: 
Qedeihliches Zusammenarbeiten zwischen Anstalten und Ver- 
band auf dem Boden wechselseitiger, aufrichtiger Achtung und 
Wertung; das andere: Erweis gesunder Auffassung in der 
Blinden-Fürsorge durch positive Arbeit. Und weil uns jeder 
polemisierende Austrag von Meinungsverschiedenheiten in der 
Presse, auch der Fachpresse, als eines der größten Hindernisse 
in der Erreichung dieser Ziele erschien, darum schwiegen wir. 
Allein die Ausführungen des Herrn Schulrat Matthies und dazu 
in einer Nummer des Blindenfreund, die als „Kriegsblinden- 
Nummer" offenbar besonders verbreitet werden soll, nötigen 
doch zu einer Erwiderung. 

In den erwähnten Ausführungen wird zunächst Stellung 
genommen gegen den Artikel in Nr. 3 der Blindenwelt: 
„Freunde unserer erblindeten Krieger schließt euch zusammen." 
Es wird behauptet, der Schreiber jenes Artikels hätte sich 
nicht genügend unterrichtet, als er von der Notwendigkeit 
sprach, die private Kriegsblinden-Fürsorge zu organisieren. 
Als Verfasser jenes Artikels bemerke ich dazu: Bezieht sich 
diese Bemerkung auf den Passus Seite 2 Zeile 38 bis Seite 3 
Zeile 1, zählt man auch die Provinzial- und Kommunalbehörden 
zu den privaten Einrichtungen, so hat diese Bemerkung einen 
Schein des Rechts; denn dort wird gesagt, daß diese Organe 
bei den vielerlei Anforderungen, die an sie bei nur kurzer Zeit 
gestellt würden, der Kriegsblinden-Fürsorge sich kaum so 
widmen könnten, wie es zu wünschen wäre. 

Das traf erfreulicherweise nicht zu, als der Artikel in die 
Hände der Leser kam, aber hier hatte ich, von den Ereignissen 
zwischen Niederschrift und Druck überholt, nichts mehr ändern 
können. Erkundigt hatte ich mich durchaus, wo, sage ich nicht, 
weil ich nicht gern jemand blamiere. Zudem ist dieser Passus 
in allen Exemplaren die an die Presse zwecks Abdruck des 
Artikels versandt wurden, gestrichen. Allein dieser Passus 



188 

kann garnicht gemeint sein, denn die genannten Körperscliaften 
sind ja keine privaten. Und hier ist ein Punkt, wo nicht nur 
den Herren Direktor Lembcke und Schulrat Matthies ein Miß- 
verständnis unterlaufen ist, sondern wo auch Herrn Direktor 
Bauer eine Verwechslung passierte, wenn er in seiner Er- 
klärung schrieb, der Verwaltungsrat des Verbands hätte mit 
Freuden von der schon geschehenen Organisierung der pri- 
vaten Kriegsblinden-Fürsorge Kenntnis genommen. Das be- 
zieht sich auf die Bemühungen in Anlehnung an die Krüppel- 
Fürsorge. Allein von dieser privaten Kriegsblinden-Fürsorge 
war in meinem Artikel garnicht die Rede. Er bezog sich auf 
jene Sammlungen und Einrichtungen zum Besten erblindeter 
Krieger, die sich weder den Behörden unterstellt noch auch 
der deutschen Krüppel-Fürsorge angegliedert hatten, z. B. die 
beiden großen Kriegsblinden-Sammlungen mit allem, was mit 
ihnen zusammenhängt usw. Deren Träger zu gemeinsamer 
Arbeit zu sammeln und so eine zweckmäßige Verwendung 
dieser Mittel und Kräfte zu sichern, das war der Gedanke der 
mich bei Abfassung des Artikels leitete. Diese privaten Hilfs- 
Unternehmungen gingen damals und gehen heute noch ohne 
jede Fühlung nebeneinander her. Darüber war ich damals und 
bin heute durchaus zuverlässig unterrichtet. 

Nun sagen die Herren Verfasser der Artikel im Blinden- 
freund, zur Organisierung der privaten Kriegsblinden-Fürsorge 
sei der Verband nicht nur nicht fähig, sondern auch nicht berech- 
tigt, nachdem dies durch die Gesellschaft für Krüppel-Fürsorge 
ausgiebig geschehen sei. Zunächst ein Wort zur Frage der Be- 
rechtigung. Es berührten ja unsere Pläne die gewiß dankens- 
werten Bemühungen der Gesellschaft für Krüppelfürsorge 
nicht, sondern betrafen ganz selbständige Dinge; wir waren 
also auf durchaus freiem Gebiet, auf dem wir mit dem gleichen 
Rechte wie andere arbeiten konnten. Was die Fähigkeit an- 
geht, so haben wir nie geglaubt und nirgends behauptet, daß 
wir die Organisierung der privaten Kriegsblindenhilfe mit 
unseren eigenen Kräften ausführen wollten; auch die ange- 
fochtenen Worte „in die Hand genommen" sagen das nicht, 
sondern sagen letzten Endes nur, was das schöne Fremdwort 
besagt: „die Initiative ergriffen". 

Wie wir hier wirken wollten, welche Kräfte und Persön- 
lichkeiten wir bitten wollten, in die Tat umzusetzen, was wir 
angeregt, darüber war überhaupt nichts gesagt; es war nur 
das nächste Ziel und eine Adresse angegeben, an die Inter- 
essenten sich wenden konnten. Daß das Ziel nicht erreicht ist, 
das wir uns steckten, ein Zusammienschluß, eine Organisierung 
der rein privaten Kriegsblinden-Fürsorge, ist richtig, sagt aber 
nicht sehr viel, wenn man den Ursachen einmal nachgeht, was 
hier nicht geschehen soll; dafür eröffneten uns unsere diesbe- 
züglichen Bemühungen manchen anderen Weg, nützlich zu 
sein, und nützen, dienen, das wollten wir ja letzten Endes. 

Ich übergehe die Aeußerungen des Herrn Schulrat Matthies 
über das Blindenwesen. Meinungsverschiedenheiten über 



189 

diesen Punkt bewirkten, daß auf dem Verbandsta^ in Biele- 
feld im Juli 1914 eine Arbeit vorgetragen wurde, welche die 
Fragen, ob diese Centrale ein Oaseinsreclit hat, und wie ihr 
Veriiältnis zu den gleiclilaufenden Einrichtungen der Blinden- 
anstalten und Fürsorge-Organisationen sei, behandelte und sehr 
warme Zustimmungsäußerungen der anwesenden Herren An- 
staltsleiter auslöste. Da diese Arbeit zu gelegener Zeit der 
Fachpresse auf Wunsch angeboten werden soll, verzichten 
wir für heute darauf, diese Angriffe gegen die Centrale zu 
widerlegen. 

Und nun kommen wir zu einem Punkt, den wir nur mit 
tiefstem Bedauern berühren. Herr Schulrat Matthies stellt die 
Behauptung auf, unserem ganzen Bemühen, in der Kriegs- 
blindenhilfe mitzuarbeiten, läge nur das Bestreben zugrunde, 
„uns durch Kriegerblut und silberne Kugeln zu stärken". Das 
heißt also: Was wir an den blinden Kriegern tun, das tun wir 
nicht aus Teilnahme für sie, sondern aus Selbstsucht, um des 
Verbandes willen. Mit den Geldern, die wir selbst zum Wohl 
der blinden Krieger sammeln, oder uns aus anderen Samm- 
lungen zuwenden lassen (oder ist mit den silbernen Kugeln 
etwas anderes gemeint?), wollen wir nur unsere Kassen füllen; 
dann handeln wir, wenn wir unter den Kriegsblinden für die 
Anstalten werben, schließlich auch nur aus Berechnung. Wie, 
wenn wir, besonders was die silbernen Kugeln angeht, mit 
gleicher Münze heimzahlen w^ollten? Und wir brauchen das 
durchaus nicht als grundlose Behauptung zu tun; aber wir 
verzichten darauf; ein Ersuchen müssen wir jedoch an Herrn 
Schulrat Matthies richten: Wir bitten ihn höflichst, seine Be- 
hauptung hinsichtlich unserer Motive an derselben Stelle 
durch einwandfreie Beweise zu erhärten, an der er sie aus- 
sprach. Das können und dürfen wir erwarten. Gelegentlich 
einer Unterredung mit Herrn Schulrat Matthies am 16. März 
ds. Js. äußerte er u. a. : Er sei einmal keine Kampfnatur und 
trete nicht gern in die Oeffentlichkeit. Es wird einem schwer 
gemacht, sich den Glauben daran zu bew^ahren, wenn der- 
selbe Herr in einer Nummer eines Blattes, von der er weiß, 
daß sie mehr als andere beachtet werden wird, im vollen Be- 
wußtsein seiner Stellung und Verantwortlichkeit gegen den 
Verband mit Mitteln zu kämpfen sucht, die nur das offenbare 
Bestreben in die Hand gibt, den andern um jeden Preis zu 
schädigen. Wir bedauern dies Vorgehen umsomehr. als es die 
Verbandsleitung an ehrlichem Streben nach gedeihlicher Zu- 
sammenarbeit mit den Herrn Anstaltsleitern während des 
letzten Jahres wahrlich nicht hat fehlen lassen, als wir, ge- 
rade in den Tagen, da diese Angriffe gegen uns zum Druck 
wanderten. Herrn Schulrat Matthies um seinen Eintritt in den 
Ehrenausschuß des Verbandes baten und in dem Brief u. a. 
betonten, daß, ob wir auch in manchem verschiedener Mei- 
nung seien, eins uns doch gemeinsam sei: Das Herz für eine 
Sache, an die wir durch ein ganzes Leben gekettet. Also: 
Die Meinungsverschiedenheit und das Bestreben, dem Ver- 



190 

bände, der allerdings in manchen Fragen eine abweichende 
Aleinung vertritt, in seiner Entwicklung zu hemmen, scheuit 
doch die bestinunendere Macht zu sein. Wir werden unseren 
Kurs, in positiver Arbeit unser Daseinsrecht zu behaupten und 
dem Biiiidenwesen zu dienen, darum nicht ändern; aber 
schmerzlich sind solche Erfahrungen doch. Ob dies Vorgehen 
dem Ernst unserer Zeit entspricht, wollen wir nicht ent- 
scheiden. Für den Verwaltungsrat des Reichsdeutschen 

Blinden-Verbands. 
Prediser Paul Reiner, Schriftführer. 



Antwort auf vorstehende Erwiderung. 

Wer meine Ausführungen über deutsche Kriegsbiinden- 

fürsorge in der Juninummer des „Blindenfreund" vorurt^eils- 
frei und aufmerksam gelesen hat, weiß, daß ich mich Seite 
113 und 114 keineswegs gegen den Reichsdeutschen Blinden- 
verband als solchen gewandt, ebenso wenig ihm das Recht, 
bei der Fürsorge für Kriegsblinde mitzuwirken, bestritten, 
vielmehr ausdrücklich bemerkt habe, dem Verbände sei an 
und für sich besonderes Interesse und Verständnis für die Sache 
nicht abzusprechen. Ich habe ausschließlich seinen in der 
Märznunnner der „Blindenwelt" und vielen Zeitungen ver- 
öffentlichten Plan, die Organisierung der privaten Kriegs- 
blindenfürsorge für ganz Deutschland in die Hand zu nehmen, 
als viel zu weitgehend und als unnötig beanstandet und seine 
in jenem Aufruf hervorgehobene Zentrale für das Bllnden- 
wesen (Sitz in Hamburg), die die Führung übernehmen sollte, 
zweifelnd beurteilt. 

Nun erklärt der Verwaltungsrat des Verbandes in vor- 
stehender Erwiderung, ich hätte ebenso wie die Herren Direk- 
toren Lembcke und Bauer, welch letzterer noch dazu Mit- 
glied der Zentrale ist, den Aufruf mißverstanden, der Verband 
liabe lediglich eine Anregung geben und namentlich eine Ver- 
einigung der Sanmiiungen für Kriegsblinde herbeiführen wollen. 
Aus dem Wortlaut jedoch, wie er sich in der „Blindenwelt" 
und in den „Hamburger Nachrichten" vom 21. März d. .1. 
findet, mußte man zweifellos schließen, der Verband wolle in 
der gesamten privaten Kriegsb'indenfürsorge mit seiner Zen- 
trale die Leitung übernehmen und beabsichtige möglichst auch 
das zu tun, was eigentlich Sache der Kommunal- und Provin- 
zialverwaltungen sei. 

Die Vereinigung der beiden großen Sammlungen für 
Kriegsblinde der „Kessel-Sammlung" und der „Hochberg- 
Sammlung", auf die der Verband mit Recht so großes Ge- 
wicht legte, ist inzwischen als „Deutsche Kriegsblinden- 
stiftung für Landheer und Flotte" erfolgt, und zwar unter 
einem Vorstande, an dessen Spitze der Oberbefehlshaber in 
den Marken Generaloberst Ex. von Kessel steht (Geschäfts- 
?tel?e Berlin W Behrenstraße 63). Vielleicht gereicht es dem 
Verwaltungsrat des Verbandes zur Genugtuung und Beruhi- 



191 

j^^ung, daß ich mit der Verwaltung dieser Stiftung, die schon 
über nielir als 2^-i Mill. Mark verfügt, zur Zeit in keiner Weise 
etwas zu tun liabe. 

Her Verwaltungsrat des Verbandes stellt mich ja als den 
schwarzen Mann hin, der von dem offenbaren Streben beseelt 
ist, den Blindenverband um jeden Preis zu schädigen, und er- 
hebt die Anklage, ich hätte behauptet, dem ganzen Bemühen 
des Verbandes, in der Kriegsblindenfürsorge mitzuarbeiten, 
Siege nur das Bestreben zugrunde, sich durch „Kriegerblut" 
und „silberne Kugeln" zu stärken, während ich (S. 114) in 
Wahrheit gesagt habe: „Der Reichsdeutsche Blindenverband 
wird bei seinem Plane vermutlichauch von dem durchaus 
begreiflichen Wunsche «feleitet, die Kriegsblinden baldigst zu 
seinen Mitgliedern zu machen und durch Zuführung von 
„Kriegerblut" und „silbernen Kugeln" die Stärke, den Einfluß 
und die Leistungsfähigkeit des Verbandes zu erhöhen." Ge- 
nügt diese Gegenüberstellung nicht, um den Grad der sach- 
lichen Beurteilung meiner Aeußerung zu kennzeichnen? Die 
Auslegung und Verdrehung, die meine Worte durch den Ver- 
waltungsrat erleiden, und seine sonderbaren Nebenbemer- 
kungen an verschiedenen Stellen setzen mich wirklich in Er- 
staunen und geben mir viel zu denken. Doch will ich ihm auf 
diesem Wege nicht folgen. Jedenfalls ist es mir nicht im Traume 
eingefallen, die aufrichtige tatkräftige Liebe des Verbandsvor- 
standes zu den Kriegsblinden bezweifeln zu wollen und ihm 
irgendwelche Unredlichkeit zuzutrauen. Damit aber verträgt 
sich sehr wohl als mitwirkender Nebengrund die von mir aus- 
gesprochene, an sich ziemlich naheliegende Vermutung, in der 
ich durch verschiedene harmlose Bemerkungen einzelner Ver- 
bandsmitglieder noch bestärkt w^orden bin. Die Berücksich- 
tigung des Verbandsinteresses bei seinem Vorgehen halte ich 
für völlig berechtigt. Denn erfährt der Verband eine Stärkung, 
so kann er auch sein einwandfreies Ziel, das wahre Wohl der 
im Leben stehenden Blinden zu fördern, nachdrücklicher ver- 
folgen. Ist meine Vermutung trotzdem unzutreffend, so über- 
rascht mich das. Ich lasse mich aber gerne belehren. — 

Wenn ich auch der sehr freundlichen Aufforderung zum 
Eintritt in den „Ehrenausschuß des Reichsdeutschen Blinden- 
verbandes für Kriegsblindenhülfe" unter den obwaltenden Um- 
ständen einstw^eilen nicht entsprochen habe, bin ich doch noch 
lange kein Feind des Verbandes. Ich erkenne nicht nur seine 
Daseinsberechtigung, sondern auch sein rastloses Streben, die 
wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und rechtlichen Verhält- 
nisse der mehr oder weniger selbständigen Blinden zu bessern, 
unbedingt an und bin der Meinung, daß sein Wirken bei Inne- 
lialtung der Grenzen sehr gut schiedlich friedlich neben der 
Tätigkeit der Blindenanstalten gedeihen kann. Beide haben 
genug zu arbeiten und zu kämpfen, aber nicht gegen einander, 
und erreichen vielleicht am meisten, wenn sie nach der Losung 
handeln: ., Getrennt marschieren und vereint schlagen!" 

Steglitz, den 20. August 1915. .1. Matthies. 



192 

Oeschichtstafel 
des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens. 

(Fortsetzung ) 

1852 

Es erschien die Schrift von Friedrich Scherer in 
München: Die Zukunft der Bünden. 

Von 1852—1866 war Martin Seilnacht Leiter der 
großherzoghchen BHndenanstalt in F'-eiburg (Baden), als 
Nachfol.s:er des Gründers der Anstalt, des Professors 
Franz Müller. 

Das mährisch-schlesische Blindeninstitut in Brunn 
erhielt ein neues Kuratorium. Das Protektorat über die 
Anstalt übernahm die Erzherzogin Elisabeth. 

Es erschien: An Account of Laura Bridgeman, 
a blind, deaf and dumb girl, with brief Notices of three 
other Blind-Mutes. IL Edition. London. 1852. 

Gründung der Blindenanstalt — College for the blind 
— in Vinton (Jowa N. A.). 

Die 1850 von A. M. Gröpler als Privatanstalt ge- 
gründete, 1856 nach Neutorney bei Stettin verlegte Blin- 
denanstalt erhielt durch Beschluß des Provinziallandtages 
von Pommern die Unterstützung der Provinz, wurde von 
Schulaufsichtswegen einem Kuratorium unterstellt, das 
sich aus dem bisherigen Vorstande zusammensetzte, unc' 
als Blindenanstalt für Pommern anerkannt. Sie füfiri 
seitdem den Namen „Pommersche Blindenanstalt". 

Als Gegenstände des Sonder-Unterrichts in der Blin- 
denanstalt zu Frankfurt a. M. (vergl. 1837) galten: 
Deutsche Sprache, Erdbeschreibung, Sachkenntnis, Rech- 
nen, Schreiben, Formenlehre, Musik, Verstandesübungen. 

Die Blinden-Unterrichtsanstalt zu Königsberg Pr. 
nahm zu den schon betriebenen Beschäftigungen (vergl. 
1846) für die männlichen Zöglinge die Schuhmacherei, für 
die weiblichen das Weben auf dem Webstuhl auf. 
1853 

Die 1841 von Direktor Dufau-Paris gegründete 
Societe wurde genannt: Societe de Patronage et de 
Secours pour tous les aveugles travailleurs en France. 

Der 1849 von den Lehrern am National-Blinden- 
institut in Paris gegründete Verein errichtete eine Arbeits- 
werkstätte in Versailles, woran der Verein zugrunde ging. 
25.5. In dem National-Blindeninstitut zu Paris wurde durch 

Direktor Dufau die Büste Louis Braille's aufgestellt. 
1. 1. Von der schicsischen Blinden-Unterrichtsanstalt in 
Breslau wurde ein gesondert von dem Anstalt.«- vermögen 
verwalteter Fonds als Unterstützungsfonds für ent- 
lassene Zöglinge gegründet. 



193 

1S53 

Die Zöglinge der pommerschen Blindenanstalt in Neu- 
torney-Stettin erhielten außer Schulunterricht auch An- 
leitung im Flechten von Strohdecken, wozu später noch 
das Beziehen von Rohrstuhlsitzen hinzukam. 

Die Blindenanstalt in Neutorney-Stettin vergrößerte 
sich und erhielt deshalb von dem dortigen Marienstifts- 
Gymnasium IV2 Morgen Land zum Aufbauen eines neuen 
Anstaltsgebäudes geschenkt. 

Sechs der musikalisch am besten ausgebildeten Zög- 
linge der Blinden-Unterrichtsanstalt zu Königsberg Pr. be- 
suchten unter Leitung des Anstaltsinspektors Born und 
ihres Musiklehrers die größeren Städte der Provinz 
Preußen, um zu konzertieren und dadurch das Interesst 
für die Blindenanstalt zu wecken und zu beleben. 

29.3. Carl Oehlwein (* 3. 10. 1825 t 10. 10. 1891) gründete die 
Taubstummenanstalt in Weimar, mit der später eine Ab- 
teilung für blinde Kinder verbunden wurde. 

6. 7. Die nachmalige Provinzial-Blindenanstalt der preußischen 
Provinz Posen wurde in Wollstein aus Privatmitteln ge- 
gründet. 

14. 11. Professor August Zeune, Gründer und erster Leiter der 
Königl. Blindenanstalt in Berlin starb. 

23.11. In Würzburg (Bayern) wurde durch einen zu diesem 
Zweck gegründeten Verein eine Blindenanstalt für Unter- 
franken und Aschaffenburg errichtet und eröffnet. Erster 
liausvater und Lehrer war J. Zeller. 

Der Blinde Victor Laas-d'Aguen (vergl. 1841) in 
Paris beschickte die Weltausstellung in Newyork mit 
zweien seiner Erfindungen, nämlich mit geographischen 
Karten und mit Stereotypplatten zum Druck von Karten 
und Brailleschrift. 

In den Jahren 1853—1856 erschien die französische 
Zeitschrift für das Taubstummen- und Blindenwesen 
„Bienfaiteur des sourds-muets et des aveugles", geleitet 
von Abbe Darras. 

Johann Schwarz (* 1822 t 20. 6. 1899) wirkte von 
1853 — 1888 als Leiter des mährisch-schlesischen Blinden- 
Instituts zu Brunn. 

Das mährisch-schlesische Blindeninstitut in Brunn, 
das bisher nur männliche Zöglinge beherbergt hatte, 
nahm von 1853 ab auch blinde Mädchen auf. 

Für die Lehrer an dem Blindeninstitut in Brunn 
wurde ein Pensionsfonds gegründet. 

Die Verfassungsurkunde der schlesischen Blinden- 
Unterrichtsanstalt in Breslau wurde umgearbeitet und 
erhielt am 26. 8. 1854 die landesherrliche Bestätigung. 



194 

1853 

Ständische Mitglieder der Provinzialvertretung der 
preuß. Provinz Sachsen bildeten ein Koniitc. das zur 
Sammlung von freiwilligen Beiträgen behufs Begründung 
einer Blindenanstalt in der Provinz aufrief. 

Der seit 1850 in der Königl. Blindenanstalt in Berlin 
tätige Lehrer Hebold beschäftigte sich mit der Erfindung 
einer Schreibniethode für Blinde. Er verwendete die 
lateinischen Großbuchstaben und erfand eine zur Her- 
stellung farbiger Flachschrift geeignete Schreibtafel, die 
unter dem Namen Hebold'sche Schreibtafel bekannt ist. 
Auch die Erfindung seiner Zeichentafel für den Raum- 
lehrunterricht fällt in die Zeit seiner Beschäftigung an der 
Königl. Blindenanstalt in Berlin. 

Direktor H. Hirzel führte in der Blindenanstalt in 
Lausanne die Korbmacherei und Drechslerei als Be- 
schäftigung für seine blinden Zöglinge ein. 

Es fand der erste amerikanische Blindenlehrertag 
statt. 

Die kaiserliche Regierung von Brasilien leitete eine 
legislative Aktion im Interesse der Blinden des Landes ein. 

Gründung einer Blindenschule — School for the 
Blind — in Baltimore (N. A.) 
1854 

J. G. Hientzsch, Direktor der Königl. Blindenanstalt 
in Berlin, machte den Versuch, eine Jahresschrift für das 
Blindenwesen zu gründen. Für das Jahr 1854 hatte sie 
den Titel: „Jahresschrift über das Blindenwesen im All- 
gemeinen, wie über die Blindenanstalten Deutschlands 
insbesondere." Es blieb aber bei diesem ersten Versuch. 

19. 6. In Nürnberg (Bayern) wurde eine Blinden-Unterrichts- 
anstalt für protestantische blinde Kinder durch den 
blinden Friedrich Scherer aus München gegründet. 

Die Blindenanstalt in Freiburg (Großherzogtum 
Baden) erwarb für ihr 1848 eingerichtetes Blindenasyl 
ein eigenes Haus. 

Dem Provinziallandtag der preuß. Provinz Sachsen 
wurde ein vollständiger Einrichtungsplan für eine 
Blindenunterrichtsanstalt in Barby vorgelegt. Derselbe 
wurde genehmigt, kam aber erst 1856 zur Ausführung. 

Durch Dekret vom 3. 2. 1854 wurde die 1853 gegrün- 
dete Vereins-Blindenanstalt in Würzburg (Bayern) als 
Kreis-Blindenanstalt bezeichnet und ging in unmittelbare 
Verwaltung der Königl. Kreisregierung über. 

Im Jahre 1854/55 druckte Laas d' Agnen (vergl. 1841) 
im Auftrage der französischen .Regierung eine Reihe 
erhabener geographischer Karten. (Frankreich und 
die Erdteile.) (Fortsetzung folgt.) 



195 

Teslamentserrichtung durch einen Blinden. 

(§§ 2242 bis 2247, 2249 BOB.) 
Der Erblasser der Parteien hat drei zu notariellen Proto- 
kollen errichtete letztwillige Verfügungen aus den Jahren 
1909, 1911, 1913 hinterlassen. Die Klarier, denen nur Vermächt- 
nisse ausgesetzt sind, behaupten NichtiRkeit dieser Testa- 
mente und verlangen Feststellung ihres Miterbrechtes. Am 
Eingang aller 3 Testamente heißt es, nachdem der Erblasser 
als erschienen aufgeführt ist: „Herr M. ist blind und erklärt 
auch, blind zu sein." Daran schließt sich im ersten Testa- 
mente der Satz: „Zu der Verhandlung wurden als Zeugen 
zugezogen", der im 2. und 3. Testamente die Fassung hat: 

wurden deshalb die Zeugen zugezogen". Keines der 

Testamente ist vom Erblasser unterschrieben; im ersten 
Testamente findet sich vor der Unterschrift der Mitwirkenden 
der Vermerk: „Herr M. unterschrieb mit Rücksicht auf die 
Blindheit nicht." Das Berufungsgericht hat nach dem Klage- 
antrage erkannt, indem es annahm, daß die Testamente ent- 
weder vom Blinden eigenhändig zu unterschreiben gewesen 
seien oder die Feststellung seiner Erklärung, daß er nicht 
schreiben könne, hätten enthalten müssen. Das Reichsgericht 
ist dieser Ansicht beigetreten, hat aber für möglich erklärt, 
daß die Erklärung des Erblassers, er sei blind, die Erklärung, 
daß er nicht schreiben könne, enthalte, und deshalb das Urteil 
aufgehoben. Es wird ausgeführt: Die Vorschrift des § 2242 
Abs. 1 Satz 3 BGB., inhalts deren das Testament dem Erb- 
lasser auf Verlangen zur Durchsicht vorgelegt werden soll, 
passe zwar nicht auf den Blinden. Darum aber werde die im 
§ 2242 Satz 1 geforderte Unterschrift des Blinden nicht zweck- 
los, auch bei einem Blinden bilde die Unterschrift die end- 
gültige Bestätigung der Genehmigung des Protokolls. Es sei 
überhaupt nicht zulässig, gesetzlich vorgeschriebene Formen 
lediglich aus dem Grunde beiseite zu schieben, weil sie im 
einzelnen Falle dem vom» Gesetzgeber damit verfolgten 
Zwecke zu dienen nicht geeignet seien. Ferner sei freilich 
für den Blinden ausgeschlossen, ein eigenhändiges oder ein 
nicht öffentliches Testament zu errichten, weil, wer eine 
Schrift zur Trägerin seines letzten Willens machen wolle, un- 
zweifelhaft Kunde von dem Inhalt zu erhalten wenigstens in 
der Lage sein müsse. Dies zwinge aber nicht dazu, die 
Leistung der Unterschrift, die im § 2242 Abs. 1 gefordert werde, 
für überflüssig zu erklären, denn wenn auch der Blinde die 
Stelle nicht sehe, auf die er seinen Namen setze, so biete bei 
der Aufnahme öffentlicher Urkunden die Zuziehung der Ur- 
kundspersonen Gewiihr dafür, daß dem Testator nicht ein 
Schriftstück untergeschoben werde, auf das sich seine Geneh- 
migung nicht beziehe. Auch sonst könne nach BGB. ein 
Blinder rechtsgültig eine Unterschrift abgeben. Wäre es 
anders, so würde das Gesetz eine offensichtliche Lücke haben; 
während im übrigen vorgeschrieben sei, in welcher Weise 



196 

Hindernisse in der Person des Erblassers, die eine Abweichung 
von den Regelvorschriften notwendig machen, im Protol<oll 
festzustellen seien (§§ 2242—2245, 2249), fehle eine solche Vor- 
schrift hinsichtlich der Blindheit des Testators. Hieraus folge, 
daß der Blinde, wenn er schreiben könne, das Testament unter- 
schreiben müsse; wenn er nicht schreiben könne, dies der Er- 
satzformvorschrift des § 2242 Abs. 2 gemäß erklären müsse. 
Es sei aber möglich, eine solche Erklärung bei dem ersten 
Testament als gegeben anzunehmen, die Erklärung brauche 
nicht mit ausdrücklichen Worten gegeben zu sein, sie könne 
auch durch Auslegung ermittelt werden. Hierbei sei es zu- 
lässig, den Schlußvermerk des Testaments: „Herr M. unter- 
schreibt mit Rücksicht auf seine Blindheit nicht" insofern her- 
anzuziehen, als man daraus zur Annahme gelangen könne, daß 
mit der früheren Erklärung des Erblassers selbst, er sei blind, 
die Unterlassung der Unterschrift begründet werden sollte. 
Gleichgültig sei dabei, ob die Erklärung, nicht schreiben zu 
können, der wahren Sachlage entspräche, ob also der Erb- 
lasser glaubte, schon wegen seiner Blindheit i. S. des Ges. 
schreibunfähig zu sein. (Urt. IV. 417/14 v. 29. April 1915.) 

(Aus öer „Deutschen Juristen-Zeitung." 



<?= 



1 



Verschiedenes. 



— Die Vereinheitlichung der „Kriegsblinden-Fürsorge". 

Wie der „Deutschen Journalpost" von zuständiger Stelle mit- 
geteilt wird, haben sich die bisher nebeneinander arbeitenden 
zwei großen Sammlungen für die Kriegsblinden, die „Graf 
Hochberg-Sammlung" und die „Sammlung eines Kapitals zur 
Unterstützung erblindeter Krieger" vereinigt unter dem Namen: 
„Die Deutsche Kriegsblindenstiftung für Landheer und Flotte". 
Den Ehrenvorsitz dieser Stiftung haben Prinz und Prinzessin 
August Wilhelm von Preußen übernommen. — Erster Vor- 
sitzender ist Generaloberst von Kessel. Oberkommandierender 
in den Marken; erster Schriftführer Rittmeister a. D. Alexander 
Graf von Gersdorff. Diese Stiftung wird in unveränderter 
Weise die Propaganda und die Sammlung für diesen wohl- 
tätigen Zweck fortsetzen. — Gütige Spenden sind an das 
Bankhaus S. Bleichröder, Berlin W 8, Behrenstraße 63, Post- 
scheckkonto Berlin Nr. 493, zu richten, wo sich auch die Ge- 
schäftsstelle der Kriegsblinden-Stiftung befindet. Es wird noch- 
mals gebeten, daß im Interesse der erblindeten Krieger sich 
deren Anverwandte, falls dies noch nicht geschehen ist. bald- 
möglichst an die Geschäftsstelle wenden. (Aus der Königsb. 
Hartungschen Zeitung vom 23. 8. 1915.) 



Akadem. geb. Organist 



(München), militärfrei, sucht Musiklehrerstelle 
an Blindenanstalt. Off unt. U F 117an die Exp. 



Druck und Verlag der Hamerschen Buchdruckerei u. Papierhandlung, Düren. 



Abonnementspreis 
pro 73hr M. 6; öurch'öie 
Post bezovjen M. 5.60, 
öirekt unter Kreuzbanö im 
In'anöe M. 5.50,' nach öem 
Auslande 6 M. 




Erscheint jährlich 12mal 

einen Bogen stark. 

Bei Anzeigen wirb öie 

gespaltene Petitzeile oöer 

öeren Raum mit 16 Pfg. 

beredinet. 



Der 

Blind enfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Organ der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbildung. 

Gegründet und bis September 1898 herausgegeben von 
kgl. Schulrat Wilhelm Mecker t. 
Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster, 
Mell-Wien und Zech-Königsthal. 
Hauptleiter für 1915 Ist Schulrat Brandstaeter-Königsberg Pr., Bahnstr. 30. 

Ars pietasque dabunt lucem 
caecique videbunt. 

Nr. 10. Düren, den 15. Oktober 1915. Jahrgang XXXV. 



Nachruf. 



Schulrat Oskar Mey, 

bis zum 31. März 1912 Direktor der Provinzial-Biindenanstalt 
zu Halle, ist am 8, September ds. Js. zur ewigen Ruhe ge- 
gangen; der Tod erlöste ihn von einer schweren Krankheit, die 
ihn in den Ruhestand zwang und ihm das stille frohe Genießen 
seines Lebensabends versagte. Ein Leben ist damit beendet, 
von dem man sagen kann, es ist köstlich gewesen; denn es 
war Mühe und Arbeit. Ein Mann ist von uns geschieden, 
dessen Wirken für die provinzialsächsischen Anstalten und die 
Entwickelung des Blindenwesens in der Provinz Sachsen be- 
deutsam war. Sein Nachfolger, Direktor Bauer, der selbst 
acht Jahre unter ihm als Lehrer gearbeitet und ihn in dieser 
Zeit verehren gelernt hat, suchte seine Lebensarbeit und die 
Art seines Schaffens in der am 11. September abgehaltenen An- 
staltsgedächtnisfeier zusammenzufassen in das Wort: Er war 
ein guter Hirte, er erkannte die Seinen und war bekannt den 
Seinen (im Anschluß an den für den Trauerakt gewählten 
Bibeltext. Joh. 10, 14). 

Und er war ein guter Hirte: Mit dem 1. Juli 1873 wurde 
er als junger Lehrer an die Provinzial-Biindenanstalt zu Barby 
berufen. Mit Rücksicht auf seine „langjährige und ersprieß- 
liche Tätigkeit" wurde ihm im Jahre 1891 von dem Provinzial- 
Ausschuß der Provinz Sachsen der Titel „Inspektor" verliehen. 



198 

Ein Zeichen besonderen Vertrauens seiner Behörde war es, 
daß ihm im Jahre 1896 nach dem Tode seines Vorgängers, 
Direktor Schoen, das Direktorat, an derselben Anstalt über- 
tragen wurde. Als im lahrc 1898 die Erziehungsanstalt nach 
Halle verlegt und die Barbyer Anstalt in eine Pflegeanstalt und 
Ausbildungsstätte für Spätcrerblindcte umgewandelt wurde, 
siedelte er in die neuerbaute Anstalt in Halle über und erhielt 
die Leitung über beide Anstalten. Wenn schon in der Zeit, als 
er als Lehrer an der Anstalt wirkte, so in noch viel höherem 
Maße galt es von ihm als Anstaltsleiter: Er war ein guter 
Hirte. Er v/ar kein Mietling, der bloß um des Lohnes willen 
äußerlich seine Pflicht tat, sondern ein Mann mit goldenem 
Herzen, ehrlichem deutschem Biedersinn, ein Mann, der mit 
Leib und Seele in seinem Berufe wirkte. Und diese Treue 
und Hingabe an seine Lebensarbeit suchte er allen an seiner 
Anstalt in das Amt eintretenden jungen Lehrern einzupflanzen. 

„Das, was den Blindenlehrer in der Hauptsache ausmacht, 
ist neben dem für seinen Beruf nötigen Wissen die Hingabe 
an seinen Beruf, die Liebe, die Geduld für die ihm anver- 
trauten Zöglinge." So hat er zu manchem seiner jüngeren 
Kollegen gesagt. Und nicht nur darin war er ein musterhaftes 
Vorbild, auch in der Gewissenhaftigkeit, der Treue im Kleinen 
wie im Großen, der treuesten Pflichterfüllung auf allen Ge- 
bieten des Blindenwesens, des rechten Schaffens im Anstalts- 
betriebe und in der Fürsorge für die Entlassenen. „Familie 
Blindenanstalt", das war ein Ausdruck, der im städtischen 
Lehrerverein geprägt worden war, weil man in den ersten 
Jahren nach der Verlegung der Anstalt nach Halle ein so treues 
Zusammenhalten der einzelnen Mitglieder des Kollegiums be- 
obachten konnte. Gern kam er Wünschen sowohl einzelner 
Beamten und Angestellten als auch eines größeren Kreises der 
Anstaltsangestellten entgegen. 

Er war eben allen Mitarbeitern seiner Anstalt ein „guter 
Hirte"; nie wird er bei ihnen vergessen werden. 

Und wie treu und sorgsam hat er stets die ihm anvertraute 
Zöglingsschar geführt. Ein guter Hirte sagt hier nicht genug. 
Er war mehr als ein sicherer Führer; er war ihnen allen ein 
herzensguter Vater, Sein freundliches, liebevolles Wesen 
weckte das Vertrauen auch des kleinsten Zöglings, und alle, 
selbst die größten, zeigten ihm gegenüber eine Zuversicht, wie 
sie eben nur ein Kind gegen einen liebenden Vater zeigen kann. 
Und wie wußte er zu dem Scherze den Ernst, zur Freundlich- 
keit die Strenge zu paaren! Und so mancher unter den 
älteren Zöglingen erinnert sich noch gern des „Vater Mey" und 
segnet dessen Arbeit an ihm und seinem Werden. Die schöne 
neue Anstalt in Halle a. S., in ihren Einrichtungen sein ur- 
eigenstes Werk, eine Schöpfung, mit welcher sein und seines 
Vorgängers Name für immer verknüpft sein werden, ist sie 
nicht auch ein Beweis für die väterliche Fürsorge dieses 
Mannes, für die Schaffenslust und Schaffenskraft, die ihn für 
die ihm anvertrauten Lichtlosen, für seine Zöglinge, beseelte. 



199 

Und jjelien wir über die Grenzen unseres Anstaltsgebietes 
hinaus in die Provinz zu denen, die ehemals hier ihre Aus- 
bildung genossen haben. Mit welcher Achtung sprechen sie 
alle von dem „Vater Mey"; wie erinnern sie sich gern seiner 
Besuche, bei denen er ihnen so herzlich nahetrat, ihnen so gern 
und oft Rat und Hilfe anbot und spendete. Der Hilfsverein für 
r31inde in der Provinz Sachsen, wie ist er unter seinem 
segensreichen Wirken gewachsen! Das Mädchenblindenheim 
in Barby hat sich bedeutend erweitert, das Männer-Qesellen- 
heim in der Kaiser Wilhelm- und Kaiserin Augusta-Viktoria- 
Stiftung zu Halle a. S. verdankt seinen Anregungen seine Ent- 
stehung. Und das alles in der Hauptsache dank der Arbeits- 
lust und dem unermüdlichen Schaffen seines Geschäftsführers, 
des damaligen Direktors Mey. 

W'ahrlich, bei dieser Art der Amtsführung, dieser aus innig- 
ster Nächstenliebe hervorquellenden Schaffensfreudigkeit auf 
dem Gebiete des Blindenwesens ist es nicht zu verwundern, 
wenn er die Seinen kannte, wenn sie ihn kannten und ver- 
ehrten. 

Er war ein guter Hirte! Er kannte die Seinen und war 
bekannt den Seinen. 

Behördlicherseits wurden seine Verdienste anerkannt 
durch Verleihung des Kronen-Ordens IV. Klasse bei Ein- 
weihung der Erziehungsanstalt in Halle a. S., durch Ueber- 
reichung des Roten Adler-Ordens IV. Klasse bei Gelegenheit 
des 50jährigen Anstaltsjubiläums und dadurch, daß ihm beim 
Uebertritt in den Ruhestand der Titel eines „Königlichen 
Schulrats" verliehen wurde. 

Die Blindenlehrerschaft ehrte ihn im Jahre 1904, indem sie 
ihm bei Abhaltung des Kongresses das Ehrenamt eines Präsi- 
denten übertrug. In der Bürgerschaft von Halle war er eine 
geachtete, bekannte und beliebte Persönlichkeit. 

Sein sterblicher Leib wird zu Erde und Asche werden, 
aber sein Geist, der die Einrichtungen des Blindenwesens in 
der Provinz Sachsen in der Hauptsache auf den heutigen er- 
freulichen Stand gehoben hat. wird weiter leben, und so wird 
„Vater Mey" als einstiger guter Hirte ein Segen für die nach- 
folgenden Geschlechter bleiben. 

Friede seiner Asche! B. 



Worte 
zur Entlassungsfeier im Kriegsjahr 1914-15 

von S. in B. 
Zum letzten Mal habt Ihr Euch heute in Gemeinschaft mit 
uns Allen hier versammelt. Da ist es recht und billig, daß ich 
Euch noch ein Abschiedswort sage. Ein Abschiedswort trägt 
das Gepräge seiner Zeit. Unsere Zeit ist eine große Zeit, eine 
Zeit, auf die kommende Geschlechter mit Staunen und Be- 



200 _ 

wunderung blicken werden. Dadurch erhält der Abschieds- 
tag eine ganz besondere Wartung. Er gehört zu den Tagen, 
von denen das Dichterwort gilt: „Mitten oft ins Leben tritt 
ein Tag, der unserm Wesen erst den Vollgehalt, der unserer 
Zukunft, allem unserm Tun die unabänderliche Richtung gibt." 
Auch paßt auf ihn das Kaiserwort: „Nieder auf die Knie und 
dann geht und tut Eure Pflicht!" Das sind zwei herrliche 
Schlußworte, sie weisen Euch in dieser Stunde hin auf Qott, auf 
Eure Erzieher, auf Euch selbst. Und so wollen wir Euch be- 
trachten 1. In Qottes Hand, 2. In Bruderhand, 3. Selbständig. 

Woher kamst Du in dieses Haus? Aus dem Unglück, aus 
der Not, aus der Verzagtheit und aus Zweifeln. Du wurdest das 
Produkt Deiner Umgebung. Weil Dir Qott das Augenlicht 
nicht schenkte oder es Dir nahm, nannten sie Dich einen Un- 
glücklichen. Und mit den Vielen fragtest Du wohl selbst: 
„Wo war Qottes Hand, daß sie mich beschützte und das Leid 
von mir fern hielt?" — Mein Lieber, wer bist Du, daß Du mit 
Qott rechten wolltest. Spricht auch ein Werk zu seinem 
Meister: „Warum machst Du mich so?" Qottes Wege sind 
nicht unsere Wege. Sie führen im Verborgenen. Es kommen 
aber Zeiten, da erkennen und spüren wir's: Dort war Qottes 
Hand. Im vorigen Jahre gingen von dieser Stelle auch Qe- 
fährten von Euch hinaus ins Leben, um selbständig zu sein. 
Schon im August hörte ich von dem einen, sein Bruder sei im 
Kriege gefallen, und er sei nun die Stütze und der Trost seiner 
Mutter und seiner unmündigen Qeschwister. Ob jene Mutter 
nicht oft die Hände falten wird und sprechen: „Was ich für ein 
Unglück hielt, ist mir zum Segen geworden, ich danke Dir, 
mein Qott!" Und über dieser Qotteshand steht zum Trost: 
„Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er!" Folgert daraus: 
„Qott liebt Euch, darum gab er Euch Qroßes zu tragen," und 
setzt dazu: „Vater, nicht wie ich will, sondern wie Du willst!" 
Er steht neben Euch in dieser Stunde, und all das Qute, Schöne, 
Wahre, das diese Versammlung für Euch erfleht, trägt er in 
seinen Händen. Ohne ihn ein halt- und friedlos Leben, mit ihm 
ein Ausreifen der Persönlichkeit, die Freiheit von Willkür 
unterscheidet und sich gern beugt unter Qottes Wort und seine 
heilige Ordnung. Nur dieser Qlaube gibt Halt und Qrund. Er 
muß aber gepflegt werden. Qeht sonntags auch daheim ins 
Qotteshaus, schützt nicht vor: „Wir haben keinen Führer"; be- 
ginnt auch zu Hause Euer Tagewerk mit einem Morgengebet 
und schließt es mit einem Abendgebet. Lest fleißig in Euren 
Qebet- und Qesangbüchern und bekennt demütig: „Mit unserer 
Macht ist nichts getan. Nimm hin, es ist mein Herz und Sinn, 
Leib, Seel und Geist, nimm alles hin und laß dirs Wohlge- 
fallen." 

Ihr steht aber auch in Bruderhänden, in Händen die Euch 
bis zu dieser Stunde geleitet und geführt haben und Euch auch 
weiter führen wollen. Mit jener Treue, die auch im Geringsten 
treu ist, wurde Euch der Tisch auch in dieser teuren Zeit ge- 
deckt, für Eure Kleidung gesorgt, das Haus gereinigt, Lehre 



201 

und Unterricht Euerer Eigennatur angepaßt, Nachsicht bei 
Euren Scliwächen, Strenge aber auch bei böswilligen Ver- 
fehlungen geübt. Nie gebrachs an aufmunternden Worten, nie 
an Herzen, die dem Reuigen verziehen. Durch die Tätigkeit 
des Unterstiitzungsfonds und des Blinden-Fürsorge-Vereins 
sind jene Einrichtungen auch für Euch getroffen, die die Blinden 
von ihrer frühsten Jugend bis ins späteste Alter fürsorgend um- 
fassen. Dafür sprechen auch in diesem Jahr die Ausrüstungs- 
stücke an Handwerksgerät, Arbeitsmaterial, Kleidern und 
Wäsche, Büchern und Schreibtafeln, die am letzten Freitag, 
Sonnabend und Montag verpackt und in Eure Heimat befördert 
wurden. Aber unsere Hand ist kurz, nicht jeder Not ver- 
mögen wir zu steuern, namentlich nicht in der heutigen 
schweren Kriegszeit. Wenn Euch darum die Sorge naht, dann 
erinnert Euch der Wohltat, die Euch in Euren Notpfennigen 
gegeben ist, die Euch ais Arbeitsverdienst während Eurer 
Zöglingszeit hier aufgespart wurden, und die bei Manchem bis 
M. 200. — erreichten, der treuen Vermächtnisgeber und Stifter, 
die Euch mit Geldgeschenken und Prämien noch in der Ab- 
schiedsstunde unterstüzten. Vor allem aber verwertet das 
Erlernte, regt Eure Hände mit Fleiß und Geschick, sammelt 
um Euch einen festen Kundenkreis. 

Gott legt heute den Schwerpunkt der Leitung Eures 
Lebens in Eure Hand. Ihr seid aber noch lange nicht voll- 
kommen. Du hast Neigung, morgens länger zu schlafen. Gern 
setzest Du Dich bequem hin und sprichst auch wohl: „Nach- 
her," oder „Ich habe jetzt keine Zeit und Lust", oder „Es lohnt 
nicht mehr!" Ein abgerissener Knopf stört Dich ebenso wenig 
wie ein Loch und der Tropfen, der beim Essen auf Dein Kleid 
fällt. Ihr kennt diese Untugenden, diese kleinen Fehler, die 
Euch oft erbitterten, wenn man Euch ermahnte und tadelte. 
Nun seid Ihr frei, frei vom Erzieher, aber nicht frei von Eurep 
Fehlern. Wolltet Ihr doch das stets bedenken. Wie mancher 
hat diese Freiheit herbeigesehnt! Wie mancher von Euch wollte 
arbeiten, wenn er wollte, Geld ausgeben ohne dafür 
Rechenschaft zu legen, spazieren gehn, ohne sich Erlaubnis zu 
holen oder sich ab- oder anzumelden! Nun seid ihr Herren 
Eurer Zeit, und Eurer Entschließungen. Wenn Ihr aber meint, 
diese Freiheit begründe Eure Selbständigkeit, so irrt Ihr Euch. 
Die Selbständigkeit ist etwas Inneres, sie hat m.it dem äußern 
Freisein wenig oder nichts zu tun. Auch in untergeordneter 
Stellung, beispielsweise als Geselle, kannst Du frei sein, das 
heißt selbständig handeln, während ein anderer, der sich frei 
dünkt, doch ein Sklave seiner Neigungen, seiner Freuden, 
seiner Umgebung ist. Eure eben gewonnene Unabhängigkeit 
wird auch stets von Feinden bedroht. Da ist die Bequemlich- 
keit, die Trägheit, der Unfleiß, der Eigensinn, die Eigenliebe. 
Sic wollen Dich schwach, matt und unlustig zur Arbeit machen. 
Sei Dein Erzieher, d. h. Dein Befreier. Nicht auf einmal wird 
es Dir gelingen. Hier hilft nur die Treue im Kleinen. Erfolge 



202 

im Großen haben zur Voraussetzung die Erfolge im Kleinen. 
Dafür ist ja die Kriegszeit, in der wir stellen, die beste Lehr- 
meisterin. Wir haben geniale Feldherren, todesmutige Helden. 
Aber das Gelingen des Schlachtenplanes beruht am Ende doch 
auf der Treue, mit der jeder, vom obersten Kriegsherrn und 
Oeneralfeldmarschall an bis zum einfachen Soldaten, seine 
Pflicht tut. Und stehst du auch abseits jenen großen Kämpfern. 
Du bleibst auch ein Kämpfer, von dem der Lebenskampf an- 
gestrengteste Pflicliterfüllung fordert. Auch Du wirst ein 
Sieger oder Besiegter, ein Held oder ein Unterliegender. Und 
schmückt Dich für Dein Heldentum auch nicht das Eiserne 
Kreuz, so trägst aucli Du ein Kreuz, das Dich adelt, und Dir 
die Verheißung im Worte Deines Heilandes gewährt: „Ei Du 
frommer und getreuer Knecht, Du bist über Wenigem getreu 
gewesen, ich will Dich über viel setzen!" 

„Die Treue steht zuerst, zuletzt. 
Im Himmel und auf Erden. 
Wer ganz die Seele eingesetzt. 
Dem kann die Krone werden!" 



Aus dem Jahresbericht derOroßh. Blinden- 
anstalt zu Neukloster für das Jahr 1914-15. 

Die Zahl der Zöglinge und Insassen der Arbeitsstätte be- 
trug am L Juh 1915: 89 (86) *), 52 männliche und dH weibliche. 
Davon waren in der Unterrichtsanstalt: 21, in der g e- 
w erblichen Lehranstalt: 20 und zwar Korb- 
macher: 9 männliche, Seiler: 4: (1 m. und 3 w.), 
Bürstenmacher: 6 (1 m. und 5 w.). Flechtarbeiter: 
Im. — Von den 48 Insassen der Arbeitsstätte verdient.m 
ihren vollen U n t e r h a 1 1 : 27 (14 m. u. 13 w.). Unter- 
stützung bedurften 21 körperlich und geistig Schwache (15 
m. u. 6 w.). — Das jährliche Kostgeld betrug für 5 
nicht-landesangehörige Zöglinge: 600 M., für 5 nicht-landcs- 
angehörige Insassen der Arbeitsstätte: 300 M., für 6 nach 
dem vollendeten 15. Lebensjahr aufgenommenen Zöglinge aus 
Mecklenburg-Schwerin: 300 M., für 28 solcher Insassen der 
Arbeitsstätte: 200 M., für 14: 160 M., für 1 : 120 M., für 29 unter 
dem Lebensalter von 15 Jahren Aufgenommene: 90 Mk.; 1 In- 
sasse der Arbeitsstätte zahlte kein Kostgeld, weil er im Orte 
Neukloster untergebracht war. — Ausgeschieden sind, 
um sich selbständig niederzulassen: 1. um in Werkstätten 
Sehender zu arbeiten: 3, nach Abschluß eines Fortbildungs- 
kursus: 1, durch Tod: 2. wegen Epilepsie: 1, strafweise: 1. — 
Zur Aufnahme kamen 12, wovon 5 in die Schule, 3 in die ge- 

*) Die in Klammern stehenden Zahlen sind die ent- 
sprechenden Werte des Vorjahres. 



203 

werbliche Lehranstalt. 4 in die Arbeitsstätte traten. — Die 
A u g e n u n t e r s u c li u n g sämtlicher Zöglinge und Insassen 
volltührte in der Anstalt im Beisein von Praktikanten und 
Studenten der medizinischen Fakultät der Universität Rostock. 
Universitäts-Professor Qehcimrat Dr. Peters aus Rostock am 
15. Juli 1914. — Die zweimalige bakteriologisch-chemische 
Untersuchung des Brunnenwassers der Anstalt im 
Landesgesundheitsamt zu Rostock gab zu Bedenken keinen An- 
laß. — Auch waren die hygienischen Verhältnisse der 
Anstalt nach dem Jahresberichte des Anstaltsarztes günstig, 
obwohl 2 Schulmädchen starben, die eine an Herzschlag in 
den Weihnachtsferien bei den Eltern, die andere nach lang- 
jährigem Leiden an einem Gehirntumor. — Der ge wer fa- 
lle heBetrieb stand unter dem Druck des Kriegsjahres, in- 
sofern als die Preise des Materials auf das 2- bis 3- und 4fache 
stiegen, manche Materialien außerdem schwierig oder gar nicht 
zu beziehen waren, und der Lehrmeister der Korbmacherei 
seit Beginn des Krieges bei der Fahne stand und eine Zeitlang 
nur unvollkommen, später gar nicht ersetzt werden konnte. 
Wenn der Betrieb sich dennoch im ganzen auf der Höhe des 
Vorjahres erhalten hat, so ist dies darin begründet, daß die An- 
stalt erstens einen größern Heeresauftrag hatte, zum andern es 
den gleichwertigen Betrieben im Lande entweder an Arbeitern 
oder an Material fehlte, so daß sie ihren Bedarf durch die 
Blindenanstalt deckten. Es gilt das letztere besonders von 
einer Reihe von Seilern in den Städten des Landes, die zum 
Teil zur Fahne einberufen waren. — Es wurden Arbeiten 
geliefert im Werte von 52 677 (54 601 M., wovon auf Liefe- 
rung von Fabriken 1838 (2856), auf Lieferung von Entlassenen 
727 (1592) M. kamen. Der daraus erzielte Gewinn betrug 
im ganzen 18 019 (19 408) M., wovon 3012 (3903) M. an die 
Verlustkasse, 1019 (1511) M. an die Sparkasse der Lehrlinge, 
12 125 (11587) an die Insassen der Arbeitsstätte und die 
Lehrmeister für Ferienarbeiten. 1580 (1580) M. an die An- 
staltskasse für Gehälter und Fernsprechgebühren und 283 (826) 
Mark an die Betriebskasse abgeführt wurden. Der Verkauf 
erreichte den Betrag von 82 901 (82 458) M., Engrospreise 
gerechnet, einschließlich des an die Arbeitsstätte — 27 311 M. 
— und an die Entlassenen — 2242 M. — verkauften 
Materials. — Die bare Einnahme aus dem gewerb- 
lichen Betriebe betrug: 29 553 (28 069) M. — Der Fonds 
des gewerblichen Betriebes stieg auf: 38 402 (38 185) M. — 
Materialien wurden angekauft im Werte von 33 754 
(34 486) M. — Die Sparkasse der Lehrlinge wies nach der 
Bilanz des Jahres 1914/15 den Betrag von 7905 M. auf. — Die 
Verlustkasse schloß mit einem Ueberschusse von 1802 
Mark. — Die Rechnung der A n s t a 1 1 s k a s s e wies bei 
einer Eiiniahme von 62 186 M. und einer Ausgabe von 59 002 
Mark einen Ueberschuß von 3184 M. auf, worin ein Ueber- 
schuß des Vorjahres von 2527 M. enthalten ist. 
(Fortsetzung folgt.) 



204 



A. J. Rappawi: „Licht und Arbeit den 
Blinden !'' :: „Kriegsblind". 

(Zwei Vorträge. — Verlag M. T r i 1 1 , Brunn). 

In diesem größten und schrecklichsten aller Kriege, der 
Opfer um Opfer fordert, hat die öffentliche Hilfsbereitschaft 
begonfien, Vorbereitungen zu treffen, um die Kriegsbeschädig- 
ten nach dem obersten sozialen Grundsätze, der eigenen llr- 
werbstätigkeit, (an der Wichtigkeit dieses Problems ist man 
bisher nur zu oft achtlos vorübergegangen), sicher zu stellen. 

Ein solches Stadium ließ (auf allen Gebieten) Arbeiten, 
wie die beiden vorliegenden erwarten. Und da die öffentliche 
Teilnahme sich mit einer besonderen Aufmerksamkeit den 
Kriegsblinden zuwendet, kommen die zwei Hefte Rappawis 
recht gelegen. 

Sie sind aus Lichtbildervorträgen hervorgegangen, in 
denen — und das ist zu bedauern — der Eifer des Blinden- 
freundes sich zuweilen größer erweist, als die Sorgfalt des 
Schriftstellers. Damit sollen die beiden Arbeiten keineswegs 
als belanglos abgetan werden. Sie sind vollständig geschrie- 
ben, als Beitrag zum Verständnis des Blindenwesens in eine 
würdige populäre Form gebracht. — Dem gebildeten Volks- 
kreise einen Ueberblick, der auf maßvoll gesichtetem Mate- 
rial beruht, zu bieten: in der einen Schrift über das Leben und 
Weben in den Blindenanstalten, in der anderen über Stoff 
und Ziel, soWie endlich über das schon Erreichte und die noch 
bleibenden Forderungen der Blindenfürsorge Aufschluß zu 
geben, war die Aufgabe, die der Verfasser gestellt und ge- 
löst hat. Damit ist aber auch der eigentliche Zweck der 
Schriften vollkommen erreicht: anzuregen und zu werben zur 
Mitarbeit an dem Werk, das allen von dem Geschick Ereilten 
Genugtuung und Hilfe bieten soll, auf daß das soziale Gefühl, 
das sich erweitert, alle noch obwaltenden Vorurteile sprenge 
und durch die Breschen neue Hoffnung lasse. 

Siegfried Altmann, Unteroffizier. 

Die Blindenanstalten und der Krieg. 

Die sofort mit Kriegsbeginn von Frau Regierungsrat 
Meli im k. k. Blinden-Erziehungs-Institute in Wien im Ein- 
vernehmen mit dem Patriotischen Hilfsverein vom Roten Kreuz 
und dem Kriegsfürsorgebureau des Ministeriums des Innern 
eingeleitete Alition zur Beschaffung von Kältesctiutzmitteln 
ist mit Ende Mai vorläufig zum Abschlüsse gebracht worden. 
Es wurden dem Kriegsfürsorgeamt im k. und k. Kriegsministe- 
rium 12 207 Stücke bezw. Paare abgeliefert, welche Gegen- 
stände fast ausschließhch von blinden Mädchen und Frauen 
erzeugt worden sind. Es wurden hergestellt: 3 500 Paar 
Socken, 1 900 Schneehauben, über 1 000 Leibbinden, 764 



205 

Schals, über 4000 Paar Pulswärmer, nahezu 1000 Paar 
Fäustünge und diverse andere warme Kleidungsstücke. Für 
die Herstellung dieser großen Menge von Kälteschutzmitteln 
wurden an blinde Frauen und Mädchen, ferner an die An- 
gehörigen Blinder nahezu 4000 K. an Löhnen ausgezahlt, so 
daß diese Aktion einem zweifachen Zwecke diente und zwar 
dem patriotischen und dem Zwecke der Arbeitszuwendung 
an Blinde. 

Durch zahlreiche Geldspenden wurde es möglich, nicht 
nur das erforderliche Material zur Arbeitsbeschaffung, son- 
dern auch die sehr günstig angesetzten Stücklöhne zu be- 
zahlen. Auch auswärts Wiens lebende Blinde konnten im 
hohen Grade mit lohnender Arbeit versehen werden, und in 
fast allen Kronländern waren blinde Arbeiterinnen mehrere 
Monate hindurch beschäftigt. Mehrere blinde Mädchen 
hatten auf Arbeitslohn verzichtet. 

Ilie dieser Wollaktion zugeflossenen Wollspenden be- 
trugen über drei Meterzentner gute Schafwolle und Garne 
verschiedener Art, so daß diese Zuwendungen allein über 
4000 K. Wert repräsentieren. 

Der Leiterin der Aktion standen die Fräulein Haupt- 
leherin Mathilde Meli, Paula und Alice Meli und der 
Jurist Eugen Meli helfend zur Seite. 

Das k. u. k. Kriegsministerium Kriegsfürsorgeamt hat 
sich veranlaßt gesehen, an Frau Regierungsrat Meli ein von 
Exzellenz L ö b 1 gezeichnetes Dankschreiben zu richten, dem 
wir folgendes entnehmen: 

„Euer Hochwohlgeboren hatten die besondere Liebens- 
würdigkeit, eine große Kälteschutzaktion im Blindeninstitute 
einzuleiten, welche ein überraschendes Ergebnis lieferte und 
Zeugnis ablegte für den patriotischen Sinn und die Opferwillig- 
keit der Teilnehmer an dieser Aktion. 

Das Kriegsfürsorgeamt erlaubt sich. Euer Hochwohl- 
geboren für die Durchführung dieser Aktion und die Leitung der 
damit zusammenhängenden Arbeiten den wärmsten und ver- 
bindlichsten Dank zum Ausdrucke zu bringen. 

Euer Hochwohlgeboren haben durch dieses patriotische 
Wirken dem Kriegsfürsorgeamt reiche Spenden von Kälte- 
schutzmitteln zugeführt, welche stets sofort an die Truppen im 
Felde weiterbefördert wurden, wodurch die Kälteschutzaktion 
des Kriegsfürsorgeamtes eine wesentliche Förderung und 
Unterstützung erfahren hat.'' 

Außerdem wurde die Leiterin der Aktion mit einer für 
„treue Mitarbeiterschaft" gestifteten kunstvollen goldenen 
Brosche bedacht. 

Es ist bereits die Absicht vorhanden, bei noch weiterer 
Dauer des Krieges eine neue Aktion in dieser Richtung im 
k. k. Blinden-Erziehungs-Institute einzuleiten. 

— Blindenlehrer A. Klein aus Königsberg i. Pr. hat als Sani- 
tätsunteroffizier im Felde das Eiserne Kreuz erhalten. 



206 

— Am 1. September d, Js. ist in die Blindenanstalt zu Neu- 
kloster der erste Kriegsblinde, namens Friedrich Hartwig, ein- 
getreten, um dort die Bürstenmacherei zu erlernen. Er kam 
mit Frau und sechs Kindern, Schwager und Schwägerin, war 
mit allen einen l'ag Oast der Blindenanstalt und wohnt seitdem 
m einer schön hergerichteten, abgetrennten Wohnung im Orte. 
Leider brachen gleich darauf bei seinen 3 ältesten Söhnen die 
Masern aus. 



Geschichtstafel 
des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens. 

(Fortsetzung) 

In St. Medara les Soissons (Frankreich) wurde der 
Blindenanstalt für männliche Blinde eine Abteilung für 
weibliche Blinde angefügt, welche 1882 nach Laon verlegt 
wurde. 

Die 1844 gegründete Blinden-Unterrichtsanstalt in 
Lausanne wurde dadurch erweitert, daß eine Werkstätte 
für ältere und später erblindete Männer errichtet wurde, 
in welcher Korbmacherei und Drechslerei betrieben 
wurden. 

In Armagli in Irland wurde unter dem Namen „Macan 
Asylum for the blind" eine Blindenanstalt für ältere männ- 
liche Blinde eröffnet. 

Als Nachfolger W. Taylor's (vergl. 1833) wurde der 
Blinde Dawson Litterdale Leiter der Blindenanstalt in 
York (England). 

In London wurde ein Verein — Somers Town Blind 
Aid Society — gegründet, der durch Hausunterricht, 
Vorlese- und Musikstunden, Beteilung mit Gaben in Geld 
und Naturalgegenständen die zeitliche und geistige 
Wohlfahrt der Blinden fördern wollte. 

Die Blinde Elisabeth Gilbert in London (* 1826 1 1875) 
suchte mit Hilfe des William Hanks Levy, Hilfslehrers an 
der St. Johns Wood School for the Blind, ihren Leidens- 
gefährten dadurch zu helfen, daß sie einen Keller in Hol- 
born mietete und dort ein Materiallager errichtete zur 
Beschäftigung von 7 blinden Männern. 

Gründung der Blindenschule für weiße Kinder in 
Baltimore (N. A.) 

An der pommerschen Blindenanstalt in Neutorney- 
Stettin wurde ein Blinder, der in der Kgl. Blinden- 
anstalt zu Berlin ausgebildete Zimmermann (t 17. 6. 1866), 
als Handarbeits- und Musiklehrer angestellt. 



207 

1854 

Die ersten in der Schuhmacherei ausgebildeten Zög- 
Hnge der Biinden-Unterrichtsanstalt zu K(')nigsberg i. Pr., 
Leopold Tapolski und Franz Wolf, bestanden vor der 
Schuhmacherinnung Königsbergs die Gesellenprüfung. 

Die ßlinden-Unterrichtsanstalt zu Königsberg i. Pr. 
begann, musikalisch befähigte und im Klavierspiel vorge- 
bildete Zöglinge auch im Orgelspiel unterrichten zu lassen. 

1855 

J. Guadet, seit 1840 Lehrer am National-Blinden- 
Institut in Paris, wurde mit der Leitung der Studien an 
diesem Institut betraut und verblieb in dieser Stellung 
— als chef de l'enseignement — von 1855 — 1871. 

In den Jahren 1855 — 1863 ließ J. Guadet in Paris die 
französische Monatsschrift für das Blindenwesen 
„L'instituteur des aveugles" erscheinen. 

Alphons Koechlin (* 22. 3. 1821 t Juni 1882) begann, 
in seiner Wohnung in Mülhausen (Elsaß) blinde Kinder 
zu unterrichten. 

Das Großherzogliche Ministerium in Mecklenburg- 
Schwerin tat die ersten vorbereitenden Schritte zur 
Gründung einer Blindenanstalt für das Großherzogtum. 

3. 3. Frl. Gesche Margareta Ahasverus in Bremen starb und 
bestimmte letztwillig 500 Taler in Gold zur Gründung 
einer Blindenanstalt in Bremen. 

Dr. L. Chr. Matthias in Friedberg (Hessen) begann 
mit der Herausgabe der Zeitschrift: „Organ der Taub- 
stummen- und Blindenanstalten in Deutschland und den 
deutschsprechenden Nachbarländern." (vergl. 1880 
und 1881.) 

Gründung der Megerlc von Mühlfeld'schen Blinden- 
stiftung für Steiermark (Oesterreich). 

Unter dem Namen „Home Teaching Societv for the 
Blind" wurde in London-Westminster. Victoria Street, 
ein Verein gegründet, der es sich zur Aufgabe machte, 
blinde Personen durch Arbeit in ihren Wohnungen und 
in Werkstätten zu unterstützen und sie im Lesen zu 
unterrichten. Nach und nach entstanden 60 ähnliche 
Vereine in den Provinzen Großbritanniens. 

Die Blinde Elisabeth Gilbert und Hilfslehrer W. H. 
Levy in London dehnten ihre 1854 begonnenen Unter- 
nehmungen zur Verbesserung des Loses der Blinden 
weiter aus, indem sie einen Verein unter dem Namen 
„Association for Promoting the General Weifare of the 
Blind" in London gründeten und die Beschäftigungs- 
anstalt in Holborn, die sich namentlich der Später- 
erblindeten annahm, erweiterten. 



208 

1S55 

In 2. Auflage erschien die Schrift von Alex, von 
Rodenbach: Les aveugles et les sourds-inuets. 

Marchese Mondolfo und seine GemahHn schenkten 
der 1840 gegründeten BHndenanstalt in Mailand (Italien), 
die bis dahin im Arbeitshause untergebracht war, ein 
Haus. 

Ballesteros, Direktor der Taubstummenanstalt in 
Madrid und Gründer einer Blindenanstalt dortselbst, be- 
reiste im Auftrage seiner Regierung Holland, Belgien, 
Deutschland und Frankreich, um die Taubstummen- und 
Blindenanstalten dieser Länder kennen zu lernen. Seinen 
Bericht über diese Reise brachte Quadet-Paris teilweise 
in seiner Zeitschrift „L'instituteur des aveugles 1856/57". 
Daraus ist der Deutschland betreffende Abschnitt im 
„Organ der Taubstummen- und Blindenanstalten Deutsch- 
lands" von Dr. Matthias in dem Jahrgang von 1857 in 
deutscher Uebersetzung enthalten. 

In Cedar Spring (N. A.) wurde als Anhang zu der 
schon seit 1849 bestehenden Taubstummenanstalt eine 
Blindenanstalt gegründet. 

16. 10. In Winnenden in Württemberg fand eine allgemeine 
Taubstummen- und Blindenlehrer-Versammlung für 
Württemberg und die angrenzenden Länder statt. Ein- 
berufer war Stadtpfarrer Wagner, Vorsteher der Taub- 
stummen- und Blindenanstalt in Gmünd. 

1856 

Der 1849 gegründete, 1853 eingegangene Verein der 
Lehrer an der Pariser Blindenanstalt (Oeuvre de Place- 
ment etc.) wurde von neuem gegründet. 

Der 1837 gegründete Verein „L'oeuvre des socurs 
aveugles de St. Paul" wurde von Paris nach Bourg la 
Reine verlegt. 

1. 7. .1. G. Hientzsch, Direktor der Königl. Blindenanstalt in 
Berlin, starb. Sein Nachfolger Dr. phil. Ulrici (t 6. 5. 
1877) verwaltete die Stelle bis 1872. 

J. Knie, Direktor der Blindenanstalt in Breslau, 
ließ, um in den gedruckten Blindenbüchern Raum zu 
sparen, die 1'ypen der Stachclschrift verkleinern und er- 
daclite eine Anzahl von Kürzungen. Von beiden machte 
er 1856 beim Druck einer neuen Auflage des Katechismus 
Gebrauch. 

15.10. Die in Stuttgart (Württemberg) seit 1830 bestehende 
Privat-Blindenanstalt wurde von einem Komitee in Ver- 
waltung genommen und in ein eigenes Heim verlegt. 
Von ihrer Protektorin. der damaligen Kronprinzessin 
Olga, der nachmaligen Königin von Württemberg, wurde 
ihr der Name „Nikolauspflege für blinde Kinder" bei- 
gelegt. 



209 



Verschiedenes. 



=^ 



— Die Blindenverelnlßung Crefeld teilt uns mit: Unser Mit- 
glied, der b'inde Rezitator Herr Breidenbach, wurde von der 
Verwaltung des Kriegsblinden-Erliolungslieims Berlin auf die 
Dauer von 4 Wochen nach der Insel Rügen beordert zur Unter- 
haltung und Belehrung der dortigen erblindeten Krieger. 

— Die Biener'sche Blindenanstalt in Leipzig bestand am 
1. Oktober d. Js. 50 Jahre. Wie uns ihr Leiter, Herr Direktor 
Qörner, mitteilt, hat die Anstalt der jetzigen ernsten Zeiten 
wegen auf eine größere Festlichkeit verzichtet und nur in 
schlichter Weise am 13. Oktober des edlen Stifters gedacht und 
den Zöglingen eine Tafelfreude bereitet. — Wir begrüßen hier- 
mit die Jubilarin zu ihrem Ehrentage und wünschen ihr und 
ihren Insassen auch weiterhin Gottes reichsten Segen! 

— Die Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen 

bringt in ihrer August-Nr. unter anderem die Aufsätze: Rechts- 
geschäfte der Blinden. — Zum Problem der Kriegsblinden-Für- 
sorgf^. Von Dir. F. Pawlik-Brünn. 

In der September-Nr. einen Artikel über Anlage von 
Weiden-Anpflanzungen bei Blindenanstalten und eine Be- 
sprechung und Empfehlung des Buches: „Rechtliche Für- 
sorge für die von Jugend an körperlich Gebrechlichen." 
Von Dr. Kurt Schwarz. (Verlag von Duncker und Humblot, 
München und Leipzig.) 

• — Die „Eos" bringt in Heft 3 dieses Jahrgangs den Vor- 
trag, welchen Herr Reg.-Rat A. Meli, wie der „Blindenfreund" 
Seite 133 mitteilte, in der Urania in Wien über Kriegsblinde ge- 
halten hat, ferner eine geschichtliche Abhandlung, betitelt 
„Anton Dolezalek, ein österr.-ungar. Abnormenbildner" von 
Kirmsse und einen Bericht über das Wiener Taubstumm- 
Blindenheim. 

— Der Bericht über den 5. österreichischen Blindenlehrer- 
tag, der vom 9. — 11. Juli 1914 in Wien abgehalten wurde, ist 
in der Vierteljahrsschrift „Eos" 1915 Heft 1 enthalten. 

— Blinde Telephonistin. In der Telephonzentrale eines be- 
deutenden industriellen Unternehmens in Bielefeld ist seit dem 
1. August d. Js. eine Blinde, ein Mitglied des Blindenvereins 
für Bielefeld und Umgegend, als Telephonistin angestellt. 

Durch bei vorhandenen Telephonzentralen, unter Be- 
nutzung der tastbaren Punktschriftzeichen, leicht anzu- 
bringende Einrichtungen ist es der Bhnden möglich, die tele- 
phonischen Verbindungen schnell und sicher zu vermitteln. 

Diese Anstellung einer Blinden in der Telephonzentrale 
eines großen Betriebes ist namentlich in jetziger Zeit für die 
Blindenfürsorge bedeutungsvoll, weil sie auch Kriegs-Erblin- 
deten eine Betätigung dieser Art in Aussicht stellt. 



210 

Fräulein Hedwig Brauns, Vorsitzende des Blindenvereins 
für Bielefeld, ist zu jeder Auskunft gern erhötig. 

— Relchsaiisschuß für Kriegsbeschädigten-Fürsorge. Auf 

Anregung des für das Königreich Sachsen unter der Bezeich- 
nung „Heimatdank" geschaffenen Organisation der Kriegs- 
beschädigten-Fürsorge waren die Vertreter der deutschen 
Bundesstaaten von dem Landesdirektor der Provinz Branden- 
burg, von Winterfeldt, für den 16. September 1915 zu einer 
Versammlung nach Berlin eingeladen worden. Der Landes- 
hauptmann der Provinz Westfalen, Dr. Hammerschmidt, be- 
gründete in einem eingehenden Vortrage die Notwendigkeit 
und Zweckmäßigkeit einer gemeinsamen Zusammenfassung 
aller auf dem Gebiete der Kriegsbeschädigten-Fürsorge tätigen 
Organisationen der einzelnen Bundesstaaten. Folgende Leit- 
sätze wurden einstimmig angenommen: 

1. Die heutige Versammlung beschließt die Einrichtung eines 
Reichsausschusses der Kriegsbeschädigten - Fürsorge 
(Hauptversammlung der einzelstaatlichen Organisationen) 
als anregende, beratende und begutachtende Stelle und 
tritt hiermit als solcher zusammen. 

2. Die Versammlung wählt einen Reichs-Arbeitsausschuß 
der deutschen, mitteldeutschen und süddeutschen Staaten. 

3. Diesem Reichs-Arbeitsausschuß wird das Recht der Zu- 
wahl verliehen, ebenso das Recht der Bildung von 
Sonderausschüssen aller Art. Er hat ferner die Befugnis, 
eine Reichsgeschäftsstelle einzurichten und die dafür er- 
forderlichen Kosten durch Umlagen auf die Kriegs- 
beschädigten-Fürsorgeorganisationen der angeschlossenen 
Bundesstaaten nach Maßgabe der Kopfzahl der Bevölke- 
rung zu verteilen. 

4. Der Arbeitsausschuß erhält die Befugnis, eine Geschäfts- 
ordnung für sich selber, sowie eine solche für den Reichs- 
ausschuß (Hauptversammlung) zu beschließen. 

Auch die Schaffung eines Fachorgans, als verwaltungs- 
technische, medizinische, volkswirtschaftliche Zeitschrift, das 
den gerade in der praktischen Fürsorge tätigen Kräften dienen 
soll, wurde angeregt. 

Es wurde die Konstituierung der neuen Organisation be- 
schlossen und dem Landesdirektor der Provinz Brandenburg 
der Vorsitz übertragen. 

— Auf eine „neue Blindenschrift" machte ein Pforzheimer 
Augenarzt in der Frankfurter Zeitung aufmerksam, von wo die 
Nachricht dann in andere Zeitungen übergegangen ist. Auf 
meine briefliche Anfrage erhielt ich von dem Erfinder Herrn 
Zeichenlehrer Kamm in Pforzheim die Auskunft, daß über seine 
Erfindung schon in der Juni-Nummer des „Blindenfreundes" 
von 1896 berichtet worden ist. Die Schriftprobe zeigt die 
Formen der lateinischen Majuskeln in Perlschrift, nur daß Herr 



211 

Kamin sie nicht mit ganzen Typen, wie auf dem Klein'schen 
Staciielt\|)en-Apparat, sondern mit Hilfe von zwei besonders 
konstruierten Stiften und eines in Quadrate geteilten Fülirungs- 
lineals herstellt. Her Apparat kostet 20 Mark und ist vom Er- 
finder, Herrn Zeichenlehrer Kamm-Pforzheim, Glümerstr. 3, 
zu beziehen. Br. 

— Wien. Kriegsblindenfürsorge. Am 7. September d. Js. 
wurde im k. k. Handelsministerium eine interministeriale Be- 
sprechung über eine zu erlassende kaiserliche Verordnung be- 
treffend die Qewerbetätigkeit der Kriegsbeschädigten abge- 
halten. Zu derselben waren erschienen Vertreter des Kriegs- 
ministeriums, des Landesverteidigungsministeriums, des Mini- 
steriums des Innern, des Finanzministeriums und des Mini- 
steriums für öffentliche Arbeiten. Das Ministerium für Kultus 
und Unterricht entsandte als Vertreter die Regierungsräte Dr. 
Kreibig und Meli. Es wurde in Aussicht genommen, den 
blinden Kriegsbeschädigten die volle Qewerbefreiheit zu 
gewähren. M. 

— Das Kriegerblindenheim der Qroßherzogin von Olden- 
burg im Schloßgarten zu Schwerin zählt jetzt 14 Insassen. 
Diese Zahl wird sich in den nächsten Tagen noch weiter er- 
höhen. Nachdem bisher schon mehrere Auszeichnungen von 
im FeMe durch Verwundung erblindeten Kriegern erfolgt 
waren, sind neuerdings der Kanonier Szelag vom Feld- 
artillerieregiment Nr, 31 mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse, 
sowie der Wehrmann Hartwig vom Landwehr-Infanterie- 
Regiment Nr. 76 mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und dem 
Mecklenburg-Strelitzschen Kreuze für Auszeichnung im Kriege 
bedacht worden. (Aus Meckl. Nachrichten.) 

— Der in der Augustnummer d. Bl. bereits angezeigte Auf- 
satz des Herrn Professor E. Krückmann in der „Deutschen 
medizinischen Wochenschrift „Ueber Kriegsblindenfürsorge" 

ist auch als Sonderabdruck im Verlage von Georg Thieme in 
Leipzig erschienen. 

Das Jubiläumsbuch der Blindenanstalt zu lUzach-Mül- 
hausen wird Interessenten unentgeltlich abgegeben (unge- 
bunden), wenn sie für Porto und Verpackung 1,30 M. einsenden. 

Das Werk ist sehr schön ausgestattet (Kunstdruckpapier in 
Folioformat) und enthält auf 45 Druckbogen 143 künstlerisch 
ausgeführte, meistens in den Text gedruckte Illustrationen nach 
photographischen Aufnahmen, ferner mehrere Hochdruck- 
üeilagen (Blindenschrift, Karten und Zeichnungen) und gewährt 
so durch Wort und Bild einen Einblick in alle Teile der Anstalt, 
ihre Entstehung und Entwicklung, ihre Tätigkeit auf den ver- 
schiedenen Gebieten, ihre Bestrebungen und Ziele — und wird 
den Leser auch mit dem heutigen Stande der Blinden-Bildung 
und -Fürsorge in den anderen Kulturstaaten der Welt einiger- 
maßen bekannt machen. 



212 

Der erste Teil des Buches (95 Seiten) enthält die Anstalts- 
geschichte von 1855 — 1903, der zweite Teil die seit 21 Jahren 
vom Anstaltsdirektor herausgegebenen, bis 1907 erschienenen 
Schriften (meistens Kongreßvorträge) über Blinden-Bildung 
und ihre Geschichte, Blindenforschung usw. in drei Sprachen, 
ferner als Anhang eine der genannten Arbeiten in neu- 
griechischer Uebersetzung. Es ist besonders auch Aerzten, 
Geistlichen, Lehrern und Blindenfreunden zu emfpfehlen. 

Im Druck erschienen: 

12. Geschäftsbericht des Blinden-Fürsorge-Vereins für die 
Provinz Schlesien. 1914. 

Tätigkeitsbericht für das 25. Geschäftsjahr des Vereins zur Für- 
sorge für die Blinden der Provinz Posen. Bromberg 1914. 

68. Jahresbericht der Ostpr. Blinden-Unterrichtsanstalt zu 
Königsberg i. Pr. im Jahre 1914/15. 

Bericht und Abrechnung der Verwaltung der Blindenanstalt 
von 1830 und des Blindenasyls in Hamburg für 1914. 

11. Bericht über die Tätigkeit des Vereins. Zentralbibliothek 
für Blinde E. V. (Leihbibliothek) in Hamburg für 1914. 

Die Unterbringung der Kriegsblinden. Ein Nachschlageblatt, 
zusammengestellt von Fanny Boehringer und Leontine 
Simon, Mitglieder des Verwaltungsrates des Blindenheim, 
Mannheim. (Das Heftchen enthält 17 Adressen.) 

Jahresbericht des Privat-Erziehungs- und Heilinstituts für arme 
blinde Kinder und Augenkranke in Prag am Hradschin 
für 1914. 
— In der Punktdruckerei der Königlichen Blindenanstalt 

ZI! Berlin-Steglitz sind neu erschienen in Kurzschrift: Sven 

Hedin „Ein Volk in Waffen". H. St. Chamberlain „Kriegsauf- 
sätze". 



^^M i N^^ ^ ^^N^ 



Verein zur Förderung derBlinäenbildung. 

Wir gestatten uns hierdurch, nochmals an den Beschluß 
der Düsseldorfer Generalversammlung zu erinnern, nach 
welchem seitens der Blindendruckereien dem Vorstande 
unseres Vereins zeitig genug Mitteilung von den ihrerseits zum 
Druck in Aussicht genommenen Werken gemacht werden soll, 
damit etwaigem Doppeldruck nach Möglichkeit vorgebeugt 
werden kann. 

Hannover-Kleefeld, 1. Oktober 1915. 

Der Vorstand. 



Druck und Verlag der HameJ'schen Buchdruckerei u. Papierhandlung, Düren. 



Abonnementspreis 
pro ]ahr M. 5; öurch öie 
Post bezoijen M. 5.60, 
öirekt unter Kreuzbanö im 
In'anöe M. 5.50, nach öe ii 
Auslanöe 6 M. 




Erscheint jihrlidi 12 mal 

einen Bogen stärk. 

Bei Anzeigen wirö öie 

gespaltene Petitzeile oöer 

Deren Raum mit 15 Pfg. 

beredinet. 



Der 

Blind enfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses der Blinden. 

Organ der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbildung. 

Gegründet und bis September 1898 herausgegeben von 

kgl. Schulrat Wilhelm Mecker t. 

Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster. 

Mell-Wieii und Zech-Königsthal. 

Hauptleiter Sür 1915 ist Schulrat Brandstaeter-Königsberg Pr., Bahnstr. 30. 

Ars pie'.asque dabunt luceni 
caecique videbunt. 



Nr. 11. 



D ü r e n, den 15. Nov. 1915. Jahrgang XXXV. 



* 


Nachruf 

aus der Prov.-Bllnden-Unterricnts-Änstait Düren. 


* 



Der Weltkrieg hat der besten zwei aus unseren Reihen 
als Opfer für das Vaterland gefordert — die Anstaltslehrer 
Jost und Wassen fielen mit dem Degen in der Faust vor dem 
Feinde. 

Beide, echte Kinder der rheinischen Erde, zogen zusammen 
beim Kriegsbeginn auf des Kaisers Ruf aus, beiden schlug ein 
tapfer-vaterländisches Herz unterm Waffenrock, beide verab- 
schiedeten sich mit fröhlichem Sinn und fester Wiedersehens- 
hoffnung. Jost fand seinen Platz bei seinem Regimente, den 
65ern, Wassen bei den 68ern. Im Verband des Vlil. Armee- 
korps übernahmen ihre Truppenteile den Schutz der hei- 
mischen Grenze. Jost stand zuletzt in den Vogesen bei Pont 
ä Mousson, Wassen in der Champagne bei Perthes. 

Beide waren als Vizefeldwebel ausgerückt. Beide er- 
hielten bald als Offiziers-Stellvertreter verantwortungsvollere 
Aemter, die sie — das beweisen Briefe von Vorgesetzten und 
Untergebenen — mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und mit 
völliger Hintenansetzung der persönlichen Sicherheit führten. 
Beide haben in vielen Gefechten und bei manchem Sturm als 
Soldat und als Führer ihren Mann gestanden — und beide 
haben den Schutz von Heim und Herd mit dem Herzblut be- 



214 

zahlt — , Kaiser und Vaterland den Treueid bis zum letzten 
Atemzuge gehalten. 

Jost war ein echter, treuer Sohn seiner heimatlichen 
Eifelberge. Ein Hüne an Kraft, Ausdauer und Gewandtheit, 
wußte er nicht, was krank- oder müdesein war. Mit Eifer 
trieb er Turnen, Schwimmen, Wandern und übertrug seine 
Begeisterung für Leibesübungen auf seine Schüler. Seine 
Turnabteilung I war eine Musterriege. Besonders beliebt — 
und bei den bequemen Schülern gefürchtet — waren die 
Abendturnstunden — Punkt 8 Uhr stand die Riege. Hieß es 
dann „Röcke aus", so wußte jeder Turner Bescheid. Die 
Röcke flogen im Nu an die Wand — der des Lehrers zuerst, 
und ohne mit einer Muskel zu zucken, stand auf das „Still- 
gestanden" die Abteilung, wie angewurzelt. Dann gabs eine 
Stunde lang ununterbrochen Beinübungen und Uebungen mit 
Handgeräten, „daß der Körper ordenthch durchgearbeitet 
wird", erklärte Jost und erinnerte sich, wenn die Glocke 9 
Uhr meldete, daß ja noch V2 Stunde bis zum „Schlußschellen ' 
sei, die sich trefflich zum Geräteturnen, „damit die Steifheit aus 
den Knochen geht", ausnutzen lasse. Dies „Ausnutzen" wurde 
dann gründlich besorgt. Zum Schluß „Röcke an" und noch ein 
Dauerlauf im Freien. Dann meinte Jost: „So, jetzt schlaft ihr. 
wie die jungen Götter," Unsere Jungen gediehen prächtig 
dabei, turnten gerne und nahmen eine Gewandtheit und Ge- 
schicklichkeit mit ins Leben, die ihnen anders nie und nimmer 
anzuerziehen ist. 

Wassen führte die Turnabteilung II und bereitete mit 
Fleiß und Geschick vor, was in Riege I vervolkommnet wurde. 
Er war ein Kind des niederrheinischen Flachlandes, stammte 
aus einem der Kreise an der holländischen Grenze. Selbst 
sonnig-heiteren Gemütes brachte sein gesunder Humor in 
die Anstalt und in seine Klasse einen frisch-fröhlichen Zug, der 
ihm im Amts- und Privatleben Liebe und Anhänglichkeit 
sicherte. 

Wlassen war im Anstaltsbetriebe vielseitig zu verwenden, 
in der Klasse, der Turnhalle, im Handfertigkeitsunterricht und 
auf dem Gebiete der Jugendpflege. Wo er erschien, schwanden 
Erschlaffung und Ermüdung, flohen die Geister des Mißmuts 
und der Tatenlosigkeit. 

Beiden — Jost und Wassen — war die Berufstreue 
oberstes Gesetz, die Ehre und das Gedeihen der Anstalt, das 
Wohl der Schüler Richtschnur für die Amtsführung. Selbst- 
süchtige Regungen waren ihnen in Schule und Anstalt ebenso 
fremd wie vor dem Feinde. Im Anstaltsleben stets dienst- und 
hilfsbereit, als Krieger auf dem gefährlichsten Posten darauf 
bedacht, die Kam.:eraden zu schonen, so kennen wir und kennen 
viele unsere gefallenen Freunde. 

Oiffiziers-Stellvertreter Jost ist am 5. Dezember 1914 mit 
dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden, und 2 Tage darauf 
fiel er als Führer seines Zuges im Nachtangriff. Vom Tage 
vorher sandte er uns seine Grüße. 



215 

Leutnant W'assen datierte seine letzten Zeilen an die 
Anstalt vom 25. September 1915. Er berichtet von stattge- 
habten und anscheinend bevorstehenden schweren Kämpfen 
in der Champagne. Stolz und mutig sieht sich sein mit fester 
Hand gescliriebenes „drauf" an — am folgenden Tage ereilte 
ihn beim Draufgehen die tödliche Kugel — Kopfschuß. 

Nun erinnern die Oedenkplatten in ihren Klassenzimmern 
an die Blindenlehrer Jost und Wassen. 

Beide hatten gewünscht, wenn sie dem Kriegsgott das 
Leben opfern müßten, ihre Ruhestcätte am Schlachtfelde mitten 
unter den Kameraden zu finden. Dem Wunsche ist ent- 
sprochen worden. 

Tief und wahr trauern Amtsgenossen und Schüler, treu 
und herzlich gedenken wir alle unserer auf dem Felde der Ehre 
gefallenen .Jost und Wassen. 



Offener Brief an unsere erblindeten 
Krieger, 

Als unser Kaiser rief, zöget Ihr mit Tausenden von 
Kameraden hinaus, das auf allen Seiten von der Uebermacht 
der Feinde bedrohte Vaterland zu schützen. Voll Mut und 
Tapferkeit ginget Ihr in den Kampf und sähet oft dem Tode 
kühn ins Angesicht. Mancherlei Gefahren habt Ihr getrotzt, 
die größten Anstrengungen und Entbehrungen wacker ertragen, 
im vollen Vertrauen auf den endlichen Sieg der guten Sache. 
Da kam der Tag, an dem sich Euer Geschick erfüllen sollte. 
Wie so manchen Kameraden neben Euch, traf auch Euch das 
feindliche Geschoß, und damit versank für Euch die Welt des 
Lichtes mit ihrer Schönheit, aber auch mit den Schreckens- 
bildern des Krieges, die Ihr noch eben zuvor erschaut, in 
Finsternis. 

Manch lange Woche mögt Ihr gelegen haben in treuer 
Pflege, zugleich in banger Hoffnung, ob nicht die ärztliche 
Kunst imstande sei, Euch das verlorene Augenlicht zurück- 
zugeben und Euch dem vollen Leben in der Welt der Sehen- 
den wieder zuzuführen. 

Eure Wunden sind nun geheilt, Euer Körper hat sich 
nach den ausgestandenen Leiden wieder gekräftigt. Aber der 
sehnlichste Wunsch, das Licht der Sonne, die Angesichter 
der Lieben wieder zu sehen — er blieb unerfüllt. Ihr könnt 
nicht mehr, wie so viele Kameraden, aufs Neue ins Feld hin- 
ausziehen, dem noch immer bedrohten Vaterland zu helfen. 
Ihr müßt in das heimische Leben zurückkehren, und da gilt 
es, sich mit den so veränderten Verhältnissen abzufinden 
und einen Weg zu suchen, der auch Euch neuer Zufriedenheit 
und Lebensfreude entgegenführen kann. 

Der Schicksalsschlag, der Euch getroffen hat, ist furcht- 



f>16 

bar hart, und so mancher mag ihn für unerträgHch, ja es für 
unmöghch halten, so weiterzuleben. Wer vermöchte das 
besser zu verstehen, als der, der wie der Schreiber dieser 
Zeilen, das gleiche Schicksal vor Jahren hat erfahren müssen. 
Auch ich war einst voll Lebensmut und Lebensfreude in 
meinem Berufe als Chemiker tätig. Da verlor ich plötzlich 
durch eine Explosion das Augenlicht und dazu noch die rechte 
Hand. Von langem Krankenlager wieder erstanden, glaubte 
ich an keine rechte Zukunft mehr. Aber dann lernte ich 
durch liebevolle Hilfe die mancherlei Hilfsmittel des Blinden 
kennen, lernte Lesen und Schreiben, gewann mehr und mehr 
Interesse und wandte mich endlich, ohne zwar einen neuen 
Beruf zu ergreifen, ganz der Sache der Blinden zu. Ich 
trat mit vielen Schicksalsgenossen in briefliche und persön- 
liche Beziehungen, ward Mitglied des größten deutschen 
Blindenvereins und leitete diesen schließlich zehn Jahre lang 
als erster Vorstand. So war mein Leben ausgefüllt mit reicher 
Arbeit; es brachte mir viel Befriedigung und Freude, und das 
Bewußtsein, durch meine Tätigkeit so vielen anderen Leidens- 
gefährten nutzen zu können. Heute bin ich auf den Stand- 
punkt gelangt, daß die Blindheit so schrecklich sie anfangs 
scheinen mag, bei weitem nicht das größte Uebel ist, das den 
Menschen treffen kann. Wie viel Schönes steht uns noch 
offen. Denn wir hören. Der Umgang mit anderen Menschen 
ist uns kaum erschwert; wir können uns unterhalten. Wir 
können Musik, Gesang genießen, wir können uns erfreuen an 
der Natur, wir hören das Rauschen der Bäume und des 
Wassers und den Sang der Vögel. Nur darf unser Leben nicht 
müßig sein. Wir müssen eine unsere Tage ausfüllende Tätig- 
keit suchen, und wir werden sie finden. Dafür bürgt der 
heutige Stand des Blindenwesens mit seinen reichen Hilfs- 
mitteln; dafür bürgen Euch besonders die im ganzen lieben 
Deutschen Vaterlande sich eifrig regenden Bestrebungen, 
unseren erblindeten Kriegern beizustehen, ihnen zu helfen, daß 
sie alle eine ihnen zusagende Beschäftigung, und wenn irgend 
möglich, einen Beruf ergreifen können, der ihnen das sichere 
Qefühl gibt, auch jetzt noch nützliche Glieder der Gesellschaft 
zu sein. Darum rufe ich Euch allen zu: ^Verzaget nicht!" 
Seid tapfer euerm Schicksal gegenüber, wie Ihr es vor dem 
Feind gewesen seid! Gebt Euch keinen Grübeleien über Euern 
Zustand hin! Sie führen zu nichts, machen Euch unzufrieden 
und Euch selbst Euern Mitmenschen zur Last, Je nach 
Charakter und Veranlagung mag es dem einen schwerer dem 
anderen leichter werden, zur Innern Klarheit und Ruhe zu 
kommen. Aber alle müßt Ihr dahin gelangen. Und dazu ver- 
hilft vor allem: Betätigung. Sobald Euer Befinden es erlaubt, 
und die Aerzte dazu raten, ergreift freudig und mit festem 
Willen und Energie die dargebotene Hand. Je eher Ihr das 
tut, um so schneller wird es in Euerm Innern Licht werden, 
und Ihr sogar, was mir schon öfters widerfahren, mitunter ver- 
gessen können, daß Euch das äußere Licht verhüllt ist. 



217 

Vor allen Dingen lernt die Blindenschrift, die erhabene 
Punktschrift, lesen und schreiben, die mit den Fingern gelesen 
wird. Anfängliche Schwierigkeiten werden bald überwunden 
werden. Die Punktschrift befähigt Euch, Aufschreibungen zu 
machen, die Ihr selbst wieder lesen könnt, mit Schicksals- 
genossen in Briefwechsel zu treten und vor allem die reichen 
Schätze zu heben, die in unseren Blindenbibliotheken, beson- 
ders in Hamburg (ca. 20 000 und in Leipzig ca. 5000 Bände) 
angesammelt sind. Alle Gebiete der Literatur sind dort ver- 
treten. Dann kommt das Erlernen der Schreibmaschine für 
gewöhnliche Schrift, deren wir für den schriftlichen Verkehr 
mit Sehenden bedürfen. Von den Höhergebildeten unter Euch 
wird mancher seinen bisherigen Beruf wieder aufnehmen 
können. Er muß sich nur die modernen Hilfsmittel zunutze 
machen. So weiß ich von einem, dem das Ministerium kürz- 
lich zugestanden hat, auch ferner, obwohl im Kriege erblindet, 
sein Amt als Amtsrichter weiter bekleiden zu dürfen. 
Juristen, Rechtsanwälte, Theologen, Dozenten der verschie- 
denen Wissenschaften, Lehrer, Musiklehrer, Musiker und 
manche andere können ihren Beruf auch als Blinde erfüllen. 
Tüchtige Vorleser werden oft nötig sein, sich aber auch über- 
all finden lassen. Ebenso werden Kaufleute, Gewerbe- 
treibende und Handwerker in vielen Fällen ihrer alten Be- 
schäftigung nachgehen können. Für andere stehen die 
speziellen Blindenberufe offen, von denen ich hier nenne: 
Korbmacherei, Stuhl- und Mattenflechterei, selbst Uhr- 
macherei, Bürstenmacherei, Seilerei, auch Schreinerei, Schuh- 
macherei; ferner Massage, Klavierstimmen, Musik (natür- 
lich nur bei wirklicher Begabung). Auf die einzelnen Berufe 
und die geeignetsten Wege, die zu ihnen leiten, hier näher ein- 
zugehen, würde zu weit führen. Ueberall werden freundliche 
und erfahrene Ratgeber zu Euch kommen und Euch als Weg- 
weiser zum Lichte dienen. Folgt ihnen. Es wird zu Eurem 
Besten sein. Zweck meines Schreibens soll nur sein. Euch 
Mut zu machen, und Eure Zuversicht auf eine trotz der Blind- 
heit glückliche und zufriedene Zukunft zu erwecken. Und ich 
hoffe, daß mir das gelingen möge. Dr. P. 



Aus dem Jahresbericht derOroßh. Blinden- 
anstalt zu Neukloster für das Jahr 1914-15. 

(Fortsetzung und Schluß.) 

Der durchschn ittliche Jahresverdienst 
eines Insassen der Arbeitsstätte belief sich auf 381 (392) M. 
Der jährliche höchste Verdienst betrug in der K o r b - 
ni a c h e r e i : 584 M., in der Seilerei : 740 M., in der 
Bürstenmacherei : 121 M. Der geringste Betrag 



218 

des Verdienstes eines Insassen war: 40 M. — Stiftungs- 
vermögen besitzt die Anstalt folgendes: 

1. „Salomonstiftung": 345 Mk.; 2. „Friedrich Franz Stif- 
tung": 5638 M.; 3. „Bartimäusstiftung": 872 M.: 4. Weß- 
sclies Vermächtnis": 2483 M.; 5. „Wasmuth'sche Stiftung": 
150 M.; 6. „Schumacher Stiftung": 10 M.; 7. „Karl Wulff- 
Stiftung": 1078 M. — Das Anstaltsvermögen, ange- 
sammelt aus Ueberschüssen bei den jährlichen Rechnungsab- 
schlüssen beträgt: 5500 M. — Die B ü c h e r e i der Anstalt ver- 
mehrte sich auf 3340 Werke, darunter Unterhaltungsschriften 
in Punktschrift 805 Werke. — Außer von Vereinen, Schulen 
und einzelnen Persönlichkeiten wurde die Anstalt im Juli 1914 
von den vor der Abgangsprüfung stehenden Seminaristen 
des hiesigen Landeslehrerseminars besucht. Von auswärts 
besuchten und besichtigten die Anstalt Geheimer Medizinalrat 
Dr. E. Krückmann. Professor und Direktor der Augenklinik an 
der Königl. Universität zu BerHn und der Direktor der Städti- 
schen BHndenanstalt in Berlin Niepel. Am 7. Mai 1915 hatte 
die Blindenanstalt die hohe Ehre und Freude des Besuchs Ihrer 
Königlichen Hoheit der Qroßherzogin Elisabeth von Olden- 
burg, die in Begleitung der Hofdame Fräulein von Baum- 
garten die Blindenanstalt in allen ihren Einrichtungen besich- 
tigte, um hierdurch und in Beratungen mit dem Direktor Er- 
fahrungen für das „Krieger-Bhndenheim der Großherzogin Yj)n 
Oldenburg im Schloßgarten zu Schwerin" zu sammeln. Im 
Auftrage der Großherzogin nahmen dann der Sanitätsgefreite 
stud. theol. Schoof und die Schwester des Roten Kreuzes 
Bertha Debee, am 14. und 15. Mai d. J. in der Blindenanstalt 
Kenntnis von den Blinden-Beschäftigungsmitteln des Rohr- 
stuhlbeziehens, Netzestrickens und Tucheckenwebens. — Der 
Blindenlehrer Hahn aber erteilt mit ministerieller Genehmi- 
gung wöchentlich zweimal Unterricht im Lesen, Schreiben 
und Musik im Krieger-Blindenheim. — Personalwech- 
s e 1 fand nur soweit statt, als an die Stelle der vorigen Ver- 
käuferin Fräulein Röhr am 1. April 1915 trat. — Am 30. Juni 
1915 betrug die Anzahl der seit Grund ungder An- 
stalt in die Anstalt aufgenommenen Zöglinge: 333, die Zahl 
der gewerblich ausgebildeten Entlassenen: 
203, wovon gegenwärtig noch 89 der Fürsorge des Direktors 
unterstehen, nämlich : Korbmacher: 26, Seiler: 34, 
Bürstenmacher: 19, Flechter: 7, Musiker: 2, 
Lehrerin: 1. — Nicht voll ausgebildet, aber noch unter 
der Fürsorge des Direktors befinden sich im Lande 12 frühere 
Zöglinge. Verheiratet sind und waren : 36 (28 m. u. 
8 w.) — In der Anstalt suchten auf kürzere oder längere Zeit 
Erholung, Rat oder Arbeit: 11 m. ^ — Besucht wurden im Laufe 
des Verwaltungsjahres vom Direktor: 35 Entlassene. — An 
Barunterstützungen sind für Entlassene verwandt 2351 Mk., 
außerdem 31.82 M. aus der Karl Wulff-Stiftung und die Zin- 
sen der Wasmuth'schen Stiftung. Lembcke. 



219 

Oeschichtstafel 
des Blinden-Bildungs- und Fürsorgewesens 

(Fortsetzung) 

l^as Kuratorium der pommerschen Blindenanstalt in 
Neutorney-Stettin beschloß, einen Bauplan für ein neues 
AnstaltsRebäude aufstellen zu lassen, das Raum für 20 
Zöglinge gewährte. (Vergl. 1857.) 

Bergschullehrer Dr. Römer übernahm die Leitung 
der Blindenanstalt in Düren (Rheinland). (Vergl. 1845.) 

Der Provinziallandtag der preuß. Provinz Posen ge- 
nehmigte nicht den Antrag, die Blindenanstalt in V/oll- 
stein (vergl. 1853), deren Unterhaltung sich schwierig 
gestaltete, unter den Schutz der Gemeinde Wollstein zu 
stellen, sondern beschloß die Gründung einer Provinzial- 
Blindenanstalt in den Städten Posen oder Bromberg. 

Die Königl. Regierung zu Magdeburg erwarb in 
Barby ein Gebäude, das zur Errichtung der sächsischen 
Provinzial-Blindenanstalt dortselbst gemäß dem Beschluß 
des Provinziallandtages vom Jahre 1854 erforderlich war. 

Unter dem Namen „Association for Promoting the 
Reading of the Holy Scriptures amongst the Blind" 
wurde in Carlisle (Cumberland-England) ein Verein ge- 
gründet, der das Lesen der Heiligen Schriften unter den 
Blinden fördern wollte. 

In Huddersfield (England) wurde unter dem Namen 
„Society for the Instruction of the Blind of Home" ein 
Verein gegründet, der die Blinden durch Hausunterricht 
fördern wollte. 

Frl. Graham gründete unter dem Namen „Home 
Teaching Society" einen Verein, der es sich zur Aufgabe 
machte, die Blinden in ihren Wohnungen zu besuchen, 
um sie im Lesen der Moon'schen, später auch der 
Braille'schen Schrift zu unterweisen und dann Bücher 
unter ihnen zu verbreiten. Unter diesem Namen bestehen 
ungefähr 50 Vereine in England, 10 in Schottland. 3 in 
Irland. 

Don Pedro Llorens y Llatchos, Lehrer am Blinden- 
institut in Barcelona (Spanien), ersann ein neues Schrift- 
system für Blinde, das sowohl zum Lesen und Schrei- 
ben als auch für die Musikaufzeichnung dienen sollte. 

In Madrid (Spanien) wurde unter dem Namen CoUe- 
gium der hl. Katharina ein Asyl gegründet, das arme 
Blinde und alte blinde Männer aufnimmt. 

Der erblindete Dr. Joao Diogo Juzarte in Castello 
de Vide (Portugal) beschloß für seine Schicksalsgenossen 
ein Asyl zu stiften. Die Kgl. Regierung ließ einen Teil 
des Armenhauses in seiner Vaterstadt dazu abtreten. 
Das Asyl trat 1863 ins Leben. 



220 
1856 

16.8. Gründung einer Blindenanstalt — Institution for the 
Blind" — in Texas (N. A.) 

Ein junger blinder Brasilianer, welcher in dem 
National-Blinden-institut zu Paris erzogen worden war, 
eröffnete in Rio de Janeiro (Brasilien) eine Blindenschule, 
nachdem er durch ein kaiserliches Dekret vom 12. 9. 1856 
die Erlaubnis dazu erhalten hatte. 

Die Blinden-Unterrichtsanstalt zu Königsberg i. Pr. 
gab den Unterricht in der Schuhmacherei (vergl. 1852, 
1854) wieder auf, weil die Berichte über die entlassenen 
blinden Schuhmacher ungünstig lauteten und namentlich 
darüber Klage führten, daß die Blinden das Zuschneiden 
neuer Stiefel und Schuhe nicht gut ausführen könnten. 

1857 

Von J. Quadet-Paris erschien die Schrift: De la 
condition des aveugles en France. 

Im Druck erschien: Dr. K. A. Qeorgi-Dresden, An- 
leitung zur zweckmäßigen Behandlung blinder Kinder 
im Kreise ihrer Familien von frühester Kindheit an bis 
zu ihrer Aufnahme in die Blindenanstalt. Dresden, Chr. 
Q. Ernst am Ende. 1857. 

J. Knie in Breslau druckte, um die 1856 ange- 
schafften kleineren Stachelschrifttypen und die von ihm 
erdachten Schriftkürzungen (vergl. 1856) einzuführen, 
eine kleine „Musiklehre". Der Anhang zu derselben ent- 
hält das Braille'sche Punktalphabet, das Knie bereits 1841 
von Paris erhalten hatte, und das hier zum erstenmal in 
Deutschland veröffentlicht wurde. 

Direktor Köchlin in Illzach (Elsaß) übernahm für die 
Stuttgarter Bibelgesellschaft den Druck der noch fehlen- 
den Teile der deutschen Bibel (vergl. 1840) in dem soge- 
nannten Stuttgarter Perldruck. Er begann mit dem 
Druck am 17. 3. 1857 und vollendete ihn am 16. 5. 1863. 

19. 4. Alphons Köchlin in Mülhausen im Elsaß (vergl. 1855) 
erhielt von dem erblindeten Fabrikanten Scheidecker 
dortselbst ein Haus mit Garten und Scheune in Illzach bei 
Mülhausen für die Blinden geschenkt und bezog es am 
19. 4. 1857. 

19. O.A. M. Gröpler bezog mit seiner 1850 gegründeten 
Blindenanstalt für Knaben den dafür in Neutorney bei 
Stettin geschaffenen Neubau (vergl. 1855). 

18.10. A. M. Gröpler eröffnete in seiner Blindenanstalt zu 
Neutorney bei Stettin eine Abteilung für blinde Mädchen 
als Privatanstalt. 

Jacob Metzler (* 31. 1. 1836 t 2. 4. 1892) war als 
Lehrer an der Blindenanstalt zu Friedberg in Hessen von 
1857—1860 tätig. 



221 

1857 

Im Mai 1857 kaufte der Vorstand der Blindenanstalt 
zu Frankfurt a. M, einen Bauplatz in der Theobaldstraße 
und beauftraj^te den Architekten Brofft, in Gemeinschaft 
mit dem Hausvater und Werkichrer der Anstalt Barthel. 
den Grundriß für den Neubau der Blindenanstalt zu 
entwerfen. Mit dem Neubau wurde noch in demselben 
Jahre begonnen. 

Von 1857—1871 wurde die Provinzial-Blinden- 
anstalt zu Soest (Westfalen) von Deimel geleitet. 

Es erschien im Druck: Die Blindentafel . . ., der 
Rechenkasten . . . und die ektypographische Punktschrift, 
drei einfache . . . Unterrichtsmittel für Blinde aller 
Stände. Eingerichtet und beschrieben von Professor W. 
Lachmann, Dr. med. et chir., Stifter und Direktor des 
Blindeninstituts zu Braunschweig. (Der ganze Ertrag 
ist zum Besten des Unterstützungsfonds für legal aus dem 
Blindeninstitut entlassene Zöglinge.) Braunschweig, 
auf Kosten des Verfassers gedruckt bei Fr. Otto. 1857. 

Die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar stif- 
tete am 3. 9. 1857, dem 100jährigen Geburtstage des Groß- 
herzogs Karl August zum Andenken an dessen Gemahlin, 
die Großherzogin Louise, mit einem Grundkapital von 
10 000 Talern eine Anstalt für Blinde und Taubstumme in 
Weimar. (Vergl. 1858.) 

21. 1. Der König von Dänemark bestätigte das vom Reichstage 
angenommene Gesetz betreffend Errichtung eines neuen 
Gebäudes für die Königl. Blindenanstalt in Kopenhagen. 

Buchdrucker J. E. Taylor in London stellte neue 
Lettern, bestehend aus römischen Groß- und Kleinbuch- 
staben, her und wandte sie zum Drucken an. 

Gründung eines Asyls für weibliche Blinde in Bath 
(England). 

In London wurde unter dem Namen Surrey Asso- 
ciation for the General Weifare of the Blind ein Verein 
gegründet, der den Blinden passende Beschäftigung zu 
vermitteln sucht und ihnen Unterricht erteilen läßt. 

In Liverpool (England) wurde die „Workshops and 
Home Teaching Society for the Outdoor Blind" gegrün- 
det, ein Verein, der Werkstätten unterhält, in denen 
Blinde unterrichtet werden oder auf Verdienst arbeiten 
können. Durch Besuchspersonen werden ferner Blinde 
in ihren Wohnungen aufgesucht und im Lesen unter- 
richtet. 

Im Königreich Spanien wurde ein Unterrichtsgesetz 
erlassen, nach welchem in jedem Universitätssprengel 
eine Taubstummen- und eine Blindenanstalt errichtet 
werden sollen. 



222 

1857 

Don Pedro Llorens, Lehrer am Blindeninstitut in 
Barcelona (Spanien), erfand für sein 18v56 aufgestelltes 
Scliriftsystem einen Apparat zur Herstellung von erha- 
benen Schrift- und Musikschriftzeichen. 

In Newyork (Amerika) wurde ein Blindenlehrertag 
abgehalten. 

Die 1855 in Cedar Spring (Südkarolina N. A.) ge- 
gründete Unterrichtsanstalt für Taubstumme und Blinde 
wurde in staatliche Verwaltung übernommen. 

Die Kreis-Blindenanstalt in Würzburg (Bayern) kam 
in den Besitz eines eigenen Gebäudes. 

Im Druck erschien: „Reglement general sur 
Tadministration et le regime Interieure de Institution 
imperiale des jeunes aveugles. Paris 1858. 

Im K. K. Blinden-Erziehungsinstitut in Wien wurde 
für Blinde gedruckt: 1. Ferd. Schubert, Kurzgefaßte 
Schulgeographie, 2. Reihenfolge der römisch-deutschen 
Könige und Kaiser. 

Carl Friedrich Roesner (* 9. 9. 1830 t 27. 12. 1882) 
wurde als Nachfolger Hebold's Lehrer an der König!. 
Blindenanstalt in Berlin. (Vergl. 1872.) 

Bei der Kgl. Blindenanstalt in München wurde ein 
Fonds zur Errichtung einer Versorgungsanstalt gegründet. 

Christian Sakmann (* 5. 9. 1830 t 29. 6. 1892) wirkte 
vom 1. 1. 1858 — 1891 als Leiter der Nikolauspflege für 
blinde Kinder in Stuttgart, 
i 2. Die Blindenanstalt für die preußische Provinz Sachsen — 
Friedrich-Wilhelm-Provinzial-Blindenanstalt — wurde in 
Barbv eröffnet, 1898 nach Halle verlegt. (Vergl. 1854, 
1856.) 

Erster Inspektor an der Provinzial-Blindenanstalt in 
Barby war Ernst Eduard Hebold (vergl. 1850), der dieses 
Amt von 1858—1871 verwaltete. 

Die Taubstummen- und Blindenanstalt in Weimar 
wurde eröffnet (vergl. 1857) und zur Staatsanstalt 
erhoben. 

Karl Oehlwein (* 3. 10. 1825 t 10. 10. 1891) war 
erster Direktor der großherzoglichen Taubstummen- und 
Blindenanstalt in Weimar und leitete sie von 1858 — 1889. 

Die 1839 in 3. Auflage erschienene Schrift von J. 0. 
Knie: „Anleitung zur zweckmäßigen Behandlung blinder 
Kinder usw." erschien in 5. vermehrter und verbesserter 
Auflage mit Proben von erhöhtem Buch- und Notendruck 
für Blinde. Breslau 1858. Qraß, Barth u. Comp. 8". 84 S. 

(Fortsetzung folgt.) 



223 

Urteil des Oberverwaltungsgerichts 
vom 19. Oktober 1914. 

Die von den Provinzialverbänden errichteten Blinden- 
schulen sind keine Elementarscluilen. Die an solchen Schulen 
angestellten Lehrer sind deshalb keine Elementarlehrer im 
Sinne des § 1 der Verordnung vom 23. September 1867. 

Blindenlehrer N. in N. beantragte völlige Steuerfreiheit, 
da er Elementarlehrer sei. 

Der Bezirksausschuß wies die Klage ab. 

Kläger ist vor dem 1. April 1909 als Lehrer an der 
Blindenanstalt in N. angestellt worden. Nach Ziffer 3 (§ 1) 
der Verordnung vom 23. Sept. 1867, welche hier nach § 2 
Abs. 2 des Gesetzes vom 16. Juni 1909 für die Beurteilung der 
Freiheit von den Kommunalsteuern in Betracht kommt, sind 
Elementarlehrer von allen direkten Kommunalauflagen voll- 
ständig befreit. Es ist somit die Frage zu prüfen, ob der 
Kläger Elementarlehrer im Sinne des § 1 Ziffer 3 vom 23. Sept. 
1867 ist. 

Elementarlehrer sind solche, welche an öffentlichen 
Volksschulen angestellt sind. (Vgl. Bd. 20 Fol. 120.) 

Volksschulen sind solche Schulen, zu deren Errichtung 
und Unterhaltung einerseits für die Gemeinden und Schul- 
verbände eine allgemeine, von Schulaufsichtswegen erzwing- 
bare gesetzliche Verpflichtung vorhanden ist und deren Be- 
nutzung den Eltern oder deren Stellvertretern, sofern sie nicht 
anderw^eit für die Erteilung des vorschriftsmäßigen Unterrichts 
an ihre Kinder oder Pflegebefohlenen sorgen, als eine gesetz- 
liche Pflicht obliegt. (Vgl. B. 17. S. 157.) Sobald es an einem 
dieser Merkmale fehlt, ist die betreffende Anstalt keine Volks- 
schule und sind die dort angestellten Lehrer keine Elementar- 
lehrer. 

Für den vorliegenden Fall trifft nach § 1 des Gesetzes be- 
treffend Beschulung blinder und taubstummer Kinder vom 
7. August 1911 das Erfordernis der Schulpflicht zu. Dagegen 
ist das erste Merkmal nicht gegeben, denn es besteht keine 
Verpflichtung der Gemeinden oder Schulverbände, solche 
Blindenschulen zu errichten. Auch ist den Provinzialverbänden 
eine solche Verpflichtung nicht auferlegt worden, sondern § 6 
des Gesetzes vom 7. August 1911 legt den letztern und den 
ihnen gleichstehenden Kommunalverbänden lediglich die Ver- 
pflichtung auf, blinde und taubstumme Kinder irgendwo unter- 
zubringen, wo sie eine unterrichtliche Veranstaltung besuchen 
können. Folghch ist eine Blindenschule nicht den öffentlichen 
Volksschulen gleichzuachten, sondern sie ist nach wie vor 
eine besondere Anstalt, welche nach Einrichtung und Tendenz 
eine von den Volksschuler abweichende Stellung einnimmt. 
Das geht übrigens auch daraus hervor, daß der Unterricht in 
den Volksschulen grundsätzlich unentgeltlich erteilt wird, 
während gemäß § 12 des genannten Gesetzes Kommunal- 



224 

verbände berechtigt sind, die Erstattung: der Kosten zu for- 
dern. Der Kläger ist also kein Elementarlelirer und sein An- 
spruch auf gänzliche Freilassung von der Gemeindesteuer 
unbegrihidet. 

Der Kläger hatte Revision eingelegt; dem Rechtsmittel 
wurde der Erfolg versagt. 

Entscheid des Oberverwaltungsgerichts: Allerdings findet 
die Annahme des Bezirks-Ausschusses, die Kommunalverbände 
seien berechtigt, die Erstattung der ihnen durch den Unter- 
richt der blinden und taubstummen Kinder erwachsenden 
Kosten zu verlangen, in den Bestimmungen des Gesetzes keine 
Stütze. Nach § 12 Abs. 1 daselbst sind vielmehr, wie der 
Kläger zutreffend bemerkt, die Kosten für den Unterricht von 
der Erstattung ausgeschlossen. Hat daher der Bezirks- 
Ausschuß rechtlich geirrt, so braucht doch seine Entscheidung 
deshalb nicht aufgehoben zu werden, weil in deren Begründung 
die fragliche Erwägung nur nebenbei angestellt worden ist. 

Gegründet wird die Entscheidung darauf, daß die Errich- 
tung von Blindenschulen von den Kommunalverbänden nicht 
erzwungen werden könne, daß sie aus diesem Grunde nicht 
Elementarschulen und demgemäß die an ihnen angestellten 
Lehrer nicht Elementarlehrer seien, und hierin ist ein Verstoß 
gegen das geltende Recht nicht zu finden. 

Daß als Elementarlehrer nur die Lehrer an den Elementar- 
schulen zu betrachten sind, und daß als Elementarschule nur 
die Schulen angesehen werden können, welche der allgemeinen 
Schulpflicht dienen, deren Benutzung den Eltern der Kinder 
als eine gesetzliche Pflicht obliegt und deren Einrichtung 
gegenüber den öffentlichen Trägern der Schullast erzwungen 
werden kann, erkennt die Revision ausdrücklich als richtig 
an, und alles dieses ist auch in der Rechtsprechung des O.-V.- 
G. festgelegt. Die Revision wendet sich einzig und allein gegen 
die Annahme des Bezirks-Ausschusses, daß eine Verpflich- 
tung zur Errichtung von Schulen für blinde und taubstumme 
Kinder weder für die Gemeinden und Schulverbände noch für 
die Provinzialverbände bestehe. Aus der Vorschrift des 
§ 6 Abs. 1 des Gesetzes vom 7. 8. 19n, auf welche der Kläger 
sich beruft, folgt indessen nicht, daß den Kommunalverbänden 
eine derartige Verpflichtung obliegt; danach sind die Kom- 
munal-Verbände nur verpflichtet, die schuliiflichtigen blinden 
und taubstummen Kinder, für deren Unterricht nicht in aus- 
reichender Weise gesorgt wird, in einer Blinden- oder Taub- 
stummen-Anstalt oder an einem Oirt unterzubringen, von 
welchem aus sie eine unterrichtliche Veranstaltung der be- 
zeichneten Art besuchen können. Es liegt ihnen also, wie es 
in der Einleitung der ministeriellen Ausführu.ngsanweisung 
vom 2L Dezember 1911 (Zentralbl. d. U. V. 1912 S. 233) heißt, 
die VerpfHchtung ob, daß ausreichende Anstalten für die 
unterrichtliche Versorgung der schulpflichtigen taubstummen 
und blinden Kinder vorhanden und mit dem nötigen Lehr- und 
Erziehungspersonal besetzt, sowie auch sonst ihrer Aufgabe 



225 

entsprechend ausgestattet sind. Es bleibt ihnen jedoch über- 
lassen, üb sie eigene Anstalten einrichten (3der ilirer Verpflich- 
tung durch Unterbringung der Kinder in den Kgl. Anstalten 
oder in Anstalten von Privatpersonen, Vereinigungen oder 
öffentlichen Verbänden, welche von der Schulaufsichtsbehörde 
genehmigt worden sind, geniigen wollen. Hiernach können 
die Konnnunal-Verbände nicht gezwungen werden. Schulen, 
in welchen blinde und taubsiunnne Kinder unterrichtet wer- 
den, ihrerseits zu errichten und zu unterhalten, während die 
Errichtung und Unterhaltung öffentlicher Volksschulen von 
den Gemeinden und selbständigen Qutsbezirken, denen die 
Verpflichtung hierzu nach ;-J 1 des Gesetzes betr. die Unter- 
haltung der öffentlichen Volksschulen, vom 28. Juni 1906 ob- 
liegt, erzwungen werden kann. Mit Recht hat daher der Be- 
zirks-Ausschuß angenonnnen, daß die von den Provinzial- 
Verbänden errichteten Blindenschulen keine Elementarschulen 
sind und demgemäß der an einer solchen Schule angestellte 
Kläger nicht Elementarlehrer ist. 

Hiernach war die Vorentscheidung zu bestätigen. 

Einige Bemerkungen zur Entstehung vorstehenden Ur- 
teils: 

Als das von den Blindenlehrern so oft und so heiß ersehnte 
Beschulungsgesetz veröffentlicht war, und Gesetzeskraft er- 
halten hatte, glaubten Kollegen in verschiedenen Provinzen 
aus seinem Wortlaut aus materiellen Gründen den Beweis 
herauszulesen, daß durch das Gesetz die Blindenschule zu 
enier Elementarschule und sie selbst zu Elementarlehrern er- 
klärt seien, folglich auch berechtigt wären, vollständige Be- 
freiung von den Kommunalsteuern zu fordern. Ob es einigen 
Kollegen wirklich gelungen ist, bei den untern Instanzen, also 
der städtischen Veranlagungskommission, obzusiegen, kann 
bestimmt nicht behauptet werden. Feststehende Tatsache 
aber ist es, daß einige Städte die Streitfrage vor den Bezirks- 
ausschuß brachten, von denen der zu S. die obige Schluß- 
folgerung ganz außer Betracht ließ, das Gesuch abschlägig be- 
schied unter Hinweis auf die Bestimmung des Gesetzes von 
1909 betreffend Heranziehung der Elementarlehrer zur Ge- 
meindeeinkonnnensteuer, wonach es für die vor dem 1. April 
1909 angestellten Lehrer bei den bestehenden Bestimnmngen 
sein Bewenden haben müsse, während bekanntlich die nach 
dem 1. April 1909 angestellten Lehrer bis zu 125 Prozent Um- 
lage zur Steuer herangezogen werden konnten. Das Ober- 
verwaltungsgericht bestätigte diese Entscheidung mit dem 
Schlußsatz: „Es bedarf deshalb keiner Prüfung, ob etwa der 
Kläger infolge des Erlasses jenes Gesetzes vom 7. Aug. 1911 
zum Elementarlehrer geworden ist." Das Oberverwaltungs- 
gericht ist aber infolge einer Revisionsklage aus H. nunmehr 
in die Prüfung dieser Frage eingetreten und hat nach dem 
mitgeteilten Urteil dieselbe endgültig entschieden. 

Mit diesem Urteil ist auch eine andere Frage zum Ent- 
scheid gebracht: Besitzt ein Blindenlehrer das passive Wahl- 



226 

recht zum Stadtverordneten? In der schwebenden Ver- 
waltungsstreitsache eines Bhndenlehrers zu N, hat daher die 
städtische Verwaltung die Berufung beim Oberverwaltungs- 
gericht zurückgezogen. 

Der Kläger bedauert sehr, daß der auf den 11. März d. J. 
festgesetzte mündliche Verhandlungstermin beim O. V. G. 
wegen der zurückgezogenen Berufung nicht stattfindet, hatte 
er doch das Bewußtsein, daß nach der Fülle des beigebrachten 
Beweismaterials ein obsiegendes Urteil ergehen mußte. Das mit 
Fleiß und Interesse gesammelte, durch Behörde und Kollegen 
erweiterte Material unterdrückte jeden Zweifel daran, wie die 
iintscheidung ausfallen würde. Wenn auch die meisten Er- 
lasse der Minister vor dem Erlaß des Beschulungsgesetzes 
ergangen waren, aber stets durchblicken ließen, wie der Stand 
der Blinden- und Taubstummenlehrer bewertet wurde, so war 
es doch das nach dem 7. August 1911 erlassene Gesetz betr. 
das Diensteinkommen der Lehrer an öffentlichen Volksschulen 
vom Mai 1909 und seinen Abänderungen vom Juli 19 12, das 
besagt: „Als öffentlicher Schuldienst ist auch die Zeit anzu- 
rechnen, während der ein Lehrer als Erzieher an einer öffent- 
lichen Taubstummen- und Blindenschule sich befunden hat." 

Indem der Gesetzgeber den Blindenlehrern die im Blinden- 
dienst verbrachte Dienstzeit ausdrücklich anrechnet, betrachtet 
er sie als aus dem öffenthchen Volksschuldienst ausgeschieden. 
Wären Volksschule und Blindenschule Veranstaltungen 
gleicher Art, so hätte es der ausdrücklichen Feststellung nicht 
bedurft. 

Die Streitäxte sind begraben. Wir alle aber dürfen uns 
freuen, ohne dem Hochmut zu verfallen, daß von der Verwal- 
tungsbehörde unser Dienst an und unter den Blinden als ein 
schwieriger anerkannt ist, dem auch äußerlich durch Auf- 
erlegung eines besonderen Examens, „das dem Mittelschul- 
examen gleich zu achten ist, Ausdruck gegeben ist, und daß 
das oberste Gericht die höhere Bewertung unseres Standes 
durch das ergangene Urteil ein für allemal gerichtlich fest- 
gelegt hat. Selbst die wenigen Vertreter des materiellen 
Standpunktes, die um ein „Linsengericht", also um kleinerer 
Interessen willen, größere opfern wollten, werden und müssen 
das Einsehen haben, daß es einen Schritt vorwärts bedeutet, 
wenn der Idealismus über den Materialismus den Sieg davon- 
getragen hat. Krage. 



Verschiedenes. 



Unter dem Namen „Kriegs-Blindendank E. V." ist in Ber- 
lin ein neuer Verein zugunsten der erblindeten Krieger gegrün- 
det worden. § 2 seiner Satzungen lautet: „Zweck des Vereins 
im allgemeinen ist die Fürsorge für die im Felde erblindeten 
oder in ihrer Sehkraft geschwächten deutschen Krieger und 
ihre FamiHen. Zweck des Vereins im besonderen ist die 



227 

Qründung einer Blindenschrift-Bücherei unterrichtenden In- 
haltes zur kostenlosen Benutzunji für Blinde, die Einrichtung 
von Unterrichtszirkeln für Blinde, sowie die Schaffung eines 
Unterstützungsfonds behufs Beihülfe zur Errichtung eigener 
Existenzen für Kriegsblinde. § 3. Der Verein dient ausschließ- 
lich gemeinnützigen Wohlfahrtszwecken. Erwerbszwecke sind 
ausgeschlossen. Die Notwendigkeit dieses Vereins wird in 
folgender Weise begründet: Das deutsche Volk hat reiche Mit- 
tel zur Verfügung gestellt, um das schwere Geschick der er- 
blindeten Krieger materiell zu erleichtern. „Nun gilt es die 
Arbeit um die Seele der Blinden! Hier setzt der „Kriegs-Blin- 
dendank E. V." mit ganzer Kraft und mit Begeisterung jedes 
einzelnen seiner Mitglieder ein. Es gilt die seehsche Nieder- 
geschlagenheit der Blinden zu heben und sie in ihrem Innen- 
leben zu stärken, um sie über die Bitterkeit ihres Schicksals 
hinwegzubringen, mit einem Wort: Sie ihren unsagbar schwe- 
ren Verlust nicht allzu hart empfinden zu lassen. Bücher sind 
in solchen Nöten stets das Allheilmittel gewesen. Bücher für 
Bünde in Blindenschrift hergestellt und kostenlos durch ganz 
Deutschland in die Hand jedes BHnden verliehen! Das ist das 
Wollen und die Aufgabe des „Kriegs-Blindendank". 

Geschäftsführender Vorsitzender des Vereins ist Qroßh. 
Bad. Oberamtsrichter a. D. Dr. Sautier, Berlin W 62, Bay- 
reutherstraße 1 II. 

— Die „Vaterlandsspende zur Errichtung deutscher 
Kriegsbeschädigten-Erholungsheime" E. V. in Berlin ist durch 
Erlaß der Minister der Justiz, der Finanzen und des Innern 
vom 30. 9. 1915 als „milde Stiftung" im Sinne des Gesetzes 
anerkannt worden. Der Verein hofft durch Mitgliederbei- 
träge und einmalige Spenden die Mittel zu erhalten, die ihn 
zur Durchführung seiner vaterländischen Ziele befähigen. 

— Blinde Krieger und sonstige Kriegsbeschädigte beab- 
sichtigt die kaiserliche Gutsherrschaft Ca- 
dinen auf ihrem Grund und Boden ansässig zu machen. 
Es haben dieserhalb bereits Verhandlungen stattgefunden, die 
aller Wahrscheinlichkeit nach demnächst zum Abschluß ge- 
langen werden. Man wird sich fragen, warum in dieser An- 
gelegenheit gerade eine Betonung des blinden Kriegers statt- 
findet. Diesen Fragestellern sei erwidert, daß sich in vielen 
praktischen Versuchen die Verwendbarkeit des Blinden zu 
landwirtschaftlichen Arbeiten ergeben hat. Nachdem aber 
diese Feststellung erfolgt ist, liegt kein 
Grund vor, die Blinden von landwirtschaftlichen 
Ansiedlungen auszuschließen. Selbstverständlich ist 
nicht daran gedacht, den einzelnen Blinden auf das Land zu 
ziehen, vielmehr soll er seine Familie mitbringen und in einer 
kleinen Landwirtschaft durch Selbstbewirtschaftung sein 
Auskommen suchen. Sind wir recht unterrichtet .so will die 
kaiserliche Gutsherrschaft für den angedeuteten Besiedlungs- 
zweck insbesondere ihre Vorwerke zur Verfügung stellen und 
an erster Stelle mit dem an der Tolkemiter Chaussee gelege- 



228 



nen Vorwerk Kickelhof beginnen. Man spricht davon, daß 
schon in den nächsten Tagen eine Sachverständigenkommis- 
sion in Cadinen eintrifft, um an Ort und Stelle das notwendige 
Gutachten abzugeben. (Elbinger Zeitung.) 

— Nach einer Mitteilung in der Oktober-Nummer der 
„Blindenwelt" soll am 1. Januar n. Js. in Breslau eine neue 
Leihbibliothek unter dem Namen „Schlesische Blindenbiblio- 
thek" eröffnet werden. Mit derselben wird eine Auskunfts- 
stelle verbunden sein, deren wichtigste Aufgabe die Berufs- 
vermittlung sein soll. 

— Herr Blindenlehrer Koch in Düren hat seit Mitte No- 
vember d. Js. die Leitung der Blindenanstalt in Ilvesheim in 
Baden übernommen. 

Im Druck erschisnen: 

The Maryland School for the Blind in Overlea M. D. Bericht 
des Direktors für Juni 1912 und 1913. 

Maryland Workshop for the Bhnd in Baltimore M. D. für 
1912 und 1913. 

The Departement for Colored Blind and Deaf oft the Mary- 
land School for the Blind in Overlea M. D. für 1912 
und 1913. 

SehaiintmidiunQ. 

Der Verein der deutschredenden Blinden hat in seinem Organ „Mit- 
teilungen" eine Rubrik „neu erschienene Bücher in Puni-ctschrift" einge- 
richtet. Er beabsichtigt durch Besprechung der Bücher nach ihrem In- 
halt, ihrem Druck und ihrer äußeren Ausstattung die Blinden auf diese 
aufmerksam zu machen und zur Verbreitung beizutragen. 

Die verehrlichen Druckereien und Verlagsanstalten der Punktschrift- 
bücher werden daher gebeten, jeweilig bei Erscheinen neuer Bücher eine 
kurze Anzeige mit Angabe des Preises und der Bändezahl zu senden an: 
Dr. W. Sciiwerdtleger, erster Geschäftsführer obigen Vereins, Leipzig, 
Auen-Straße 4. 

Stelle-Gesuch. 

Ein ostschweizerischer Lehrer, der ein Jahr in der Blindenanstalt 
zu Köniz bei Bern tätig gewesen, aber in der Schweiz zur Zeit keine 
Stelle als Blindenlehrer finden kann, weil alle Anstalten reichlich mit 
Personal versehen sind, sucht definitive oder auch nur provisorische An- 
stellung in einer deutschen Blindenanstalt. Auskunft können erteilen die 
Herren Viktor Altherr, Direktor des Blindenheims St. (lallen (Langgasse), 
Direktor Minder, Blindenanstalt Köniz bei Bern und Kunz in Illzach-Mül- 
hausen im Elsaß. 



Blinden-^ifoibmaldiine 



n 



Schreibmaschine für Punlttschrift I und 11 je 66 M. 

Schreibmaschine für gewöhnliche Schrift mit Rücltlauftaste IV 55 M. 

Picht, Blindenanstalt Broraberg. 



Druck und Verlag der Hamel'schen Buchdruckerei u. I^apierhandlung, Düren 



Abonnementspreis 
pro lahr M. 5; öurch öie 
Post bezoijen M. 5.60, 
örekt unter Kreuzbanö im 
Inlanöe M. 5.50, nach öem 
Auslanöe 6 M. 




Erscheint jährlich 12mal 
einen Bogen stari<. __ 
Bei Anzeigen wirö öie 
gespaltene Petitzeiie oöer 
öeren Raum mit 15 Pfg. 
berechnet. 



Der 

Blindenfreund. 

Zeitschrift für Verbesserung des Loses'der Blinden. 

Orjian der Blindenanstalten, der Blindenlehrer-Kongresse und des Vereins 
zur Förderung der Blindenbildung. 

Gegründet und bis September 1898 herausgegeben von 
kgl. Schulrat Wilhelm Mecker t. 
Fortgeführt von Brandstaeter-Königsberg, Lembcke-Neukloster, 
Mell-Wien und Zech-Königsthal. 
Hauptleiter für 1915 ist Schulrat Brandstaeter-Königsberg Pr., Bahnstr. 30. 

Ars pietasque dabunt lucem 
caecique videbunt. 



Nr. 12. Düren, den 15. Dez. 1915. .Jahrgang XXXV. 



Hauptleiter für 1916 ist Direktor Lembcke 
in Neukloster in Mecklenburg. :::::::::::::::: 



Unter Kriegsblinden. 

Bericht aus dem k. k. Blinden-Institut in Wien. 

Seit Beginn der Aufnahme von Kriegsblinden in unsere An- 
stalt ist es meine Aufgabe, den Augenarzt bei seinen Visiten 
zu begleiten, seine Anordnungen entgegenzunehmen und für 
ihre Befolgung Sorge zu tragen. In diesen Stunden habe icli 
wohl die erschütterndsten Augenblicke erlebt, die in unserem 
Wirkungskreise vorkommen können: die Augenblicke, in denen 
den erblindeten Kriegern ihr Schicksal mitgeteilt wurde. Die 
wenigsten, die zu uns kommen, sind davon unterrichtet, daß 
es keine Hilfe mehr für sie gibt, die meisten kommen ins In- 
stitut, noch erfüllt von der Hoffnung, wieder sehend zu werden. 
In der Regel ist es Mitleid, das die Vernichtung dieser Hoff- 
nung, an die sich die Augenverwundeten mit aller Kraft klam- 
mern, hinausschiebt. Uns fällt dann die schwere Aufgabe zu, 
den Unglücklichen auf sein Los vorzubereiten und ihn damit 
auszusöhnen. Es ist natürlich sehr verschieden, wie die Wahr- 
heit aufgenommen wird; Bildung und Alter spielen dabei eine 
große Rolle. Wirkliche Verzweiflung habe ich in einem ein- 
zigen Falle gesehen. Das war bei einem 19jährigen Südtiroler, 
der beide Augen verloren hatte, es aber nicht wußte, da er seit 



230 

seiner Verwundung den Verband getragen hatte. Er war der 
festen Ueberzeugung, sein Augenlicht wiedergewinnen zu 
i^önnen und fragte bei einer Untersucliung den Arzt nach dem 
Aussehen seiner Augen. Nun erfuhr er, daß er für immer 
blind sei. Eine Sekunde vielleicht saß er unbeweglich, dann 
brach er in krampfhaftes Weinen aus und klammerte sich, 
verzweifelte Worte hervorstoßend, an mich. Mit Mühe 
brachten wir ihn zu seinem Bett, auf das er laut schluchzend 
sank. Seine Landsleute — selbst Blinde — bemühten sich 
liebevoll um ihn. Wir überließen ihn denselben, da uns die Er- 
fahrung gelehrt hat, daß das in solchen Fällen das einzig 
Richtige ist. Der Weinkrampf löste sich auch in kurzer Zeit, 
aber das stumpfe Hinbrüten, das ihm folgte, machte einen 
noch schrecklicheren Eindruck. Allen Bemühungen, ihn zu 
trösten, setzte er hartnäckigen Widerstand entgegen, und erst 
als man ihm versprach, ihn seinen Eltern, die in einem Flücht- 
lingslager in Böhmen weilten, zuzuführen, wurde er gefaßter. 

Den besten Beistand leistete uns in diesem Falle ein 
junger Trientiner, der fast ein Jahr in russischer Gefangen- 
schaft zugebracht und sich mit seinem Schicksal schon abge- 
funden hatte. Ich sprach nachher mit ihm über seinen jungen 
Kameraden. Da sagte er mir folgendes: „Bartoli weinte, als 
er hörte, daß er blind bleiben müsse. Ich weinte nicht, als der 
russische Arzt es mir sagte. Aber ich dachte an all das 
Schöne, das ich nun nie mehr sehen sollte: an die Blumen, 
die Bäume, den Himmel, die Mädchen . . ." Die Schlicht- 
heit, womit er das sprach, rührte mich tiefer als vorher der 
wilde Ausbruch des Schmerzes bei dem anderen. 

In einem anderen Falle wandte sich der Kriegsblinde an 
den Arzt mit der Bemerkung: „Man hat mir bisher noch 
nirgends die Wahrheit gesagt, Herr Doktor, bitte, tun Sie es." 
Und auf die Antwort, daß seine Augäpfel geschrumpft seien 
und an eine Heilung also nicht zu denken wäre, erwiderte er 
mit einer kurzen Verbeugung und einem „Ich danke Ihnen. 
Herr Doktor!" Ich hatte gezittert vor diesem Augenblick. 
Als der Blinde dastand, totenblaß, die Zähne in die Unterlippe 
gegraben — er, der so fest überzeugt gewesen war, daß er 
wieder sehen würde — da kamen mir Tränen in die Augen. 
Ich denke heute noch mit Bewunderung an seine seelische 
Kraft, die es ihm möglich machte, fünf Minuten nachher ruhig 
und gefaßt zum Unterricht zu gehen. 

Mit trüben Anwandlungen kämpfen fast alle noch bei uns, 
aber am meisten die, die erst nach langer Spitalsbehandlung 
erfahren, daß sie blind bleiben müssen. In vielen Fällen ist 
die Verwundung derart, daß danach nicht einmal Bewußtlosig- 
keit eintritt. Dann wird sich der Verwundete in der Regel 
selbst über sein Schicksal klar. Ein Kärntner erzählte uns: 
„Ich war am Morgen ins Gefecht gekommen, am Nachmittag 
verwundet worden und liegen geblieben, da die Unsrigen zu- 
rückgehen mußten, ohne die Verwundeten mitnehmen zu 
können. Als die Russen das Gefechtsfeld absuchten, ließen 



231 

sie mich und zwei andere liegen, da sie wolil glaubten, wir 
seien nicht mehr zu retten. In der Nacht starben die anderen 
beiden, ich aber kam durch die Kälte und Feuchtigkeit völlig 
zum Bewußtsein, erkannte die Art meiner Verwundung und 
wollte gerettet werden. Als auf mein Rufen hin niemand kam, 
erhob ich mich und tastete mich vorwärts auf gut Olück. 
Endlich hörte ich Stimmen, ohne unterscheiden zu können, was 
für eine Sprache sie redeten. Ich begann laut zu schreien. 
Nun wurde man aufmerksam auf mich und holte mich ab. 
Ich war der festen Meinung, bei den Unsrigen zu sein, denn 
ich hörte eine slavisclie Sprache, ohne unterscheiden zu 
können, welche. So kam ich ins Spital und erst dort erfuhr 
ich von Kameraden, daß ich in russischer Gefangenschaft 
war." Ein volles Jahr brachte er nun teils in Rußland in 
Spitälern, teils in Sibirien in Gefangenenlagern zu, um endlich 
heimzukehren, versöhnt mit seinem Schicksal und nach der 
Rücksprache bei uns voll Hoffnung, sich einen Wirkungskreis 
als Masseur eröffnen zu können, da er nicht mehr Kranken- 
pfleger, wie vor dem Kriege, sein kann. 

Ein anderer Kärntner erzählte, daß er nichts weiter von 
seiner Verwundung wußte, als daß er einen Schlag an die 
Schläfe erhalten habe. Als er zu sich kam, begann er um sich 
zu greifen und nach seinem Gewehr und seinem Tornister zu 
suchen. Man fragte, was er denn wolle. Da fuhr er auf: „Wir 
Hegen doch in Bereitschaft, da muß ich meine Sachen haben!" 
Jetzt sagte man ihm, wo er sei. Er beteuert, daß er anfäng- 
lich weder an seine Verwundung noch an seine Gefangen- 
schaft glauben wollte. „Na," fügte er hinzu, „ein ganzes Jahr 
lang hab ich Zeit gehabt, mich an den Gedanken zu gewöhnen." 
Nim lernt er bei uns Korbflechten und wird — da er Eisen- 
bahner war — wieder von der Eisenbahn beschäftigt werden. 

Eine eigentümliche Fügung wollte es, daß Zugführer 
B e r g e r — so heißt der Kärntner — bei uns einen Ver- 
wandten kennen lernen sollte, von dem er bis dahin nur den 
Namen gewußt hatte, seinen Onkel, den Oberjäger H i 1 1 e - 
p o 1 d. Selbstverständlich liegen beide in demselben Saal 
nebeneinander und ihre Verwandtschaft gibt, da der Onkel um 
ein Jahr jünger ist als der Neffe, zu manchem Scherze Anlaß. 

Auch sonst hat er Bekannte gefunden, Kameraden, die mit 
ihm in Sibirien waren, so den Südtiroler C a p r a, der im russi- 
schen Gefangenenlager bei seinen Schicksalsgefährten — 
deutsch lernte. Dann ist da der Wiener B i g g e, der so gern 
singt und es in Sibirien nicht verlernte. Als er in Moskau im 
Spital lag, sang er oft vor sich hin und fand auch einmal 
emen Zuhörer: einen russischen General, der im selben Spitale 
war, und der sich öfters einfand, um ihm zu lauschen und 
stundenlang bei ihm sitzen blieb, nur um ihn singen zu hören. 
Bigge hat nie mit ihm gesprochen, da der General des 
Deutschen nicht mächtig war. Später wurde ihm erzählt, daß 
der Russe halbe Tage vor dem Zimmer auf einer Bank lag und 
den Wiener Liedern lauschte, die Bigge sang. 



232 

Ein anderer Wiener, Brauner, der auch aus russischer 
Gefangenschaft l^am, gerät immer noch außer sich, wenn man 
nach der russischen Kost fragt. Er ist zweimal in Rußland 
über die Spitaltreppe hinuntergestürzt und deshalb nur schwer 
aus seiner Furcht vor jeder selbständigen Bewegung zu reißen. 
Er ist ein Langschläfer, aber mit ihrer Neckerei haben ihn 
seine Stubenkameraden schon dazu gebracht, zum Frühstück 
aufzustehen. Einmal waren nun aber nur Blinde im Schlafsaal 
und Brauner machte deshalb nicht Miene, in den Speisesaal zu 
gehen. Einer ruft ihn an: „Na, Brauner, was is', kommst nicht 
mit?" — „Nein, ich wart', bis mich ein Sehender holt" ant- 
wortet er, ■ — „Aber geh, wir gehn doch alle allein, wir führen 
dich schon!" — „Ja, daß ich wieder über die Stiege fall' und 
mich erschlag!" ist seine ein bischen brummige Erwiderung. 
Da lege ich mich ins Mittel: „Aber hören Sie, Herr Brauner, 
versuchen Sie's einmal, Ihre Kameraden kennen sich schon 
so gut aus, die geben schon acht, daß Ihnen nichts geschieht. 
Gehen Sie nur mit!" Und ich führe ihn zu einem, der seit 2 
Monaten bei uns. Er geht mit ihm und kommt zu seinem 
Erstaunen heil und ganz in den Speisesaal, in das Vorlese- 
zimmer und wieder zurück hinauf. Jetzt läßt er sich nicht 
mehr nötigen und bekommt Lust, es auch allein zu versuchen. 
Das ist der Anfang und bald wird es vorwärtsgehen und 
Brauner auch den Weg in die Werkstätte finden. 

Alle diese kamen schon ihres Zustandes bewußt, zu uns. 
Es war deshalb nicht allzu schwer, sie dahin zu bringen, sich 
ein Handwerk zu wählen und die Arbeit zu beginnen. Die 
anderen haben in der Regel zuerst nur den Wunsch, auf Ur- 
laub gehen zu dürfen, mit ihren Angehörigen zu sprechen und 
sich zu beraten. Wo es möglich ist. wird ihnen auch die Mög- 
lichkeit dazu geboten, und sie kehren in der Regel gefaßt und 
ruhig zu uns zurück. Wer einmal längere Zeit in der Mitte 
seiner blinden Kameraden zubringt und an den Fortschritten. 
die er macht, sieht, daß er trotz seines Gebrechens noch Tüch- 
tiges leisten kann, der trägt bald den Kopf höher und findet seine 
gute Laune, seinen Lebensmut wieder. 

Mathilde Meli. 



Die Blindenmassage. 

Von Dr. med. et jur. F. Kirchberg, leitender Arzt des 
Berliner Ambulatoriums für Massage, zur Zeit Leiter des 
Militärmedikomechanikum, Oberversicherungsamt Charlot- 
tenburg. Abt. des^Reservelazaretts Technische Hochschule. 

Von mehreren Seiten ist in dieser Zeitschrift empfohlen 
worden, durch Kriegsverletzungen Erblindete dem Massage- 
beruf zuzuführen und von verschiedenen Seiten bin ich ge- 
fragt worden, ob ich die Ausbildung der Erbhndeten in meiner 
1 ehranstalt übernehmen wollte. Ich habe in allen diesen Fällen 
dringend vor diesem Experiment gewarnt und möchte diese 



233 

Warnung mit Rücksicht auf die erwähnten Artikel in dieser 
Wochenschrift nachdriickhchst wiederholen. 

Seit Zabludowskis Tode leite ich das Berliner Ambula- 
torium für Massage, das aus dem Zabludowskischen Univer- 
sitätsinstitut für Massage nach dessen Auflösung hervorge- 
gangen ist. Da Zabludowski wohl als erster in Deutschland 
die Frage der Blindenmassage angeregt hatte, und sie, wie es 
aucii jetzt wieder geschieht, unter Hinweis auf die japanischen 
Verhältnisse, wo die Massage lange Zeit Monopol der Blinden 
war, als Erwerbszweig für die Blinden warm empfohlen hatte, 
waren auch in unserer Lehranstalt öfters Blinde zur Aus- 
bildung, zum Teil uns überwiesen durch die Steglitzer Blinden- 
anstalt, zum Teil auf andere Empfehlungen hin. Während ich 
mich anfangs durch die Zabludowskischen Gründe „Das feine 
Tastgefühl der Blinden usw." habe bestimmen lassen, stehe 
ich jetzt dieser Frage ganz anders gegenüber und möchte 
diesen Standpunkt jetzt bei der doch ungeheuer wichtigen 
Frage, welchem Beruf unsere im Kriege Erblindeten zugeführt 
werden sollen, nachdrücklichst vertreten: Daß gebildete Blinde, 
aber auch nur gebildete, die Massage erlernen können und er- 
lernen, ist selbstverständlich, und sie haben sie auch bei uns 
ganz gut erlernt, aber was fangen sie später damit an? Haben 
sie Aussicht, sich damit einen genügenden und sie zufrieden- 
stellenden Erwerb zu verschaffen? Diese Frage muß ich ganz 
glatt verneinen. Der Hinweis auf Japan hat für uns gar keine 
Bedeutung, die Verhältnisse liegen doch dort ganz anders. Dort 
wird die Durchknetung des Körpers als etwas zur Lebens- und 
Körperkultur gehöriges seit Jahrhunderten angesehen und von 
den Blinden fast ausschließlich als Körperganzmassage in 
diesem Sinne ausgeübt, bei uns ist die Massage doch fast aus- 
schließlich Heilmassage nach bestimmten Verletzungen und bei 
einzelnen Erkrankungen, während sie als Körperpflege doch 
höchstens in den russich-römischen Bädern in Verbindung mit 
dem Dampfbad gebraucht wird. Für diese Zwecke müßte 
man die BHnden also auch für den Beruf als Bademeister aus- 
bilden, und das würde doch zu großen Bedenken Anlaß geben. 
Als Heilmassage hat die Massage nur Bedeutung in Verbindung 
mit einer rationellen aktiven und passiven Gymnastik, und die 
kann naturgemäß ein Blinder auch nicht richtig überwachen. 
Es kämen also nur für Blinde die ganz ungeheuer seltenen 
Fälle in Betracht, wo sich Herren wegen Fettleibigkeit oder 
aus Sportsgründen einer regelmäßigen Ganzmassage unter- 
ziehen, und auf diesem Gebiet ist der deutsche Arbeitsmarkt 
ganz ungeheuer überfüllt, zum großen Teil von angeblich im 
Ausland Ausgebildeten, und wird nach dem Krieg von den 
zahlreichen jetzt ausgebildeten Sanitätern noch mehr überfüllt 
werden. Wie ich aus meiner langjährigen Tätigkeit als 
Massagelehrer weiß, versuchen ja so viele verkrachte Exis- 
tenzen gerade auf diesem Gebiete sich einen neuen Erwerb 
zu schaffen und man muß bei der Annahme der Schüler sehr, 
sehr sorgfältig sichten, um nicht von vornherein zu wissen. 



234 

daß man nur Kurpfuscher erzieht. Außerdem werden die 
Massagen in Deutschland durchschnittHch elend bezahlt, ich 
kenne als Herausgeber der Massagezeitung und Ehrenmitglied 
des Zentralvereins der Heilgehilfen und Masseure Deutchlands 
die Erwerbsbedingungen auf diesem Arbeitsmarkt recht ge- 
nau. Für weibliche Kranke kommen die Blinden doch auch 
nicht in Betracht, erstens gibt es noch viel mehr Masseurinnen 
als Masseure, und dann würde sich, soweit ich die Stimmung 
dafür übersehen kann, eine Frau von einem blinden Masseur, 
der selbstverständlich vor Beginn der Massage die Verhält- 
nisse erst tastend übersehen muß, noch viel weniger gern 
massieren lassen, als von einem sehenden. Für Frauen, die 
sich aber aus Sinnenkitzel lieber dann von einem erblindeten 
Krieger massieren lassen möchten und dann als Deckmantel 
riafür die Fürsorge für diese angeben würden, sind unsere im 
Felde Verwundeten doch wirklich zu schade. Es kommt hin- 
zu, daß die Lehr- und Lernverhältnisse der deutschen Masseure 
z. Z. gänzlich ungeklärt sind, die frühere Heilgehilfen- und 
Masseurprüfung in Preußen ist vor 2 Jahren aufgehoben 
worden, und trotz dringender Wünsche der deutschen Masseure 
ist etwas anderes an ihre Stelle nicht gesetzt worden. Ge- 
setze und Bestimmungen existieren darüber zurzeit über- 
haupt nicht. Es massiert jeder, der will, ob er etwas gelernt 
hat oder nicht und so ist die Massage bei uns das blühendste 
Feld für die Kurpfuscherei geworden, sehr zum Schaden der 
anständigen, gut ausgebildeten Masseure. In absehbarer Zei\ 
muß sich das bei uns endlich bessern, und die Regierung muP 
staatliche Schulen und Normen für diesen Beruf schaffen, soll 
S'e nicht wissentlich der Kurpfuscherei Vorschub leisten. 

Für die zahlreichen Kriegsverletzten nach dem Feldzuge 
und jetzt kommen aus den obenerwähnten Gründen, weil ge- 
rade da die Massage immer mit der Heilgymnastik zusammen 
angewendet werden muß. die Blinden auch nicht in Betraciil, 
und schließlich wird der Krieg doch auch einmal zu Ende sein, 
und dann werden die Arbeitsverhältnisse der Masseure wieder 
noch traurigere, als sie zurzeit schon sind. 

Also im Interesse unserer erblindeten Soldaten warne ich 
dringend vor diesem Experiment, sie einem Beruf zuzuführen, 
auf dem sie sicher nur schwere Enttäuschungen erleben 
würden. Auch der immer gemiachte Hinweis darauf, daß der 
Blinde feiner fühlt als der Sehende, ist ein Trugbild. Jeder 
Arzt, der die Verhältnisse auf diesem Gebiete kennt, weiß, daß 
viele unserer Masseure schon viel zu viel fühlen, was gar nicht 
da ist, und den Kranken die unglaublichsten Sachen einreden, 
und ein tüchtiger, gut ausgel^ildeter Masseur lernt auch sehend 
alles Nötige allmählich fühlen. 

Der gebildete Blinde wird sicher in anderen Berufen besser 
sein Auskommen finden als in der Massage, und der unge- 
bildete lernt sie nicht richtig. Wir müssen uns das alles klar 
machen, um die so schwer Geschädigten nicht einem Beruf 
zuzuführen, in dem sie sicher nicht ihr genügendes Auskommen 



235 

finden, nur Enttäiischung:en erleben und dann erst recht un- 
Klücklich und unzufrieden sein würden. 

(Aus: Münchener meöizinische Wochenschrift Nr. 40 vom 5. 10. 1915. 



Zum 50jährigen 
Bestehen der Bienerschen Blindenanstalt.*) 

Die Bienersclie Blindenanstalt führt den Namen ihres 
hochherzigen Stifters, des Königl. Preuß. Och. Justizrates Dr. 
Friedrich August Biener. Er starb am 2. Mai 1861 in Dresden 
und fand dort auf dem Trinitatisfricdhofe seine letzte Ruhe- 
stätte, deren Erhaltung und Pflege die Stadt Leipzig über- 
nomm'en hat, weil er sie in seinem letzten Willen zu % seines 
Nachlasses, mit über V-i Million Mark, als Erbin einsetzte. Das 
Stiftungskapital sollte zur Errichtung einer Bildungs- und Er- 
ziehungsanstalt für blinde Kinder und zur Begründung einer 
Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde dienen. Aus- 
drücklich sagt der Stifter: „Das Institut soll nicht eine Ver- 
sorgungsanstalt für jüngere oder ältere Blinde sein, sondern 
eine Bildungsanstalt für blinde Kinder bis zu einer gewissen 
Altersstufe." Hinsichtlich der Kosten gibt Dr. Biener seine 
Meinung dahin kund: „Es ist mir klar, daß die Summe zur Be- 
gründung einer solchen Anstalt nicht ausreicht; man kann aber 
auf den Wohltätigkeitssinn rechnen, der mit der Zeit sich dem 
Institute zuwenden wird." Diese Erwartungen haben sich er- 
füllt, denn der Bienerschen Stiftung flössen im Laufe der Jahre 
ansehnliche Vermächtnisse und Geschenke zu. Das tiefe Mit- 
leid des edlen Mannes mit den Lichtlosen erwuchs wohl aus 
seinem freundschaftlichen Verkehre mit Hofrat Prof. Dr. 
Ritterich, dem Begründer der hiesigen Augenheilanstalt, und 
aus dankbarer Gesinnung gegen Gott. „Weil ihm die göttliche 
Vorsehung die Sehkraft bis in sein hohes Alter ungetrübt er- 
halten hat, hat er derjenigen seiner Mitmenschen gedenken 
wollen, die des Augenlichts entbehren." Dr. Biener wünschte 
bezüglich der inneren Ausgestaltung der zu begründenden An- 
stalt, daß sie nicht gewissen Schulregulativen anheimfalle und 
auch nicht konfessionell beschränkt werde. Sie sollte allen 
bildungsfähigen Blinden Leipzigs Aufnahme gewähren, blinde 
Kinder durch Unterricht und Erziehung heranbilden und er- 
wachsene Menschen arbeits- und erwerbsfähig machen. 

Der Rat lenkte nun sein Augenmerk auf einen erprobten 
Fachmann im Blindenwesen und wählte schließlich den 
Direktor der städtischen Blindenanstalt zu Nürnberg, Freiherrn 
Ludwig V. Sainte-Marie, zum Leiter der Bienerschen Blinden- 
anstalt. Nach zeitraubenden Vorarbeiten, die sich namentlich 
auf die räumliche Unterbringung der Anstalt und deren zweck- 
mäßige Einrichtung erstreckten, konnte die Stiftung endlich 



') s. die Mitteilung S. 209 des Jahrganges. 



236 

1865 im neuen Waisenhaiise (jetzt Krankenhaus St. Jakob) ins 
Leben treten. Am 4. September wurde die Bescliäftigungs- 
anstalt mit 1 Stuhlflecliter aus der säclisischen Landesanstalt 
zu Dresden und am L Oktober die Erziehungsanstalt mit einem 
Leipziger Stadtschüler eröffnet. Aus solchen kleinen An- 
fängen heraus haben sich übrigens auch fast alle anderen 
Blindenanstalten entwickelt. 

Die junge Anstalt fand aber keine bleibende Stätte im 
Waisenhause, denn nachdem dieses im Kriegsjahre 1866 als 
Lazarett eingerichtet und 1868 zum. Krankenhause umge- 
wandelt worden war, begann für die Blindenanstalt mit nun- 
mehr sechs Zöglingen von neuem die Suche nach einem passen- 
den Unterkommen. Die Beschäftigungsanstalt hatte am 
meisten darunter zu leiden und konnte nur notdürftig mit zwei 
Blinden fortgeführt werden. In dieser Notlage trat die Mcnde- 
sehe Blindenstiftung als Helferin ein, indem sie am Ende 1869 
der Bienerschen Stiftung das Mendesche Wohnhaus (Salomon- 
straße 21) nebst Vorder- inid Hintergarten mietweise über- 
ließ. Das Mietsverhältnis besteht heute noch und möchte um 
unserer Blinden willen auch so bleiben. Denn die hohen, 
luftigen und sonnigen Unterrichts-, Wohn- und Schlafräume 
der Erziehungsanstalt entsprechen allen gesundheitlichen An- 
forderungen unserer Zeit, und die beiden angrenzenden Oärten 
sind für die körperliche Entwickelung und Kräftigung der meist 
blutarmen und von Haus aus zum Stillsitzen verurteilten 
blinden Kinder, vor allem aber zur Ausbildung ihres Orien- 
tierungsvermögens, von unschätzbarem Werte. Die Lage des 
Grundstücks inmitten einer gewerbhchen Umgebung ist für 
die Beschäftigungsanstalt höchst vorteilhaft und hat ihr eine 
treue Kundschaft für ihre Stuhlflechterei und Bürstenmacherei 
verschafft. Von hier aus können die Blinden bequem und 
sicher nach allen Richtungen der Stadt gelangen, auch ohne 
besondere Schwierigkeit und größeren Zeitverlust das Neue 
Theater und gute Konzerte besuchen, wozu ihnen Gönner und 
Wohltäter seit 50 Jahren schon verholten haben. Wer wollte 
ihnen wohl diesen Genuß schmälern, der sie auf einige Stunden 
ihr trauriges Schicksal vergessen läßt? 

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, den Ent- 
wickeiungsgang der Anstalt, ihr Familienleben, den Schul- und 
Werkstättenbetrieb und im besonderen die ausgedehnte 
Blindenfürsorge näher zu beschreiben. Hervorgehoben sei 
nur, daß unter dem ersten Direktor, v. Sainte-Marie, einem 
feingebildeten, mildherzigen und umsichtigen Manne, dem seine 
Pflegebefohlenen im'mer ein dankbares Andenken bewahrt 
haben, die Bienersche Blindenanstalt den gewünschten Auf- 
schwung nahm. Aber schon 1884 trat er in den Ruhestand, 
weil die Kräfte für sein verantwortungsvolles Amt ihm er- 
lahmten. Er starb 1899 und wurde auf dem Neuen Johannis- 
friedhofe hier begraben. Unter dem nachfolgenden Direktor 
Karl Krause, den der Rat von der sächsischen Blindenvor- 
schule in Moritzburg an die Blindenanstalt berief, erhielt diese 



237 

eine zeitgemäße, sichere Grundlage, besonders für die Aus- 
bildung?; der späteren Erwerbsfäliigl\eit iiirer Zcigiinge. Die 
Mandgescliickliclikeit und der Forrnensinn der blinden Kinder 
werden entwickelt durch Fröbelarbeiten, Zeichnen (mittels 
huidfadens durch Aufstecken auf Filzkissen), Modellieren, 
Handfertigkeitsunterricht, Spiel und Turnen. Direktor Krause 
und seine hilfreiche Gattin traten 1914 in den wohlverdienten 
Ruhestand. Sie haben 30 Jahre zum Wohle der Leipziger 
Blinden gearbeitet und sich in deren Herzen ein bleibendes 
Andenken gesichert. Sein langjähriger Mitarbeiter, Oberlehrer 
Gustav Oörner, wurde Ostern 1914 durch den Rat zum 
Direktor der Anstalt ernannt und demzufolge auch mit der 
Bündenfin-sorge betraut, die in Leipzig bei der wachsenden 
Bevölkerungszahl beständig an Umfang gewinnt. Es besteht 
eine auffallende Zunahme der Späterblindeten, und sie wird 
nocli größer werden durch unsere im Dienste des Vaterlandes 
erblindeten Krieger. 

Im Laufe der 50 Jahre hat die Bienersche Blindenanstalt 
vom Rate der Stadt, insbesondere aber von der Stiftungs- 
deputation, an deren Spitze jetzt seit nunmehr 15 Jahren 
Bürgermeister Dr. Weber steht, die weitestgehende Unter- 
stützung und das Leipziger Blindenwesen insgesamt jederzeit 
eine sehr wohlwollende Förderung erfahren. Mögen auch in 
Zukunft unserem städtischen Blindenwesen neue Gönner und 
Wohltäter beschieden sein! (Leipz. lagebi. v. i. lo. igis.) 



Staatsprüfungen für Lehrer u. Lehrerinnen 
an Blindenanstalten und für Blindenanstalts- 
Direktoren im Königreich Preußen 1915. 

Die ursprünglich auf den 9. und 16. November 1914 fest- 
gesetzten Fachprüfungen für Blindenlehrer w^urden infolge des 
Kriegsausbruches zunächst auf unbestinnnte Zeit verschoben, 
dann aber durch Ministerialerlaß auf den 29. November und 
6. Dezember 1915 in der Königlichen Blindenanstalt Berlin- 
Steglitz anberaumt. 

Bei der am 29. November abgehaltenen Direktoren- 
prüfung führte wieder Herr Geheimer Oberregierungs- 
rat Menschen, vortragender Rat im Kgl. Kultusministerium, 
den Vorsitz. Die übrigen Mitglieder der Prüfungskonnnission 
waren die Herren Provinzialscliulrat Geheimer Regierungsrat 
Dr. Flügel-Münster i. W., Direktor der Kgl. Blindenanstalt 
Schulrat M a 1 1 h i e s - Steglitz. Blindenanstaltsdirektor N i e- 
P e 1-Berlin, Blindenanstaltsdirektor Pich t-Bromberg. 

Als Prüflinge waren erschienen die Herren Blindenlehrer 
C y p e r r e k-Wiesbaden, G r a s e m a n n-Hamburg. K ü h n - 
Kiel, und Schul z-Berlin, letzterer als Feldgrauer aus Brüssel 



238 

beurlaubt. Jeder von ihnen hatte für die binnen acht Wochen 
einzureichende wissenschaftliche Arbeit eine besondere Auf- 
gabe erhalten. Es waren folgende: 

1. Wie gestaltet sich die Schulzucht in der Blindenan- 
stalt? 

2. Ueber den sogenannten allgemeinen Sinn und seine 
Verwendung im Blindenunterricht. 

3. Maßnahmen und Einrichtungen der Blindenanstalt für 
die Jugendpflege an ihren männlichen und weiblichen 
Zöglingen. 

4. Die Phantasie in ihrer Bedeutung für den Blinden- 
unterricht. 

Sämtliche 4 Herren bestanden die Prüfung. 

Die Prüfung für Lehrer und Lehrerinnen 
an Blindenanstalten fand vom 6. bis 8. Dezember statt. Sie 
trug in erhöhtem Maße das Gepräge des Krieges. Den Vor- 
sitz führte an Stelle des noch im Heeresdienst stehenden Pro- 
vinzialschulrats Oerlach der Herr Provinzialschulrat Qcheimer 
Regierungsrat Dr. O s t e r m a n n-Berlin. Als weitere Mit- 
glieder der Prüfungskommission waren berufen: Der Direktor 
der Kgl. Blindenanstalt Schulrat M a 1 1 h i e s - Steglitz, der 
Direktor der westpreußischen Provinzialblindenanstalt Schul- 
rat Z e c h-Danzig-Langfuhr, Blindenlehrer H o r b a c h-Düren 
(Rheinland) und Blindenlehrer Mülle r-Halle a. S., letzterer 
als Unteroffizier und Ritter des Eisernen Kreuzes. 

Die Zahl der Prüflinge betrug 8 (6 Herren und 2 Damen), 
nämlich die Lehrer D ö 1 b e r g und S a u p e aus Soest, beide 
geschmückt mit dem Eisernen Kreuz, ersterer als Vizefeld- 
webel nach schwerer Verwundung aus dem Lazarett kom- 
mend, letzterer als Leutnant unverwundet unmittelbar aus dem 
Schützengraben beurlaubt, — ferner die Lehrer Q 1 o e 1 und 
U r b a n aus Halle a. S., f1 u n h o 1 d, der in Erwartung seiner 
baldigen Einberufung zum Heeresdienst auf den 8. Dezember 
seine Hochzeit angesetzt hatte, und P ä t z o 1 d aus Breslau 
und die Lehrerinnen Frl. P a s t e r n (Schwester Salesia) aus 
Paderborn und Frl. P f u n d h e 1 1 e r aus Berlin. 

Die schriftliche Prüfung wurde am 6. Dezember in 8 
Stunden erledigt. Es waren in je 4 Stunden folgende Aufgaben 
zu bearbeiten: 1. Die Einwirkungen des gegenwärtigen Krie- 
ges auf die deutschen Blindenanstalten in ihrer unterrichtlichen 
und erziehlichen Verwertung. 2. Die Bedeutung der Hand für 
den Blinden und ihre Ausbildung im Unterricht. 

Die mündliche Prüfung einschließlich Lehrproben nahm 
den 7. und 8. Dezember in Anspruch. 

Erfreulicherweise konnte der Vorsitzende nach der Schluß- 
beratung sämtlichen Prüflingen das „Bestanden" verkünden. 
Möchten sie alle nun in der treuen Arbeit an den deutschen 
Blinden dauernde Befriedigung finden und reiche Früchte zei- 
tigen, und möchte über der nächsten Blindenlehrerprüfung 
wieder die Sonne eines gesegneten Friedens leuchten! Ms. 



239 

Aus Bethesda, dem deutschen Blindenheim 

in Malatia, Klein-Asien. 

Die große schwere Zeit, in der wir leben, ist eine Sicli- 
lungszeit aiicli für die Mission. Die große Not, die über uns 
licrcinbracli, traf aucli sie, und die Kriegsstürme brausen zer- 
störend aucii über die Arbeiten der Mission hin. 

Da steht fern im Osten, im türi^ischen Kurdistan, ein Haus, 
in dem deutsche Missions- und Liebestätigkeit seit nunmehr 
7 Jaliren ihr Werk unter den Aermsten und Verlassensten des 
Orients hatte, unter den Blinden. Das Haus ist Bethesda. das 
deutsche Blindenheim in Malatia, Klein-Asien. Zwar ist jenes 
Land Freundesland, und seine Söhne kämpfen Schulter an 
Schulter mit unsern Feldgrauen, zwar liegt Bethesda weit ab 
von den Operationsgebieten, aber der entfesselte Sturm, der 
die Welt durchtobt, rüttelt auch an seinen (irundvesten und 
droht es zu stürzen. 

Vor sieben Jahren gegründet, konnte sich die Arbeit aus 
den allereinfachsten Anfängen heraus in verhältnismäßig 
kurzer Zeit so entwickeln, daß sie jetzt schon, d. h. bis vor dem 
Kriege, eine Zuflucht für viele der ungezählten Blinden des 
Orients wurde. Aus dem ganzen Lande, aus Anatolien- 
und Cilicien, aus Syrien, Mesopotamien, Kurdistan und 
Armenien, ja aus der europäischen Türkei befanden sich Pfleg- 
linge in Bethesda, beides Mohannnedaner und Christen, und 
aus Mangel an Raum und Mitteln konnte man viele Bitten um 
Aufnatime nicht erfüllen. So war ein lebenskräftiger Anfang 
gemacht, das entsetzliche Los der vielen tausenden Blinden zu 
verbessern, die die Landstraßen und Märkte des Morgenlandes 
bevölkern, und diese Bedauernswerten einem menschen- 
v\ ürdigen Dasein entgegen zu führen. Bei Kriegsausbruch 
führte die Anstaltsfamilie 85 Personen, mußte aber inzwischen 
auf 29 vermindert werden. Eine selbstverständliche Folge des 
Krieges war, daß die Unterstützungsgelder aus der Heimat nur 
spärlich einkamen, aber man hoffte die Arbeit über die kritische 
Zeit hinüberretten zu können. Der Gründer und Leiter be- 
findet sich seit Anfang des Krieges in Deutschland und ist in 
der Verwundetenseelsorge tätig. Verhängnisvoll ist. daß in- 
zwischen auch der Stellvertreter desselben, sein Schwager 
mit seiner Schwester und einer selbst blinden deutschen 
Lehrerin sich veranlaßt sahen, das Land zu verlassen. So sind 
jene übrig gebliebenen 29 Pfleglinge, die Hülflosesten und 
Pflegebedürftigsten fast ganz sich selbst überlassen. 

Wie so viele Missionsfreunde schauen auch die Freunde 
Bethesdas mit Bangen der weitern Entwicklung der Dinge ent- 
gegen. Soll dieser lebenskräftige Anfang der Blindenfürsorge 
im Orient verwischt werden? Sollen jene in Dunkelheit 
lebenden Unglücklichen nicht dem Licht entgegen geführt 
werden können? Soll das Licht christlicher Liebe, das im 
dunkelsten Kurdistan entzündet war. wieder verlöschen? 



240 

Soll jene Predi?:t ohne Worte von Oottes Liebe, die von 
Bethesda aus laut ins Land tönte, liinfort niclit mehr erkUngen? 
Die Freunde Bethcsdas glauben das nicht, sondern erwarten 
nach der Prüfung neues Wachstum und erweiterte Arbeits- 
möglichkeiten. Aber die Zeit ist ernst und sie schauen sicii 
um nach betenden und mitarbeitenden Freunden. 

Auskunft geben gern der Leiter Betliesdas: Laz.-Pfarrer 
Christoffel, Reserve-Lazarett Ahrweiler (Rheinland) und Frau 
Dr. U. Schroetcr, Albestraße 34, Friedenau-Berlin. Gaben 
nimmt ebenfalls Frau Dr. U. Schroeter entgegen. 



Verschiedenes. II 

— =^ 



Düren, Prov.-Bilnden-Unterrichts- Anstalt. 

Am 15. November fanden sich die Zöglinge, Lelirer und 
Meister der Anstalt zu einer schlichten Feier auf der Aula ein. 
Zu Beginn hob der Anstaltschor nicht mit der traurigen 
Weise „Mitten in dem Leben . . ." an, wie dies anlcäßlich der 
Gedenkfeier an den Heldentod der unvergeßlichen und unver- 
gessenen Lehrer Jost und Wassen der Fall war. Diesmal er- 
klangen Abschiedslieder, denn es galt, dem Lehrer Johann 
Koch, der als Rektor an die großherzogliche Blindenanstalt in 
Ilvesheim-Baden berufen ist, den letzten Gruß zu entbieten. 
Ein Schüler der ersten Schulklasse sprach seinem scheiden- 
den Ordinarius ein selbstverfaßtes Gedicht, worauf die übri- 
gen Zöglinge dieser Klasse die Schlußstrophe nach der Melodie 
„Morgen muß ich fort von hier" vortrugen. Bei den Ab- 
schiedsworten des Herrn Direktors und des Scheidenden 
flössen aus den Augen der Zöglinge reichlich Tränen, nament- 
lich ging den älteren der Abschied sehr nahe. Nicht nur die 
Zöglinge werden den Lehrer Koch vermissen, sondern alle, 
die mit ihm zusammen gearbeitet haben. Alle schätzten ihn 
als eine hervorragende, entschiedene und offene Persönlichkeit. 

Herr Koch hat über 16 Jahre an der Anstalt gearbeitet 
und geschafft, stets versuchend und darnach strebend, die 
Blindenarbeit dem Leben anzupassen, die Zöglinge dahin zu 
führen, daß auch sie den Forderungen draußen gerecht wer- 
den können. Großes Interesse widmete er der Fortbildungs- 
schule. 1903 wurde hier dieser Unterricht nach seinen Vor- 
schlägen umgestaltet, die auch heute noch grundlegend sind. 
Mit besonderer Vorliebe und Neigung verfolgte er die Hand- 
werkerfrage. Als guter Kenner der rheinischen Verhältnisse 
ging er den Zöglingen vor und nach der Entlassung mit treff- 
lichem Rat zur Hand. 

In schwerzuersetzender Weise wirkte Herr Koch an der 
rheinischen Blindenwerkstätte. Da war er der recfite Mann 
am rechten Platz. Die Blinden-Werkstättc wurde 1896 zwecks 



241 

Hebung ilirer wirtschaftlichen Lage nach Köln verlegt. Da 
sich die gehegten Hoffnungen nicht erfüllten, kam sie 1900 
wieder nach Düren zurück. Herr Koch ilbernalnn damals die 
Geschäftsführung. Der Vereinszuschuß betrug für die Werk- 
stätte in Köln bei 18 Arbeitern 8300 Mark, dagegen hier bei 
48 Arbeitern im Jahre 1914 nur 3000 Mark. Damit ist die um- 
sichtige Leitung des Hauses zur (jcnüge erwiesen. Mit Recht 
bezeichnete Herr Direktor Baldus den Scheidenden als einen 
sehr zuverlässigen und unermüdlichen Mitarbeiter. Unsere 
herzlichsten Glückwünsche begleiten ihn. Möge er in Baden 
mit dem gleichen Erfolg wirken wie in unserer lieben Rhein- 
provinz. N. 

— An dem Preisausschreiben des „Pester Llovd" für die 

beste Arbeit über das zukünftige Schicksal der im Kriege er- 
blindeten Soldaten haben sich 4.3 Arbeiten beteiligt. Der aus- 
geschriebene Preis ist zu gleichen Teilen den beiden besten 
Arbeiten zugeteilt worden. Eine der preisgekrönten Arbeiten 
hat den Direktor des Wechselmannschen Blindeninstituts 
Herrn Simon Adler und den Primarius dieses Instituts Herrn 
Dr. Julius Fejer zu Verfassern. Der Verfasser der anderen 
preisgekrönten Arbeit ist der kaiserliche Rat S. Heller. Direk- 
tor des israelitischen Blindeninstituts und der Anstalt zur Aus- 
bildung von später Erblindeten zu Wien. Der Direktionsrat 
hat durch diesen Juryspruch dem Programm nicht präjudi- 
ziert, dessen Befolgung er in Angelegenheit des zukünftigen 
Schicksals der blinden Soldaten dem Invalidenamt vorzu- 
schlagen gedenkt. Das Urteil stellt bloß fest, daß die beiden 
preisgekrönten Arbeiten von absolutem Werte sind und eine 
gesunde Richtung vertreten. 

Herr Wagner, Direktor der Klar'schen Blindenanstalt in 
Prag schreibt uns: 

„Seit dem 82jähr. Bestände unserer Anstalt hat wohl keine 
der eingelaufenen Zuschriften einen so mächtigen Eindruck auf 
die jeweiligen Institutsleiter hervorgerufen, als das abschrift- 
lich beigeschlossene Schreiben der 6. Feldkompagnie des 102. 
Infanterie-Regiments. 

In dem Wohltätigkeitsakte der Mannschaft dieser Kom- 
pagnie liegt so viel Edelsinn, welchen sich dieselbe trotz der 
Greuel des Krieges und der eigenen Entbehrungen bewahrt 
hat, daß wir bewundernd vor dieser Seelengröße stehen und 
selbstverständlich den Wunsch haben, daß diese Kundgebung 
zur Ehre des Regiments die weitgehendste Verbreitung finde." 

Das Schreiben lautet: 

Feldpostamt 33, am 14. November 1915. 

Wie bei allen Schichten der Bevölkerung unserer schönen 
Monarchie, so wairde auch im Felde auf die dritte Kriegs- 
anleihe gesammelt. 

Mit Freuden schloß sich das k. u. k. Infanterieregiment 
Nr. 102, begeistert durch eine kernige, patriotische Ansprache 



242 

des verehrten Reg:imentskommandanten, Herrn Oberstleutnant 
Rudolf Dusik, der Zeichnunia: an, jjalt es doch, dem geliebten 
Vaterlande. Kaiser und Reich einen neuen Dienst zu erweisen. 

Auf den Schlachtfeldern in Nord, Ost, Süd und Südwest 
der Monarchie bewiesen wir 102er stets unsere Tapferkeit 
und wanden uns so neue Ruhmesreiser um unsere stolze Fahne. 

Der durch unseren Komp. Kommandanten, Herrn Ober- 
leutnant Alois Hrüza, aufgeworfene Gedanke, das Zeichnungs- 
ergebnis den Aermsten der Armen, den Blinden, zukommen 
zu lassen, fand in den Herzen unserer Kameraden den freudig- 
sten Widerhall; alle stimmten bei, den aus kleinen Beträgen 
erwachsenen Betrag von 600 Kronen dem altbewährten Klar- 
sehen Blindeninstitut auf der Prager Kleinseite zuzuführen. 

Die Soldaten der 6. Feldkompagnie sind stolz darauf, dies 
der löbl. Direktion bekanntgeben zu können. 

(Unterschriften.) 

— Direktor Lembcke-Neukloster i. M., ist auf Vorschlag 
des „Landesausschuß für Kriegsbeschädigte in Mecklenburg- 
Schwerin" persönlich in den Sonderausschuß berufen worden, 
der von dem Reichsarbeitsausschuß für die Kriegsbeschädigten- 
fürsorge zur Heilbehandlung gebildet ist, worin auch die 
Blindenfrage erörtert werden wird. 

— Anton Messner, Lehrer am k. k. Blmden-Erziehungs- 
Institute in Wien ist am 6. Dezember d. Js. nach mehr als 
40jähriger Dienstzeit im Alter von 68 Jahren verstorben. 

— Wohltätigkeits-Konzert für Kriegsblinden-Fürsorge in 
Schwerin. Unter dem Protektorat Ihrer Königl. Hoheit der 
Frau Oroßherzogin von Oldenburg fand am 11. Dezember im 
Perzinasaal zu gunsten des hiesigen Kriegsblindenheims ein 
Richard-Wagner-Konzert statt, veranstaltet von dem Kammer- 
sänger Hensel und dem Kapellmeister Mevrowitz von der 
Hamburger Oper. 

Am 27. Oktober d. Js. besuchte Se. k. und k. Hoheit Herr 
Erzherzog Karl Stephan das Klar'sche Blindeninstitut in Prag. 

Dort wurde höchstderselbe vom Präsidenten des An 
staltsdirektoriums Hrn. kais. Rat Johann Stüdl begrüßt, welcher 
sodann die Herren Oberinspektor Karl Dederra. Direktor Fmil 
Wap'ner und Oberinspektor Wilhelm Schwippel als Mitglieder 
des landeskomitees für Kriegsblindenfürsorge und die ersten 
beiden Herren wie Frau Direktor Wagner als Mits^Iieder de<J 
Direktoriums der Klar'schen Blindenanstalt vorstellte. Hier- 
auf ineldete sich Oberstabsarzt Dr. Krejci als Kommandant des 
Oarnisons-Filialspitals Nr. 11, als dessen Dependencc das 
Klar'sche Blindeninstitut in Bezug auf blinde Soldaten fungiert. 

Nach kurzer Rücksprache mit den einzelnen Vorgestellten 
betrat der Herr Erzherzog die künstlerisch ausp'estattete An- 
staUskaoelle, an deren Pforte Augnstiner-Prior K. Randa das 
Aspergile reichte, worauf der Herr Erzherzog an den Stufen 
des Altars ein kurzes Gebet verrichtete. Es folgte die Be- 



243 

sichtigung der Bürstcnbinderei, in welcher die dort arbeitenden 
Kriegsblinden, jeder einzeln, um den Ort seiner Verwundung, 
seine Familien- und Vermögensverhältnisse befragt wurde. Im 
Lagerraum bewunderte der Herr Erzherzog die von den 
Blinden musterliaft hergestellten Industrieartikel, worauf in 
der weiblichen Abteilung besonders die Anfertigung von Zahn- 
bürsten ein hervorragendes Interesse hervorrief. Hierauf 
folgte die Besichtigung des Maschinennähens und Bänder- 
webens, dann der Maschinenstrickerei, Korbmacherei und 
Mattenflechterei. 

Der Unterricht in der Erlernung der Blindenschriften so- 
wohl in der deutschen wie in der böhmischen Sprache fand 
ebenfalls das lebhafteste Interesse, obgleich Se. k. u. k. Hoheit 
mit diesen Disziplinen bereits auf das Beste vertraut war. 

Endlich interessierte sich der Herr Erzherzog auch ganz 
besonders für die Einrichtung der in der Anstalt befindlichen 
modernen Schwimmhalle und gelangte von dort aus in die als 
Schlafsaal für die blindgeschossenen Soldaten adoptierte Turn- 
halle, w^o sich Leutnant Kühn als Inspektionsoffizier. Assistenz- 
arzt Dr. Alfred Kraus und als Rechnungsunteroffizier Feld- 
webel Reznicek meldeten. 

Zum Schlüsse schrieb der Herr Erzherzog seinen Namen 
in das Anstaltsgedenkbuch, welches bereits die Unterschriften 
von fünf Kaisern resp. Kaiserinnen und sieben Erzherzogen und 
Erzherzoginnen enthält. 

Auf dem Wege zum Ausgange erregte auch der Festsaal 
der Anstalt besonderes Interesse. Beim Ausgange des Neu- 
baues angelangt, verabschiedete sich der Herr Erzherzog nach 
einstündigem Aufenthalte mit Worten der höchsten An- 
erkennung und Zufriedenheit über das Gesehene, sowie der 
Freude über die schönen Fortschritte des Unterrichtes der 
blinden Krieger mit der Versicherung des Bedauerns, daß die 
Kürze der Zeit keine eingehendere längere Besichtigung ge- 
stattet habe. 

Nach den Besichtigungen fand unter dem Vorsitz des 
Herrn Erzherzogs noch eine Besprechung der staatlichen 
Landeszentraie zur Fürsorge für heimkehrende Krieger statt. 

(Prager Abendblatt Nr. 249.) 

In der Zeitschrift für das österreichische Blindenwesen 

beginnt in der Oktober-Nr. der Aufsatz: „Aus dem Stammbuche 
Maria Theresias von Paradis" von Fachlehrer Emanuel Scheib- 
Linz. Außerdem enthält die Nr. auch einen Artikel über 
„Kriegsblindenheime". Die November-Nr. bringt unter anderem 
eine Arbeit des Hauptlehrers Friedrich Demal-Purkersdorf 
über das Thema: ..Zur Versorgung der Kriegsblinden" und 
einen Bericht über die ..Errichtung des Kriegsblindenfonds für 
die österreichischen Staatsangehörigen der gesamten be- 
waffneten Macht." 



244 

Im Druck erschienen: 

In der Blindenanstalt lllzacli bei Miilhausen i, E. gedruckt: 
Aus Meinrad Lienert „Das war eine goldene Zeit": 

1. Der Liebgott, der alles sieht Mk. 2. — 

2. Das Gespenst Mk, 2. — 

Tätigkeitsbericht und Vermögensgebarung der Klar'schen 

Blindenanstalt in Prag im Jahr 1914. 
5. Tätigkeitsbericht und Vermögensgebarung des Vereines 

„Deutsche Blindenfürsorge in Bölmien" im Jahre 1914. 
Die „Straßburger Post" Nr. 875 vom 18. 11. 1915 enthält einen 

Aufsatz „Unsere Kriegsblinden" von Konrad Luthmer in 

Hagenau. 
Der „Tag" Nr. 271 vom 19. 11. 1915 bringt einen Artikel „Zur 

Kriegsblindenfürsorge" von A. Brandstaeter. 

Der Herr ist mein Licht! 

Kflth. Bebetbuch für Blinöe uon Pfarrer Ferö. Theoö. Linöemann. 

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in handlichem Taschenformat: gebunden in Calico 4 Jt, 
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Hamersche Buchdruckerei und Papierliandiung, Düren (Rlild.) 




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DÜREN 

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Druck und Verlag der HameJ'schcn Buchdruckerei u. Papierhandlung, Düren 










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